Darüber reden – sofort.

Der Knoten hat sich gelöst, und darüber bin nicht nur ich glücklich. Dachte ich gestern noch, es sei Arroganz, so weiß ich heute, es ist Unsicherheit, falsche Höflichkeit, die dafür sorgten, dass sich der Unterrichtsraum leerte.
Ich habe es angesprochen, gleich heute früh. Was ist los? Wo sind die Anderen? Warum ist der Kurs so leer? Und sie haben meinen Ärger deutlich gespürt.
Es ist ihnen zu schwer, sagte einer schüchtern. Sie verstehen es nicht. Sie können kein Englisch, sie können nicht mal die Buchstaben. Sie trauen sich nicht, das zu sagen. Und einer saß da hinten in der Bank, der immer kam, zwei Wochen lang, weil er meinen Kurs so toll findet, obwohl er nix versteht.
Da brach der ganze Ärger in mir ein. Das Gegenteil also. Nicht Arroganz. Und ich habe nicht bemerkt, dass die Hälfte sich schämte, ihr Nicht-Englisch-Können zuzugeben. Als wir redeten, in Englisch, mit arabischer Übersetzung, wurden auch ihre Gesichter schlagartig offener, vertrauensvoll, ja doch, gern viel langsamer, in zwei Gruppen, fortgeschritten und Anfänger.
Die Situation hier, sagte ich, ist für uns alle neu, für euch wie für mich, für uns Deutsche überhaupt. Viele von uns unterrichten nun, obwohl sie keine Erfahrung damit haben. Wir lernen alle neu. Und wir müssen miteinander reden, wenn etwas nicht stimmt, sagte ich, immer sofort reden. Wir können nicht gut lernen, wenn wir kein gutes Gefühl hier haben.
Alles wurde sehr freundlich ins Arabische übersetzt.
Und die erste Gruppe sagte es der zweiten in der Pause weiter, die saß schon brav auf ihren Stühlen, als ich kam, ungewöhnlich, und einer von ihnen sprach mich sofort darauf an.
Gut so.
Es war ein großartiger Tag. Wir konnten uns in die Augen sehen, und was ich sah, berührte mich. Die feuchten Augen der beiden älteren Frauen, als sie nach längerer Vorarbeit die deutschen Sätze vom Band verstanden!
Es tut mir leid.
Ich war viel zu schnell in meinem Ärger, in meinem Urteil.
Aber ich war gerade noch schnell genug im Ausräumen dieses Mißverständnisses.

Auch hier, hoffe ich.

A.Jennert

Eine Antwort auf „Darüber reden – sofort.“

  1. Liebe Andrea,
    es ist für alle schwer – wir haben an unserer Schule mittlerweile zwei Flüchtlingsklassen, die jungen Menschen (vor allem die jungen Männer) zu verstehen, fällt oft so schwer. Da fehlt uns einfach die interkulturelle Kompetenz – aber sie kommen gerne, weil sie dankbar sind. So berichten mir zumindest die Kollegen, die in diesen Klassen eingesetzt sind – ich bisher nicht, aber einer hat zu meiner Kollegin gesagt, er sei gerne bei ihr, bei „seiner Mama“. Das hat sie über alle anderen Schwierigkeiten hinweg getröstet.
    Aber dennoch finde ich es wichtig auch die Probleme und Schwierigkeiten zu benennen, wie du es in deinem anderen Beitrag getan hast, auch wenn vielleicht nicht alles so stimmte.
    Viele liebe Grüße Heidrun

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