Ich möchte glauben…

Wenn überhaupt noch jemand redet, dann über die Hitze. Kaum noch Schmetterlinge zu sehen. Die Zeit scheint irgendwie ausgehebelt zu sein oder wird in Celsius gemessen, sagt die Goethefee. Im Fernsehen stundenlange Beiträge über Klimawandel. Über die Veränderung des Jetstream. Über Dieselfahrverbote und die neue Generation von Elektroautos. Mal abgesehen davon, dass ich im Moment noch auf Römö sitze, einen angenehmen Sommer mit 24 Grad genieße, zum ersten Mal in der 22 Grad warmen Nordsee bade wie im Potsdamer Binnensee, den großen Waldbrand von Fichtenwalde nur über die Medien verfolgt habe, frage ich mich doch, ob alle relevanten Punkte in dieser Diskussion klargelegt und berücksichtigt wurden? Hier am Himmel kaum Flugzeuge. Global gehen aber die Zahlen des zivilen Luftverkehrs seit Jahren in die Höhe. Tut das gar nichts zur Sache? Was ist mit den Schiffen? Den Militärs? Soll dem Ganzen mit Dieselfahrverbot in drei Straßen pro Stadt begegnet werden?

Was ist die Klimabilanz eines einzigen Klimagipfels im Vergleich zu dessen Ergebnis?

Ach ja, Geo-Engineering. Hab mal im Netz nachgelesen. Was sagt die Bundesregierung dazu? Worüber wird denn hier ernsthaft diskutiert? Dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden kann?

Vom Umweltbundesamt gibt es eine Publikation: „Geo-Engeneering – wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn?“ Seit einiger Zeit werden in den Medien Vorschläge diskutiert, wie dem Klimawandel durch großtechnische Eingriffe in die globalen ökologischen Abläufe entgegen zu wirken sei. Es geht ums Einbringen von Partikeln in die Atmosphäre und um Spiegel im All, um Düngung der Ozeane mit Eisenpartikeln (was ein US-Unternehmen auf eigene Faust auch ohne Genehmigungen und gegen Proteste der Umweltschützer vor der kanadischen Küste tat), das Herausziehen von Klimagasen aus der Luft und vieles mehr.

„Noch völlig am Anfang steht die Debatte darüber,  wie Geo-Engineering reguliert werden müsste.“ schreibt der Tagesspiegel am 2.7.2018.

Das bedeutet aber, es wird bereits getan. Jetzt in Plänen, als Tests, als Projekte, und es wird etwas später generell reguliert. Und da hilft es auch nicht, dass das Ozeandüngen bereits mißglückt ist, weil sich fresslustige Krebstiere am neuen reichlichen Futter erfreuen, oder dass die Grünen eine Anfrage an die Bundesregierung starten und wissen wollen, wie genau die Bundesregierung zum Geo-Engineering steht.

Wer spielt denn da Gott? Sind diese Großtechniken die einzige Antwort auf all unsere laufenden Umwelt- (und Sozial-) Sünden? Allein dass dieses gedacht, erforscht, geplant, diskutiert und getestet wird…  Was genau soll dabei herauskommen? Dass wir alle so weitermachen können wie bisher? Noch mehr Flieger, Autos, Staus, Plastik, Müll, Mikro- und andere Wellen (oh, ich schweife ab…) und dann kommt irgend so eine globale Spritze, in den Himmel, in die Meere, in die Landschaften, und alles ist gut, weil kompensiert?

Der Mensch denkt kurzfristig, weil ihm das näher liegt. Er wird vielleicht achtzig Jahre alt und überblickt schon diesen Zeitraum kaum.  Er denkt nicht darüber nach, dass der eigene Körper mitunter zwanzig Jahre braucht, bis er auf alte Sünden reagiert, weil kompensieren nicht mehr klappt. Er denkt und reagiert in Projekten und Geschäftsmodellen.

In welchen Zeiträumen reagiert die Erde? Und wie überhaupt? Wer kann von sich sagen, dass er in der Lage ist, die Risiken zu kalkulieren?

Es gibt den Spruch, dass sich das Wetter in Indien ändert, wenn hier ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt. Die waren letztes Jahr samt ihrer Mitinsekten auch schon zu 75 Prozent nicht mehr da…

Immerhin, ich seh noch manchmal Schmetterlinge. Zu Hause haben wir Schmetterlingssträucher gepflanzt, die unsere Tochter jetzt gießt. Hier auf Römö laufen die Rehe am Haus vorbei, sonnen sich auf der Grasterrasse vorm Wald. Der Salat schmeckt hier besonders frisch, am Strand lesen die Leute Bücher oder baden in der warmen Nordsee. Und ich möchte glauben, dass alles in Ordnung ist…

A.Je.