Abflug

Die Kraniche sind nicht mehr lange hier. Wir auch nicht. Das Land ist wunderschön, die Kraniche sind es, die Schwäne, die Gänse. Ein wunderbarer weißer Strand, idyllische strohgedeckte Häuser auf der Insel. Eine Zwischenstation. Für die Urlauber wie für die Kraniche wie für uns.

Dieser Winter wird keine Ruhe bringen. Eine dunkle Zeit jetzt. Nach Weihnachten wird es wieder heller.

In der Bank traf ich die syrische Familie. Vater Mutter Sohn, vereint. Sonnenstrahlen im Gesicht. Sie hatten mich nicht gleich erkannt. Waren erschrocken über das Grau in meinen Augen. Sie hatten es fertig gebracht, mich zutiefst zu trösten. Es sei nicht so wichtig, sagten sie, auch das Geld sei nicht so wichtig. Sie hätten alles verloren, Haus, Heimat, Freunde, Beruf, sogar die Sprache hätten sie verloren und müssten nun eine neue lernen. Wichtig sei, dass die Familie da und gesund sei. Dass sie leben dürften, wo doch ihre Nachbarn gestorben seien. Dass sie essen und ein Dach über dem Kopf haben dürften, wo ihre nichtgeflohenen Freunde in Ruinen lebten und hungerten. Und, so sagten sie, wir würden unser Leben planen, aber es sei Gott, der uns führt. Der uns neue Aufgaben gibt. Es ist o.k., sagten sie immer wieder. Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf, so sage man in ihrer Heimat.

Da muss was dran sein, dachte ich, der Satz ist wohl international. Grenzenlos. Und ich bin noch jetzt erstaunt, dass Menschen, die außer ihrem Leben alles verloren haben, keine Existenzängste mehr haben, dass aber die, die nicht nur satt und warm leben, sondern genug übrig haben für Überfluß und Statussymbole, solche Ängste haben, dass sie aus Gründen der Vorsorge mehr kaputt machen als sie wissen oder glauben.

Ich stelle mir vor, wie ich ohne meine Sprache im fremden Land leben müßte, in dem selbst die Musik völlig anders wäre. Was ist das Verbindende? Es ist in den Augen, im Händedruck, im Lauschen auf den Ton hinter der Sprache. Sobald die Angst hochfährt, ist die Verbindung unterbrochen.

Ich möchte nach Hause, sagte ich vor Tagen, als feststand, dass auch wir nicht bleiben werden. Es geht also zurück. Von der Insel der Fürsten in die Stadt der Könige.

Die unperfekte Seite

Das Wetter ist beides. Nich mehr warm, noch nicht kalt. Wolkig und glücklich. Es könnte jeden Moment regnen, es könnte jeden Moment die Sonne durchbrechen.

C.G. Jung sagt: Werte, Einstellungen und Lebensweisen, die uns am Morgen des Lebens wichtig waren, verändern sich und sind am Nachmittag des Lebens für uns sogar falsch. In seinem Artikel „Die Lebenswende“ von 1930 schreibt er, dass der Morgen des Lebens von Dynamik und Ehrgeiz geprägt ist, vom Dinge erschaffen, Karriere machen, uns an Erfolgen von Anderen messen. Am Nachmittag des Lebens gehe es darum, dass Manifestation durch den Prozess des Erlaubens erfolgt. Dinge, die wir uns wünschen, dürfen zu uns kommen. Manifestation bedeutet Ermöglichen, nicht mehr erschaffen. Aus diesem Zustand heraus geschehen plötzlich Dinge, die so viele Jahre vielleicht nicht funktioniert haben.

Ich sehe den Kranichen zu, wie sie auf den nahen Feldern am Bodden in Gruppen zusammen stehen und fressen, hin und wieder auffliegen, wieder landen, vor Sonnenuntergang abheben und zu ihren Schlafplätzen fliegen. Nichts von alldem ist geplant, sie tun das Richtige, wenn der richtige Moment gekommen ist. Und in den nächsten Tagen irgendwann, eines sehr frühen Morgens, werden sich tausende von ihnen mit lauten Schreien erheben und Richtung Süden fliegen, nonstop, werden Tage und Nächte fliegen, werden sich vor den Pyrenäen in vielfachen Kreisen in die Höhe schrauben, um das Gebirge zu überwinden, werden sich weiter südlich für den Winter niederlassen. Sie vertrauen auf den Impuls, sie wissen, der kommt zur richtigen Zeit.

Ich lerne von den Kranichen. Überrascht stelle ich fest, dass es immer wieder um Vertrauen geht, um das Erkennen von solchen Impulsen, und dass ich mein Leben daran ausrichten kann. Wie die Zeiger einer Uhr werden sie irgendwann und immer wieder an einer Stelle ankommen, die nur für mich da ist. Es kommt nicht darauf an, mein Leben perfekt zu planen, nach anderen Menschen oder deren Lebensstil auszurichten, sondern die eigenen Impulse zu erkennen und danach zu handeln.

Nichts anderes ist Freiheit.

Für Andere sieht es vielleicht unperfekt aus, was ich dadurch tue, zulasse, bin. Vielleicht sieht es nicht richtig aus, ist unverständlich. Genau das lässt Ideen erscheinen, es krisselt und funkelt vor lauter Kreativität in mir. Farben, Worte, ein neuer Eingang, Kapitel im neuen Buch. Der neue Geist der zweiten Daseinshälfte. Mit Türkis und Pink, mit Weiß und Gold, mit Samt, Brokat, Silber, mit Vanille- und Rosenduft kommt er daher, stellt sich in seinen Farben hin, lacht, und findet das Leben einfach schön.

Es ist die unperfekte Seite, die mich vollständig macht. Und glücklich.

Schau mal!

Gestern am frühen Abend flogen wieder die Kraniche über den Deichweg. Kurz nach siebzehn Uhr ging es bereits los. Es war dunkler als sonst, Nebel und Regenwolken hingen tief. Sonst kommen sie kurz vor Sonnenuntergang. Gestern war schon vorher Dämmerung. Auf meinen Brillengläsern immer neue Regentropfen, am Himmel immer neue Kranichzüge. Zwischen krächzenden Schreien vieler Gruppen flog eine Formation stumm über mich hinweg.

Die Züge tauchten aus dem verwischten Grau des Horizonts auf, wurden größer, klarer; manche teilten sich vor mir, als wollten sie dem Fremdkörper da unten auf dem Weg ausweichen, und schlossen sich erst über dem Wasser wieder zusammen. Andere waren mutiger, flogen tiefer, zogen genau über meinem Kopf dahin.
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Ein wunderbarer Ort, ein weiter Himmel ein großes graues Wasser, das unsichtbar ins Meer mündet, Schilfflächen auf der einen Seite des Weges, Felder und Gras auf der anderen. Mitunter begegnet mir ein alter Schäfer, der mit altem Fahrrad und jungem Schäferhund an breiter Lederleine eine große Runde fährt. Seine hellen Augen blitzen, wenn er erzählt, dass die Kraniche früher genau hier auf den Feldern saßen, auch Gänse und Reiher. Jetzt sei alles überdüngt und giftig, da suchten sich die Vögel andere Freßplätze. Überhaupt seien die Tiere viel weniger geworden, ob Rehe, Hirsche oder Hasen, man sehe sie nur hin und wieder. Wildschweine seien die einzigen, die sich durch jeden Müll und jede schöne Wiese durchwühlen würden. Nicht nur der Deichweg ist aufgewühlt.

Der Mann, der mich aus dem Regen holte, sagte, es gäbe Freßgruppen von ungefähr 30 Vögeln, die zusammen fliegen, zusammen gehören. Fehlt einer von ihnen, kehrt die gesamte Gruppe zum letzten Schlafplatz zurück und wartet auf den Fehlenden. Und – die Paare bleiben, wie bei den Schwänen, ein Leben lang zusammen. Sein Blick geht mir unter die nasse Haut dabei.

Dass die Idylle Gift in sich hat, sagte auch der Arbeiter  an den Spülfeldern auf der anderen Seite von Barth. Wer am Wasser Richtung Osten entlang geht, kommt an der ehemaligen Badestelle vorbei, eine seit Jahrzehnten vergammelnde Anlage, ein Gebäude, das aus Dach und beschmierten Wänden und Müll in allen Ecken besteht, Beton- und Eisenteile ragen aus dem Wasserzugang. Am Wegesende der Zaun mit Schild „Achtung Lebensgefahr!“ Dahinter die inzwischen bewachsenen Erdwälle, Umfriedungen, welche die gifthaltigen Schlammassen umgeben, die derzeit mit einer Pumpanlage aus dem Hafenbecken abgesaugt und ins Spülfeld gepumpt werden.

Der Deichweg führt an der Westseite, der schönen Seite, entlang. Hier geht die Sonne unter, hier stehen Bänke und Tische am Weg, einer ist sogar überdacht. Und hinten im Wald gibt es Aussichtstürme, da kann man den Kranichen beim Landen zuschauen. Oder einen Lichtstreifen auf dem grauen Wasser sehen, mitten unter grauem Himmel. Hier schwimmen Hunterte von Schwänen. Manchmal fliegen alle Schwäne auf einmal hoch, kreisen in einer Parade über dem Wasser, dass die Luft davon singt. Und manchmal sitzen zwei Wanderer auf einer Bank davor, ein Fahrrad, ein Hund dabei, und schauen dem Bild zu, als sei das Ganze kein Zufall, als säßen sie täglich so.

Schau mal! sagt sie.

Er nickt. Und schaut sie an.