An meine Leserinnen…

…und Leser natürlich!

Ich danke Euch allen für Euer Interesse, Eure Leselust, Eure Treue, Eure Kommentare, Likes, Teilungen und andere Reaktionen! Ihr macht mir damit jedesmal eine große Freude, sehe ich doch daran, dass gelesen wird, was ich so schreibe. Ich hoffe, Ihr hattet alle ein gutes Jahr, und ich wünsche Euch hiermit einen fröhlichen, harmonischen Jahreswechsel und viel Glück, Lebenslust, Hoffnung, Zuversicht, Kreativität, Liebe, tolle Partner, Familien und Freunde an Eurer Seite, gelungene Neuanfänge, stilvolles Erhalten von bereits Bestehendem, tiefe Gespräche und Gefühle, und immer gute Lösungen für Eure Probleme!

Vielleicht ist es ja ganz gesund, das eigene Problem manchmal wie das Reh „Im Park“ von Ringelnatz zu sehen:

„Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum / Still und verklärt wie im Traum. / Das war des Nachts elf Uhr zwei. / Und dann kam ich um vier / Morgens wieder vorbei, / Und da träumte noch immer das Tier. / Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum – / Gegen den Wind an den Baum, / Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips. / Und da war es aus Gips.“

In diesem Sinne, sehr viele herzliche Grüße und allerbeste Wünsche für Euch und unser Jahr 2015!

Eure Andrea

Der Weihnachtskühlschrank

Es regnet, regnet, regnet. Die Wolken ziehen schnell, und es kommen genauso viele nach. Eine Möwe zieht immer dieselben Kreise. Zwischen neun und fünfzehn Uhr ist es einigermaßen hell. Der kleine Barther Weihnachtsmarkt vom 4. Advent mit seinem Glitzerriesenrad vor der Haustür ist wieder verschwunden. Am Hafen Wind, Regen, Pfützen, die sogar der Hund umgeht.

Im Haus Lachen, sonnige Gemüter, wegen dieser unglaublichen Geschichte: Seit Sonntag Abend piept es. Laut, schrill, regelmäßig, alle dreißig Sekunden. Aha, Erdgeschoß, Vorratsküche. Der Kühlschrank, sagt mein Mann. Das ist logisch, ein anderes technisches Gerät ist nicht im Raum. Kühlschrank auf, piep, Ja, vielleicht etwas zu warm da drin, können wir gar nicht gebrauchen über Weihnachten, sagt er. Piep. Stecker raus, warten. Piep. Muß wohl die Batterie noch sein, sagt mein Mann. Hand hinter die Heizspirale, piep. Hm. Aber draußen ist es ja kühl, wir könnten das Fenster angekippt, die Kühlschranktür offen stehen lassen, kühlt auch. Piep. Ja, aber die Gefrierfächer? Verbrauchen oder wegschmeißen. Okay. Piep. Nein, wir brauchen einen neuen, das geht so nicht, sagt mein Mann. Ein gebrauchter reicht, so auf die Schnelle. Also, ebay – Kleinanzeigen. In Ribnitz was, in Rostock was. Dienstag, piep, hats in Rostock geklappt. Noch etwas runtergehandelt, rein ins große Auto, nach Barth geholt. Den kaputten Kühlschrank mit Sackkarre nach draußen befördert. Ich wische die Bodenfliesen sauber.

Piep!

Und da steht mein Mann, der sonst alles über Technik weiß, was das Haus begehrt, der alle PCs einrichtet und wartet, immer Lösungen für Probleme dabei findet, Lichter und Lampen installiert, Handys und Smartphones einrichtet, ein Fan jeglicher technischer Neuerungen ist, da steht er, piep, guckt an die Decke und fasst sich an den Kopf: Oh nein! Ich will nicht mehr! Gebt mir einen Schnaps! Denn er sieht den Rauchmelder, der pünktlich alle dreißig Sekunden einen leeren Batteriestatus meldet: Piep.

Er nimmt das kleine runde Ding von der Decke – Ruhe.

Und er steht im kleinen Raum, das runde weiße Teil in der Hand, und schüttelt den Kopf immer wieder, und auf dem Gehsteig steht der Kühlschrank, mannshoch, weiß, mitten im Nieselregen.

Wieder rein mit dem Ding, alles abwischen, Stecker rein, Lebensmittel rein. Ich sage zu meinem Mann, ich weiß jemanden, der einen Kühlschrank braucht. Er ist immer noch am Kopfschütteln über seinen technischen Sachverstand. Ich umarme ihn, erzähle von den Syrern, die einen sehr kleinen Kühlschrank mit nur zwei Fächern haben, die Lebensmittel für die fünfköpfige Familie werden größtenteils auf dem Balkon gelagert, kein Problem, sagt die Mutter, wichtig ist, dass die Familie da und gesund ist.

Wir fahren nach Barth Süd. Noch bevor sie vom Kühlschrank wissen, freuen sich die Syrer so offenherzig, dass wir nun zum Kartoffelessen kommen! Während des Essens in der spartanischen Küche, während der Wärme aus Lachen und Kochtopf und Herz, erzählen wir vom Piep und vom Kühlschrank, und sie freuen sich, dass der Mann, der ihnen gerade zwei ältere PCs installiert hat, anscheinend einem himmlischen Piep gefolgt ist und ihnen nun ein tolles Weihnachtsgeschenk macht. Und weil er selber so schön darüber lachen kann, können sie es auch gut annehmen.

Am meisten freue ich mich über dieses Geschenk. Sollte ich mich in den nächsten zwanzig bis fünfzig Jahren in irgendeiner technischen Sache mal wieder blöd anstellen und mein Mann beginnt sich über mein Technikwissen aufzuregen, brauche ich nur das eine Zauberwort:

Piep!

(Dieser Blog ist mit Genehmigung meines Mannes veröffentlicht!)

Was mich bewegt

Zweiter Advent, zweites Hoffnungslicht. Zwölf rote Rosenknospen stehen noch immer im Garten. Statt hängendem Weihrauch nun eingesteckte grüne Zweige in den Blumenkästen vor den Fenstern. In der frühen Dämmerung flogen hunderte Schwäne über die Stadt. Jetzt lassen die hellen Wolken hin und wieder Lücken für sichtbar blauen Himmel. Er ist samt Sonne immer da über all den Wolken. Aus dem Fenster kann ich den Neubau eines Doppelhauses mitten in der Stadt beobachten. Gerade ist die Dachetage dran. Hämmern sägen schleifen. Nachmittags wird es ab drei Uhr dunkel, die Adventslichter in den Fenstern leuchten. Goethes Fee sagt, in Göteborg ist alles hell um diese Zeit, überall so viele Weihnachtslichter, dagegen ist Barth eine dunkle Stadt. Nun wohnt sie hier, und ihr kindlicher, einundvierzigjähriger Sohn ist für Wochen zu Besuch. Er ist allein mit der Fähre gekommen, mit ihr ständig über das Handy verbunden. Sie hat ihn durch Zeiten und Orte dirigiert, ihn an Dinge erinnert wie Licht löschen, Brote für unterwegs einpacken, selbst fürs Aufstehen und Losgehen hat sie so gesorgt. Er wird nie wie Andere sein. Und sie wird nie frei sein.

Aber Barth ist nicht so dunkel, die Stadt hat andere Glanzlichter. Ihr kleines Theater ist eine Bühne für Laien wie Profis. Marlene Dietrich konnte darin auferstehen, samt live gesungener Lieder; Gregor Gysi wird am Freitag da sein; letzten Samstag gab es eine illustre Runde Paradiesvögel im Klönpott, von der Tanzenden Rabenfrau über den Filmemacher von „Flüstern und Schreien“, einen Weltenbummler, einen Landrat, eine Metal-Geigerin, mehrere Musiker bis hin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf bunten Möbeln interviewt wurden. Die Live-Kochshow versorgte Gesprächspartner wie Publikum mit Kostproben. Den größten Eindruck machte das dreizehnjährige syrische Mädchen Yara, meine Klavierschülerin, die auf der Bühne das Gesagte ihrer Eltern übersetzte und agierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie erzählte von den Millionen Syrern, die auf der Flucht sind, sagte eindringlich, dass ganz Syrien brenne, dass allein zwanzigtausend Kinder ermordet wurden, mehr als doppelt so viel, wie Barth Einwohner hätte. Sie setzt Zahlen in Beziehung, stellt Verbindungen her. Ihre Mutter sagte in Englisch, es sei derzeit das gefährlichste Land der Welt, der Brand würde auf alle Nachbarn bereits übergreifen, und wir im Westen würden es nicht wahrnehmen. Niemand berichtet über Assad und seine Polizei, die willkürlich jeden tötet.

Den Barthern standen Tränen in den Augen. Und die Edeka-Inhaberin möchte dem Mädchen ein größeres Geschenk machen. Sie wurden aufgenommen, die Fremden. Sie waren in Syrien eine bekannte Familie, und auch hier steht ihr Name schon mehrfach in den Zeitungen. Sie sind Botschafter ihres Landes. Und sie zeigen mit ihrer Dankbarkeit, auf welch hohem Niveau unsere eigenen Alltagssorgen sich befinden.

Ich vergesse meine eigene Angst vor der Zukunft, wenn ich ihnen zuhöre. Und ich halte mich an das Geschenk eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke:

WAS MICH BEWEGT

……………………

Man muß Geduld haben – gegen das Ungelöste im Herzen – und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, – wie verschlossene Stuben – und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben – sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. – Wenn man die Fragen lebt, – lebt man vielleicht allmählich, – ohne es zu merken, – eines fremden Tages – in die Antworten hinein.