Abflug

Die Kraniche sind nicht mehr lange hier. Wir auch nicht. Das Land ist wunderschön, die Kraniche sind es, die Schwäne, die Gänse. Ein wunderbarer weißer Strand, idyllische strohgedeckte Häuser auf der Insel. Eine Zwischenstation. Für die Urlauber wie für die Kraniche wie für uns.

Dieser Winter wird keine Ruhe bringen. Eine dunkle Zeit jetzt. Nach Weihnachten wird es wieder heller.

In der Bank traf ich die syrische Familie. Vater Mutter Sohn, vereint. Sonnenstrahlen im Gesicht. Sie hatten mich nicht gleich erkannt. Waren erschrocken über das Grau in meinen Augen. Sie hatten es fertig gebracht, mich zutiefst zu trösten. Es sei nicht so wichtig, sagten sie, auch das Geld sei nicht so wichtig. Sie hätten alles verloren, Haus, Heimat, Freunde, Beruf, sogar die Sprache hätten sie verloren und müssten nun eine neue lernen. Wichtig sei, dass die Familie da und gesund sei. Dass sie leben dürften, wo doch ihre Nachbarn gestorben seien. Dass sie essen und ein Dach über dem Kopf haben dürften, wo ihre nichtgeflohenen Freunde in Ruinen lebten und hungerten. Und, so sagten sie, wir würden unser Leben planen, aber es sei Gott, der uns führt. Der uns neue Aufgaben gibt. Es ist o.k., sagten sie immer wieder. Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf, so sage man in ihrer Heimat.

Da muss was dran sein, dachte ich, der Satz ist wohl international. Grenzenlos. Und ich bin noch jetzt erstaunt, dass Menschen, die außer ihrem Leben alles verloren haben, keine Existenzängste mehr haben, dass aber die, die nicht nur satt und warm leben, sondern genug übrig haben für Überfluß und Statussymbole, solche Ängste haben, dass sie aus Gründen der Vorsorge mehr kaputt machen als sie wissen oder glauben.

Ich stelle mir vor, wie ich ohne meine Sprache im fremden Land leben müßte, in dem selbst die Musik völlig anders wäre. Was ist das Verbindende? Es ist in den Augen, im Händedruck, im Lauschen auf den Ton hinter der Sprache. Sobald die Angst hochfährt, ist die Verbindung unterbrochen.

Ich möchte nach Hause, sagte ich vor Tagen, als feststand, dass auch wir nicht bleiben werden. Es geht also zurück. Von der Insel der Fürsten in die Stadt der Könige.

Die unperfekte Seite

Das Wetter ist beides. Nich mehr warm, noch nicht kalt. Wolkig und glücklich. Es könnte jeden Moment regnen, es könnte jeden Moment die Sonne durchbrechen.

C.G. Jung sagt: Werte, Einstellungen und Lebensweisen, die uns am Morgen des Lebens wichtig waren, verändern sich und sind am Nachmittag des Lebens für uns sogar falsch. In seinem Artikel „Die Lebenswende“ von 1930 schreibt er, dass der Morgen des Lebens von Dynamik und Ehrgeiz geprägt ist, vom Dinge erschaffen, Karriere machen, uns an Erfolgen von Anderen messen. Am Nachmittag des Lebens gehe es darum, dass Manifestation durch den Prozess des Erlaubens erfolgt. Dinge, die wir uns wünschen, dürfen zu uns kommen. Manifestation bedeutet Ermöglichen, nicht mehr erschaffen. Aus diesem Zustand heraus geschehen plötzlich Dinge, die so viele Jahre vielleicht nicht funktioniert haben.

Ich sehe den Kranichen zu, wie sie auf den nahen Feldern am Bodden in Gruppen zusammen stehen und fressen, hin und wieder auffliegen, wieder landen, vor Sonnenuntergang abheben und zu ihren Schlafplätzen fliegen. Nichts von alldem ist geplant, sie tun das Richtige, wenn der richtige Moment gekommen ist. Und in den nächsten Tagen irgendwann, eines sehr frühen Morgens, werden sich tausende von ihnen mit lauten Schreien erheben und Richtung Süden fliegen, nonstop, werden Tage und Nächte fliegen, werden sich vor den Pyrenäen in vielfachen Kreisen in die Höhe schrauben, um das Gebirge zu überwinden, werden sich weiter südlich für den Winter niederlassen. Sie vertrauen auf den Impuls, sie wissen, der kommt zur richtigen Zeit.

Ich lerne von den Kranichen. Überrascht stelle ich fest, dass es immer wieder um Vertrauen geht, um das Erkennen von solchen Impulsen, und dass ich mein Leben daran ausrichten kann. Wie die Zeiger einer Uhr werden sie irgendwann und immer wieder an einer Stelle ankommen, die nur für mich da ist. Es kommt nicht darauf an, mein Leben perfekt zu planen, nach anderen Menschen oder deren Lebensstil auszurichten, sondern die eigenen Impulse zu erkennen und danach zu handeln.

Nichts anderes ist Freiheit.

Für Andere sieht es vielleicht unperfekt aus, was ich dadurch tue, zulasse, bin. Vielleicht sieht es nicht richtig aus, ist unverständlich. Genau das lässt Ideen erscheinen, es krisselt und funkelt vor lauter Kreativität in mir. Farben, Worte, ein neuer Eingang, Kapitel im neuen Buch. Der neue Geist der zweiten Daseinshälfte. Mit Türkis und Pink, mit Weiß und Gold, mit Samt, Brokat, Silber, mit Vanille- und Rosenduft kommt er daher, stellt sich in seinen Farben hin, lacht, und findet das Leben einfach schön.

Es ist die unperfekte Seite, die mich vollständig macht. Und glücklich.

Streik der Lebensfreude

Sonntag am Strand, die Luft wie Seide, sehr leichter Wind nur, mit Kaffee und Kuchen und der syrischen Familie, mit Blick aufs Meer, auf weiße Wolken, auf blaue Stellen am Himmel. Menschenleer die Küste am letzten Sommertag.

Die Lokführer streikten fünfzig Stunden lang. Gestern fuhren sie wieder, gestern begannen die Piloten ihren Streik. Unser Ferienkind kam mit dem Langstreckenbus. Die Busunternehmen danken den Streikenden über das Internet.

Jeder hier in Deutschland hat das demokratisch fundamentale Recht zu streiken. Die Einen können das Recht benutzen, die Anderen nicht. Ein Flugkapitän der Lufthansa mit einem Jahresgehalt von über 250 000 Euro kann zig Tausend Passagiere sitzen lassen, alle Medien berichten davon. Eine Musikschullehrerin mit einem Honorar von 18 Euro brutto für die Klavierstunde, mit null Euro in den Ferien, kann zwar der Gewerkschaft Verdi beitreten, aber was wären die Auswirkungen bei einem Streik?

Für diesen Beruf braucht man Abitur, ein lebenslanges Üben auf mindestens einem Instrument und ein abgeschlossenes Musikstudium. Ein Luxusjob für Frauen, die einen Zahnarzt oder Anwalt heiraten, sagt meine Freundin Verena aus Osnabrück, die Klavier am Konservatorium unterrichtet, deren Mann Gitarrenprofessor an der Uni ist. Beide haben ihrem 3. Sohn vom Cellostudium abgeraten, obwohl er toll spielt. Er lernt Krankenpfleger jetzt. Davon kann man leben, sagen sie.

Auch die Altenpfleger können nicht streiken. Sie müßten dafür die Alten hungern, dursten und im Dreck liegen lassen. Würde das auf Verständnis treffen? Obwohl – sie verdienen mehr als die Musikschullehrer. Und wenn es ihnen zu wenig ist, fahren sie wochenweise gebündelt in Kleinbussen in die Schweiz, pflegen dort und verdienen das Doppelte.

An unseren Musikhochschulen studieren fünfzig Prozent Asiaten. Für sie ist ein Instrumentalstudium made in Germany Gold wert.

Der deutsche Nachwuchs stellt sich auf den demografischen Wandel ein. Oder macht „irgendwas mit Medien“.

Die einzige Maßnahme, die in Sachen Musik vielleicht ein ´Zeichen setzen könnte, wäre, wenn es an nur einem einzigen Tag kein Konzert, kein Rockkonzert, keine Theateraufführung, keine kulturelle Veranstaltung, auch keine in den Kunst- und Musikhochschulen gäbe. Wenn sämtliche aktiven Künstler, ob in der Oper, der Philharmonie, im Musical oder im Stadion, im O2 , im Tränenpalast, in den Kirchen und im Radio, alle Vivas, MTVs und Voices of Germanys im Fernsehen, sogar Filme, die nur musikunterlegt sind, einen Tag pausierten. Es müsste einen Tag mit nur Talkshows, Filmen ohne Musik, Radiosendungen mit Stille zwischen den Beiträgen und null Lifemusiken geben. Dann gäbe es vielleicht hier und da den Gedanken, dass Musik unser Leben durchdringt, dass jeder Musiker, jeder Tonmeister einmal ein Instrument gelernt hat und dass die Lebensfreude ohne Musik

flöten geht.

Schau mal!

Gestern am frühen Abend flogen wieder die Kraniche über den Deichweg. Kurz nach siebzehn Uhr ging es bereits los. Es war dunkler als sonst, Nebel und Regenwolken hingen tief. Sonst kommen sie kurz vor Sonnenuntergang. Gestern war schon vorher Dämmerung. Auf meinen Brillengläsern immer neue Regentropfen, am Himmel immer neue Kranichzüge. Zwischen krächzenden Schreien vieler Gruppen flog eine Formation stumm über mich hinweg.

Die Züge tauchten aus dem verwischten Grau des Horizonts auf, wurden größer, klarer; manche teilten sich vor mir, als wollten sie dem Fremdkörper da unten auf dem Weg ausweichen, und schlossen sich erst über dem Wasser wieder zusammen. Andere waren mutiger, flogen tiefer, zogen genau über meinem Kopf dahin.
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Ein wunderbarer Ort, ein weiter Himmel ein großes graues Wasser, das unsichtbar ins Meer mündet, Schilfflächen auf der einen Seite des Weges, Felder und Gras auf der anderen. Mitunter begegnet mir ein alter Schäfer, der mit altem Fahrrad und jungem Schäferhund an breiter Lederleine eine große Runde fährt. Seine hellen Augen blitzen, wenn er erzählt, dass die Kraniche früher genau hier auf den Feldern saßen, auch Gänse und Reiher. Jetzt sei alles überdüngt und giftig, da suchten sich die Vögel andere Freßplätze. Überhaupt seien die Tiere viel weniger geworden, ob Rehe, Hirsche oder Hasen, man sehe sie nur hin und wieder. Wildschweine seien die einzigen, die sich durch jeden Müll und jede schöne Wiese durchwühlen würden. Nicht nur der Deichweg ist aufgewühlt.

Der Mann, der mich aus dem Regen holte, sagte, es gäbe Freßgruppen von ungefähr 30 Vögeln, die zusammen fliegen, zusammen gehören. Fehlt einer von ihnen, kehrt die gesamte Gruppe zum letzten Schlafplatz zurück und wartet auf den Fehlenden. Und – die Paare bleiben, wie bei den Schwänen, ein Leben lang zusammen. Sein Blick geht mir unter die nasse Haut dabei.

Dass die Idylle Gift in sich hat, sagte auch der Arbeiter  an den Spülfeldern auf der anderen Seite von Barth. Wer am Wasser Richtung Osten entlang geht, kommt an der ehemaligen Badestelle vorbei, eine seit Jahrzehnten vergammelnde Anlage, ein Gebäude, das aus Dach und beschmierten Wänden und Müll in allen Ecken besteht, Beton- und Eisenteile ragen aus dem Wasserzugang. Am Wegesende der Zaun mit Schild „Achtung Lebensgefahr!“ Dahinter die inzwischen bewachsenen Erdwälle, Umfriedungen, welche die gifthaltigen Schlammassen umgeben, die derzeit mit einer Pumpanlage aus dem Hafenbecken abgesaugt und ins Spülfeld gepumpt werden.

Der Deichweg führt an der Westseite, der schönen Seite, entlang. Hier geht die Sonne unter, hier stehen Bänke und Tische am Weg, einer ist sogar überdacht. Und hinten im Wald gibt es Aussichtstürme, da kann man den Kranichen beim Landen zuschauen. Oder einen Lichtstreifen auf dem grauen Wasser sehen, mitten unter grauem Himmel. Hier schwimmen Hunterte von Schwänen. Manchmal fliegen alle Schwäne auf einmal hoch, kreisen in einer Parade über dem Wasser, dass die Luft davon singt. Und manchmal sitzen zwei Wanderer auf einer Bank davor, ein Fahrrad, ein Hund dabei, und schauen dem Bild zu, als sei das Ganze kein Zufall, als säßen sie täglich so.

Schau mal! sagt sie.

Er nickt. Und schaut sie an.

 

Blendender Einfall

Abend. Die Nebelstille auf dem Balkon ist absolut. Straßen, Häuserfassaden und Dächer, Bäume, alles trieft. Die Luft ist so feucht, aber ich traue mich nicht zu husten. Leise Geräusche werden vom Nebel geschluckt, lautes Husten könnte die schlafende Stadt wecken.

In der Plattenbauwohnung der syrischen Familie leuchten alle Gesichter. Der Ehemann und Vater ist endlich auf dem Weg. Gestern bekam er im Libanon sein Visum, heute ist er in Berlin aus dem Flieger gestiegen, morgen kommt er mit dem Zug hierher. Sie sei all die Monate so müde gewesen, sagt die syrische Mutter, jetzt sei wieder Hoffnung da. Und Freude, so viel Freude! Sie wird ihm seinen Lieblingskuchen backen.  Sein Lieblingsgericht kochen. Vier Monate lang haben sie sich nicht gesehen. Morgen aber!

Die Hymnenspielerin kam mit steifem Nacken zum Klavierspielen. In den Schuhen ihrer Schwester, mit einem Rucksack auf dem Rücken, in welchem sie außer den Noten noch Kerzen und Selbstgebackenes der Mutter als Geschenke für uns durch den Nieselregen trug. Eine halbe Stunde Fußweg, vom einen Ende des Ortes zum anderen.

Neben ihrem Lieblingsstück, dem Lied der Deutschen, spielt sie nun Klassik. Sie weiß nichts von der Sorge des Star-Dirigenten Kent Nagano, der sich laut Ostseezeitung um die Zukunft der klassischen Musik sorgt, weil es nach seiner Erfahrung bereits zwei Generationen von Menschen gibt, die nie mit Klassik in Berührung gekommen sind.

Auf derselben Seite eine Konzertkritik, die mit  „…ergreifend schöner, aber unbeunruhigter Lebensentrücktheit.“ endet. Würde mich das als Jugendliche in einen Konzertsaal locken? Da schwanke ich noch.

Eine Seite davor – die Lösung: Profimusik für Säuglinge. Schubert, Debussy, Ravel. Babykonzerte in München ausverkauft.

Im Moment würde ich in keinen Konzertsaal gehen. Schnupfen, Husten – Geschenke der Deutschen Bahn, die ihre Intercitys mit kühlender Klimaanlage  fahren läßt, auch wenn der Abend mit einstelligen Temperaturen auf Winter zeigt. Die voll besetzten Großraumwagen hören sich an wie Riesenwartezimmer beim Allgemeinmediziner.  Ob die Wärme erst nach der Preiserhöhung im Dezember in die Züge geleitet wird?

Nach Sonnenuntergang wird die kleine Stadt am Bodden in Watte gepackt. Dunkle Nebelwatte. Wenn es Richtung Winter geht, kommt die dörfliche Seite von Barth zum Vorschein. Nach sieben Uhr ist Ruhe in den Straßen. Hin und wieder dringen Rufe von Wildenten und – noch vereinzelter – von Kranichen durch den Nebel.  Die Laternen um die Freifläche vorm Hafen sind zu kurz geraten. Ihre Lichter scheinen von unten in die Augen.

Ein blendender Einfall.

 

Aufstellen

Unsere Vergangenheit ist oft nicht vergangen, und die Toten sind nicht tot. Die alte Familie klebt an uns wie Gespenster, die uns erschrecken. Immer wieder, bis wir sie anschauen. Lange. Bis wir sagen: Ich sehe dich. Und manchmal: Ja, dir ist Unrecht geschehen. Manchmal warten auch wir, bis zu uns jemand von ihnen sagt:: Ich habe dir Unrecht getan, es tut mir so leid. Anders geht kein Ausgleich.

An manchen Punkten im Leben dürfen die Gestorbenen auferstehen und die Lebenden für ihr Daseinsrecht einstehen. Und der eine oder andere Enkel sorgt dafür, dass der eine oder andere Engel ihnen zunickt und sagt: Jetzt darfst du es aussprechen.

Während der Mann mit dem Hund am Boddenschilf entlang spazieren geht, der Pianist am Meer ein Konzert gibt, ein Film über einen geistig Kind gebliebenen Vater im Bibelzentrum läuft, eine ehemalige Bühnenmalerin überlegt, wo denn nun ihr innerer Esel seinen Stall finden kann, während Väter warten, dass Kinder anrufen und Kinder warten, dass Eltern anrufen und fragen, wie es ihnen gehe, kommen woanders im Land endlich die Toten zu ihrem Recht, werden gewürdigt. Die längst erloschenen Augen können sich endlich schließen. Und die Lebenden spüren etwas Neues, prickelnd Lebendiges in ihrem eigenen Atem.

Die Hymne

Das Beste ist, sagt die syrische Mutter von vier Kindern, dass die Nächte hier in Barth ruhig sind. Ihr vierjähriger Sohn lerne langsam wieder schlafen. Er gehe schon in den Kindergarten und er schreie auch nicht mehr. Ihre älteste Tochter hätte zu Hause ihren Traum gelebt – ein Medizinstudium in Aleppo. Die Zweitälteste hätte bereits ein Medizinstudium in der Tasche gehabt. Vorbei.

Die dritte Tochter kommt Dienstags zu mir zum Klavierunterricht. Freundliche Christen haben das organisiert. Die syrische Familie sind Kurden und Moslems, sie haben in ihrer Stadt nahe der türkischen Grenze mit vielen Glaubensrichtungen friedlich zusammengewohnt, Kopftücher tragen sie nicht. Hier in Barth haben sie außer Betten und einem Fernseher nichts in der Plattenbauwohnung zu stehen. Gewünscht haben sie sich ein Instrument, irgendeins mit Tasten, damit das Mädchen üben kann. Das haben sie jetzt von der Kantorin bekommen. Das Mädchen Yara übt täglich. Am liebsten die Nationalhymne. Die deutsche. Unsere. Sie spielt und sie singt dazu. In deutsch. Mit leuchtenden Augen. Und erzählt ganz erstaunt  – auch bereits in deutsch – dass die deutschen Mitschüler ihre eigene Hymne gar nicht singen können. Die syrische Hymne wurde in ihrer Heimatschule jeden Montagmorgen um sieben Uhr dreißig von allen Lehrern und Schülern gesungen.

Als ich meiner jüngsten Tochter von der Familie erzähle, wie sie ihr Haus, ihren neu gekauften Hyundai, fast alle Kleidung, Schulsachen, Instrumente, Spiele, Möbel, Teppiche, Computer, Fernseher, Geschirr, Fotoalben, Grünpflanzen, Garten zurück gelassen haben, beide Eltern, die Lehrer sind, nun keinen Job mehr haben, der Vater seit Monaten im Libanon auf sein Visum wartet, und dass sie hier in einer noch leeren Wohnung wohnen, die von anderen Wohnungen mit Flüchtlingen und von ständiger Lautstärke umgeben ist, dass sie aber froh sind, als Familie vollständig und am Leben zu sein – ihre Nachbarn in Syrien haben bei einem Bombenangriff alle drei Kinder verloren – wurden ihre Augen groß. Und feucht.

Bis Ribnitz und Barth kommen die Geflohenen. Bis Ahrenshoop und Zingst nicht.

Den Kranichen ist es egal, welche Gäste am Feldrand stehen und sie am sonnigen Tag beim Fressen beobachten. Hauptsache, sie kommen nicht zu nah.

Goethes Fee

Immerhin, die Sonne war kurz da. Trotz vorausgesagter null Sonnenstunden hier am Ende des breiten grauen Streifens, der sich auf der Wetterkarte quer über Deutschland zog. Die Sonne ist immer da, auch mit einer graublauen Decke zwischen ihr und mir. Cash möchte gassi gehen, er legt mir sein Spielzeug vor die Füße und schaut aus seinen klugen freigeschnittenen Augen direkt in meine. Nachher, sage ich und nicke ihm zu. Du wirst warten müssen.

Das fällt ihm schwer, er ist so springlebendig. Und er reitet damit den steilen Zahn der Zeit: Wunscherfüllung sofort, umgehend, flexible Reaktionen sind gefragt, und Einsparungen in der Herzgegend. Die sich dann wieder eine Stimme verschaffen, als Voice of Germany, of Japan, of… Meine Tochter sagt, Cash sei ein Muttersöhnchen. Er steht morgens mit mir auf, egal, wer vorher an ihm vorbei geht, er folgt mir wie ein Schatten am Tag und legt sich erst auf seinen Schlafplatz oben, wenn ich im Bett bin. Fahre ich mehrere Tage weg, verbringt er viel Zeit auf der unteren Treppe, mit Blick auf die Eingangstür.

Ich werde die Fee fragen, ob sie mitkommt auf einen Spaziergang am Bodden entlang. Wo das Schilf wie Papyrus raschelt und sich die vielen jungen Schwäne in Gruppen zusammenfinden und manchmal ein Schaufliegen veranstalten, wenn zwei oder drei von ihnen gleichzeitig aus dem Wasser starten, eine kurze oder längere Runde fliegen und irgendwo anders sehr beeindruckend landen. Die Fee ist eine zarte caramelblonde Frau aus der Goethestraße, die schwebt und tänzelt, wenn sie geht. Sie hat derzeit blaue Fingernägel, einen mintfarbenen Ohrhänger aus Keramik, den sie auf dem Töpfermarkt in Prerow gekauft hat, kleidet sich locker elegant und wohnt in einem unendlichen Reich aus Zeit. Wer sich mit ihr verabredet, findet ihren Schatz erst, wenn er Zeit mitbringt und zuhört, wie sie zuhören kann. Ganz offen, neugierig auf Neues, auf kleine oder größere Abenteuer, auf Zauberhaftes. Sie ist nach mir hierher gekommen, in die kleine Stadt, die sich nun langsam in sich zurückzieht, dem Winter entgegendämmert. Die letzten Bau- und Malerarbeiten finden noch statt, sie werden bis zum Frost dauern.

Die Fee weiß es noch nicht, und ich weiß es wohl auch noch nicht, aber wir haben die richtige Wahl getroffen, hierher zu kommen. Barth ist eine Perle. Kein Diamant, kein Goldstück, kein großer Schein. Es ist eine besonders hübsch schimmernde Perle, die gerade dabei ist, eine entsprechende Fassung zu bekommen. Nicht alles Neue ist nur schön, aber hier wohnen bereits eine Menge guter Kräfte, die um ihren Wert wissen, denen an ihrer Schönheit liegt, die ihr Herz mögen und es wachküssen.

Wer zieht denn heutzutage nach Barth? fragte mich der Bankangestellte bei meiner Kontoeröffnung. Ich zum Beispiel, sagte ich.

Neue Wege, neue Menschen, neuer Ort

Die Kraniche nehmen andere Wege in diesem Herbst. Sie fliegen nicht über Barth, nicht über den Deichweg auf der linken Seite des Barther Boddens. Wenn ich mit Cash, unserem Hund, dort entlang gehe, ist der Weg leer. Unerfüllte Erwartungen. Die großen Vögel kommen aus Südwesten. Überqueren die Meiningenbrücke zwischen Bresewitz und dem Zingst, als würden sie eine Brücke für ihren Weg brauchen. Als würden sie schaufliegen extra für die Touristen, die bereits Stunden vor dem großen Anflug ihre Autos dort abstellen, die besten Plätze zustellen, mit sich und einem Stativ, und große Objektive auf ihre Kameras schrauben. Wenn das Wetter mitspielt und diese wunderbaren Wolken vorbei schickt, die in Apricot, Rosa, Mint, Hellblau, Goldgelb und Purpur auf dem weiten Himmel über Wasser und Schilf leuchten, dann braucht es nur einen Fingertip und sogar auf Handykameras sehen die Bilder aus wie gemalt. Was nicht zu sehen ist, sind die langen Schreie, eine Mischung zwischen Huhn und Krähe und dem langen Geigenton unserer Tochter. Eine Armada großer Vögel in keilförmigen Zügen taucht nach und nach aus den Farben auf, zieht heran, quert die Brücke, das rote Haus auf der Inselseite daneben, die abgestellten Autos und Fahrräder, und die schauenden Menschen. Ich muß nun auch zur Brücke fahren, oder gleich auf den Zingst hinten, wo der Ort Zingst nicht mehr ist, nur noch Nationalpark, um die Vögel zu sehen. Wie sie den tagessatten Bauch zurück auf die feuchten Boddeninseln tragen, um zu schlafen, um morgen erneut aufs Festland zu fliegen.

Barth ist seltsam ruhig in diesem Herbst. Kein Schrei, der mich morgens weckt oder vor Sonnenuntergang das Tagesende ankündigt.

Als ich vor über einem Jahr hierher kam, glaubte ich, ob mit vielen oder wenigen Kranichen, Barth sei eine kleine verträumte ruhige Stadt, in welcher mit einbrechender Dunkelheit die Bürgersteige hochgeklappt und alle Töne ausgeschaltet werden. Und der Darss, so hieß die pistolenförmige Insel damals im Erdkundeunterricht, sei eine verträumte Urlauberinsel mit reetgedeckten Häusern und weißen Stränden, vor deren Kulisse es sich gut schreiben lässt. Musik machen lässt. Wohnen lässt.

Im letzten Herbst flogen die Kraniche über Barth.

Hier ist jedes Jahr alles anders.