Noch ein Wunder…

Seit heute ist es also offiziell. Wir gehen zurück nach Hause. Die Stadt der Könige hat ihren neuen Tourismus-Geschäftsführer der Presse vorgestellt. Das Warten hat sich gelohnt. Sowieso. Es ist das Beste überhaupt! Nein, nicht ganz. Da ist vor einer Woche ein neues kleines Mädchen auf die Welt gekommen, mein Enkelmädchen Henni, und ich bin seitdem ganz verliebt in sie. In ihr zartes kluges Gesichtchen.. Alles Liebe für Mama, und Kind, für den Papa und den großen Bruder! Und ich freue mich, demnächst in ihrer Nähe zu wohnen, sie und ihren Bruder Nils aufwachsen zu sehen, den Kaffeetisch für die Großfamilie decken zu können…
Sogar der neue Wohnort ist schon klar, Potsdam und am Waldrand, alles ist möglich. Da fließt es also hin.

Nun hatte ich mich hier auf den Unterricht mit Flüchtlingen gefreut. Aber so sehr erfreulich ist es nach zwei Wochen nicht mehr. Der neue Deutschkurs, von der Regierung ermöglicht, für Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea, also die mit einer Aufenthaltsgestattung, noch nicht -erlaubnis, wird vom Gros der Leute in der Jugendherberge zunehmend nicht besucht. Seitdem sie spitzbekommen haben, dass der freiwillig ist, dass sie ihr Geld vom Sozialamt auch bekommen, wenn sie vormittags schlafen und nachmittags durch Barth bummeln. Dass das Sozialamt sogar zu ihnen auf den Berg kommt und die Schecks hinbringt. Überhaupt wird ihnen dort alles gebracht und gefertigt, vom Essen über die Impfungen vom Gesundheitsamt bis zum Deutschkurs und Scheck. Wenn ich mit ihnen rede, kommen merkwürdige Vorstellungen zum Vorschein. Dass die Deutschen pro Kind und Monat über vierhundert Euro vom Staat bekommen. Dass sie bald Arbeit und auch ein Auto haben werden. Dass Hitler auch seine guten Seiten hatte, denn er hätte doch VW ins Leben gerufen, für jeden ein erschwingliches Auto!
Und mich erschreckt zutiefst, dass viele, nicht alle!, das, was sie dort in der Barther Jugendherberge haben, nicht wirklich achten und schätzen können. Sie kennen die anderen Schicksale noch nicht.
Es geht, ich bin gleichzeitig frustriert und glücklich.

Die syrische Mutter sagt, es sind oft komische Leute, die jetzt kommen. Sie ist sehr froh, letzte Woche in eine neue Wohnung gezogen zu sein. Sie hat samt Familie noch zwischen den Heimbewohnern gewohnt. Die trinken abends regelmäßig Alkohol, sagt sie, und sind einfach sehr laut. Bis in die Nacht. Feiern mit Musik. Sie sagt, keiner, der aus einem Kriegsgebiet kommt, feiert jetzt so.
Und ich denke, die jungen Männer im Deutschkurs kommen jetzt aus Damaskus, jetzt aus Aleppo. Da war schon vor drei Jahren der Krieg angekommen. Und sie haben große Probleme mit der deutschen Aussprache oder mit der Rechtschreibung beim Infinitiv der Verben, wollen aber gleich die starken Verben alle durchnehmen.
Oje, denke ich, das ist wie bei Klavierschülern, die sofort Beethoven spielen wollen, ohne je Tonleitern und Fingerübungen geschrubbt zu haben. Weil die ihnen zu poplig sind.

Naja, ich lerne dazu, und ich weiß nicht, ob ich dabei sein möchte, wenn diese Leute in der hiesigen Realität ankommen. Es macht mich sehr betroffen, doch so hautnah mitzubekommen, wie es läuft, in sehr arroganter Weise auszunutzen, was hier an Hilfen und Eingliederungsmöglichkeiten geboten wird. Und selbst für einen Staat sind das keine Peanuts. Inzwischen denke ich, es geht nicht nur um unsere Freiheit hier, es geht um unsere Würde. Wir müssen niemandem etwas hinterhertragen. Und wir müssen uns nicht dafür geißeln, dass dies und jenes nicht sofort klappt. Und was nützt es, „das schaffen zu wollen“, wenn gute Unterkünfte, Fürsorge und Lernprogramme von fünfundzwanzigjährigen Arabern mit verächtlicher Handbewegung abgetan werden? Wie soll es da weitergehen? Der Druck geht nur übers Geld. Das Jobcenter macht es insofern richtig, als dass es den Leuten mit Aufenthaltsgenehmigung sofort die Bezüge streicht, wenn sie den Unterricht schwänzen.

Trotzdem gibt es auch immer die tollen Momente, das Dankesplakat, der mitgebrachte Tee oder Kaffee, die freundlichen Worte der Frauen und einzelner Männer. Das Tragen meiner Tasche zum Auto. Wie gesagt, es sind nicht alle gleich.
Vielleicht ist das Regierungsprogramm zu ehrgeizig. Es müssen nicht 320 Stunden sein.

Aber die Freude darüber, was und wohin es nun fließen darf, überstrahlt doch alles. Die Freude nach Hause zu kommen. Die Freude über die große Wertschätzung, die mein Mann nun wieder erfährt.
Auch wenn wir hier ganz tolle Menschen getroffen haben, hier war nicht sein Ort. Und meiner wohl auch nicht.

Und es ist merkwürdig und traurig, nun doch dem Bankangestellten recht zu geben. Wer zieht denn heute nach Barth?
Für ein Wochenende oder einen Urlaub jederzeit gerne!

A.Jennert

4 Antworten auf „Noch ein Wunder…“

  1. Liebe Andrea,

    ich gratuliere Dir und Deinem Mann zum neugeborenen Enkel, Deinem Mann zum neuen Job in der Stadt der Könige, bei dem er sicher die Achtung erfährt, die ihm gebührt und wünsche euch von ganzem Herzen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Start in ein glückliches und gesundes neues Jahr!

    Herzliche Grüße
    Antje

  2. Ja, wirklich ein Wunder und großes Aufatmen. Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich riesig, euch bald wieder in der Heimat, in unserem schönen Land Brandenburg, wieder bei uns zu haben. Aber auch wird der Umzug mit allem drum und dran, erst einmal sehr anstrengend werden.

    Zu den Flüchtlingen muss ich trotzdem bei allem Pro… sagen, dass nicht jeder bleiben kann. Und deine Erlebnisse Andrea und Erfahrungen geben mir recht. Hilfe ja, aber unseren Staat ausnutzen und betrügen natürlich und entschieden nein!!
    Viele Bürger haben Angst, vor allem wenn nicht wenige der Asylsuchenden Straftaten begehen. Das geht gar nicht!

    Ich wünsche dir liebe Andrea viel Kraft bei deiner Arbeit, und auch ganz wichtig viel Erholung und Entspannung….

    Bis bald und sei lieb umarmt dein Bruderherz Roland

  3. Ist das schön euch wieder in meiner Nähe zu haben. Hoffentlich sehen wir uns dann auch so oft wie zu eurer Barther Zeit.
    Herzlichen Glückwunsch zum Enkelmädchen, auch an Philipp und Melli! Raimondo hat mir schon ein allerliebstes Foto gezeigt.

  4. Liebe Andrea,
    wie Wunder-voll, ein neues Enkelkindchen, eine gute neue Arbeit für Raimund und wieder in Deine alte Heimat!
    Ich freue mich sehr für Dich und Euch.
    Deine Einfühlung und Arbeit für die Flüchtlinge bewundere ich.

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