Kategorie-Archiv: Spirit

Nach Hause kommen – der letzte Teil einer Reise

April. Letzter Sonntag. Die letzten Bloggs waren im Dezember, im letzten Jahr. Fünf Monate Schweigen. Was ist passiert? Unaussprechliches?
Ich hätte etwas nicht sagen dürfen. Nicht öffentlich, als Blogg. Sagte jemand, den ich nie sah. Auf dessen Gelände ich unterrichtete. Nein, nicht sein Gelände, es war gemietet, für die syrischen Flüchtlinge. Und ich wurde des Hauses verwiesen, aufgrund meiner letzten beiden Bloggs. Weil etwas darin stand, was jeder wusste, was in den Zeitungen gestanden hatte: Dass in der Barther Jugendherberge Flüchtlinge wohnten. Und dass sie Deutschunterricht bekamen, vom Staat geschenkt, zu dem letztlich nur ein Viertel der Leute ging, weil er freiwillig war.

Das hätte ich nicht sagen dürfen, das wäre geistige Brandstiftung. Sagte der Campleiter.
Hausverbot.
Eine Eigenschaft, die ich im Norden oft vermisst habe: miteinander reden, nicht übereinander, und dann die Keule. Ziemlich genau ein Jahr nachdem mein Mann diese Erfahrung in einem ganz anderen Job im Norden gemacht hatte, ging es nun auch mir so. Ein Dejavú.
Doch der Bildungsträger hat sich stark gemacht. Im neuen Jahr dann doch wieder die Erlaubnis: Weiter unterrichten, aber kein Blogg mehr.

Ich hatte keinen Tag Zeit, diese Entscheidung zu treffen. Schreiben ist mein Leben, ich bin Schriftstellerin, ich liebe das Schreiben. Es ist Klärung, Schönheit, es öffnet, lässt fließen. Auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die warteten. Sie haben am ersten Tag meines Ausbleibens pünktlich um neun Uhr im Unterrichtsraum gesessen und allein Deutsch gelernt. Sie haben abends zusammen gesessen, Deutsch gelernt und mir ein Foto von sich und den Büchern per WhattsApp geschickt. Einige haben mich besucht und sich verabschiedet mit: Bis bald! Bis Januar mit Unterricht! Vor allem, sie haben bei der Nachricht, dass ich nicht mehr kommen würde, geweint.
Ich packte meinen Stolz und meine Lust zu schreiben in einen Karton und stellte ihn zu den anderen, die schon für den Umzug gepackt waren. Und ich ging am nächsten Tag zum Unterricht. Tränen in den Augen, irgendwie alle. Schön, dass ich wieder da war. Schön, sie alle zu sehen. Schön, weiter zu arbeiten.
„Guten Morgen! Wie geht`s? Wie gefällt Ihnen das Wetter? Gut geschlafen? Gut gefrühstückt? Was haben Sie am Wochenende gemacht?“
Es war die richtige Entscheidung. Wir haben es zu Ende gebracht. Solange bis das Camp in der Herberge aufgelöst wurde. Alle in Wohnungen oder in eine andere Herberge kamen.

Die Syrer haben sich sehr gewundert, dass es in einem Land wie Deutschland auf der einen Seite diese große Meinungsfreiheit gibt, dass jeder diesseits und jenseits des guten Geschmacks sagen kann, was er so denkt, und dass eine Deutschlehrerin, die bekannte Tatsachen benennt, den Job verliert.
Ich sagte ihnen, es ist die Angst, es gibt so viele Anschläge auf Flüchtlingsheime. Und ich sagte ihnen nicht, dass es sicher noch Gründe gegeben hat, diese Angst anzustacheln: Mißgunst, Neid. Aber wir spürten, dass es etwas gibt, das größer ist: Liebe. Je länger ich diese Gruppe, die täglich freiwillig kam, unterrichtete, je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr liebte ich sie. Jeden einzelnen. Und ich weiß, dass sie auch mich liebten. Zum Abschied ein gezeichnetes Portrait, ein gezeichnetes Herz mit meinem Namenszug. Eine Tasse mit „Be My Heart“, aus der ich jetzt Tee trinke. Ein Essen, für mich gekocht. IMAG1829Ein Dekoschriftzug LOVE, der nun im neuen Haus steht. Ein silberner Kelch, Glasvasen, eine rote Tasche…

Jeder von ihnen geht nun einen neuen Weg, in Barth, in Stralsund, in Hamburg, in anderen Städten.
Und ich in Potsdam. Ich wohne in einem schönen Haus in einer wunderschönen Stadt. In MEINER Stadt. Ich habe die Familie und die alten IMAG1880Freunde wieder. Es gibt schon neue Klavierschüler, im PC warten neue Bücher, und in der Volkshochschule warten andere Flüchtlinge…
Aber ich glaube, diese erste Gruppe war etwas Besonderes, und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Sie waren die ersten… und ich vermisse sie hier…
Was das Ankommen hier betrifft – ich bin glücklich, nach Hause zu kommen, und doch, man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Es ist wieder ein Neuanfang.

Ich sitze hier am neuen Esstisch, am Familientisch, schaue aus dem Fenster auf Potsdamer Straßen und Häuser, ins wechselvolle Aprilwetter bei 6 Grad Celsius. Und ich denke, wieIMAG1950 sieht es in Barth jetzt aus? Sind die zurückgekehrten Kraniche noch zu hören? Oder sind sie längst weiter gen Norden geflogen? Ist es jetzt kühler und die Luft feuchter dort? Gibt es Nachtfrost so wie hier? Fährt die Goethefee heute zum Strand für einen Spaziergang oder geht sie in mein Haus und gießt die letzten Pflanzen, die noch auf Abholung warten? Was macht meine Nachbarin? Was macht die nette Deutschlehrerin, die beim Flug meines Flügels über die Dächer von Barth dabei war?

Wie gehts meinen lieben Schülern (meinen! Obwohl sie längst neue Kurse besuchen!)? Und wie der syrischen Mutter und ihrer Familie? Und wie geht es der süßen Frau aus Bayern, die wegen der Liebe nach Barth kam und die eine nahe Freundin hätte werden können?

Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Zuhause. Und doch – es bleibt eine Sehnsucht nach Barth und Meer…

Es ist der letzte Sonntag im April. Es ist der letzte Boddenblogg.
Danke meinen Leserinnen und Lesern, danke den Kommentatoren, danke für euer Interesse! Ich wünsche euch alles Liebe!
Wir sehen uns wieder! Bis bald…….

……..im PotsdamBlogg

Weil es möglich ist.

Unsere Jüngste sagte gestern: „Neuerdings steh ich auf Schwarzweiß.“ Die aktuellen Modefarben sind bei der Sechzehnjährigen nun auch angekommen. Cardigans, Shirts, Hosen, Schuhe, Schals… Und der neue Trend für Erwachsene: Mandalas oder Mustermalen in Schwarzweiß. Klar, es gibt sie, die positiven Dinge in diesen Farben, das hübsche Geschenkpapier eines schwedischen Möbelhauses, die Tasten meines Pianos, die Kleidung bei klassischer Musik (Solisten ausgenommen).

Die andere Seite dieses Phänomens ist derzeit Hauptthema, ob privat oder öffentlich. Man spricht auf Partys, in der Schule, im Job, unterwegs darüber, man geht auf Demos, gehört zu den „Schwarzen“ oder den „Weißen“. Jedes Grau hat sich inzwischen auf die eine oder andere Seite geschlagen. Gegensätze, kompromißlos. Und weltweit.
In Lybien gibt es ganz offen zwei Städte mit zwei Regierungen. In Dresden gehen fünfzehntausend Demonstranten für Pegida auf die Straße, genauso viele dagegen. Waren es vor einem Jahr noch „besorgte Bürger“, sind es heute offen Rechte bis Rechtsradikale, die mit Pegida gehen und rufen „Wir sind das Volk“, was mich gruselt. Und es wundert mich schon sehr, dass es eine ganze Woche braucht, bis der Staat auf den Galgen reagiert, der letzte Woche zwischen den Demonstranten aufragte, an welchem zwei Namen auf Pappe baumelten `Reserviert für Siegmar „das Pack“ Gabriel` und `Reserviert für Angela „Mutti“ Merkel`. Gesehen und gesendet über alle Kanäle. Entsetzen und Lähmung und eine Frage, die über dem Land schwebt: Was kommt als Nächstes?
Nach einer Woche erst wird öffentlich, dass die Bundesanwaltschaft nach den Tätern fahndet. Wieso hat die Polizei da nicht sofort eingegriffen? Die Träger verhaftet? Wozu bezahlen wir monatlich unsere Steuern? Unterhalten eine Polizei, die sich unterhalten lässt, von so einem Spektakel zum Beispiel, und die im Ernstfall, und was ist sonst ein Ernstfall, versagt?
Oder ist es inzwischen so, dass das Land samt Polizei u.a. komplett unter Schock steht, unfähig, tatsächlich klug zu re(a)gieren?

Zeit für Rattenfänger wie Ehrenamtler, für Geschäftemacher und Abzocker genauso wie für Feuerwehrleute, medizinische Überstunden Leistende und die (Er)Finder neuer Wege. Ach ja, ich habe nun einen Schein vom Bundesamt in Würzburg bekommen, ich werde Deutsch unterrichten. Und mit der Sprache geistige Nahrung teilen.

Übrigens, Angela Merkel handelt wie jede gute Familienmutter handeln würde. Mut machen, stark und überzeugt nach außen auftreten, konstruktiv bleiben, nach echten Lösungen suchen, Kompromisse, neue Strukturen und neue Wege finden. Die drei größten Werte hochhalten: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Sie hat gar keine andere Option, dieser Weg ist tatsächlich alternativlos. Wie die Eltern der Kinder auf der Flucht. Man weiß nicht wirklich, wo es hingeht, was einen dort erwartet, die Hoffnung auf das Bessere nach dem Jetzt treibt an. Und das sichere Wissen: Es gibt kein Zurück!
Klar, das macht Angst. Wer keine Angst hat, ist abgestumpft oder unehrlich. Aber ist Angst hier wirklich konstruktiv? Sie bewirkt durch Adrenalin eine Mobilmachung des Körpers, die Alternativen heißen Flucht, Kampf oder Unterwerfung. Selber fliehen vor den Flüchtlingen? Kämpfen gegen zigtausende Bedürftige, die nichts mehr zu verlieren haben? Unterwerfung in Form von entsetztem, gelähmten Zusehen?

Soll „Mama Merkel“ ihre Ängste öffentlich machen? Dass sie die genauso hat, steht wohl außer Frage. Was passiert dann? Es würde alles auseinanderbrechen und der Ruf nach dem „starken Mann“ bekäme so viel Energie, dass das Land an der Stelle landen würde, wo es schon mal war. Die alte Generation weiß es noch, aber sie stirbt aus…
Meine Zuversicht ist mein Glaube an den Ausgleich aller Kräfte. Je radikaler die „schwarze“ Seite auftritt, desto stärker wird auch die „weiße“ Seite sichtbar. Das Heer der Helfer und Ehrenamtler (und es ist kein Zufall, dass auch die Worte inzwischen militärisch werden) formiert sich wie von selber. Es kümmert sich um Flüchtlinge wie um Deutsche. Ob bei der Feuerwehr, im Hospiz, beim Deutschunterricht, bei der Ämterbegleitung oder beim Aufnehmen von Fremden in die eigene Familie. Bei unbezahlten Einsätzen in Psychologie und Koordination, innerhalb und außerhalb der Ämter. Und immerhin: die SPD hat der Landesmutter bereits Asyl angeboten…

Mutig ist, wer trotz Angst neue Wege sucht, der Verzweiflung nicht erlaubt überhand zu nehmen, zuversichtlich bleibt, an einen guten Ausgang glaubt. Mutig ist, wer sich auf historisch völlig Neues einlässt.
Die Flüchtlinge verändern unser Land, aber wir verändern auch die Flüchtlinge.
Kinder, die Angst haben, brauchen eine Hand, eine Verbindung zur Sicherheit, das Gefühl, gesehen zu werden. Erwachsene brauchen dieselben Verbindungen, brauchen materielle Sicherheiten, ein Dach über dem Kopf, Ausblick auf Zukunft. Was aber, wenn genau das hier vernachlässigt wurde? Die Ängste sind schon lange da. Was jetzt hochkommt, ist nicht neu, ist neuerdings nur krass sichtbar.
Große Angst schaltet das Denken ab, schwächt das Immunsystem, stoppt Verdauung und Sex. Lange geht das nicht. Ich brauche bei Angst eine Hand, die meine festhält, bin ich dann noch wählerisch…?

In Köln wurde die Oberbürgermeister-Kandidatin mit einer Messerattacke schwer verletzt. Und dann erst recht gewählt.
In Marburg gibt es vierzig syrische StudentInnen, die von ihrem eigenen Geld eintausend rote Rosen gekauft, sich damit in die Fußgängerzone gestellt und die Rosen an die deutschen Passanten verschenkt haben. Als Dankeschön für die freundliche Aufnahme in diesem Land, in dieser Stadt, als Dank für all die Unterstützung, fürs Lernendürfen, für eine friedliche Zukunft.

Schwarzweiß geht als Muster, als Klaviatur, als Chorkleidung, als Kontrast. Zwischen Menschen sind Farben, Klänge, Blumen, gute Berührungen nötig, in allen Facetten.
Weil es möglich ist.

Andrea Jennert

Sehnsucht und Meer

Der Frühling ist hier lange kalt in diesem Jahr. Die Bäume haben sich Zeit gelassen mit blühen und grünen. Stiefmütterchen und Hornveilchen stehen auf dem Markt in den Kübeln oder auf Fensterbänken. Am Strand vorne pfeift kalter Wind.

Ich frage mich, was es auf sich hat mit dem Ans-Meer-Ziehen-Wollen. Was steckt dahinter? Auch Gregor Gysi sagte im Barther Theater: Wenn ich mal aus Berlin wegziehe, dann ans Meer.

Ja, und dann? Spazierengehen am Strand wird mit der Zeit seltener. Und im Sommer verliert man vollständig die Lust daran, wenn Urlauber den Strand bis an den letzten Quadratmeter füllen. Die gute Luft? Für die Bronchien ja, für die Knochen auf Dauer nein. Jedenfalls nicht für Ungeübte. Das geträumte Segelboot?

Letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht. Und die sieht bei jedem anders aus. Bei meinem Mann war es, glaube ich, die Freiheit. Die eigenen Kräfte zu spüren, ob beim Segeln oder im Job, und damit etwas zu bewirken. Vielleicht auch: frei zu werden von sehr alten Konditionierungen.

Wir alle tragen unsere Prägungen in uns. Was unsere Eltern uns mitgegeben haben, war immer beides, förderlich UND hinderlich. Auf die Verhältnisse kommt es an. Und darauf, was wir daraus machen.

Was war die Sehnsucht für mich? Warum wollte ich ans Meer, an den Bodden, nach Barth? Die Liebe? Mit Mann, mit der jüngsten Tochter, mit weniger Arbeit, dafür mehr Zeit für die Berufung? Ja, so in etwa. Die Liebe in größerem Umfang, in vielen Facetten.

Und jetzt? Es gibt irgendwie kein Ankommen hier. Die tiefen Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt, sie sind noch immer da. Es war eine Illusion zu glauben, sie würden sich allein durch die Nähe zum Meer erfüllen.

Statt dessen: Kalter Frühling, ständig wechselnde Winde, die nicht nur das Wetter betreffen. Klar, es ist sehr schön hier. Vögel, die einen in den Tag zwitschern, Meeresrauschen oder stillere Boddengewässer mit Schwänen, Gänsen, Kranichen, die einzelne Amsel, die oft am Ende des Dachfirstes auf dem unbewohnten Haus nebenan sitzt und die ganze Altstadt beflötet. Fotomotive wohin man schaut, Licht, Farben, der Geruch des Wassers.

Und irgendetwas schwingt in der Luft dieser Gegend, das so kühl daherkommt, aber einen letztlich irgendwie unbemerkt einsaugt und nicht mehr gehenlassen will. Zusammen mit den Menschen, die nach anfänglicher Reserviertheit und längerer Kennenlernzeit einfach nur herzlich sind.

Vielleicht ist der Grund dieses Schrittes ans Meer zu ziehen, der, den wahren Namen der Sehnsucht herauszufinden. Vielleicht nach dem Ausschlußverfahren: Das Meer selber ist es schon mal nicht. Das Segelboot auch nicht. Der Job nicht und der Job meines Mannes erst recht nicht. Bleibt die Liebe mit ihren vielen Gesichtern, Partner, Kinder, Freunde, Berufung, und: ihr Gegenstück. Die Angst. Das ist gar nicht der Hass, wie ich lange glaubte, es ist die Angst. Je größer sie wird, desto kleiner wird die Liebe.

Gut, dass es genauso auch umgekehrt funktioniert.

Und ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte. Der Goethefee zum Beispiel, dem Fotokünstler, dem alten Schäfer samt DDR-Fahrrad und jungem Schäferhund, den Pfarrersleuten, der Psychologin, dem Autorenclub, der Caféinhaberin, der syrischen Familie, dem Theaterintendanten, der Schulsekretärin und ihrem Mann, dem Museumsdirektor, dem jungen Bürgermeister, meinen Klavierschülern und ihren freundlichen Eltern. Oder dem ewigen Wanderer, der seit dreizehn Jahren seinen Miniplanwagen an einer riesigen Bauchkette hinter sich durch die Lande zieht. Am Karren sind Kinderhandabdrücke zu sehen. Und die Forderung nach härteren Strafen für sexuellen Mißbrauch von Kindern. Er findet keine Ruhe mehr, läßt Bürgermeister und bekannte Persönlichkeiten unterschreiben, sammelt solche Amtsbriefe in Plastikmappen. Nachts schläft er im Karren. Die schönen hellblauen Augen im schmutzigen behaarten Gesicht irren am Tage umher.-  Wo will er hin? Welche Sehnsucht ist seine?

Oder ist es gar nicht vorgesehen, dass wir den Namen unserer Sehnsucht überhaupt erfahren?-  Die Aufgabe des Künstlers ist es, nach Hermann Hesse, nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern die Sehnsucht zu wecken. Sie macht uns lebendig, empfänglich.

Und so würde ich immer wieder zu Konzerten wie dem gestrigen hier in Barth im neuen „42 und …“ in der Langen Straße gehen, wo Irina, die Heilerin, mit zärtlicher, heller Stimme mir in die Seele sang. Wenn ich die Augen mal offen hielt, trotz der Tränen, sah ich eine Schönheit in den Gesichtern der Zuhörer, die nur durch die Art Lauschen entsteht, welche die tiefste Sehnsucht in uns trifft und

offen legt.

A.Jennert

Verwandlung

Sonne und Meer. Nur wenig Wind. Viel Licht. Farben: Blau, Türkis, Waldgrün, Sandgrau. Auf der Wiese vor dem Abzweig nach Zingst stehen Schwäne, Graureiher, Gänse, in der klaren Luft die Möwen. Am Strand das Geräusch sanfter Meereswellen, die am Ufer enden. Temperaturen über null Grad, ein idealer Sonntag. Ein Traum von Wintersonntag. Mein Hund zeigt sein Glück in Tänzen, wie aufgedreht, und jagt dem geworfenen Ball nach. Schöne Gespräche mit einem lieben Menschen, Goethes Fee zum Beispiel, vor diesem Bild. Gespräche über Träume und ob sie geeignet sind, Realität zu werden.

Ein Tag, der ein Grund war, ans Meer zu ziehen. Eine Summe, die im Ganzen Glück ergibt. Ein Glück.

Dabei blieb die Frage offen, ob es dennoch ein Fehler war, hierher zu kommen. Wir hatten es gut, wo wir waren. Eine Summe vieler kleiner Glücksteile: Eine sonnige Küche, einen guten Tee, eine Vanillekerze, ein weinrotes Sofa, Freunde und Familie in der Nähe, einen guten Job, italienische Fliesen, eine Kerze vor einem Holzengel, die Kulturhauptstadt vor der Tür. Warum nicht zufrieden sein? Den Erbauerturbo umschalten auf Erhalten? Warum immer noch was reißen und Träume erfüllen wollen?  Hat sich der Einsatz gelohnt? Die Tiere haben gewechselt von Wildschwein, Elster und Krähe zu Schwan, Reiher und Möwe. Und Kranich zweimal im Jahr. Rehe und Füchse gibt es hier wie dort.

War der Preis zu hoch, den diese Traumerfüllung kostete? Habe ich heute am Meer an den Preis gedacht? Nein, dort nicht. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich wieder entscheiden, hierher zu kommen?

Ich bin versucht, nein zu sagen. Würde ich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sehr sehr ehrlich, muss ich Ja sagen. Zu dieser Zeit, damals, ja. Ich wußte nicht, dass die Erfüllung dieses Traumes nur wenig den Vorstellungen entsprechen würde, die ich mir vom Ergebnis gemacht hatte. Aber ich wusste um das Risiko.

Ganz große Träume bergen immer ein ganz großes Risiko, so ähnlich sagt es der Dalai Lama. Und: Du kannst den Wert deines Traumes am Preis erkennen, den du bereit bist, dafür zu zahlen.

Er war es mir wert, dieser Traum. Hier zu wohnen, zu arbeiten, zu schreiben, manchmal einen sonnigen Tag am Strand haben, mit wenig Wind. Leben und Leute hier kennenlernen, ja. Denn ich habe den Preis ja gezahlt: die kleinen Schönheiten und Sicherheiten habe ich dafür gegeben, eine komplette Haut habe ich abgestreift, das gesamte alte Zuhause dortgelassen.

Auch wenn die Erfüllung anders aussieht als erwartet, geplant, gehofft, sie kann kein Fehler sein. Solch ein Traum muss eine besondere Kraft haben. Eine, die jenseits von äußeren Erfolgen wirkt.

Eine Kraft, die imstande ist zu verwandeln.

 

Andrea Jennert

Auf Empfang

Hin und wieder, manchmal, immer öfter jetzt, geschehen Dinge, die fassungslos machen. Sprachlos, wortlos. Mich jedenfalls. Es geschieht und ich kann es nicht glauben. Verdrängen ist der erste menschliche Zug. Aber dann kommt der Punkt, an dem Verdrängen nicht mehr geht, das Unglaubliche kommt so nahe, trifft, betrifft.

Es gibt Tote, siebzehn Tote. Da gehen Millionen auf die Straße. Zeigen ihre Fassungslosigkeit, ihr Mitgefühl, ihre Nähe. Und es gibt Tote, Tausende, Millionen, die langsam sterben, in Folter, Vergewaltigung, im Flüchtlingscamp bei Schnee und Kälte, Hunger, oder weil sie kurdisch sprechen, wo man nur arabisch sprechen darf, weil sie Lieder singen, deren Texte nicht genehm sind, als Mädchen zur Schule gehen, wo Mädchen nur fügsam und verheiratet werden sollen, wo Kunst auf Despoten zeigt, und sie haben noch nicht einmal Mohammed satirisch verspottet.

Und niemand schaut hin. Keiner geht auf die Straße für all diese. Die Überlebenden gehen selber auf die Straße um zu fliehen. Und kommen oft nirgends an. Sie kommen um. Auf dem Weg, in Camps, in zu vollen führerlosen Schrottbooten auf dem Mittelmeer, in Lastern ohne Luft oder nur in Zwangsehen.

Die Welt ist nahe geworden. Sichtbar: Was wir aussenden, kommt irgendwann zurück.

Wir fühlen uns oft hilflos den Vielen gegenüber, die in Todesnöten sind. Die Zahl Siebzehn dagegen ist fassbar. Und sie steht nahe vor uns, eine Flugstunde südwestlich. Mitten in der Stadt der Liebe.

Unser Herz ist getroffen. Und geöffnet für Nähe, Solidarität, dieses alte verstaubte mißbrauchte Wort. Der Schock der Siebzehn hat die Menschheit getroffen.

Fünf Minuten, sagt der Fotokünstler, sind die Bäume rot. Wenn du am Weststrand in den Sonnenuntergang schaust und dich dann umdrehst, siehst du den Wald flammendrot.

Bedeutsame Ereignisse finden in kürzester Zeit statt, ob Unglück oder Glück. Die Zeichen ihrer Ankündigung verteilen sich über Jahre, Monate, Tage. Wir sollten sie lesen lernen.

Es ist Zeit, neu auf Sendung zu gehen.

Und auf Empfang.

 

 

Andrea Jennert
15.01.2015

 

 

Leben zwischen Extremen.

Es ist kalt heute, ein eisiger Wind unter der Sonne. Den Hund stört es nicht, er hüpft wie ein Flummy vor dem Schilf am Deich entlang und jagd seinen Schatten. Wer jetzt dort spazieren geht, ist kein Urlauber mehr. Auch die Dörfer auf der Insel sind leer jetzt. Es wird renoviert oder mal ausgeschlafen. Der Strand ist sonnig und kalt und leer. Ausatmen. Ort der Grenzen. Grenze zwischen Land und Wasser, zwischen Festland und Insel, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen reichlich Arbeit und arbeitslos, zwischen Urlaubsidyll und Rechtsextremismus.

Gestern sah ich Barth im ZDF-Frühstücksfernsehen, der Blick auf Hafen und Markt, auch direkt auf unser Haus. Die beschauliche Kleinstadt ist Heimat und Wirkungsstätte des Betreibers einer vor zwei Jahren abgeschalteten rechtsextremen Internetplattform mit 30 000 Nutzern und Millionen von Beiträgen. Vom Gruß des drittten Reiches bis hin zu Mordfantasien die jetzige Regierung betreffend. Der nette, allseits geschätzte und sehr beliebte Erzieher aus Kita und Hort stand gestern in Rostock vor Gericht, die Anklageschrift umfasst 68 000 Seiten. Alle seien entsetzt, sagt der junge Barther  SPD-Bürgermeister, die Kollegen, die Eltern, die Bürger.

Das Leben kümmert sich nicht um Verluste, kleinere oder größere Katastrophen oder Schocks oder Momente des Glücks. Es geht und geht und geht einfach weiter, sagt die syrische Mutter. „We drive to Deutschkurs“ schreibt sie mir aus dem morgendlichen Zug . Die Kinder lernen die Sprache in Schule und Kindergarten. Und ihre Dreizehnjährige, meine Klavierschülerin, geht zu Behörden, Arzt und Zahnarzt jedes Mal mit und übersetzt. Sie übt täglich auf ihrem von der Kantorin geliehenen Instrument, hält sich am Lernen des Neuen fest, ja stürzt sich mit Eifer hinein, und ihre gebeugte Haltung richtet sich langsam wieder auf.

Es ist nicht nur die Meeresluft, die mich abends schnell müde macht. Das Leben inmitten von Extremen kostet Kraft. Es fordert aber auch heraus und bringt Kräfte, die woanders nicht nötig gewesen wären. Das Sehen und Erkennen von eigenen und fremden Grenzen, eine neue Demut dem Wesentlichen gegenüber: der eigenen Seele. Goethes Fee hat mich umarmt, als sie hörte, ich bleibe noch. Vielleicht geht es jetzt für mich erst los. Hier.

Jeder Schritt, den meine Seele tat, bis hierher tat, war letztlich richtig. Auch wenn manches zunächst traurig oder unverständlich war. Die Seele will wachsen, sich entfalten. Sie sammelt Erlebnisse in den großen Korb des Daseins, wobei die schmerzlichen oft mehr zum Wachsen anregen. Aber auch Sanftes und Leichtes, das daherkommt wie ein verträumt verspieltes Kind, kann Erschütterungen auslösen. Ein zartes Streichen über Gänsehaut.

Am 1. Advent beginnt für die Kirche das neue Jahr, so ist heute der letzte Tag des alten.

Andrea Jennert

Die unperfekte Seite

Das Wetter ist beides. Nich mehr warm, noch nicht kalt. Wolkig und glücklich. Es könnte jeden Moment regnen, es könnte jeden Moment die Sonne durchbrechen.

C.G. Jung sagt: Werte, Einstellungen und Lebensweisen, die uns am Morgen des Lebens wichtig waren, verändern sich und sind am Nachmittag des Lebens für uns sogar falsch. In seinem Artikel „Die Lebenswende“ von 1930 schreibt er, dass der Morgen des Lebens von Dynamik und Ehrgeiz geprägt ist, vom Dinge erschaffen, Karriere machen, uns an Erfolgen von Anderen messen. Am Nachmittag des Lebens gehe es darum, dass Manifestation durch den Prozess des Erlaubens erfolgt. Dinge, die wir uns wünschen, dürfen zu uns kommen. Manifestation bedeutet Ermöglichen, nicht mehr erschaffen. Aus diesem Zustand heraus geschehen plötzlich Dinge, die so viele Jahre vielleicht nicht funktioniert haben.

Ich sehe den Kranichen zu, wie sie auf den nahen Feldern am Bodden in Gruppen zusammen stehen und fressen, hin und wieder auffliegen, wieder landen, vor Sonnenuntergang abheben und zu ihren Schlafplätzen fliegen. Nichts von alldem ist geplant, sie tun das Richtige, wenn der richtige Moment gekommen ist. Und in den nächsten Tagen irgendwann, eines sehr frühen Morgens, werden sich tausende von ihnen mit lauten Schreien erheben und Richtung Süden fliegen, nonstop, werden Tage und Nächte fliegen, werden sich vor den Pyrenäen in vielfachen Kreisen in die Höhe schrauben, um das Gebirge zu überwinden, werden sich weiter südlich für den Winter niederlassen. Sie vertrauen auf den Impuls, sie wissen, der kommt zur richtigen Zeit.

Ich lerne von den Kranichen. Überrascht stelle ich fest, dass es immer wieder um Vertrauen geht, um das Erkennen von solchen Impulsen, und dass ich mein Leben daran ausrichten kann. Wie die Zeiger einer Uhr werden sie irgendwann und immer wieder an einer Stelle ankommen, die nur für mich da ist. Es kommt nicht darauf an, mein Leben perfekt zu planen, nach anderen Menschen oder deren Lebensstil auszurichten, sondern die eigenen Impulse zu erkennen und danach zu handeln.

Nichts anderes ist Freiheit.

Für Andere sieht es vielleicht unperfekt aus, was ich dadurch tue, zulasse, bin. Vielleicht sieht es nicht richtig aus, ist unverständlich. Genau das lässt Ideen erscheinen, es krisselt und funkelt vor lauter Kreativität in mir. Farben, Worte, ein neuer Eingang, Kapitel im neuen Buch. Der neue Geist der zweiten Daseinshälfte. Mit Türkis und Pink, mit Weiß und Gold, mit Samt, Brokat, Silber, mit Vanille- und Rosenduft kommt er daher, stellt sich in seinen Farben hin, lacht, und findet das Leben einfach schön.

Es ist die unperfekte Seite, die mich vollständig macht. Und glücklich.

Aufstellen

Unsere Vergangenheit ist oft nicht vergangen, und die Toten sind nicht tot. Die alte Familie klebt an uns wie Gespenster, die uns erschrecken. Immer wieder, bis wir sie anschauen. Lange. Bis wir sagen: Ich sehe dich. Und manchmal: Ja, dir ist Unrecht geschehen. Manchmal warten auch wir, bis zu uns jemand von ihnen sagt:: Ich habe dir Unrecht getan, es tut mir so leid. Anders geht kein Ausgleich.

An manchen Punkten im Leben dürfen die Gestorbenen auferstehen und die Lebenden für ihr Daseinsrecht einstehen. Und der eine oder andere Enkel sorgt dafür, dass der eine oder andere Engel ihnen zunickt und sagt: Jetzt darfst du es aussprechen.

Während der Mann mit dem Hund am Boddenschilf entlang spazieren geht, der Pianist am Meer ein Konzert gibt, ein Film über einen geistig Kind gebliebenen Vater im Bibelzentrum läuft, eine ehemalige Bühnenmalerin überlegt, wo denn nun ihr innerer Esel seinen Stall finden kann, während Väter warten, dass Kinder anrufen und Kinder warten, dass Eltern anrufen und fragen, wie es ihnen gehe, kommen woanders im Land endlich die Toten zu ihrem Recht, werden gewürdigt. Die längst erloschenen Augen können sich endlich schließen. Und die Lebenden spüren etwas Neues, prickelnd Lebendiges in ihrem eigenen Atem.