Arm – nicht nur an Geld

Frühling im Norden. Wir haben zu Ostern Farben vor die Fenster gesetzt. Primeln, Hornveilchen, Efeu, in Orange, Gelb, Zartlila, Weiß, Nachtblau, Grün. Der Blick saugt sich fest am bunten Leben. Autokennzeichen aus ganz Deutschland, aus Schweden, der Schweiz, Familien, die über den Markt schlendern, Rucksäcke auf dem Rücken. Unsere graue Fassade mit geputzten Fenstern und Farbtupfern. Weiß, Grün, Orange. Urlauber, die mit Kind und Hund im Sonnenschein am Meer spazieren gehen.

Die Idylle ist keine. Was die Besucher erholsam finden, die Meeresluft, feuchte Kälte, kaum Industrie, karge Landschaft, dünn besiedelte Gegend, macht Einheimische am Bodden anscheinend verrückt. Was vor einem Jahr mehrfach zerstochene Reifen waren, belief sich dieses Ostern auf einen kaputten Außenspiegel an unserem Auto. Am Barther Mini-Broadway ist ein Drittel der frisch gepflanzten Stadtprimeln geklaut. Blumentopfförmige Erdmulden stattdessen. Ach ja, dachte ich, auch meine Heiligabend-Laterne wurde samt brennender Kerze aus dem Hauseingang mal eben mitgenommen. Die Gegend hier muss wirklich arm sein! Nicht nur an Geld.

Am meisten geschockt hat mich heute der Vorfall im Barther Edeka: Ein Mann mit dunklerer Hautfarbe hat an der Poststelle Geld eingezahlt, mehr Geld, als man vielleicht alltäglich so in der Hand hat, darüber regte sich ein recht voluminöser hellhäutiger Mitmensch auf. Kann er ja tun. Nur der Ausruf, den er beim Verlassen der Verkaufsstelle noch im Raum ließ, nicht:

„Aufhängen sollte man den! Aufhängen!“

Außer einem „Arschloch!“, das mein erschrockener Mann ihm nachrief, keine Reaktion. Keiner weiß, ob der Dunkelhäutige vielleicht lange gespart hat und seine Familie auf dem anderen Kontinent damit am Leben erhält, oder woher und wohin sein Geld geht. Der Hass auf einen Fremden, der mehr Geld in der Hand hat, als man selber gerade im Portemonnaie, ist ziemlich brachial. Gleich killen. Wie im Wilden Westen. Und Westen ist das ja nun hier, und wild auch.

Frühling ist die aggressivste Jahreszeit, sagt meine Mutter. Ja, sage ich, die Bäume schlagen aus, Halme brechen die Erde auf, Flieger krachen gegen Berge, Dachstähle werden angezündet.. Morddrohungen werden losgelassen, gegen Landräte und ehrenamtliche Bürgermeister, und noch immer ist die Scham auf der falschen Seite.

Als ich neulich das syrische Mädchen nach Hause fuhr und der Motor nach dem Abstellen noch weiter brummte, saß sie mit schreckgeweiteten Augen neben mir. „Es ist nichts,“ sagte ich, „der Motor wird noch gekühlt.“ „Ach so,“ sagte sie verschämt, „ich dachte, da ist eine Bombe.“

 

Andrea Jennert

Glück geht überall…

Der Frühling kämpft sich durch. Sonne, Sturm, Regen, alles unstet. Schnee sogar. Kalte zwei Grad zu Ostern. Die Uhren sagen Sommerzeit seit einigen Tagen. Die Körper glauben es noch nicht, das Wetter erst recht nicht. Kalt draußen, ob am Bodden oder am Bodensee. Zwei entgegengesetzte Enden Deutschlands. Hier wie dort ist es kalt jetzt. Hier wie dort bestimmen Möwen das Luftbild oder die Geräusche am Wasser. Am Bodden wie am Bodensee sieht man ein Ufer in der Ferne, abends mit Lichtern. Schaut man längs über den See, ist es wie am Meer. Wasser, Himmel, Horizont.

Im Sommer nachher ist es dort wärmer, bei Fön sind die Alpen zu sehen, das hügelige Land hat dem Auge was zu bieten, überall Spalierobst-Plantagen mit ordentlichen, noch gerafften, Netzen darüber, oder Weinstöcke an den Hängen. Viel mehr Menschen wohnen dort, im südlichsten Süden, an der Grenze zur Schweiz, zu Österreich, alle zwanzig Kilometer eine Stadt so groß wie Stralsund: Friedrichshafen, Meersburg, Ravensburg, Lindau, Konstanz. Selbst die Dörfer dazwischen sind so groß, dass ein jedes seine florierende Firma besitzt. Man hat ihn, aber man ist nicht angewiesen auf den Tourismus. Und alles sieht so etabliert und sauber aus, dass sogar an den Feldrändern, an den Wegen zwischen den Obstfeldern, Hundetoiletten mit Tüten und Müllbehältern stehen. Das Leben gleitet, fließt, betriebsam aber nicht hektisch.

Die dort seit Jahren leben, sagen, man geht umher mit einem inneren Lächeln. Und tatsächlich, wir wurden lächelnd von Fremden gegrüßt, als wir durch Wohngebiete gingen.

Ein Kulturschock, der Nordosten gegen den Südwesten. Hier karg, flach, Armut im Hinterland, ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, die meisten anderen leben vom Tourismus und am Strand ist die Welt zu Ende. Dort das Satte, Überfließnde, Zufriedene, fast keine Arbeitslosen, so vielschichtig die Industrie wie die Natur, und hinterm Horizont gehts weiter. Mit den Alpen, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Liechtenstein, Italien, dem Mittelmeer…

Und doch, einer Heimat ist es egal, ob sie karg oder reichhaltig, bescheiden oder voller Ausblicke ist. Heimat ist Herz und Wurzel, Leben geht nur mit Wurzeln, durch welche die Kraft zu uns kommt. Da hat jede Gegend ihre Eigenheiten, ihre Schönheiten. Üppig ist nur anders schön als karg. So schön es woanders ist, man kann nicht überall zuhause sein. Man kann nicht überall gleich stark sein, gleich Gutes leisten, gleich glücklich sein. Man kann nicht über jeden Boden gleich hoch fliegen.

Ich kann es nicht.

Viele Andere können es nicht. Man kann Heimat nicht aufgeben, ohne an Kraft und Gefühl einzubüßen.

Wie erst all die Flüchtlinge weltweit, deren Zahl seit dem Ende des zweiten Weltkrieges noch nie so hoch war wie jetzt. Inzwischen kommt fast jeder mit ihnen in Berührung. Ob in den eigenen Familien vor siebzig Jahren oder in der Nachbarschaft jetzt. Die syrische Mutter aus Barth Süd sagt „The Life had stopped here“, das Dasein im eigenen Haus, im eigenen Land, in der eigenen Sprache, inmitten der eigenen Familie, der Freunde, des Status – vorbei. Had stopped. Die Wurzeln gekappt. Ohne Sprache keine Arbeit und kein Geld.

Und Geld wäre auch kein Ausgleich für einen Verlust, den das Herz erleidet.

Die üppige Landschaft läßt genießen, die Karge schärft den Blick fürs Wesentliche. Auch fürs Wunderbare, das mitunter stattfindet auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wenn das Jugendtheater die Barther Boddenbühne mit „Alice“ aus dem Wunderland, mit umgeschriebenen Texten, selbstgeschriebenen Liedern von Regisseur Piet rockt, wenn die Frage „Wer oder wo bin ich?“ mit solcher Leidenschaft und Kunst aus dem Kargen heraussticht.

Wenn man Glück hat, wachsen über die Jahre neue Wurzeln, verbinden sich mit den Wurzeln der Einheimischen, derjenigen mit dem Heimvorteil.

Dafür muss es ein Will-kommen geben, von beiden Seiten.

Denn es gibt in uns noch einen Ort, der sich wie Heimat anfühlt, wenn wir glücklich sind, der sich verbinden kann mit dem Neuen. Es gibt keinen Weg zum Glück, sagt Buddha, glücklich kann man nur SEIN. Und der Trick ist, sagt die Heilerin, die selbst zwei Heimaten hat, in Deutschland und Russland, dein Denken umzukehren. Frage dich nicht, wohin du willst, was du verdienen oder arbeiten willst, frage dich, wie du dich fühlen willst. Ãœbe jeden Tag, dich zu freuen, an etwas, an jemandem, und stell dir Wurzeln unter deinen Füßen vor, jeden Tag, egal wo du bist. Jeden Tag ein paar Minuten üben, wie ein Klavierstück. Dann gliedern sich Orte, Menschen, Geschehnisse an, dann ist es egal, wo und mit wem du bist, Glück geht überall.

Wie gehts, fragt sie am Telefon?

Ich übe noch, sage ich.

Andrea Jennert