Nach Hause kommen – der letzte Teil einer Reise

April. Letzter Sonntag. Die letzten Bloggs waren im Dezember, im letzten Jahr. Fünf Monate Schweigen. Was ist passiert? Unaussprechliches?
Ich hätte etwas nicht sagen dürfen. Nicht öffentlich, als Blogg. Sagte jemand, den ich nie sah. Auf dessen Gelände ich unterrichtete. Nein, nicht sein Gelände, es war gemietet, für die syrischen Flüchtlinge. Und ich wurde des Hauses verwiesen, aufgrund meiner letzten beiden Bloggs. Weil etwas darin stand, was jeder wusste, was in den Zeitungen gestanden hatte: Dass in der Barther Jugendherberge Flüchtlinge wohnten. Und dass sie Deutschunterricht bekamen, vom Staat geschenkt, zu dem letztlich nur ein Viertel der Leute ging, weil er freiwillig war.

Das hätte ich nicht sagen dürfen, das wäre geistige Brandstiftung. Sagte der Campleiter.
Hausverbot.
Eine Eigenschaft, die ich im Norden oft vermisst habe: miteinander reden, nicht übereinander, und dann die Keule. Ziemlich genau ein Jahr nachdem mein Mann diese Erfahrung in einem ganz anderen Job im Norden gemacht hatte, ging es nun auch mir so. Ein Dejavú.
Doch der Bildungsträger hat sich stark gemacht. Im neuen Jahr dann doch wieder die Erlaubnis: Weiter unterrichten, aber kein Blogg mehr.

Ich hatte keinen Tag Zeit, diese Entscheidung zu treffen. Schreiben ist mein Leben, ich bin Schriftstellerin, ich liebe das Schreiben. Es ist Klärung, Schönheit, es öffnet, lässt fließen. Auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die warteten. Sie haben am ersten Tag meines Ausbleibens pünktlich um neun Uhr im Unterrichtsraum gesessen und allein Deutsch gelernt. Sie haben abends zusammen gesessen, Deutsch gelernt und mir ein Foto von sich und den Büchern per WhattsApp geschickt. Einige haben mich besucht und sich verabschiedet mit: Bis bald! Bis Januar mit Unterricht! Vor allem, sie haben bei der Nachricht, dass ich nicht mehr kommen würde, geweint.
Ich packte meinen Stolz und meine Lust zu schreiben in einen Karton und stellte ihn zu den anderen, die schon für den Umzug gepackt waren. Und ich ging am nächsten Tag zum Unterricht. Tränen in den Augen, irgendwie alle. Schön, dass ich wieder da war. Schön, sie alle zu sehen. Schön, weiter zu arbeiten.
„Guten Morgen! Wie geht`s? Wie gefällt Ihnen das Wetter? Gut geschlafen? Gut gefrühstückt? Was haben Sie am Wochenende gemacht?“
Es war die richtige Entscheidung. Wir haben es zu Ende gebracht. Solange bis das Camp in der Herberge aufgelöst wurde. Alle in Wohnungen oder in eine andere Herberge kamen.

Die Syrer haben sich sehr gewundert, dass es in einem Land wie Deutschland auf der einen Seite diese große Meinungsfreiheit gibt, dass jeder diesseits und jenseits des guten Geschmacks sagen kann, was er so denkt, und dass eine Deutschlehrerin, die bekannte Tatsachen benennt, den Job verliert.
Ich sagte ihnen, es ist die Angst, es gibt so viele Anschläge auf Flüchtlingsheime. Und ich sagte ihnen nicht, dass es sicher noch Gründe gegeben hat, diese Angst anzustacheln: Mißgunst, Neid. Aber wir spürten, dass es etwas gibt, das größer ist: Liebe. Je länger ich diese Gruppe, die täglich freiwillig kam, unterrichtete, je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr liebte ich sie. Jeden einzelnen. Und ich weiß, dass sie auch mich liebten. Zum Abschied ein gezeichnetes Portrait, ein gezeichnetes Herz mit meinem Namenszug. Eine Tasse mit „Be My Heart“, aus der ich jetzt Tee trinke. Ein Essen, für mich gekocht. IMAG1829Ein Dekoschriftzug LOVE, der nun im neuen Haus steht. Ein silberner Kelch, Glasvasen, eine rote Tasche…

Jeder von ihnen geht nun einen neuen Weg, in Barth, in Stralsund, in Hamburg, in anderen Städten.
Und ich in Potsdam. Ich wohne in einem schönen Haus in einer wunderschönen Stadt. In MEINER Stadt. Ich habe die Familie und die alten IMAG1880Freunde wieder. Es gibt schon neue Klavierschüler, im PC warten neue Bücher, und in der Volkshochschule warten andere Flüchtlinge…
Aber ich glaube, diese erste Gruppe war etwas Besonderes, und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Sie waren die ersten… und ich vermisse sie hier…
Was das Ankommen hier betrifft – ich bin glücklich, nach Hause zu kommen, und doch, man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Es ist wieder ein Neuanfang.

Ich sitze hier am neuen Esstisch, am Familientisch, schaue aus dem Fenster auf Potsdamer Straßen und Häuser, ins wechselvolle Aprilwetter bei 6 Grad Celsius. Und ich denke, wieIMAG1950 sieht es in Barth jetzt aus? Sind die zurückgekehrten Kraniche noch zu hören? Oder sind sie längst weiter gen Norden geflogen? Ist es jetzt kühler und die Luft feuchter dort? Gibt es Nachtfrost so wie hier? Fährt die Goethefee heute zum Strand für einen Spaziergang oder geht sie in mein Haus und gießt die letzten Pflanzen, die noch auf Abholung warten? Was macht meine Nachbarin? Was macht die nette Deutschlehrerin, die beim Flug meines Flügels über die Dächer von Barth dabei war?

Wie gehts meinen lieben Schülern (meinen! Obwohl sie längst neue Kurse besuchen!)? Und wie der syrischen Mutter und ihrer Familie? Und wie geht es der süßen Frau aus Bayern, die wegen der Liebe nach Barth kam und die eine nahe Freundin hätte werden können?

Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Zuhause. Und doch – es bleibt eine Sehnsucht nach Barth und Meer…

Es ist der letzte Sonntag im April. Es ist der letzte Boddenblogg.
Danke meinen Leserinnen und Lesern, danke den Kommentatoren, danke für euer Interesse! Ich wünsche euch alles Liebe!
Wir sehen uns wieder! Bis bald…….

……..im PotsdamBlogg

Darüber reden – sofort.

Der Knoten hat sich gelöst, und darüber bin nicht nur ich glücklich. Dachte ich gestern noch, es sei Arroganz, so weiß ich heute, es ist Unsicherheit, falsche Höflichkeit, die dafür sorgten, dass sich der Unterrichtsraum leerte.
Ich habe es angesprochen, gleich heute früh. Was ist los? Wo sind die Anderen? Warum ist der Kurs so leer? Und sie haben meinen Ärger deutlich gespürt.
Es ist ihnen zu schwer, sagte einer schüchtern. Sie verstehen es nicht. Sie können kein Englisch, sie können nicht mal die Buchstaben. Sie trauen sich nicht, das zu sagen. Und einer saß da hinten in der Bank, der immer kam, zwei Wochen lang, weil er meinen Kurs so toll findet, obwohl er nix versteht.
Da brach der ganze Ärger in mir ein. Das Gegenteil also. Nicht Arroganz. Und ich habe nicht bemerkt, dass die Hälfte sich schämte, ihr Nicht-Englisch-Können zuzugeben. Als wir redeten, in Englisch, mit arabischer Übersetzung, wurden auch ihre Gesichter schlagartig offener, vertrauensvoll, ja doch, gern viel langsamer, in zwei Gruppen, fortgeschritten und Anfänger.
Die Situation hier, sagte ich, ist für uns alle neu, für euch wie für mich, für uns Deutsche überhaupt. Viele von uns unterrichten nun, obwohl sie keine Erfahrung damit haben. Wir lernen alle neu. Und wir müssen miteinander reden, wenn etwas nicht stimmt, sagte ich, immer sofort reden. Wir können nicht gut lernen, wenn wir kein gutes Gefühl hier haben.
Alles wurde sehr freundlich ins Arabische übersetzt.
Und die erste Gruppe sagte es der zweiten in der Pause weiter, die saß schon brav auf ihren Stühlen, als ich kam, ungewöhnlich, und einer von ihnen sprach mich sofort darauf an.
Gut so.
Es war ein großartiger Tag. Wir konnten uns in die Augen sehen, und was ich sah, berührte mich. Die feuchten Augen der beiden älteren Frauen, als sie nach längerer Vorarbeit die deutschen Sätze vom Band verstanden!
Es tut mir leid.
Ich war viel zu schnell in meinem Ärger, in meinem Urteil.
Aber ich war gerade noch schnell genug im Ausräumen dieses Mißverständnisses.

Auch hier, hoffe ich.

A.Jennert

Noch ein Wunder…

Seit heute ist es also offiziell. Wir gehen zurück nach Hause. Die Stadt der Könige hat ihren neuen Tourismus-Geschäftsführer der Presse vorgestellt. Das Warten hat sich gelohnt. Sowieso. Es ist das Beste überhaupt! Nein, nicht ganz. Da ist vor einer Woche ein neues kleines Mädchen auf die Welt gekommen, mein Enkelmädchen Henni, und ich bin seitdem ganz verliebt in sie. In ihr zartes kluges Gesichtchen.. Alles Liebe für Mama, und Kind, für den Papa und den großen Bruder! Und ich freue mich, demnächst in ihrer Nähe zu wohnen, sie und ihren Bruder Nils aufwachsen zu sehen, den Kaffeetisch für die Großfamilie decken zu können…
Sogar der neue Wohnort ist schon klar, Potsdam und am Waldrand, alles ist möglich. Da fließt es also hin.

Nun hatte ich mich hier auf den Unterricht mit Flüchtlingen gefreut. Aber so sehr erfreulich ist es nach zwei Wochen nicht mehr. Der neue Deutschkurs, von der Regierung ermöglicht, für Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea, also die mit einer Aufenthaltsgestattung, noch nicht -erlaubnis, wird vom Gros der Leute in der Jugendherberge zunehmend nicht besucht. Seitdem sie spitzbekommen haben, dass der freiwillig ist, dass sie ihr Geld vom Sozialamt auch bekommen, wenn sie vormittags schlafen und nachmittags durch Barth bummeln. Dass das Sozialamt sogar zu ihnen auf den Berg kommt und die Schecks hinbringt. Überhaupt wird ihnen dort alles gebracht und gefertigt, vom Essen über die Impfungen vom Gesundheitsamt bis zum Deutschkurs und Scheck. Wenn ich mit ihnen rede, kommen merkwürdige Vorstellungen zum Vorschein. Dass die Deutschen pro Kind und Monat über vierhundert Euro vom Staat bekommen. Dass sie bald Arbeit und auch ein Auto haben werden. Dass Hitler auch seine guten Seiten hatte, denn er hätte doch VW ins Leben gerufen, für jeden ein erschwingliches Auto!
Und mich erschreckt zutiefst, dass viele, nicht alle!, das, was sie dort in der Barther Jugendherberge haben, nicht wirklich achten und schätzen können. Sie kennen die anderen Schicksale noch nicht.
Es geht, ich bin gleichzeitig frustriert und glücklich.

Die syrische Mutter sagt, es sind oft komische Leute, die jetzt kommen. Sie ist sehr froh, letzte Woche in eine neue Wohnung gezogen zu sein. Sie hat samt Familie noch zwischen den Heimbewohnern gewohnt. Die trinken abends regelmäßig Alkohol, sagt sie, und sind einfach sehr laut. Bis in die Nacht. Feiern mit Musik. Sie sagt, keiner, der aus einem Kriegsgebiet kommt, feiert jetzt so.
Und ich denke, die jungen Männer im Deutschkurs kommen jetzt aus Damaskus, jetzt aus Aleppo. Da war schon vor drei Jahren der Krieg angekommen. Und sie haben große Probleme mit der deutschen Aussprache oder mit der Rechtschreibung beim Infinitiv der Verben, wollen aber gleich die starken Verben alle durchnehmen.
Oje, denke ich, das ist wie bei Klavierschülern, die sofort Beethoven spielen wollen, ohne je Tonleitern und Fingerübungen geschrubbt zu haben. Weil die ihnen zu poplig sind.

Naja, ich lerne dazu, und ich weiß nicht, ob ich dabei sein möchte, wenn diese Leute in der hiesigen Realität ankommen. Es macht mich sehr betroffen, doch so hautnah mitzubekommen, wie es läuft, in sehr arroganter Weise auszunutzen, was hier an Hilfen und Eingliederungsmöglichkeiten geboten wird. Und selbst für einen Staat sind das keine Peanuts. Inzwischen denke ich, es geht nicht nur um unsere Freiheit hier, es geht um unsere Würde. Wir müssen niemandem etwas hinterhertragen. Und wir müssen uns nicht dafür geißeln, dass dies und jenes nicht sofort klappt. Und was nützt es, „das schaffen zu wollen“, wenn gute Unterkünfte, Fürsorge und Lernprogramme von fünfundzwanzigjährigen Arabern mit verächtlicher Handbewegung abgetan werden? Wie soll es da weitergehen? Der Druck geht nur übers Geld. Das Jobcenter macht es insofern richtig, als dass es den Leuten mit Aufenthaltsgenehmigung sofort die Bezüge streicht, wenn sie den Unterricht schwänzen.

Trotzdem gibt es auch immer die tollen Momente, das Dankesplakat, der mitgebrachte Tee oder Kaffee, die freundlichen Worte der Frauen und einzelner Männer. Das Tragen meiner Tasche zum Auto. Wie gesagt, es sind nicht alle gleich.
Vielleicht ist das Regierungsprogramm zu ehrgeizig. Es müssen nicht 320 Stunden sein.

Aber die Freude darüber, was und wohin es nun fließen darf, überstrahlt doch alles. Die Freude nach Hause zu kommen. Die Freude über die große Wertschätzung, die mein Mann nun wieder erfährt.
Auch wenn wir hier ganz tolle Menschen getroffen haben, hier war nicht sein Ort. Und meiner wohl auch nicht.

Und es ist merkwürdig und traurig, nun doch dem Bankangestellten recht zu geben. Wer zieht denn heute nach Barth?
Für ein Wochenende oder einen Urlaub jederzeit gerne!

A.Jennert

Wunder, unverhofft

Was für ein sonnig warmer Tag. Er geht zu Ende, wie auch das Jahr vergeht. Es ist dunkel geworden, und unser alter Kater, der beinahe zwanzig ist, liegt im dunklen Zimmer auf dem Bett, will nicht mehr fressen. Ohren und Nase so kühl. Traurig bin ich. Es heißt, wenn sich etwas in der Familie stark verändert, geht ein Haustier. Schon eine Weile war er mit Reisevorbereitungen beschäftigt, lag auf einem Handtuch auf den Küchenfliesen, wollte nichts mehr so richtig.
Vielleicht ist er aber auch nur krank und schafft es erneut.. Die Dinge entwickeln sich nie geradlinig, sagt der Physiker, und in diesen Wochen schon gar nicht, sage ich. Mitunter kommt einfach ein Wunder vorbei.
Wunde, Wunder.

Das Theaterstück gestern Abend hier in der Barther Boddenbühne war so ein Lichtpunkt. „Vater“, um die 80, dement, spürt zunehmend die Verdunkelung seines Gedächtnisses. Das Publikum konnte dank eines genialen Kunstgriffs des französischen Autors und Literaturprofessors Florian Zeller die Dinge aus Sicht des Kranken erleben. Wenn es, genau wie der Vater, die Tochter nicht wiedererkannte, weil eine andere Schauspielerin zum Teil übernahm. Das Stück hatte nicht nur Tiefe und eine tolle Musikauswahl als Zwischenstücke, es wurde auch mit sehr guter Besetzung gespielt. Vorpommersche Landesbühne. Unser Barther Intendant dabei. Kunstdurstig wie ein trockener Schwamm saugten die Barther das Geschehen auf der Bühne ein. Applaus. Viel.
Sowas Gutes gibt es hier. Novembertiefe.

Ursprünglich wollte ich gestern zu einer kleinen Goldhochzeitsfeier meiner Eltern nach Berlin fahren. Wegen Krankheit ausgefallen. Die bestellten Blumen hat die nette Floristin behalten, sie würde sie neu einbinden, sagte sie. Und im Theater, sitzend neben der Goethefee in ihrem hübschen wiederentdeckten Kleid, traf ich viele Bekannte, und eine sagte, ich sei doch schon so richtig angekommen in dieser kleinen Stadt.
Nun ja, das bin ich wohl.
Auch wenn das bedeutet, nicht nur freundlich gesinnte Theaterbesucher zu treffen, sondern auch Klatschobjekt und Projektionsfläche zu sein…
So trifft mein Vorhaben, Deutschkurse für Flüchtlinge zu geben, noch dazu in Barth, nicht in jedem Fall auf Gegenliebe. Da hört eine Ehrenamtlerin auf zu unterrichten. Eine andere will sich nicht die gut vorgebildeten Flüchtlinge von privaten Bildungsträgern „wegnehmen lassen“. Als gäbe es derzeit nicht genug für alle.
So viele wollen helfen, unterrichten, die VHS mit ihrer Fortbildung für uns Anfänger war mehr als voll, die Stimmung gut, Austauschen und Unterstützen, in fröhlicher Fahrgemeinschaft hin und wieder zurück, keine Angst, sagte die VHS Chefin, Sie können es nur gut machen.

Manchmal denke ich, diese erdrutschartige Situation der Flüchtlingsmassen legt neben unserer Hilf- und Machtlosigkeit auch etwas Machtvolles, Sinnstiftendes offen. Und sie fördert die tiefsten Schwächen genau wie die größten Stärken eines Jeden zutage. Eine Situation wie ein Spiegel. Auch ich muss schauen, dass ich jeden Tag neu offen bleibe, kreativ, handlungsfähig. Die eigene Unsicherheit trotzdem da sein lasse.

Im Fernsehen wechseln die Bilder immer schneller, wird jede Kameraführung immer wackliger. Ranzoomen, wegzoomen.. Mein Kopf will Klarheit, ich schalte immer öfter ab. Wichtige Informationen kommen auch so zu mir.

Der alte Kater schläft unten. Der junge ist anhänglich derzeit. Entweder liegt er neben dem alten Kater oder neben oder auf mir. Wo er sonst so ein Raufbold ist.
Die Goethefee wollte zum Kaffee vorbei kommen, meinen glutenfreien Zitronenkuchen essen, sie hat unverhofft Besuch bekommen. Ich hab geschrieben dann.
Alles anders dieser Tage.
Wunder kommen unverhofft.
Durch Seelenfenster, die offen sind.

A. Jennert

Weil es möglich ist.

Unsere Jüngste sagte gestern: „Neuerdings steh ich auf Schwarzweiß.“ Die aktuellen Modefarben sind bei der Sechzehnjährigen nun auch angekommen. Cardigans, Shirts, Hosen, Schuhe, Schals… Und der neue Trend für Erwachsene: Mandalas oder Mustermalen in Schwarzweiß. Klar, es gibt sie, die positiven Dinge in diesen Farben, das hübsche Geschenkpapier eines schwedischen Möbelhauses, die Tasten meines Pianos, die Kleidung bei klassischer Musik (Solisten ausgenommen).

Die andere Seite dieses Phänomens ist derzeit Hauptthema, ob privat oder öffentlich. Man spricht auf Partys, in der Schule, im Job, unterwegs darüber, man geht auf Demos, gehört zu den „Schwarzen“ oder den „Weißen“. Jedes Grau hat sich inzwischen auf die eine oder andere Seite geschlagen. Gegensätze, kompromißlos. Und weltweit.
In Lybien gibt es ganz offen zwei Städte mit zwei Regierungen. In Dresden gehen fünfzehntausend Demonstranten für Pegida auf die Straße, genauso viele dagegen. Waren es vor einem Jahr noch „besorgte Bürger“, sind es heute offen Rechte bis Rechtsradikale, die mit Pegida gehen und rufen „Wir sind das Volk“, was mich gruselt. Und es wundert mich schon sehr, dass es eine ganze Woche braucht, bis der Staat auf den Galgen reagiert, der letzte Woche zwischen den Demonstranten aufragte, an welchem zwei Namen auf Pappe baumelten `Reserviert für Siegmar „das Pack“ Gabriel` und `Reserviert für Angela „Mutti“ Merkel`. Gesehen und gesendet über alle Kanäle. Entsetzen und Lähmung und eine Frage, die über dem Land schwebt: Was kommt als Nächstes?
Nach einer Woche erst wird öffentlich, dass die Bundesanwaltschaft nach den Tätern fahndet. Wieso hat die Polizei da nicht sofort eingegriffen? Die Träger verhaftet? Wozu bezahlen wir monatlich unsere Steuern? Unterhalten eine Polizei, die sich unterhalten lässt, von so einem Spektakel zum Beispiel, und die im Ernstfall, und was ist sonst ein Ernstfall, versagt?
Oder ist es inzwischen so, dass das Land samt Polizei u.a. komplett unter Schock steht, unfähig, tatsächlich klug zu re(a)gieren?

Zeit für Rattenfänger wie Ehrenamtler, für Geschäftemacher und Abzocker genauso wie für Feuerwehrleute, medizinische Überstunden Leistende und die (Er)Finder neuer Wege. Ach ja, ich habe nun einen Schein vom Bundesamt in Würzburg bekommen, ich werde Deutsch unterrichten. Und mit der Sprache geistige Nahrung teilen.

Übrigens, Angela Merkel handelt wie jede gute Familienmutter handeln würde. Mut machen, stark und überzeugt nach außen auftreten, konstruktiv bleiben, nach echten Lösungen suchen, Kompromisse, neue Strukturen und neue Wege finden. Die drei größten Werte hochhalten: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Sie hat gar keine andere Option, dieser Weg ist tatsächlich alternativlos. Wie die Eltern der Kinder auf der Flucht. Man weiß nicht wirklich, wo es hingeht, was einen dort erwartet, die Hoffnung auf das Bessere nach dem Jetzt treibt an. Und das sichere Wissen: Es gibt kein Zurück!
Klar, das macht Angst. Wer keine Angst hat, ist abgestumpft oder unehrlich. Aber ist Angst hier wirklich konstruktiv? Sie bewirkt durch Adrenalin eine Mobilmachung des Körpers, die Alternativen heißen Flucht, Kampf oder Unterwerfung. Selber fliehen vor den Flüchtlingen? Kämpfen gegen zigtausende Bedürftige, die nichts mehr zu verlieren haben? Unterwerfung in Form von entsetztem, gelähmten Zusehen?

Soll „Mama Merkel“ ihre Ängste öffentlich machen? Dass sie die genauso hat, steht wohl außer Frage. Was passiert dann? Es würde alles auseinanderbrechen und der Ruf nach dem „starken Mann“ bekäme so viel Energie, dass das Land an der Stelle landen würde, wo es schon mal war. Die alte Generation weiß es noch, aber sie stirbt aus…
Meine Zuversicht ist mein Glaube an den Ausgleich aller Kräfte. Je radikaler die „schwarze“ Seite auftritt, desto stärker wird auch die „weiße“ Seite sichtbar. Das Heer der Helfer und Ehrenamtler (und es ist kein Zufall, dass auch die Worte inzwischen militärisch werden) formiert sich wie von selber. Es kümmert sich um Flüchtlinge wie um Deutsche. Ob bei der Feuerwehr, im Hospiz, beim Deutschunterricht, bei der Ämterbegleitung oder beim Aufnehmen von Fremden in die eigene Familie. Bei unbezahlten Einsätzen in Psychologie und Koordination, innerhalb und außerhalb der Ämter. Und immerhin: die SPD hat der Landesmutter bereits Asyl angeboten…

Mutig ist, wer trotz Angst neue Wege sucht, der Verzweiflung nicht erlaubt überhand zu nehmen, zuversichtlich bleibt, an einen guten Ausgang glaubt. Mutig ist, wer sich auf historisch völlig Neues einlässt.
Die Flüchtlinge verändern unser Land, aber wir verändern auch die Flüchtlinge.
Kinder, die Angst haben, brauchen eine Hand, eine Verbindung zur Sicherheit, das Gefühl, gesehen zu werden. Erwachsene brauchen dieselben Verbindungen, brauchen materielle Sicherheiten, ein Dach über dem Kopf, Ausblick auf Zukunft. Was aber, wenn genau das hier vernachlässigt wurde? Die Ängste sind schon lange da. Was jetzt hochkommt, ist nicht neu, ist neuerdings nur krass sichtbar.
Große Angst schaltet das Denken ab, schwächt das Immunsystem, stoppt Verdauung und Sex. Lange geht das nicht. Ich brauche bei Angst eine Hand, die meine festhält, bin ich dann noch wählerisch…?

In Köln wurde die Oberbürgermeister-Kandidatin mit einer Messerattacke schwer verletzt. Und dann erst recht gewählt.
In Marburg gibt es vierzig syrische StudentInnen, die von ihrem eigenen Geld eintausend rote Rosen gekauft, sich damit in die Fußgängerzone gestellt und die Rosen an die deutschen Passanten verschenkt haben. Als Dankeschön für die freundliche Aufnahme in diesem Land, in dieser Stadt, als Dank für all die Unterstützung, fürs Lernendürfen, für eine friedliche Zukunft.

Schwarzweiß geht als Muster, als Klaviatur, als Chorkleidung, als Kontrast. Zwischen Menschen sind Farben, Klänge, Blumen, gute Berührungen nötig, in allen Facetten.
Weil es möglich ist.

Andrea Jennert

Nur noch das Herz..

Während hier in Barth der Tag des offenen Denkmals stattfand, wurde in Berlin beschlossen, bestimmte Grenzen zu schließen.

Während im Eingang der Kirche die Gesangbücher zum Gottesdienst von einer jungen syrischen Muslimin ausgegeben wurden – sie kommt jeden Sonntag den weiten Weg her gelaufen – bekommen die Flüchtlingsmassen in den südeuropäischen Lagern Wasserflaschen und Essen ins Gedränge geworfen wie bei einer Meute hungriger Hunde.

Während sich Vertreter der Partnerkirchen aus aller Welt in Mecklenburg Vorpommern treffen und zu verschiedenen Gottesdiensten gehen – heute waren Gäste aus Indien und Estland hier – um näher zusammenarbeiten zu können, werden Polizisten aus ganz Deutschland abgezogen, sogar aus dem derzeitigen Hamburger Krisengebiet, und nach Süddeutschland gebracht, um die Grenze zu Österreich zu sichern.

Während in der Barther Marienkirche der Buchdruck der Jahrhunderte alten Bücher nacherlebbar gemacht wurde, während in den gläsern abgetrennten Bibliotheksraum innerhalb der Kirche nicht mehr als fünf Menschen gleichzeitig Zutritt haben, damit die Bücherschätze in angemessener Feuchtigkeit gelagert bleiben, sind Millionen Menschen ohne Dokumente unterwegs Richtung Nordeuropa, auf engstem Raum, in Lagern, Zügen, Lastern, Bussen, Taxis, zu Fuß, ohne Duschen, mit wenig Kleidung, Essen, Trinken, ohne Sicherheiten, vor allem: ohne Stille.

Ein wunderbarer Tag aus Nähe, Glauben, guter Nachricht – die junge Iranerin, die seit mehr als einem Jahr auf eine Antwort der Behörden wartete, bekam vor zwei Tagen den Bescheid, dass sie bleiben darf – ein Tag mit Musik, dem herrlichen Bläserchor, dem Barther Altorganisten, mit Singen, ein Tag der offenen Häuser, der offenen Vorträge in Kirche, Stadt, Garten, Museum, des offenen Umgangs mit Religionen. Ein Tag, an dem woanders die Tore wegen Überforderung und Überfüllung geschlossen wurden.

Die Regierung ist nicht Jesus, der die Fünftausende mit ein paar Broten und Fischen speisen kann.

Einer der sieben Syrer, die im August nach Barth kamen, hat schon einen vollen Job in Zingst. Verdient sein eigenes Brot.

Ich habe beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Zulassung fürs Erteilen von Deutschkursen in der VHS gestellt. Die Vorschriften hätten sich gelockert, sagte die VHS-Chefin, es braucht keinen Abschluß für Deutsch als Fremdsprache mehr, es genügt, in der Erwachsenenbildung gearbeitet zu haben. Immerhin habe ich mal ein Diplom als Musik- und Deutschlehrerin gemacht. Und einen Abschluss als Klavierlehrerin. Doch weder dies noch meine fünfjährige Arbeit am Gymnasium waren bisher ausreichend für die Volkshochschule. Die Flüchtlinge werden oft von Nicht-Muttersprachlern unterrichtet.

Ehrenamtlich kann ich natürlich sofort…

Nach einer Woche ein Brief, maschinell erstellt, es wird mindestens sechs Wochen dauern, bis ich Nachricht bekomme, ob ich in der VHS bezahlten Unterricht mit Zertifikaten für Flüchtlinge geben kann.

Die syrische Mutter sagte, alle Syrer glauben, Frau Merkel hat einen Plan, in Deutschland ist alles vorbereitet, perfekt organisiert, sonst würde die Regierungschefin doch nicht …..

Nein, sagte ich ihr, es gibt keinen Plan. Es gibt die Not der Flüchtlinge, und ein Plan muss erst entstehen jetzt.

Das ist verrückt, sagte sie erschrocken.

Deutschland hat den Verstand verloren, sagt der Engländer, man reagiert hier nur noch mit dem Herzen! Und das war als Kritik gemeint…

Das ist die schönste Kritik, die Deutschland je bekommen hat: Nur noch das Herz.

 

Andrea Jennert

Willkommen. Lächeln.

Seit längerer Zeit schon frage ich mich, wieviel die Erhitzung der menschlichen Gemüter mit der Klimaerwärmung zu tun hat. Der menschliche Instinkt ist immerhin soweit intakt, dass viele den Sommer über gespürt haben: Da braut sich was zusammen.

Das Klimaphänomen heißt El Nino, gesprochen El Ninjo, mit einer Welle überm n. Es geht um Temperaturunterschiede im Pazifik, die weltweit Folgen für das Wetter haben. In Kalifornien können sie es kaum erwarten, da würde er für mehr Regen sorgen. In Peru dagegen könnte er die Sardinen-Saison zum Erliegen bringen. Bei zu warmem Wasser bleiben die Fischschwärme aus. In Asien gibt es Trockenheit und Hitze. In Indonesien brannten beim El Nino 1997-98 großflächig die Regenwälder. Der Name stammt von peruanischen Fischern, die seit langem beobachtet haben, dass, wenn die Temperaturen des Pazifik in einer bestimmten Region vor Südamerika drei Monate lang mehr als 0,5 Grad über dem Durchschnitt liegen, dies weltweit Folgen für das Wetter hat.

Und nicht nur Psychologen oder Neurologen wissen, dass Druckveränderungen in der Atmosphäre unmittelbare Auswirkungen auf unser Dasein hat. Auf unsere Laune, unsere Kräfte, unsere Nerven, unser Schmerzempfinden. Inzwischen haben Forscher des Earth Institutes von Jeffrey Sachs, Columbia Universität New York, schon mal einen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und El Nino- Jahren ermittelt. Bei einer statistischen Wetterdaten- und Konflikt-Auswertung beim südsudanesischen Unabhängigkeitskrieg zum Beispiel stiegen die Bürgerkriegsrisiken in El Nino-Jahren in Prozent messbar an.

Der aktuelle El Nino kündigt sich bereits seit Juli an, wo die Temperaturen des Pazifik an der Meßstelle bereits bei einem Grad über dem Durchschnittswert lagen. Bis Dezember werden die Temperaturen auf der Südhalbkugel noch steigen.

Reisbauern in Asien rechnen mit einem Ernteeinsturz von über 43 Prozent. Die Nahrungsmittelindustrie ist alarmiert.

Ich versuche meine Hilflosigkeit gar nicht erst zu fühlen und sage mir, ich esse eh lieber Kartoffeln.

Wie genau die Beeinflussung von Wetterphänomenen und menschlicher Spezies vonstatten geht, können weder die Forscher noch die Fischer sagen. Aber ich denke, es ist auch alles eine Sache von Gegenseitigkeit. Dunkle Wolken, eine hitzige Atmosphäre, Spannung in der Luft, es kann draußen sein, sich über Kontinente spannen, es kann auch im Zimmer stattfinden, in öffentlichen Sälen, in Ländern, da schützen auch keine Zäune mit Stacheldraht. Wir sind nur eine Welt.

Die Folgen von Klimaphänomenen sind sofort zu spüren. In Tagen, Wochen, Monaten. Die von Kolonialisierung, Menschenverachtung, Habgier, Machtwahn usw brauchen etwas länger. Wie ich hörte, stand vor hundert Jahren in den deutschen Schulbüchern, der „Neger“ sei „ein sprechender Affe“. Und hundert Jahre sind noch keine so große Distanz für etwaige Folgen.

Nicht nur Länder und Kontinente hängen miteinander zusammen, auch Zeiten. So wirkt der Zustrom von dieser derzeitigen Flüchtlingslawine nach Deutschland wie ein großes Wundenaufreißen für die noch lebende Kriegskinder-Generation, die oft selber vor siebzig Jahren geflohen sind, oder meine Generation, von der vor dreißig Jahren viele geflüchtet, ausgereist, abgehauen, in die Prager Botschaft gegangen sind. Ihnen sitzt der Schock noch immer in den Knochen, in allen Zellen.. Und auch die Nichtgeflohenen, die als Dreijährige bei Bombenalarm in irgendeinem finsteren kalten Keller saßen, die Angst aus der Atmosphäre inhalierten, sind wie erstarrt beim Anblick der Bilder von Massentrecks, die sich Richtung Deutschland schieben. Manche können weinen. Oder helfen. Bahnhöfe voller Gaben für die Ankommenden, die Durchgekommenen. Bei manchen geht nur der Hass..

In Physik haben wir einmal gelernt, keine Energie geht verloren, sie kann nur umgewandelt werden. Darin liegt die Chance. Die zu uns kommen, werden uns verändern, starre Systeme aufbrechen, unser Herz aufrühren, mit nichts als ihrem nackten Leben. Und es liegt an uns in ganz Europa und darüber hinaus, für welchen Wert wir uns entscheiden, für das goldene Kalb oder das lebendige Herz. Unsere Werte stehen auf dem Prüfstein.

Und wir werden die Ankommenden verändern, mit unserer Kultur, unserer noch unvollkommenen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die aber so manchen Kulturen um einiges voraus ist.

Die syrische Mutter sagte mir, ihre Landsleute verehren unsere Kanzlerin, sie sagen Mama Merkel zu ihr, und dass eine einzige deutsche Frau etwas schafft, was so viele arabische Männer nicht zuwege bringen.

Wir sind nicht hilflos. Für ein gutes Klima kann jeder etwas tun. Das Zeitalter der Frauen kann so beginnen: Lächeln. Willkommen!

Andrea Jennert

Aber das Herz…..

Gleich mehrfach fließen Ströme an die Küste. Urlauber, Feriengäste einerseits, die auch direkt in die Küstenorte mit ihren Autos fahren, und Flüchtlinge, Asylbewerber andererseits, die aus den Erstlagern mit Bussen im ganzen Land verteilt werden. Auch nach Barth, Tribsees, Stralsund, Ribnitz-Damgarten. Das zunehmende Drama mit den Flüchtlingen greift immer mehr ins tägliche Leben ein.

Was ich gesehen habe: Chaos. Hilflosigkeit. Auf Seiten der Ämter genauso wie auf Seiten der Fremden. Mir ist dabei die Sprache der Ämter oft fremder als die Blicke und Gesten der Ankommenden…

Bevor ich das wußte, hatte ich die Idee, ein paar Stunden in der Woche zu helfen, wo es nötig ist. Mit den Flüchtlingen ein paar Behördengänge machen, bei Anmeldungen in Kita, Schule, Krankenkasse, Jobcenter behilflich sein, man ist doch gern ein Gutmensch. Und jemand, der wie ich, Probleme mit dem Ankommen hat, kann sich auch emotional gut hineinversetzen. Warum nicht über die syrische Mutter und ihre Familie hinaus, warum nicht für mehrere? Da scheint es schon Trägerorganisationen und Strukturen zu geben, Honorar ist mir angenehm, also ran…

Ich sage es gleich, es gibt sie nicht wirklich, die Strukturen. Sonst hätte ich nicht plötzlich in einer Situation gestanden, in der ich „nur acht syrische Flüchtlinge, noch ohne Aufenthaltsstatus, vom Bus in Empfang nehmen und in eine Wohnung bringen“ sollte. Dieser kleine Satz und mein Ja dazu kostete mich dreieinhalb Tage Arbeit, ohne dass mir jemand sagen konnte, wer zuständig ist, wer die Verantwortung trägt, an wen sich die Leute in Krankheits- und anderen Notfällen wenden könnten.

Die Organisation arbeitet mit dem Jobcenter zusammen, kommt also erst mit einem Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge zum Einsatz. Sie hat es nur vermittelt. Die Sozialarbeiter im hiesigen Flüchtlingswohnheim meinten, sie seien nicht zuständig, die Leute seien ja separat untergebracht. Das Sozialamt war erstens weit weg, hatte zweitens Öffnungs- und Schließzeiten und war drittens nur für die Geldschecks und Krankenscheinausgabe zuständig.

Da saß ich also, hatte eine Menge Telefonate am Hals mit Jugendamt, Sozialamt, Ausländeramt, zwei Dolmetschern, Wohnungsbaugenossenschaft, Jugendnothilfe, Polizei, eine Wohnungsübergabe samt Klopapier u.Ä. kaufen, fünf Stunden in der Wohnung auf den Bus mit den Menschen warten, alle einweisen in die technischen Geräte wie Herd, Kühlschrank, Waschmaschine, den einen Minderjährigen der Polizei übergeben, weil er zur Jugendnothilfe nach Stralsund gebracht werden sollte, den Weg zum Supermarkt zeigen, am nächsten Werktag mit allen nach Stralsund zum Ausländeramt, Sozialamt, zur Sparkasse fahren, wobei ich das Fahrgeld auszulegen hätte, so die Mitarbeiterin des Sozialamtes.

Am Ende des Tages hatte ich die Krankenscheine der sieben Leute in meiner Tasche – die sollte ich ihnen auch nicht aushändigen, da sonst sofort alle zu den Ärzten laufen würden – und Anmeldungen für die Rundfunkgebühr der Wohnungen. Es wollten auch sofort welche von ihnen zum Zahnarzt, was nicht einfach war, weil dafür ein Extraschein benötigt wird.

Drei von ihnen sind sechs Wochen lang von Syrien über vier hohe Berge zu Fuß nach Deutschland gelaufen, wobei die teuerste Strecke die durch Serbien gewesen sei, wo sie sich alle Nase lang den Weg freikaufen mußten. Sie erzählten, dass sie eine hohe vierstellige Eurosumme in diesem Land gelassen hätten, um nicht im Gefängnis zu landen.

Da die meisten nur hatten, was sie am Leibe trugen, organisierte ich für den nächste Morgen die Öffnung der Kleiderkammer und deren Besuch. Ach ja, die Briefkastenbeschriftung. Gottseidank hab ich dran gedacht; nach zwei Tagen lag ein Brief aus dem Bundesamt für Migration, Außenstelle Nostorf / Horst darin, den sprachlich natürlich keiner verstand… Eine Vorladung des einen, am übernächsten Tag um 9.30 Uhr. Er wolle schon am nächsten Tag fahren, sagte er, die 60€‚¬ Zuggeld mußte er vorstrecken, und im Wald schlafen, damit er pünktlich sein kann.

Als die Fahrkarte gekauft war, mein Mann einen Schlafsack samt Zelt herausgesucht hatte, hieß es kurz vor Abfahrt dann doch AprilApril, der Termin wurde verschoben…

Ich mußte an das alte Flüchtlingsdrama-  „Angst essen Seele auf“ denken. Ist mindestens dreißig Jahre her… Oder an manche Rentner, die vor siebzig Jahren selbst fliehen mußten, und die nun mit Betreuung, Anziehsachen oder Deutschunterricht helfen.

Der Job für ein paar Wochenstunden war plötzlich ein Ehrenamt rund um die Uhr. Das dramatische Chaos um die Asylbewerber auf der einen, die überforderte Bürokratie auf der anderen Seite, an der Schnittstelle ich.

Mein Knoten löste sich bei der netten Leiterin des Asylbewerberheimes hier in Barth. Obwohl auch sie nicht zuständig war, nahm sie mir die Krankenscheine ab, besorgte die Zahnarztscheine, kümmerte sich um die Zugverbindungen des Vorgeladenen und sagte, auch die Anderen können zu ihr kommen, wenn es Probleme gibt… Und das, obwohl sie mit ein paar Mitarbeitern und Helfern gerade ein Chaos beseitigt hatte: Eine serbische Familie, die zwecks Abschiebung auf dem Weg zum Flughafen war, hatte einen Dreckstall hinterlassen. Sechs kleine Kinder, die generell und wochenlang unten ohne in der Wohnung herumliefen, alles fallenließen, was kam, Dreck in der Küche, im Bad… Alle Möbel hätte sie auf den Sperrmüll schmeißen und alle Zimmer desinfizieren und neu bestücken müssen, sagte sie. Woraufhin nun der Anruf der Ausländerbehörde gekommen sei: Suprise, liebe Frau! Die Familie kommt zurück, da hat was mit den Papieren nicht gestimmt, sie werden erst in ein paar Wochen wieder abgeholt! Ach ja, sagte sie, Schulden im Wert von mehreren tausend Euro hätten sie auch gemacht. Die vielen Pakete der Online-Versandhäuser hätten sich bei ihr im Büro gestapelt…

Seitdem sehe ich, dass täglich mehr Sendungen über das Thema Flüchtlinge im Fernsehen laufen, Dokumentarfilme, Nachrichtensendungen, Interviews, Fragen zur Gleichbehandlung von Serben und Syrern beispielsweise. An den oberen grünen Tischen beginnt man jetzt über neue Wege und Lösungen nachzudenken. Ach, denke ich, jetzt schon? Was war das bisher? Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die dafür neu gegründeten Vereine, die rüstigen Rentner innerhalb und außerhalb der Kirchen usw. würde doch schon alles zusammengebrochen sein. Aber die Freiwilligen schaffen es nicht mehr, Helfenwollen allein reicht nicht, es braucht dringend Strukturen, neue Stellen, Verantwortlichkeiten, Verantwortung …

Als ich den Syrern sagte, dass die meisten deutschen Helfer ohne Geld arbeiten, wollten sie es mir lange nicht glauben. Germany ist reiches Land! sagen sie. Warum hier arbeiten ohne Geld?

Und sie schütteln verwundert den Kopf, verstehen das Land nicht, das ihnen doch sofort, wenn sie ins Auffanglager kommen, einen Ausweis und Taschengeld gibt, später Sozialhilfe usw. Sie haben ihre Vorstellungen von diesem Land, das so groß und so reich ist. Und da passen so einige Dinge eben nicht rein: Menschen, die über ihnen im Plattenbau wohnen, laut grölen, Flaschen und Kippen vom Balkon schmeißen, oder Leute, die keinen Job und genau solch kleine Wohnungen und wenig Geld wie sie selber haben, oder eben Leute, die in Kleiderkammern arbeiten oder Flüchtlinge in ihrem privaten Auto nach Stralsund oder Ribnitz zu den Ämtern fahren, und das aus reiner Nächstenliebe, ohne zu wissen, dass es dafür mal eine Honorarmöglichkeit geben könnte.

Während vor meinem Fenster die Menschen quer über den Markt in Richtung Hafenfest laufen, das jedes Jahr im Sommer stattfindet, mit Essen Trinken Rummel Tanz und Riesenfeuerwerk, ein paar Meter weiter im Theatergarten mehrmals in der Woche „Die vier Musketiere“ auftreten, mit kleinen Kämpfen und ebenfalls Gesang und Tanz, während die nächste Hitzewelle schon auf der Isobarenkarte sichtbar ist und die Straßen und Strände füllen wird, sehe ich gleichzeitig Menschen nach Deutschland strömen, zu Fuß, auf Schlauchbooten, in geschlossenen Lastern, in Zügen, Autos. So viele, die nicht ankommen. So viele, die ankommen.

Der Kopf sagt angesichts dieser Gegensätze vielleicht, mein Gott, ganz schön krass,…

…aber das Herz …..

„Liebe ist die Essenz des Himmels“, sagt der amerikanische Arzt und Nahtodforscher Dr. Eben Alexander.

Wie aber gelingt es mir, das Ganze mit Liebe anzuschauen?

Andrea Jennert

Starke Kurzsichtigkeit

Sommer also! Wäre der Kalender nicht, ich wäre nicht drauf gekommen. Einstellige Temperaturen am Morgen, tagsüber vielleicht 14 Grad. In Südindien starben tausende an der Hitze, hier wird es nicht einmal mehr warm. Großer Gewinner ist die Natur, die Pflanzen explodieren förmlich, der Rasen ist quietschgrün.

In den Werbeflyern der Kirche war am Samstag Abend eigentlich das Eröffnungskonzert des Barther Orgelsommers angezeigt. Nach der fertigen Planung, nach dem Drucken, nach Monaten also, kam der NDR und setzte die Eröffnung seiner Sommertour am Barther Hafen darauf.  Mit Tomatenwette und Zugpferd Jan Josef Liefers, allen als kruder Kommissar des sonntäglichen „Tatort“ aus dem Fernsehen bekannt, samt seiner Band „Radio Dorea“. Also umschichten, neue Plakate, neuer Termin einen Tag später. Das große Spektakel mit mehreren Tausend Besuchern und seinem Star Liefers, der am Samstag tatsächlich auch eine Stunde seinen Auftritt hatte, von 23 bis 24 Uhr, hat der kleinen kulturvollen Veranstaltung so ziemlich das Wasser abgegraben. In der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorhanden. Die Ostseezeitung hat nach einer frühen Erwähnung weder kurz vorher noch am Tag selber noch im Nachhinein dieses schöne Ereignis für würdig befunden, Eingang in den schwarzweißen Druck zu finden. Was mehr als schade ist, denn es war großartig, was die Kantorin Bettina Wißner da auf die Beine gestellt hat: Mendelssohns unvollendetes Oratorium „Christus“ und Mozarts „Missa in C“ wurden vom Barther Singkreis, dem Orchester „Sinfonietta“ aus Lübeck und einem japanischen Solo-Tenor mit Gänsehaut-Effekt geboten. Das hätte weit mehr Zuhörer verdient.

Aber die Nordtour kam und „Christus“ mußte weichen.

Auch die Kantorin wird gehen, es war ihr letztes Konzert mit dem Singkreis. Nach der Musical-Aufführung mit dem Kinderchor am kommenden Samstag  wird sie zu packen beginnen. Zweieinhalb Jahre Barth sind für die Neununddreißigjährige genug, nun zieht sie weiter nach Süden.

Schade für Barth. Gute Leute haben es hier schwer mit dem Bleiben. So sie nicht gebürtige Nordlichter sind, hierher geheiratet haben, Urlauber oder/ und im Rentenalter sind und ihre letzten Jahre in guter Luft verbringen wollen. Mit Geld herkommen und es hierlassen – geht immer. Hier Geld verdienen wollen ist ein schwierig Ding. Neuerungen haben es in dieser windig-stürmischen Gegend schwer. Alles dauert zwanzig Jahre länger als woanders, bis es hier ankommt, wurde mir gesagt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es sind fünfzig.

Immerhin wurde die Hochstapler-Lehrerin, die in Schleswig-Holstein ziemlich bald vor die Tür gesetzt wurde, hier in McPomm doch schon nach zwanzig Jahren entlarvt. Aber was soll man erwarten von einem Land, in welchem Mopeds der Marke „Simson“ geklaut werden, indem gleich der Baum abgesägt wird, an dem das Teil angeschlossen war?

Selbst Einheimische, die Strukturen mit aufgebaut, sich engagiert haben, werden weggebissen, wenn sie weiter über den Tellerrand gucken.

Schade, wie gesagt. Aber es paßt zu meinem widersprüchlichen Gefühl, das ich so oft hier habe. Gerade noch freue ich mich an der Idylle, am Licht, am Sonnenstrand, an den rosa-violett-hellblau-goldenen Wolkengebilden, wenn die Sonne gen Westen sinkt, an den singenden Amseln und kreischenden Möwen, an neuen Freunden, netten Menschen, schon beutelt mich wieder die Fassungslosigkeit bei Zeitungsmeldungen wie „Prerow schlittert gerade am Ruin vorbei“. Als presseinteressierte Urlauberin würde ich mich glatt fragen: Was, verdammt, machen die eigentlich hier mit meinem Geld?-  Und ich würde es denkwürdig finden, wenn ich lese, dass weder Prerow noch Ahrenshoop usw verstehen, warum sie auch für Marlow mit seinem Vogelpark beispielsweise mitwerben sollen. Die Perlen im Hinterland sind doch nicht weniger wertvoll und gehörten in meiner Wahrnehmung mit zur Kette.

Aber ich bin keine Urlauberin, und wollte ich hier länger bleiben, müßte ich mir das ständige Kopfschütteln womöglich abgewöhnen. Und dann bräuchte ich wahrscheinlich eine neue Brille für eine plötzlich auftretende starke Kurzsichtigkeit.

 

A.Jennert

Sehnsucht und Meer

Der Frühling ist hier lange kalt in diesem Jahr. Die Bäume haben sich Zeit gelassen mit blühen und grünen. Stiefmütterchen und Hornveilchen stehen auf dem Markt in den Kübeln oder auf Fensterbänken. Am Strand vorne pfeift kalter Wind.

Ich frage mich, was es auf sich hat mit dem Ans-Meer-Ziehen-Wollen. Was steckt dahinter? Auch Gregor Gysi sagte im Barther Theater: Wenn ich mal aus Berlin wegziehe, dann ans Meer.

Ja, und dann? Spazierengehen am Strand wird mit der Zeit seltener. Und im Sommer verliert man vollständig die Lust daran, wenn Urlauber den Strand bis an den letzten Quadratmeter füllen. Die gute Luft? Für die Bronchien ja, für die Knochen auf Dauer nein. Jedenfalls nicht für Ungeübte. Das geträumte Segelboot?

Letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht. Und die sieht bei jedem anders aus. Bei meinem Mann war es, glaube ich, die Freiheit. Die eigenen Kräfte zu spüren, ob beim Segeln oder im Job, und damit etwas zu bewirken. Vielleicht auch: frei zu werden von sehr alten Konditionierungen.

Wir alle tragen unsere Prägungen in uns. Was unsere Eltern uns mitgegeben haben, war immer beides, förderlich UND hinderlich. Auf die Verhältnisse kommt es an. Und darauf, was wir daraus machen.

Was war die Sehnsucht für mich? Warum wollte ich ans Meer, an den Bodden, nach Barth? Die Liebe? Mit Mann, mit der jüngsten Tochter, mit weniger Arbeit, dafür mehr Zeit für die Berufung? Ja, so in etwa. Die Liebe in größerem Umfang, in vielen Facetten.

Und jetzt? Es gibt irgendwie kein Ankommen hier. Die tiefen Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt, sie sind noch immer da. Es war eine Illusion zu glauben, sie würden sich allein durch die Nähe zum Meer erfüllen.

Statt dessen: Kalter Frühling, ständig wechselnde Winde, die nicht nur das Wetter betreffen. Klar, es ist sehr schön hier. Vögel, die einen in den Tag zwitschern, Meeresrauschen oder stillere Boddengewässer mit Schwänen, Gänsen, Kranichen, die einzelne Amsel, die oft am Ende des Dachfirstes auf dem unbewohnten Haus nebenan sitzt und die ganze Altstadt beflötet. Fotomotive wohin man schaut, Licht, Farben, der Geruch des Wassers.

Und irgendetwas schwingt in der Luft dieser Gegend, das so kühl daherkommt, aber einen letztlich irgendwie unbemerkt einsaugt und nicht mehr gehenlassen will. Zusammen mit den Menschen, die nach anfänglicher Reserviertheit und längerer Kennenlernzeit einfach nur herzlich sind.

Vielleicht ist der Grund dieses Schrittes ans Meer zu ziehen, der, den wahren Namen der Sehnsucht herauszufinden. Vielleicht nach dem Ausschlußverfahren: Das Meer selber ist es schon mal nicht. Das Segelboot auch nicht. Der Job nicht und der Job meines Mannes erst recht nicht. Bleibt die Liebe mit ihren vielen Gesichtern, Partner, Kinder, Freunde, Berufung, und: ihr Gegenstück. Die Angst. Das ist gar nicht der Hass, wie ich lange glaubte, es ist die Angst. Je größer sie wird, desto kleiner wird die Liebe.

Gut, dass es genauso auch umgekehrt funktioniert.

Und ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte. Der Goethefee zum Beispiel, dem Fotokünstler, dem alten Schäfer samt DDR-Fahrrad und jungem Schäferhund, den Pfarrersleuten, der Psychologin, dem Autorenclub, der Caféinhaberin, der syrischen Familie, dem Theaterintendanten, der Schulsekretärin und ihrem Mann, dem Museumsdirektor, dem jungen Bürgermeister, meinen Klavierschülern und ihren freundlichen Eltern. Oder dem ewigen Wanderer, der seit dreizehn Jahren seinen Miniplanwagen an einer riesigen Bauchkette hinter sich durch die Lande zieht. Am Karren sind Kinderhandabdrücke zu sehen. Und die Forderung nach härteren Strafen für sexuellen Mißbrauch von Kindern. Er findet keine Ruhe mehr, läßt Bürgermeister und bekannte Persönlichkeiten unterschreiben, sammelt solche Amtsbriefe in Plastikmappen. Nachts schläft er im Karren. Die schönen hellblauen Augen im schmutzigen behaarten Gesicht irren am Tage umher.-  Wo will er hin? Welche Sehnsucht ist seine?

Oder ist es gar nicht vorgesehen, dass wir den Namen unserer Sehnsucht überhaupt erfahren?-  Die Aufgabe des Künstlers ist es, nach Hermann Hesse, nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern die Sehnsucht zu wecken. Sie macht uns lebendig, empfänglich.

Und so würde ich immer wieder zu Konzerten wie dem gestrigen hier in Barth im neuen „42 und …“ in der Langen Straße gehen, wo Irina, die Heilerin, mit zärtlicher, heller Stimme mir in die Seele sang. Wenn ich die Augen mal offen hielt, trotz der Tränen, sah ich eine Schönheit in den Gesichtern der Zuhörer, die nur durch die Art Lauschen entsteht, welche die tiefste Sehnsucht in uns trifft und

offen legt.

A.Jennert