Ein goldener Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Erst jetzt nach anderthalb Jahren fällt der Vorhang und die Erkenntnis ist sichtbar. Erst jetzt…

Nicht dass ich damals in Barth nach dem Hausverbot wieder zum Unterricht gegangen war, aber dass ich mir das Schreiben dieses Bloggs hatte verbieten lassen, war ein Fehler.

So manches Mal hatte ich in den letzten Monaten gedacht: Das wäre ein Thema für den Blogg. Nur das Schreiben hatte sich mir entzogen.

Der Schock dieser Geschichte mit dem Flüchtlingsunterricht in Barth saß doch tiefer, als ich dachte. Ich hatte gar nicht verstanden, was da wirklich passiert war. Ein Hausverbot samt Abbruch meines damaligen Einkommens, weil ich Dinge in diesem Blogg benannte, die bereits in der Zeitung gestanden hatten oder in den Medien zu sehen waren. Es war wie ein Sturzflug in längst vergangene Zeiten namens DDR, in denen die Spielregeln allerdings bekannt waren. Selbständiges Wahrnehmen und Denken waren limitiert. Nein, eher der Ausdruck. Und wer bestimmte Grenzen übertrat, wusste meist um die Konsequenzen. Bis es nicht mehr aushaltbar war. Alles, was lebt, muss sich ausdrücken. Welch ein Glück, dachte ich später oft, dass der Geist nun frei sein kann.

Vor anderthalb Jahren hatte es einen rechtsverbindlichen Vertrag gegeben, die Chefin hatte sich stark gemacht, und ich konnte wieder unterrichten.

Der Preis? Keinen Blogg mehr schreiben.

Der Fehler? Ich habe mich darauf eingelassen.

Die Folgen? Das Schreiben dieses Bloggs entzog sich mir. Mein Glaube an die Freiheit in diesem Land ging verloren. Meine innere Wahrheit hielt sich  bedeckt.

Wie nennt man das? Kleingläubig..? Im größeren Sinne, ja, kleingläubig.

Was würde ich heute anders machen? Ja, würde ich sagen, ich gehe morgen wieder hin und unterrichte weiter, aber meine Stimme, meinen Blogg, mein Schreiben lasse ich mir nicht verbieten. Von keinem.

Was wäre dann passiert? Wahrscheinlich nichts, und ich wäre auch so wieder zum Unterricht gegangen. Oder jemand anderes wäre gegangen.. Vor allem hätte ich meine Wahrheit, meine Art zu sein, verteidigt, gelebt, selber für wertvoll erachtet. Ich hätte an meine Talente, meine Berufung und an den Schutz dieser Arbeit, der von höherer Stelle immer rechtzeitig da war und ist, geglaubt. Ich wäre nicht so kleingläubig gewesen…

Das Verbot meines Schreibens, das an eine gute Arbeit und ans Geldverdienen gekoppelt war, hatte eine Spätwirkung hinterlassen. Ich hatte mich damals fürs Gutsein, für das Wohl anderer, aber auch fürs Geldverdienen entschieden.

Das uralte Thema mit dem Tanz ums goldene Kalb. Steht schon in der Bibel. Selbstgemacht, dieses Kalb, und selber in den Mittelpunkt gestellt. Das Kreative, das Eigene, das besondere berufene Talent abgewählt. Kein Vertrauen. Steht auch schon in der Bibel. Kleingläubig und so weiter.

Dabei sind wir Wesen aus Licht, das ist bereits messbar. Unser Mittelpunkt muss das Lebendige, das Leben, das Schöpferische oder das Göttliche sein. Und wir gehen ein wie Primeln ohne Sonne und Wasser, wenn man uns das Licht abdreht.

Es war ein goldener Fehler. Er hatte auch gute Wirkungen.

Ich lasse mir das lebendige schöpferische Dasein nicht wieder verbieten. Es ist das Wertvollste, was ich habe…

Und ich bin neugierig, welche Art Türen jetzt aufgehen und was für schöpferische Räume sich für mich öffnen.. das lebendige Gold..

A.Jennert

Nach Hause kommen – der letzte Teil einer Reise

April. Letzter Sonntag. Die letzten Bloggs waren im Dezember, im letzten Jahr. Fünf Monate Schweigen. Was ist passiert? Unaussprechliches?
Ich hätte etwas nicht sagen dürfen. Nicht öffentlich, als Blogg. Sagte jemand, den ich nie sah. Auf dessen Gelände ich unterrichtete. Nein, nicht sein Gelände, es war gemietet, für die syrischen Flüchtlinge. Und ich wurde des Hauses verwiesen, aufgrund meiner letzten beiden Bloggs. Weil etwas darin stand, was jeder wusste, was in den Zeitungen gestanden hatte: Dass in der Barther Jugendherberge Flüchtlinge wohnten. Und dass sie Deutschunterricht bekamen, vom Staat geschenkt, zu dem letztlich nur ein Viertel der Leute ging, weil er freiwillig war.

Das hätte ich nicht sagen dürfen, das wäre geistige Brandstiftung. Sagte der Campleiter.
Hausverbot.
Eine Eigenschaft, die ich im Norden oft vermisst habe: miteinander reden, nicht übereinander, und dann die Keule. Ziemlich genau ein Jahr nachdem mein Mann diese Erfahrung in einem ganz anderen Job im Norden gemacht hatte, ging es nun auch mir so. Ein Dejavú.
Doch der Bildungsträger hat sich stark gemacht. Im neuen Jahr dann doch wieder die Erlaubnis: Weiter unterrichten, aber kein Blogg mehr.

Ich hatte keinen Tag Zeit, diese Entscheidung zu treffen. Schreiben ist mein Leben, ich bin Schriftstellerin, ich liebe das Schreiben. Es ist Klärung, Schönheit, es öffnet, lässt fließen. Auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die warteten. Sie haben am ersten Tag meines Ausbleibens pünktlich um neun Uhr im Unterrichtsraum gesessen und allein Deutsch gelernt. Sie haben abends zusammen gesessen, Deutsch gelernt und mir ein Foto von sich und den Büchern per WhattsApp geschickt. Einige haben mich besucht und sich verabschiedet mit: Bis bald! Bis Januar mit Unterricht! Vor allem, sie haben bei der Nachricht, dass ich nicht mehr kommen würde, geweint.
Ich packte meinen Stolz und meine Lust zu schreiben in einen Karton und stellte ihn zu den anderen, die schon für den Umzug gepackt waren. Und ich ging am nächsten Tag zum Unterricht. Tränen in den Augen, irgendwie alle. Schön, dass ich wieder da war. Schön, sie alle zu sehen. Schön, weiter zu arbeiten.
„Guten Morgen! Wie geht`s? Wie gefällt Ihnen das Wetter? Gut geschlafen? Gut gefrühstückt? Was haben Sie am Wochenende gemacht?“
Es war die richtige Entscheidung. Wir haben es zu Ende gebracht. Solange bis das Camp in der Herberge aufgelöst wurde. Alle in Wohnungen oder in eine andere Herberge kamen.

Die Syrer haben sich sehr gewundert, dass es in einem Land wie Deutschland auf der einen Seite diese große Meinungsfreiheit gibt, dass jeder diesseits und jenseits des guten Geschmacks sagen kann, was er so denkt, und dass eine Deutschlehrerin, die bekannte Tatsachen benennt, den Job verliert.
Ich sagte ihnen, es ist die Angst, es gibt so viele Anschläge auf Flüchtlingsheime. Und ich sagte ihnen nicht, dass es sicher noch Gründe gegeben hat, diese Angst anzustacheln: Mißgunst, Neid. Aber wir spürten, dass es etwas gibt, das größer ist: Liebe. Je länger ich diese Gruppe, die täglich freiwillig kam, unterrichtete, je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr liebte ich sie. Jeden einzelnen. Und ich weiß, dass sie auch mich liebten. Zum Abschied ein gezeichnetes Portrait, ein gezeichnetes Herz mit meinem Namenszug. Eine Tasse mit „Be My Heart“, aus der ich jetzt Tee trinke. Ein Essen, für mich gekocht. IMAG1829Ein Dekoschriftzug LOVE, der nun im neuen Haus steht. Ein silberner Kelch, Glasvasen, eine rote Tasche…

Jeder von ihnen geht nun einen neuen Weg, in Barth, in Stralsund, in Hamburg, in anderen Städten.
Und ich in Potsdam. Ich wohne in einem schönen Haus in einer wunderschönen Stadt. In MEINER Stadt. Ich habe die Familie und die alten IMAG1880Freunde wieder. Es gibt schon neue Klavierschüler, im PC warten neue Bücher, und in der Volkshochschule warten andere Flüchtlinge…
Aber ich glaube, diese erste Gruppe war etwas Besonderes, und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Sie waren die ersten… und ich vermisse sie hier…
Was das Ankommen hier betrifft – ich bin glücklich, nach Hause zu kommen, und doch, man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Es ist wieder ein Neuanfang.

Ich sitze hier am neuen Esstisch, am Familientisch, schaue aus dem Fenster auf Potsdamer Straßen und Häuser, ins wechselvolle Aprilwetter bei 6 Grad Celsius. Und ich denke, wieIMAG1950 sieht es in Barth jetzt aus? Sind die zurückgekehrten Kraniche noch zu hören? Oder sind sie längst weiter gen Norden geflogen? Ist es jetzt kühler und die Luft feuchter dort? Gibt es Nachtfrost so wie hier? Fährt die Goethefee heute zum Strand für einen Spaziergang oder geht sie in mein Haus und gießt die letzten Pflanzen, die noch auf Abholung warten? Was macht meine Nachbarin? Was macht die nette Deutschlehrerin, die beim Flug meines Flügels über die Dächer von Barth dabei war?

Wie gehts meinen lieben Schülern (meinen! Obwohl sie längst neue Kurse besuchen!)? Und wie der syrischen Mutter und ihrer Familie? Und wie geht es der süßen Frau aus Bayern, die wegen der Liebe nach Barth kam und die eine nahe Freundin hätte werden können?

Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Zuhause. Und doch – es bleibt eine Sehnsucht nach Barth und Meer…

Es ist der letzte Sonntag im April. Es ist der letzte Boddenblogg.
Danke meinen Leserinnen und Lesern, danke den Kommentatoren, danke für euer Interesse! Ich wünsche euch alles Liebe!
Wir sehen uns wieder! Bis bald…….

……..im PotsdamBlogg

Darüber reden – sofort.

Der Knoten hat sich gelöst, und darüber bin nicht nur ich glücklich. Dachte ich gestern noch, es sei Arroganz, so weiß ich heute, es ist Unsicherheit, falsche Höflichkeit, die dafür sorgten, dass sich der Unterrichtsraum leerte.
Ich habe es angesprochen, gleich heute früh. Was ist los? Wo sind die Anderen? Warum ist der Kurs so leer? Und sie haben meinen Ärger deutlich gespürt.
Es ist ihnen zu schwer, sagte einer schüchtern. Sie verstehen es nicht. Sie können kein Englisch, sie können nicht mal die Buchstaben. Sie trauen sich nicht, das zu sagen. Und einer saß da hinten in der Bank, der immer kam, zwei Wochen lang, weil er meinen Kurs so toll findet, obwohl er nix versteht.
Da brach der ganze Ärger in mir ein. Das Gegenteil also. Nicht Arroganz. Und ich habe nicht bemerkt, dass die Hälfte sich schämte, ihr Nicht-Englisch-Können zuzugeben. Als wir redeten, in Englisch, mit arabischer Übersetzung, wurden auch ihre Gesichter schlagartig offener, vertrauensvoll, ja doch, gern viel langsamer, in zwei Gruppen, fortgeschritten und Anfänger.
Die Situation hier, sagte ich, ist für uns alle neu, für euch wie für mich, für uns Deutsche überhaupt. Viele von uns unterrichten nun, obwohl sie keine Erfahrung damit haben. Wir lernen alle neu. Und wir müssen miteinander reden, wenn etwas nicht stimmt, sagte ich, immer sofort reden. Wir können nicht gut lernen, wenn wir kein gutes Gefühl hier haben.
Alles wurde sehr freundlich ins Arabische übersetzt.
Und die erste Gruppe sagte es der zweiten in der Pause weiter, die saß schon brav auf ihren Stühlen, als ich kam, ungewöhnlich, und einer von ihnen sprach mich sofort darauf an.
Gut so.
Es war ein großartiger Tag. Wir konnten uns in die Augen sehen, und was ich sah, berührte mich. Die feuchten Augen der beiden älteren Frauen, als sie nach längerer Vorarbeit die deutschen Sätze vom Band verstanden!
Es tut mir leid.
Ich war viel zu schnell in meinem Ärger, in meinem Urteil.
Aber ich war gerade noch schnell genug im Ausräumen dieses Mißverständnisses.

Auch hier, hoffe ich.

A.Jennert

Noch ein Wunder…

Seit heute ist es also offiziell. Wir gehen zurück nach Hause. Die Stadt der Könige hat ihren neuen Tourismus-Geschäftsführer der Presse vorgestellt. Das Warten hat sich gelohnt. Sowieso. Es ist das Beste überhaupt! Nein, nicht ganz. Da ist vor einer Woche ein neues kleines Mädchen auf die Welt gekommen, mein Enkelmädchen Henni, und ich bin seitdem ganz verliebt in sie. In ihr zartes kluges Gesichtchen.. Alles Liebe für Mama, und Kind, für den Papa und den großen Bruder! Und ich freue mich, demnächst in ihrer Nähe zu wohnen, sie und ihren Bruder Nils aufwachsen zu sehen, den Kaffeetisch für die Großfamilie decken zu können…
Sogar der neue Wohnort ist schon klar, Potsdam und am Waldrand, alles ist möglich. Da fließt es also hin.

Nun hatte ich mich hier auf den Unterricht mit Flüchtlingen gefreut. Aber so sehr erfreulich ist es nach zwei Wochen nicht mehr. Der neue Deutschkurs, von der Regierung ermöglicht, für Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea, also die mit einer Aufenthaltsgestattung, noch nicht -erlaubnis, wird vom Gros der Leute in der Jugendherberge zunehmend nicht besucht. Seitdem sie spitzbekommen haben, dass der freiwillig ist, dass sie ihr Geld vom Sozialamt auch bekommen, wenn sie vormittags schlafen und nachmittags durch Barth bummeln. Dass das Sozialamt sogar zu ihnen auf den Berg kommt und die Schecks hinbringt. Überhaupt wird ihnen dort alles gebracht und gefertigt, vom Essen über die Impfungen vom Gesundheitsamt bis zum Deutschkurs und Scheck. Wenn ich mit ihnen rede, kommen merkwürdige Vorstellungen zum Vorschein. Dass die Deutschen pro Kind und Monat über vierhundert Euro vom Staat bekommen. Dass sie bald Arbeit und auch ein Auto haben werden. Dass Hitler auch seine guten Seiten hatte, denn er hätte doch VW ins Leben gerufen, für jeden ein erschwingliches Auto!
Und mich erschreckt zutiefst, dass viele, nicht alle!, das, was sie dort in der Barther Jugendherberge haben, nicht wirklich achten und schätzen können. Sie kennen die anderen Schicksale noch nicht.
Es geht, ich bin gleichzeitig frustriert und glücklich.

Die syrische Mutter sagt, es sind oft komische Leute, die jetzt kommen. Sie ist sehr froh, letzte Woche in eine neue Wohnung gezogen zu sein. Sie hat samt Familie noch zwischen den Heimbewohnern gewohnt. Die trinken abends regelmäßig Alkohol, sagt sie, und sind einfach sehr laut. Bis in die Nacht. Feiern mit Musik. Sie sagt, keiner, der aus einem Kriegsgebiet kommt, feiert jetzt so.
Und ich denke, die jungen Männer im Deutschkurs kommen jetzt aus Damaskus, jetzt aus Aleppo. Da war schon vor drei Jahren der Krieg angekommen. Und sie haben große Probleme mit der deutschen Aussprache oder mit der Rechtschreibung beim Infinitiv der Verben, wollen aber gleich die starken Verben alle durchnehmen.
Oje, denke ich, das ist wie bei Klavierschülern, die sofort Beethoven spielen wollen, ohne je Tonleitern und Fingerübungen geschrubbt zu haben. Weil die ihnen zu poplig sind.

Naja, ich lerne dazu, und ich weiß nicht, ob ich dabei sein möchte, wenn diese Leute in der hiesigen Realität ankommen. Es macht mich sehr betroffen, doch so hautnah mitzubekommen, wie es läuft, in sehr arroganter Weise auszunutzen, was hier an Hilfen und Eingliederungsmöglichkeiten geboten wird. Und selbst für einen Staat sind das keine Peanuts. Inzwischen denke ich, es geht nicht nur um unsere Freiheit hier, es geht um unsere Würde. Wir müssen niemandem etwas hinterhertragen. Und wir müssen uns nicht dafür geißeln, dass dies und jenes nicht sofort klappt. Und was nützt es, „das schaffen zu wollen“, wenn gute Unterkünfte, Fürsorge und Lernprogramme von fünfundzwanzigjährigen Arabern mit verächtlicher Handbewegung abgetan werden? Wie soll es da weitergehen? Der Druck geht nur übers Geld. Das Jobcenter macht es insofern richtig, als dass es den Leuten mit Aufenthaltsgenehmigung sofort die Bezüge streicht, wenn sie den Unterricht schwänzen.

Trotzdem gibt es auch immer die tollen Momente, das Dankesplakat, der mitgebrachte Tee oder Kaffee, die freundlichen Worte der Frauen und einzelner Männer. Das Tragen meiner Tasche zum Auto. Wie gesagt, es sind nicht alle gleich.
Vielleicht ist das Regierungsprogramm zu ehrgeizig. Es müssen nicht 320 Stunden sein.

Aber die Freude darüber, was und wohin es nun fließen darf, überstrahlt doch alles. Die Freude nach Hause zu kommen. Die Freude über die große Wertschätzung, die mein Mann nun wieder erfährt.
Auch wenn wir hier ganz tolle Menschen getroffen haben, hier war nicht sein Ort. Und meiner wohl auch nicht.

Und es ist merkwürdig und traurig, nun doch dem Bankangestellten recht zu geben. Wer zieht denn heute nach Barth?
Für ein Wochenende oder einen Urlaub jederzeit gerne!

A.Jennert

Wunder, unverhofft

Was für ein sonnig warmer Tag. Er geht zu Ende, wie auch das Jahr vergeht. Es ist dunkel geworden, und unser alter Kater, der beinahe zwanzig ist, liegt im dunklen Zimmer auf dem Bett, will nicht mehr fressen. Ohren und Nase so kühl. Traurig bin ich. Es heißt, wenn sich etwas in der Familie stark verändert, geht ein Haustier. Schon eine Weile war er mit Reisevorbereitungen beschäftigt, lag auf einem Handtuch auf den Küchenfliesen, wollte nichts mehr so richtig.
Vielleicht ist er aber auch nur krank und schafft es erneut.. Die Dinge entwickeln sich nie geradlinig, sagt der Physiker, und in diesen Wochen schon gar nicht, sage ich. Mitunter kommt einfach ein Wunder vorbei.
Wunde, Wunder.

Das Theaterstück gestern Abend hier in der Barther Boddenbühne war so ein Lichtpunkt. „Vater“, um die 80, dement, spürt zunehmend die Verdunkelung seines Gedächtnisses. Das Publikum konnte dank eines genialen Kunstgriffs des französischen Autors und Literaturprofessors Florian Zeller die Dinge aus Sicht des Kranken erleben. Wenn es, genau wie der Vater, die Tochter nicht wiedererkannte, weil eine andere Schauspielerin zum Teil übernahm. Das Stück hatte nicht nur Tiefe und eine tolle Musikauswahl als Zwischenstücke, es wurde auch mit sehr guter Besetzung gespielt. Vorpommersche Landesbühne. Unser Barther Intendant dabei. Kunstdurstig wie ein trockener Schwamm saugten die Barther das Geschehen auf der Bühne ein. Applaus. Viel.
Sowas Gutes gibt es hier. Novembertiefe.

Ursprünglich wollte ich gestern zu einer kleinen Goldhochzeitsfeier meiner Eltern nach Berlin fahren. Wegen Krankheit ausgefallen. Die bestellten Blumen hat die nette Floristin behalten, sie würde sie neu einbinden, sagte sie. Und im Theater, sitzend neben der Goethefee in ihrem hübschen wiederentdeckten Kleid, traf ich viele Bekannte, und eine sagte, ich sei doch schon so richtig angekommen in dieser kleinen Stadt.
Nun ja, das bin ich wohl.
Auch wenn das bedeutet, nicht nur freundlich gesinnte Theaterbesucher zu treffen, sondern auch Klatschobjekt und Projektionsfläche zu sein…
So trifft mein Vorhaben, Deutschkurse für Flüchtlinge zu geben, noch dazu in Barth, nicht in jedem Fall auf Gegenliebe. Da hört eine Ehrenamtlerin auf zu unterrichten. Eine andere will sich nicht die gut vorgebildeten Flüchtlinge von privaten Bildungsträgern „wegnehmen lassen“. Als gäbe es derzeit nicht genug für alle.
So viele wollen helfen, unterrichten, die VHS mit ihrer Fortbildung für uns Anfänger war mehr als voll, die Stimmung gut, Austauschen und Unterstützen, in fröhlicher Fahrgemeinschaft hin und wieder zurück, keine Angst, sagte die VHS Chefin, Sie können es nur gut machen.

Manchmal denke ich, diese erdrutschartige Situation der Flüchtlingsmassen legt neben unserer Hilf- und Machtlosigkeit auch etwas Machtvolles, Sinnstiftendes offen. Und sie fördert die tiefsten Schwächen genau wie die größten Stärken eines Jeden zutage. Eine Situation wie ein Spiegel. Auch ich muss schauen, dass ich jeden Tag neu offen bleibe, kreativ, handlungsfähig. Die eigene Unsicherheit trotzdem da sein lasse.

Im Fernsehen wechseln die Bilder immer schneller, wird jede Kameraführung immer wackliger. Ranzoomen, wegzoomen.. Mein Kopf will Klarheit, ich schalte immer öfter ab. Wichtige Informationen kommen auch so zu mir.

Der alte Kater schläft unten. Der junge ist anhänglich derzeit. Entweder liegt er neben dem alten Kater oder neben oder auf mir. Wo er sonst so ein Raufbold ist.
Die Goethefee wollte zum Kaffee vorbei kommen, meinen glutenfreien Zitronenkuchen essen, sie hat unverhofft Besuch bekommen. Ich hab geschrieben dann.
Alles anders dieser Tage.
Wunder kommen unverhofft.
Durch Seelenfenster, die offen sind.

A. Jennert

Nur noch das Herz..

Während hier in Barth der Tag des offenen Denkmals stattfand, wurde in Berlin beschlossen, bestimmte Grenzen zu schließen.

Während im Eingang der Kirche die Gesangbücher zum Gottesdienst von einer jungen syrischen Muslimin ausgegeben wurden – sie kommt jeden Sonntag den weiten Weg her gelaufen – bekommen die Flüchtlingsmassen in den südeuropäischen Lagern Wasserflaschen und Essen ins Gedränge geworfen wie bei einer Meute hungriger Hunde.

Während sich Vertreter der Partnerkirchen aus aller Welt in Mecklenburg Vorpommern treffen und zu verschiedenen Gottesdiensten gehen – heute waren Gäste aus Indien und Estland hier – um näher zusammenarbeiten zu können, werden Polizisten aus ganz Deutschland abgezogen, sogar aus dem derzeitigen Hamburger Krisengebiet, und nach Süddeutschland gebracht, um die Grenze zu Österreich zu sichern.

Während in der Barther Marienkirche der Buchdruck der Jahrhunderte alten Bücher nacherlebbar gemacht wurde, während in den gläsern abgetrennten Bibliotheksraum innerhalb der Kirche nicht mehr als fünf Menschen gleichzeitig Zutritt haben, damit die Bücherschätze in angemessener Feuchtigkeit gelagert bleiben, sind Millionen Menschen ohne Dokumente unterwegs Richtung Nordeuropa, auf engstem Raum, in Lagern, Zügen, Lastern, Bussen, Taxis, zu Fuß, ohne Duschen, mit wenig Kleidung, Essen, Trinken, ohne Sicherheiten, vor allem: ohne Stille.

Ein wunderbarer Tag aus Nähe, Glauben, guter Nachricht – die junge Iranerin, die seit mehr als einem Jahr auf eine Antwort der Behörden wartete, bekam vor zwei Tagen den Bescheid, dass sie bleiben darf – ein Tag mit Musik, dem herrlichen Bläserchor, dem Barther Altorganisten, mit Singen, ein Tag der offenen Häuser, der offenen Vorträge in Kirche, Stadt, Garten, Museum, des offenen Umgangs mit Religionen. Ein Tag, an dem woanders die Tore wegen Überforderung und Überfüllung geschlossen wurden.

Die Regierung ist nicht Jesus, der die Fünftausende mit ein paar Broten und Fischen speisen kann.

Einer der sieben Syrer, die im August nach Barth kamen, hat schon einen vollen Job in Zingst. Verdient sein eigenes Brot.

Ich habe beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Zulassung fürs Erteilen von Deutschkursen in der VHS gestellt. Die Vorschriften hätten sich gelockert, sagte die VHS-Chefin, es braucht keinen Abschluß für Deutsch als Fremdsprache mehr, es genügt, in der Erwachsenenbildung gearbeitet zu haben. Immerhin habe ich mal ein Diplom als Musik- und Deutschlehrerin gemacht. Und einen Abschluss als Klavierlehrerin. Doch weder dies noch meine fünfjährige Arbeit am Gymnasium waren bisher ausreichend für die Volkshochschule. Die Flüchtlinge werden oft von Nicht-Muttersprachlern unterrichtet.

Ehrenamtlich kann ich natürlich sofort…

Nach einer Woche ein Brief, maschinell erstellt, es wird mindestens sechs Wochen dauern, bis ich Nachricht bekomme, ob ich in der VHS bezahlten Unterricht mit Zertifikaten für Flüchtlinge geben kann.

Die syrische Mutter sagte, alle Syrer glauben, Frau Merkel hat einen Plan, in Deutschland ist alles vorbereitet, perfekt organisiert, sonst würde die Regierungschefin doch nicht …..

Nein, sagte ich ihr, es gibt keinen Plan. Es gibt die Not der Flüchtlinge, und ein Plan muss erst entstehen jetzt.

Das ist verrückt, sagte sie erschrocken.

Deutschland hat den Verstand verloren, sagt der Engländer, man reagiert hier nur noch mit dem Herzen! Und das war als Kritik gemeint…

Das ist die schönste Kritik, die Deutschland je bekommen hat: Nur noch das Herz.

 

Andrea Jennert

Aber das Herz…..

Gleich mehrfach fließen Ströme an die Küste. Urlauber, Feriengäste einerseits, die auch direkt in die Küstenorte mit ihren Autos fahren, und Flüchtlinge, Asylbewerber andererseits, die aus den Erstlagern mit Bussen im ganzen Land verteilt werden. Auch nach Barth, Tribsees, Stralsund, Ribnitz-Damgarten. Das zunehmende Drama mit den Flüchtlingen greift immer mehr ins tägliche Leben ein.

Was ich gesehen habe: Chaos. Hilflosigkeit. Auf Seiten der Ämter genauso wie auf Seiten der Fremden. Mir ist dabei die Sprache der Ämter oft fremder als die Blicke und Gesten der Ankommenden…

Bevor ich das wußte, hatte ich die Idee, ein paar Stunden in der Woche zu helfen, wo es nötig ist. Mit den Flüchtlingen ein paar Behördengänge machen, bei Anmeldungen in Kita, Schule, Krankenkasse, Jobcenter behilflich sein, man ist doch gern ein Gutmensch. Und jemand, der wie ich, Probleme mit dem Ankommen hat, kann sich auch emotional gut hineinversetzen. Warum nicht über die syrische Mutter und ihre Familie hinaus, warum nicht für mehrere? Da scheint es schon Trägerorganisationen und Strukturen zu geben, Honorar ist mir angenehm, also ran…

Ich sage es gleich, es gibt sie nicht wirklich, die Strukturen. Sonst hätte ich nicht plötzlich in einer Situation gestanden, in der ich „nur acht syrische Flüchtlinge, noch ohne Aufenthaltsstatus, vom Bus in Empfang nehmen und in eine Wohnung bringen“ sollte. Dieser kleine Satz und mein Ja dazu kostete mich dreieinhalb Tage Arbeit, ohne dass mir jemand sagen konnte, wer zuständig ist, wer die Verantwortung trägt, an wen sich die Leute in Krankheits- und anderen Notfällen wenden könnten.

Die Organisation arbeitet mit dem Jobcenter zusammen, kommt also erst mit einem Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge zum Einsatz. Sie hat es nur vermittelt. Die Sozialarbeiter im hiesigen Flüchtlingswohnheim meinten, sie seien nicht zuständig, die Leute seien ja separat untergebracht. Das Sozialamt war erstens weit weg, hatte zweitens Öffnungs- und Schließzeiten und war drittens nur für die Geldschecks und Krankenscheinausgabe zuständig.

Da saß ich also, hatte eine Menge Telefonate am Hals mit Jugendamt, Sozialamt, Ausländeramt, zwei Dolmetschern, Wohnungsbaugenossenschaft, Jugendnothilfe, Polizei, eine Wohnungsübergabe samt Klopapier u.Ä. kaufen, fünf Stunden in der Wohnung auf den Bus mit den Menschen warten, alle einweisen in die technischen Geräte wie Herd, Kühlschrank, Waschmaschine, den einen Minderjährigen der Polizei übergeben, weil er zur Jugendnothilfe nach Stralsund gebracht werden sollte, den Weg zum Supermarkt zeigen, am nächsten Werktag mit allen nach Stralsund zum Ausländeramt, Sozialamt, zur Sparkasse fahren, wobei ich das Fahrgeld auszulegen hätte, so die Mitarbeiterin des Sozialamtes.

Am Ende des Tages hatte ich die Krankenscheine der sieben Leute in meiner Tasche – die sollte ich ihnen auch nicht aushändigen, da sonst sofort alle zu den Ärzten laufen würden – und Anmeldungen für die Rundfunkgebühr der Wohnungen. Es wollten auch sofort welche von ihnen zum Zahnarzt, was nicht einfach war, weil dafür ein Extraschein benötigt wird.

Drei von ihnen sind sechs Wochen lang von Syrien über vier hohe Berge zu Fuß nach Deutschland gelaufen, wobei die teuerste Strecke die durch Serbien gewesen sei, wo sie sich alle Nase lang den Weg freikaufen mußten. Sie erzählten, dass sie eine hohe vierstellige Eurosumme in diesem Land gelassen hätten, um nicht im Gefängnis zu landen.

Da die meisten nur hatten, was sie am Leibe trugen, organisierte ich für den nächste Morgen die Öffnung der Kleiderkammer und deren Besuch. Ach ja, die Briefkastenbeschriftung. Gottseidank hab ich dran gedacht; nach zwei Tagen lag ein Brief aus dem Bundesamt für Migration, Außenstelle Nostorf / Horst darin, den sprachlich natürlich keiner verstand… Eine Vorladung des einen, am übernächsten Tag um 9.30 Uhr. Er wolle schon am nächsten Tag fahren, sagte er, die 60€‚¬ Zuggeld mußte er vorstrecken, und im Wald schlafen, damit er pünktlich sein kann.

Als die Fahrkarte gekauft war, mein Mann einen Schlafsack samt Zelt herausgesucht hatte, hieß es kurz vor Abfahrt dann doch AprilApril, der Termin wurde verschoben…

Ich mußte an das alte Flüchtlingsdrama-  „Angst essen Seele auf“ denken. Ist mindestens dreißig Jahre her… Oder an manche Rentner, die vor siebzig Jahren selbst fliehen mußten, und die nun mit Betreuung, Anziehsachen oder Deutschunterricht helfen.

Der Job für ein paar Wochenstunden war plötzlich ein Ehrenamt rund um die Uhr. Das dramatische Chaos um die Asylbewerber auf der einen, die überforderte Bürokratie auf der anderen Seite, an der Schnittstelle ich.

Mein Knoten löste sich bei der netten Leiterin des Asylbewerberheimes hier in Barth. Obwohl auch sie nicht zuständig war, nahm sie mir die Krankenscheine ab, besorgte die Zahnarztscheine, kümmerte sich um die Zugverbindungen des Vorgeladenen und sagte, auch die Anderen können zu ihr kommen, wenn es Probleme gibt… Und das, obwohl sie mit ein paar Mitarbeitern und Helfern gerade ein Chaos beseitigt hatte: Eine serbische Familie, die zwecks Abschiebung auf dem Weg zum Flughafen war, hatte einen Dreckstall hinterlassen. Sechs kleine Kinder, die generell und wochenlang unten ohne in der Wohnung herumliefen, alles fallenließen, was kam, Dreck in der Küche, im Bad… Alle Möbel hätte sie auf den Sperrmüll schmeißen und alle Zimmer desinfizieren und neu bestücken müssen, sagte sie. Woraufhin nun der Anruf der Ausländerbehörde gekommen sei: Suprise, liebe Frau! Die Familie kommt zurück, da hat was mit den Papieren nicht gestimmt, sie werden erst in ein paar Wochen wieder abgeholt! Ach ja, sagte sie, Schulden im Wert von mehreren tausend Euro hätten sie auch gemacht. Die vielen Pakete der Online-Versandhäuser hätten sich bei ihr im Büro gestapelt…

Seitdem sehe ich, dass täglich mehr Sendungen über das Thema Flüchtlinge im Fernsehen laufen, Dokumentarfilme, Nachrichtensendungen, Interviews, Fragen zur Gleichbehandlung von Serben und Syrern beispielsweise. An den oberen grünen Tischen beginnt man jetzt über neue Wege und Lösungen nachzudenken. Ach, denke ich, jetzt schon? Was war das bisher? Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die dafür neu gegründeten Vereine, die rüstigen Rentner innerhalb und außerhalb der Kirchen usw. würde doch schon alles zusammengebrochen sein. Aber die Freiwilligen schaffen es nicht mehr, Helfenwollen allein reicht nicht, es braucht dringend Strukturen, neue Stellen, Verantwortlichkeiten, Verantwortung …

Als ich den Syrern sagte, dass die meisten deutschen Helfer ohne Geld arbeiten, wollten sie es mir lange nicht glauben. Germany ist reiches Land! sagen sie. Warum hier arbeiten ohne Geld?

Und sie schütteln verwundert den Kopf, verstehen das Land nicht, das ihnen doch sofort, wenn sie ins Auffanglager kommen, einen Ausweis und Taschengeld gibt, später Sozialhilfe usw. Sie haben ihre Vorstellungen von diesem Land, das so groß und so reich ist. Und da passen so einige Dinge eben nicht rein: Menschen, die über ihnen im Plattenbau wohnen, laut grölen, Flaschen und Kippen vom Balkon schmeißen, oder Leute, die keinen Job und genau solch kleine Wohnungen und wenig Geld wie sie selber haben, oder eben Leute, die in Kleiderkammern arbeiten oder Flüchtlinge in ihrem privaten Auto nach Stralsund oder Ribnitz zu den Ämtern fahren, und das aus reiner Nächstenliebe, ohne zu wissen, dass es dafür mal eine Honorarmöglichkeit geben könnte.

Während vor meinem Fenster die Menschen quer über den Markt in Richtung Hafenfest laufen, das jedes Jahr im Sommer stattfindet, mit Essen Trinken Rummel Tanz und Riesenfeuerwerk, ein paar Meter weiter im Theatergarten mehrmals in der Woche „Die vier Musketiere“ auftreten, mit kleinen Kämpfen und ebenfalls Gesang und Tanz, während die nächste Hitzewelle schon auf der Isobarenkarte sichtbar ist und die Straßen und Strände füllen wird, sehe ich gleichzeitig Menschen nach Deutschland strömen, zu Fuß, auf Schlauchbooten, in geschlossenen Lastern, in Zügen, Autos. So viele, die nicht ankommen. So viele, die ankommen.

Der Kopf sagt angesichts dieser Gegensätze vielleicht, mein Gott, ganz schön krass,…

…aber das Herz …..

„Liebe ist die Essenz des Himmels“, sagt der amerikanische Arzt und Nahtodforscher Dr. Eben Alexander.

Wie aber gelingt es mir, das Ganze mit Liebe anzuschauen?

Andrea Jennert

Arm – nicht nur an Geld

Frühling im Norden. Wir haben zu Ostern Farben vor die Fenster gesetzt. Primeln, Hornveilchen, Efeu, in Orange, Gelb, Zartlila, Weiß, Nachtblau, Grün. Der Blick saugt sich fest am bunten Leben. Autokennzeichen aus ganz Deutschland, aus Schweden, der Schweiz, Familien, die über den Markt schlendern, Rucksäcke auf dem Rücken. Unsere graue Fassade mit geputzten Fenstern und Farbtupfern. Weiß, Grün, Orange. Urlauber, die mit Kind und Hund im Sonnenschein am Meer spazieren gehen.

Die Idylle ist keine. Was die Besucher erholsam finden, die Meeresluft, feuchte Kälte, kaum Industrie, karge Landschaft, dünn besiedelte Gegend, macht Einheimische am Bodden anscheinend verrückt. Was vor einem Jahr mehrfach zerstochene Reifen waren, belief sich dieses Ostern auf einen kaputten Außenspiegel an unserem Auto. Am Barther Mini-Broadway ist ein Drittel der frisch gepflanzten Stadtprimeln geklaut. Blumentopfförmige Erdmulden stattdessen. Ach ja, dachte ich, auch meine Heiligabend-Laterne wurde samt brennender Kerze aus dem Hauseingang mal eben mitgenommen. Die Gegend hier muss wirklich arm sein! Nicht nur an Geld.

Am meisten geschockt hat mich heute der Vorfall im Barther Edeka: Ein Mann mit dunklerer Hautfarbe hat an der Poststelle Geld eingezahlt, mehr Geld, als man vielleicht alltäglich so in der Hand hat, darüber regte sich ein recht voluminöser hellhäutiger Mitmensch auf. Kann er ja tun. Nur der Ausruf, den er beim Verlassen der Verkaufsstelle noch im Raum ließ, nicht:

„Aufhängen sollte man den! Aufhängen!“

Außer einem „Arschloch!“, das mein erschrockener Mann ihm nachrief, keine Reaktion. Keiner weiß, ob der Dunkelhäutige vielleicht lange gespart hat und seine Familie auf dem anderen Kontinent damit am Leben erhält, oder woher und wohin sein Geld geht. Der Hass auf einen Fremden, der mehr Geld in der Hand hat, als man selber gerade im Portemonnaie, ist ziemlich brachial. Gleich killen. Wie im Wilden Westen. Und Westen ist das ja nun hier, und wild auch.

Frühling ist die aggressivste Jahreszeit, sagt meine Mutter. Ja, sage ich, die Bäume schlagen aus, Halme brechen die Erde auf, Flieger krachen gegen Berge, Dachstähle werden angezündet.. Morddrohungen werden losgelassen, gegen Landräte und ehrenamtliche Bürgermeister, und noch immer ist die Scham auf der falschen Seite.

Als ich neulich das syrische Mädchen nach Hause fuhr und der Motor nach dem Abstellen noch weiter brummte, saß sie mit schreckgeweiteten Augen neben mir. „Es ist nichts,“ sagte ich, „der Motor wird noch gekühlt.“ „Ach so,“ sagte sie verschämt, „ich dachte, da ist eine Bombe.“

 

Andrea Jennert

Glück geht überall…

Der Frühling kämpft sich durch. Sonne, Sturm, Regen, alles unstet. Schnee sogar. Kalte zwei Grad zu Ostern. Die Uhren sagen Sommerzeit seit einigen Tagen. Die Körper glauben es noch nicht, das Wetter erst recht nicht. Kalt draußen, ob am Bodden oder am Bodensee. Zwei entgegengesetzte Enden Deutschlands. Hier wie dort ist es kalt jetzt. Hier wie dort bestimmen Möwen das Luftbild oder die Geräusche am Wasser. Am Bodden wie am Bodensee sieht man ein Ufer in der Ferne, abends mit Lichtern. Schaut man längs über den See, ist es wie am Meer. Wasser, Himmel, Horizont.

Im Sommer nachher ist es dort wärmer, bei Fön sind die Alpen zu sehen, das hügelige Land hat dem Auge was zu bieten, überall Spalierobst-Plantagen mit ordentlichen, noch gerafften, Netzen darüber, oder Weinstöcke an den Hängen. Viel mehr Menschen wohnen dort, im südlichsten Süden, an der Grenze zur Schweiz, zu Österreich, alle zwanzig Kilometer eine Stadt so groß wie Stralsund: Friedrichshafen, Meersburg, Ravensburg, Lindau, Konstanz. Selbst die Dörfer dazwischen sind so groß, dass ein jedes seine florierende Firma besitzt. Man hat ihn, aber man ist nicht angewiesen auf den Tourismus. Und alles sieht so etabliert und sauber aus, dass sogar an den Feldrändern, an den Wegen zwischen den Obstfeldern, Hundetoiletten mit Tüten und Müllbehältern stehen. Das Leben gleitet, fließt, betriebsam aber nicht hektisch.

Die dort seit Jahren leben, sagen, man geht umher mit einem inneren Lächeln. Und tatsächlich, wir wurden lächelnd von Fremden gegrüßt, als wir durch Wohngebiete gingen.

Ein Kulturschock, der Nordosten gegen den Südwesten. Hier karg, flach, Armut im Hinterland, ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, die meisten anderen leben vom Tourismus und am Strand ist die Welt zu Ende. Dort das Satte, Überfließnde, Zufriedene, fast keine Arbeitslosen, so vielschichtig die Industrie wie die Natur, und hinterm Horizont gehts weiter. Mit den Alpen, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Liechtenstein, Italien, dem Mittelmeer…

Und doch, einer Heimat ist es egal, ob sie karg oder reichhaltig, bescheiden oder voller Ausblicke ist. Heimat ist Herz und Wurzel, Leben geht nur mit Wurzeln, durch welche die Kraft zu uns kommt. Da hat jede Gegend ihre Eigenheiten, ihre Schönheiten. Üppig ist nur anders schön als karg. So schön es woanders ist, man kann nicht überall zuhause sein. Man kann nicht überall gleich stark sein, gleich Gutes leisten, gleich glücklich sein. Man kann nicht über jeden Boden gleich hoch fliegen.

Ich kann es nicht.

Viele Andere können es nicht. Man kann Heimat nicht aufgeben, ohne an Kraft und Gefühl einzubüßen.

Wie erst all die Flüchtlinge weltweit, deren Zahl seit dem Ende des zweiten Weltkrieges noch nie so hoch war wie jetzt. Inzwischen kommt fast jeder mit ihnen in Berührung. Ob in den eigenen Familien vor siebzig Jahren oder in der Nachbarschaft jetzt. Die syrische Mutter aus Barth Süd sagt „The Life had stopped here“, das Dasein im eigenen Haus, im eigenen Land, in der eigenen Sprache, inmitten der eigenen Familie, der Freunde, des Status – vorbei. Had stopped. Die Wurzeln gekappt. Ohne Sprache keine Arbeit und kein Geld.

Und Geld wäre auch kein Ausgleich für einen Verlust, den das Herz erleidet.

Die üppige Landschaft läßt genießen, die Karge schärft den Blick fürs Wesentliche. Auch fürs Wunderbare, das mitunter stattfindet auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wenn das Jugendtheater die Barther Boddenbühne mit „Alice“ aus dem Wunderland, mit umgeschriebenen Texten, selbstgeschriebenen Liedern von Regisseur Piet rockt, wenn die Frage „Wer oder wo bin ich?“ mit solcher Leidenschaft und Kunst aus dem Kargen heraussticht.

Wenn man Glück hat, wachsen über die Jahre neue Wurzeln, verbinden sich mit den Wurzeln der Einheimischen, derjenigen mit dem Heimvorteil.

Dafür muss es ein Will-kommen geben, von beiden Seiten.

Denn es gibt in uns noch einen Ort, der sich wie Heimat anfühlt, wenn wir glücklich sind, der sich verbinden kann mit dem Neuen. Es gibt keinen Weg zum Glück, sagt Buddha, glücklich kann man nur SEIN. Und der Trick ist, sagt die Heilerin, die selbst zwei Heimaten hat, in Deutschland und Russland, dein Denken umzukehren. Frage dich nicht, wohin du willst, was du verdienen oder arbeiten willst, frage dich, wie du dich fühlen willst. Ãœbe jeden Tag, dich zu freuen, an etwas, an jemandem, und stell dir Wurzeln unter deinen Füßen vor, jeden Tag, egal wo du bist. Jeden Tag ein paar Minuten üben, wie ein Klavierstück. Dann gliedern sich Orte, Menschen, Geschehnisse an, dann ist es egal, wo und mit wem du bist, Glück geht überall.

Wie gehts, fragt sie am Telefon?

Ich übe noch, sage ich.

Andrea Jennert

Weitblick

Sonne und Grau wechseln sich ab. Nachts Minusgrade, tagsüber plus. Eine mühsame Jahreszeit, diese fünfte. Fasching oder krank, das ist hier die Frage. Immerhin schafft es die Sonne schon wieder bis ins Wohnzimmer, was im Dezember und Januar nicht dran war. Die Schwäne fliegen nach wie vor in kleinen Gruppen über die kleine Stadt. Vielleicht, weil Flugzeuge jetzt selten sind. Der kleine Flughafen hat erst in den helleren Monaten wieder Betrieb.

Was für die Lungen gut ist, muß für die Knochen nicht von Vorteil sein. Rheumaklima, sagt die Goethefee, und spaziert langsam durch die Straßen und Wege von Barth und fotografiert alles, was sie nicht mag. Die abgeschnittenen alten Bäume am Borgwall, dem westlichen Weg zum Bodden, die verfallenden Gebäude und Zäune des ehemaligen Zeltplatzes, den riesigen Scherbenhaufen der ehemaligen Großgärtnerei. Aber oft, so sagt die ehemalige Inhaberin des Bioladens, sind gerade diese Brüche, das Scheitern, das Ungeliebte, die Grundlagen für etwas besonders Wertvolles und Schönes. Und, sage ich, würde all die Industrie noch funktionstüchtig sein, ob Zuckerfabrik, Großgärtnerei, Betonwerk, Werften, wäre die Stadt jetzt ein Anerkannter Erholungsort? Wer weiß, was hier in zehn oder zwanzig Jahren ist?

Ich bin wohl eine Idealistin, schaue gern die besonderen Seiten hier an. Trotz Merkwürdigkeiten wie dieser ausführliche Artikel, der die halbe Seite Eins der Ostseezeitung vor einigen Tagen einnahm, in welchem eine demnächst stattfindende Demonstration älterer Menschen in Mecklenburg-Vorpommern angekündigt wurde: Für bessere Musik bei Radio MV, für mehr Schlager! Da gehen also viele Mittsechziger mutig auf die Straße und wissen, was die bessere Musik ist. Als ich das meinen Freunden in Berlin und Potsdam erzählte, sagten sie, ach, es ist also kein Klischee… Da brennt die Lunte an allen möglichen Enden der Welt, und in MV wird für mehr Schlager im Radio demonstriert…

Oder die neueste Sorge der syrischen Mutter: Nach fast vier Monaten Wohnen in der gemieteten Plattenbauwohnung erfährt sie per Zufall, dass sie der Wohnungsbaugesellschaft Wobau über zweitausend Euro schuldet. Es hat sich niemand von der Wobau bei ihr gemeldet, sie ist wegen einer Heizungssache hingegangen. Was ist passiert? Sie hat geglaubt, das Jobcenter bezahle die Miete direkt an die Wobau. Der deutschen Sprache noch nicht mächtig kämpft sie sich durch den deutschen Behördendschungel in Barth und Ribnitz. Oft allein, denn die Wobau untersagt ihr, einen Übersetzer mit ins Beratungszimmer zu nehmen. Sie selber kann gut englisch sprechen, die Wobau nicht. Die Wobau sagt, mußte eben deutsch lernen. Was die Familie seit fast vier Monaten täglich im Kurs tut, dafür um fünf Uhr morgens aufsteht. Und ich denke, wie würden sich die Mitarbeiterinnen der Wobau anstellen, wenn sie innerhalb weniger Wochen arabisch lernen müßten, um ihre große Familie im neuen Land am Leben zu erhalten?

Aber immer gibt es auch die andere Seite. Der Bearbeiterin im Ribnitzer Jobcenter standen die Tränen darüber in den Augen, erzählte die syrische Mutter. Sie hat alles geregelt und den Betrag auf viele kommende Monate verteilt. Es gibt auch die engagierte Nachbarschaftshilfe, die sich regelmäßig mit den Flüchtlingen zu Frühstücken und zu Veranstaltungen trifft. Den Barther Bildhauer, der eine „Engel“ Ausstellung eines elfjährigen Flüchtlingskindes in der Kunstklappe unterstützt. Freiwillige, die am Valentinstag Kleiderspenden sortieren. Einen Pfarrer, der die Syrer mal eben für ein Wochenende in eine Zingster Ferienwohnung bringt, sie brauchen nur Bettwäsche mitzunehmen.

Und – Barth ist eine Stadt, in der kleine Katzen am Markt auf dem Baum wachsen und sich laut schreiend pflückfertig melden. Mehrere Menschen blieben stehen und lockten, eine june Frau holte eine Leiter, ich kletterte hinauf. Inzwischen sind die Eigentumsverhältnisse geklärt und diese entzückende Niedlichkeit von rotem Katerchen, wie die Goethefee ihn nannte, wird morgen in ein neues Zuhause abgeholt.

Und – was ich an dieser kargen Gegend wirklich mag, ist der Umstand, dass es hier anscheinend mehr glückliche Zufälle gibt als anderswo. Es gibt eben nicht so viele Orte, wo er sich verstecken kann, der Zufall. Man sieht ihn schon auf hundert Kilometer weit kommen…

Andrea Jennert