Ein goldener Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Erst jetzt nach anderthalb Jahren fällt der Vorhang und die Erkenntnis ist sichtbar. Erst jetzt…

Nicht dass ich damals in Barth nach dem Hausverbot wieder zum Unterricht gegangen war, aber dass ich mir das Schreiben dieses Bloggs hatte verbieten lassen, war ein Fehler.

So manches Mal hatte ich in den letzten Monaten gedacht: Das wäre ein Thema für den Blogg. Nur das Schreiben hatte sich mir entzogen.

Der Schock dieser Geschichte mit dem Flüchtlingsunterricht in Barth saß doch tiefer, als ich dachte. Ich hatte gar nicht verstanden, was da wirklich passiert war. Ein Hausverbot samt Abbruch meines damaligen Einkommens, weil ich Dinge in diesem Blogg benannte, die bereits in der Zeitung gestanden hatten oder in den Medien zu sehen waren. Es war wie ein Sturzflug in längst vergangene Zeiten namens DDR, in denen die Spielregeln allerdings bekannt waren. Selbständiges Wahrnehmen und Denken waren limitiert. Nein, eher der Ausdruck. Und wer bestimmte Grenzen übertrat, wusste meist um die Konsequenzen. Bis es nicht mehr aushaltbar war. Alles, was lebt, muss sich ausdrücken. Welch ein Glück, dachte ich später oft, dass der Geist nun frei sein kann.

Vor anderthalb Jahren hatte es einen rechtsverbindlichen Vertrag gegeben, die Chefin hatte sich stark gemacht, und ich konnte wieder unterrichten.

Der Preis? Keinen Blogg mehr schreiben.

Der Fehler? Ich habe mich darauf eingelassen.

Die Folgen? Das Schreiben dieses Bloggs entzog sich mir. Mein Glaube an die Freiheit in diesem Land ging verloren. Meine innere Wahrheit hielt sich  bedeckt.

Wie nennt man das? Kleingläubig..? Im größeren Sinne, ja, kleingläubig.

Was würde ich heute anders machen? Ja, würde ich sagen, ich gehe morgen wieder hin und unterrichte weiter, aber meine Stimme, meinen Blogg, mein Schreiben lasse ich mir nicht verbieten. Von keinem.

Was wäre dann passiert? Wahrscheinlich nichts, und ich wäre auch so wieder zum Unterricht gegangen. Oder jemand anderes wäre gegangen.. Vor allem hätte ich meine Wahrheit, meine Art zu sein, verteidigt, gelebt, selber für wertvoll erachtet. Ich hätte an meine Talente, meine Berufung und an den Schutz dieser Arbeit, der von höherer Stelle immer rechtzeitig da war und ist, geglaubt. Ich wäre nicht so kleingläubig gewesen…

Das Verbot meines Schreibens, das an eine gute Arbeit und ans Geldverdienen gekoppelt war, hatte eine Spätwirkung hinterlassen. Ich hatte mich damals fürs Gutsein, für das Wohl anderer, aber auch fürs Geldverdienen entschieden.

Das uralte Thema mit dem Tanz ums goldene Kalb. Steht schon in der Bibel. Selbstgemacht, dieses Kalb, und selber in den Mittelpunkt gestellt. Das Kreative, das Eigene, das besondere berufene Talent abgewählt. Kein Vertrauen. Steht auch schon in der Bibel. Kleingläubig und so weiter.

Dabei sind wir Wesen aus Licht, das ist bereits messbar. Unser Mittelpunkt muss das Lebendige, das Leben, das Schöpferische oder das Göttliche sein. Und wir gehen ein wie Primeln ohne Sonne und Wasser, wenn man uns das Licht abdreht.

Es war ein goldener Fehler. Er hatte auch gute Wirkungen.

Ich lasse mir das lebendige schöpferische Dasein nicht wieder verbieten. Es ist das Wertvollste, was ich habe…

Und ich bin neugierig, welche Art Türen jetzt aufgehen und was für schöpferische Räume sich für mich öffnen.. das lebendige Gold..

A.Jennert