Alle Beiträge von andi1962

Ein goldener Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Erst jetzt nach anderthalb Jahren fällt der Vorhang und die Erkenntnis ist sichtbar. Erst jetzt…

Nicht dass ich damals in Barth nach dem Hausverbot wieder zum Unterricht gegangen war, aber dass ich mir das Schreiben dieses Bloggs hatte verbieten lassen, war ein Fehler.

So manches Mal hatte ich in den letzten Monaten gedacht: Das wäre ein Thema für den Blogg. Nur das Schreiben hatte sich mir entzogen.

Der Schock dieser Geschichte mit dem Flüchtlingsunterricht in Barth saß doch tiefer, als ich dachte. Ich hatte gar nicht verstanden, was da wirklich passiert war. Ein Hausverbot samt Abbruch meines damaligen Einkommens, weil ich Dinge in diesem Blogg benannte, die bereits in der Zeitung gestanden hatten oder in den Medien zu sehen waren. Es war wie ein Sturzflug in längst vergangene Zeiten namens DDR, in denen die Spielregeln allerdings bekannt waren. Selbständiges Wahrnehmen und Denken waren limitiert. Nein, eher der Ausdruck. Und wer bestimmte Grenzen übertrat, wusste meist um die Konsequenzen. Bis es nicht mehr aushaltbar war. Alles, was lebt, muss sich ausdrücken. Welch ein Glück, dachte ich später oft, dass der Geist nun frei sein kann.

Vor anderthalb Jahren hatte es einen rechtsverbindlichen Vertrag gegeben, die Chefin hatte sich stark gemacht, und ich konnte wieder unterrichten.

Der Preis? Keinen Blogg mehr schreiben.

Der Fehler? Ich habe mich darauf eingelassen.

Die Folgen? Das Schreiben dieses Bloggs entzog sich mir. Mein Glaube an die Freiheit in diesem Land ging verloren. Meine innere Wahrheit hielt sich  bedeckt.

Wie nennt man das? Kleingläubig..? Im größeren Sinne, ja, kleingläubig.

Was würde ich heute anders machen? Ja, würde ich sagen, ich gehe morgen wieder hin und unterrichte weiter, aber meine Stimme, meinen Blogg, mein Schreiben lasse ich mir nicht verbieten. Von keinem.

Was wäre dann passiert? Wahrscheinlich nichts, und ich wäre auch so wieder zum Unterricht gegangen. Oder jemand anderes wäre gegangen.. Vor allem hätte ich meine Wahrheit, meine Art zu sein, verteidigt, gelebt, selber für wertvoll erachtet. Ich hätte an meine Talente, meine Berufung und an den Schutz dieser Arbeit, der von höherer Stelle immer rechtzeitig da war und ist, geglaubt. Ich wäre nicht so kleingläubig gewesen…

Das Verbot meines Schreibens, das an eine gute Arbeit und ans Geldverdienen gekoppelt war, hatte eine Spätwirkung hinterlassen. Ich hatte mich damals fürs Gutsein, für das Wohl anderer, aber auch fürs Geldverdienen entschieden.

Das uralte Thema mit dem Tanz ums goldene Kalb. Steht schon in der Bibel. Selbstgemacht, dieses Kalb, und selber in den Mittelpunkt gestellt. Das Kreative, das Eigene, das besondere berufene Talent abgewählt. Kein Vertrauen. Steht auch schon in der Bibel. Kleingläubig und so weiter.

Dabei sind wir Wesen aus Licht, das ist bereits messbar. Unser Mittelpunkt muss das Lebendige, das Leben, das Schöpferische oder das Göttliche sein. Und wir gehen ein wie Primeln ohne Sonne und Wasser, wenn man uns das Licht abdreht.

Es war ein goldener Fehler. Er hatte auch gute Wirkungen.

Ich lasse mir das lebendige schöpferische Dasein nicht wieder verbieten. Es ist das Wertvollste, was ich habe…

Und ich bin neugierig, welche Art Türen jetzt aufgehen und was für schöpferische Räume sich für mich öffnen.. das lebendige Gold..

A.Jennert

Nach Hause kommen – der letzte Teil einer Reise

April. Letzter Sonntag. Die letzten Bloggs waren im Dezember, im letzten Jahr. Fünf Monate Schweigen. Was ist passiert? Unaussprechliches?
Ich hätte etwas nicht sagen dürfen. Nicht öffentlich, als Blogg. Sagte jemand, den ich nie sah. Auf dessen Gelände ich unterrichtete. Nein, nicht sein Gelände, es war gemietet, für die syrischen Flüchtlinge. Und ich wurde des Hauses verwiesen, aufgrund meiner letzten beiden Bloggs. Weil etwas darin stand, was jeder wusste, was in den Zeitungen gestanden hatte: Dass in der Barther Jugendherberge Flüchtlinge wohnten. Und dass sie Deutschunterricht bekamen, vom Staat geschenkt, zu dem letztlich nur ein Viertel der Leute ging, weil er freiwillig war.

Das hätte ich nicht sagen dürfen, das wäre geistige Brandstiftung. Sagte der Campleiter.
Hausverbot.
Eine Eigenschaft, die ich im Norden oft vermisst habe: miteinander reden, nicht übereinander, und dann die Keule. Ziemlich genau ein Jahr nachdem mein Mann diese Erfahrung in einem ganz anderen Job im Norden gemacht hatte, ging es nun auch mir so. Ein Dejavú.
Doch der Bildungsträger hat sich stark gemacht. Im neuen Jahr dann doch wieder die Erlaubnis: Weiter unterrichten, aber kein Blogg mehr.

Ich hatte keinen Tag Zeit, diese Entscheidung zu treffen. Schreiben ist mein Leben, ich bin Schriftstellerin, ich liebe das Schreiben. Es ist Klärung, Schönheit, es öffnet, lässt fließen. Auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die warteten. Sie haben am ersten Tag meines Ausbleibens pünktlich um neun Uhr im Unterrichtsraum gesessen und allein Deutsch gelernt. Sie haben abends zusammen gesessen, Deutsch gelernt und mir ein Foto von sich und den Büchern per WhattsApp geschickt. Einige haben mich besucht und sich verabschiedet mit: Bis bald! Bis Januar mit Unterricht! Vor allem, sie haben bei der Nachricht, dass ich nicht mehr kommen würde, geweint.
Ich packte meinen Stolz und meine Lust zu schreiben in einen Karton und stellte ihn zu den anderen, die schon für den Umzug gepackt waren. Und ich ging am nächsten Tag zum Unterricht. Tränen in den Augen, irgendwie alle. Schön, dass ich wieder da war. Schön, sie alle zu sehen. Schön, weiter zu arbeiten.
„Guten Morgen! Wie geht`s? Wie gefällt Ihnen das Wetter? Gut geschlafen? Gut gefrühstückt? Was haben Sie am Wochenende gemacht?“
Es war die richtige Entscheidung. Wir haben es zu Ende gebracht. Solange bis das Camp in der Herberge aufgelöst wurde. Alle in Wohnungen oder in eine andere Herberge kamen.

Die Syrer haben sich sehr gewundert, dass es in einem Land wie Deutschland auf der einen Seite diese große Meinungsfreiheit gibt, dass jeder diesseits und jenseits des guten Geschmacks sagen kann, was er so denkt, und dass eine Deutschlehrerin, die bekannte Tatsachen benennt, den Job verliert.
Ich sagte ihnen, es ist die Angst, es gibt so viele Anschläge auf Flüchtlingsheime. Und ich sagte ihnen nicht, dass es sicher noch Gründe gegeben hat, diese Angst anzustacheln: Mißgunst, Neid. Aber wir spürten, dass es etwas gibt, das größer ist: Liebe. Je länger ich diese Gruppe, die täglich freiwillig kam, unterrichtete, je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr liebte ich sie. Jeden einzelnen. Und ich weiß, dass sie auch mich liebten. Zum Abschied ein gezeichnetes Portrait, ein gezeichnetes Herz mit meinem Namenszug. Eine Tasse mit „Be My Heart“, aus der ich jetzt Tee trinke. Ein Essen, für mich gekocht. IMAG1829Ein Dekoschriftzug LOVE, der nun im neuen Haus steht. Ein silberner Kelch, Glasvasen, eine rote Tasche…

Jeder von ihnen geht nun einen neuen Weg, in Barth, in Stralsund, in Hamburg, in anderen Städten.
Und ich in Potsdam. Ich wohne in einem schönen Haus in einer wunderschönen Stadt. In MEINER Stadt. Ich habe die Familie und die alten IMAG1880Freunde wieder. Es gibt schon neue Klavierschüler, im PC warten neue Bücher, und in der Volkshochschule warten andere Flüchtlinge…
Aber ich glaube, diese erste Gruppe war etwas Besonderes, und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Sie waren die ersten… und ich vermisse sie hier…
Was das Ankommen hier betrifft – ich bin glücklich, nach Hause zu kommen, und doch, man steigt nie zweimal in denselben Fluss. Es ist wieder ein Neuanfang.

Ich sitze hier am neuen Esstisch, am Familientisch, schaue aus dem Fenster auf Potsdamer Straßen und Häuser, ins wechselvolle Aprilwetter bei 6 Grad Celsius. Und ich denke, wieIMAG1950 sieht es in Barth jetzt aus? Sind die zurückgekehrten Kraniche noch zu hören? Oder sind sie längst weiter gen Norden geflogen? Ist es jetzt kühler und die Luft feuchter dort? Gibt es Nachtfrost so wie hier? Fährt die Goethefee heute zum Strand für einen Spaziergang oder geht sie in mein Haus und gießt die letzten Pflanzen, die noch auf Abholung warten? Was macht meine Nachbarin? Was macht die nette Deutschlehrerin, die beim Flug meines Flügels über die Dächer von Barth dabei war?

Wie gehts meinen lieben Schülern (meinen! Obwohl sie längst neue Kurse besuchen!)? Und wie der syrischen Mutter und ihrer Familie? Und wie geht es der süßen Frau aus Bayern, die wegen der Liebe nach Barth kam und die eine nahe Freundin hätte werden können?

Jetzt bin ich da, wo ich hin wollte. Zuhause. Und doch – es bleibt eine Sehnsucht nach Barth und Meer…

Es ist der letzte Sonntag im April. Es ist der letzte Boddenblogg.
Danke meinen Leserinnen und Lesern, danke den Kommentatoren, danke für euer Interesse! Ich wünsche euch alles Liebe!
Wir sehen uns wieder! Bis bald…….

……..im PotsdamBlogg

Darüber reden – sofort.

Der Knoten hat sich gelöst, und darüber bin nicht nur ich glücklich. Dachte ich gestern noch, es sei Arroganz, so weiß ich heute, es ist Unsicherheit, falsche Höflichkeit, die dafür sorgten, dass sich der Unterrichtsraum leerte.
Ich habe es angesprochen, gleich heute früh. Was ist los? Wo sind die Anderen? Warum ist der Kurs so leer? Und sie haben meinen Ärger deutlich gespürt.
Es ist ihnen zu schwer, sagte einer schüchtern. Sie verstehen es nicht. Sie können kein Englisch, sie können nicht mal die Buchstaben. Sie trauen sich nicht, das zu sagen. Und einer saß da hinten in der Bank, der immer kam, zwei Wochen lang, weil er meinen Kurs so toll findet, obwohl er nix versteht.
Da brach der ganze Ärger in mir ein. Das Gegenteil also. Nicht Arroganz. Und ich habe nicht bemerkt, dass die Hälfte sich schämte, ihr Nicht-Englisch-Können zuzugeben. Als wir redeten, in Englisch, mit arabischer Übersetzung, wurden auch ihre Gesichter schlagartig offener, vertrauensvoll, ja doch, gern viel langsamer, in zwei Gruppen, fortgeschritten und Anfänger.
Die Situation hier, sagte ich, ist für uns alle neu, für euch wie für mich, für uns Deutsche überhaupt. Viele von uns unterrichten nun, obwohl sie keine Erfahrung damit haben. Wir lernen alle neu. Und wir müssen miteinander reden, wenn etwas nicht stimmt, sagte ich, immer sofort reden. Wir können nicht gut lernen, wenn wir kein gutes Gefühl hier haben.
Alles wurde sehr freundlich ins Arabische übersetzt.
Und die erste Gruppe sagte es der zweiten in der Pause weiter, die saß schon brav auf ihren Stühlen, als ich kam, ungewöhnlich, und einer von ihnen sprach mich sofort darauf an.
Gut so.
Es war ein großartiger Tag. Wir konnten uns in die Augen sehen, und was ich sah, berührte mich. Die feuchten Augen der beiden älteren Frauen, als sie nach längerer Vorarbeit die deutschen Sätze vom Band verstanden!
Es tut mir leid.
Ich war viel zu schnell in meinem Ärger, in meinem Urteil.
Aber ich war gerade noch schnell genug im Ausräumen dieses Mißverständnisses.

Auch hier, hoffe ich.

A.Jennert

Noch ein Wunder…

Seit heute ist es also offiziell. Wir gehen zurück nach Hause. Die Stadt der Könige hat ihren neuen Tourismus-Geschäftsführer der Presse vorgestellt. Das Warten hat sich gelohnt. Sowieso. Es ist das Beste überhaupt! Nein, nicht ganz. Da ist vor einer Woche ein neues kleines Mädchen auf die Welt gekommen, mein Enkelmädchen Henni, und ich bin seitdem ganz verliebt in sie. In ihr zartes kluges Gesichtchen.. Alles Liebe für Mama, und Kind, für den Papa und den großen Bruder! Und ich freue mich, demnächst in ihrer Nähe zu wohnen, sie und ihren Bruder Nils aufwachsen zu sehen, den Kaffeetisch für die Großfamilie decken zu können…
Sogar der neue Wohnort ist schon klar, Potsdam und am Waldrand, alles ist möglich. Da fließt es also hin.

Nun hatte ich mich hier auf den Unterricht mit Flüchtlingen gefreut. Aber so sehr erfreulich ist es nach zwei Wochen nicht mehr. Der neue Deutschkurs, von der Regierung ermöglicht, für Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea, also die mit einer Aufenthaltsgestattung, noch nicht -erlaubnis, wird vom Gros der Leute in der Jugendherberge zunehmend nicht besucht. Seitdem sie spitzbekommen haben, dass der freiwillig ist, dass sie ihr Geld vom Sozialamt auch bekommen, wenn sie vormittags schlafen und nachmittags durch Barth bummeln. Dass das Sozialamt sogar zu ihnen auf den Berg kommt und die Schecks hinbringt. Überhaupt wird ihnen dort alles gebracht und gefertigt, vom Essen über die Impfungen vom Gesundheitsamt bis zum Deutschkurs und Scheck. Wenn ich mit ihnen rede, kommen merkwürdige Vorstellungen zum Vorschein. Dass die Deutschen pro Kind und Monat über vierhundert Euro vom Staat bekommen. Dass sie bald Arbeit und auch ein Auto haben werden. Dass Hitler auch seine guten Seiten hatte, denn er hätte doch VW ins Leben gerufen, für jeden ein erschwingliches Auto!
Und mich erschreckt zutiefst, dass viele, nicht alle!, das, was sie dort in der Barther Jugendherberge haben, nicht wirklich achten und schätzen können. Sie kennen die anderen Schicksale noch nicht.
Es geht, ich bin gleichzeitig frustriert und glücklich.

Die syrische Mutter sagt, es sind oft komische Leute, die jetzt kommen. Sie ist sehr froh, letzte Woche in eine neue Wohnung gezogen zu sein. Sie hat samt Familie noch zwischen den Heimbewohnern gewohnt. Die trinken abends regelmäßig Alkohol, sagt sie, und sind einfach sehr laut. Bis in die Nacht. Feiern mit Musik. Sie sagt, keiner, der aus einem Kriegsgebiet kommt, feiert jetzt so.
Und ich denke, die jungen Männer im Deutschkurs kommen jetzt aus Damaskus, jetzt aus Aleppo. Da war schon vor drei Jahren der Krieg angekommen. Und sie haben große Probleme mit der deutschen Aussprache oder mit der Rechtschreibung beim Infinitiv der Verben, wollen aber gleich die starken Verben alle durchnehmen.
Oje, denke ich, das ist wie bei Klavierschülern, die sofort Beethoven spielen wollen, ohne je Tonleitern und Fingerübungen geschrubbt zu haben. Weil die ihnen zu poplig sind.

Naja, ich lerne dazu, und ich weiß nicht, ob ich dabei sein möchte, wenn diese Leute in der hiesigen Realität ankommen. Es macht mich sehr betroffen, doch so hautnah mitzubekommen, wie es läuft, in sehr arroganter Weise auszunutzen, was hier an Hilfen und Eingliederungsmöglichkeiten geboten wird. Und selbst für einen Staat sind das keine Peanuts. Inzwischen denke ich, es geht nicht nur um unsere Freiheit hier, es geht um unsere Würde. Wir müssen niemandem etwas hinterhertragen. Und wir müssen uns nicht dafür geißeln, dass dies und jenes nicht sofort klappt. Und was nützt es, „das schaffen zu wollen“, wenn gute Unterkünfte, Fürsorge und Lernprogramme von fünfundzwanzigjährigen Arabern mit verächtlicher Handbewegung abgetan werden? Wie soll es da weitergehen? Der Druck geht nur übers Geld. Das Jobcenter macht es insofern richtig, als dass es den Leuten mit Aufenthaltsgenehmigung sofort die Bezüge streicht, wenn sie den Unterricht schwänzen.

Trotzdem gibt es auch immer die tollen Momente, das Dankesplakat, der mitgebrachte Tee oder Kaffee, die freundlichen Worte der Frauen und einzelner Männer. Das Tragen meiner Tasche zum Auto. Wie gesagt, es sind nicht alle gleich.
Vielleicht ist das Regierungsprogramm zu ehrgeizig. Es müssen nicht 320 Stunden sein.

Aber die Freude darüber, was und wohin es nun fließen darf, überstrahlt doch alles. Die Freude nach Hause zu kommen. Die Freude über die große Wertschätzung, die mein Mann nun wieder erfährt.
Auch wenn wir hier ganz tolle Menschen getroffen haben, hier war nicht sein Ort. Und meiner wohl auch nicht.

Und es ist merkwürdig und traurig, nun doch dem Bankangestellten recht zu geben. Wer zieht denn heute nach Barth?
Für ein Wochenende oder einen Urlaub jederzeit gerne!

A.Jennert

Wunder, unverhofft

Was für ein sonnig warmer Tag. Er geht zu Ende, wie auch das Jahr vergeht. Es ist dunkel geworden, und unser alter Kater, der beinahe zwanzig ist, liegt im dunklen Zimmer auf dem Bett, will nicht mehr fressen. Ohren und Nase so kühl. Traurig bin ich. Es heißt, wenn sich etwas in der Familie stark verändert, geht ein Haustier. Schon eine Weile war er mit Reisevorbereitungen beschäftigt, lag auf einem Handtuch auf den Küchenfliesen, wollte nichts mehr so richtig.
Vielleicht ist er aber auch nur krank und schafft es erneut.. Die Dinge entwickeln sich nie geradlinig, sagt der Physiker, und in diesen Wochen schon gar nicht, sage ich. Mitunter kommt einfach ein Wunder vorbei.
Wunde, Wunder.

Das Theaterstück gestern Abend hier in der Barther Boddenbühne war so ein Lichtpunkt. „Vater“, um die 80, dement, spürt zunehmend die Verdunkelung seines Gedächtnisses. Das Publikum konnte dank eines genialen Kunstgriffs des französischen Autors und Literaturprofessors Florian Zeller die Dinge aus Sicht des Kranken erleben. Wenn es, genau wie der Vater, die Tochter nicht wiedererkannte, weil eine andere Schauspielerin zum Teil übernahm. Das Stück hatte nicht nur Tiefe und eine tolle Musikauswahl als Zwischenstücke, es wurde auch mit sehr guter Besetzung gespielt. Vorpommersche Landesbühne. Unser Barther Intendant dabei. Kunstdurstig wie ein trockener Schwamm saugten die Barther das Geschehen auf der Bühne ein. Applaus. Viel.
Sowas Gutes gibt es hier. Novembertiefe.

Ursprünglich wollte ich gestern zu einer kleinen Goldhochzeitsfeier meiner Eltern nach Berlin fahren. Wegen Krankheit ausgefallen. Die bestellten Blumen hat die nette Floristin behalten, sie würde sie neu einbinden, sagte sie. Und im Theater, sitzend neben der Goethefee in ihrem hübschen wiederentdeckten Kleid, traf ich viele Bekannte, und eine sagte, ich sei doch schon so richtig angekommen in dieser kleinen Stadt.
Nun ja, das bin ich wohl.
Auch wenn das bedeutet, nicht nur freundlich gesinnte Theaterbesucher zu treffen, sondern auch Klatschobjekt und Projektionsfläche zu sein…
So trifft mein Vorhaben, Deutschkurse für Flüchtlinge zu geben, noch dazu in Barth, nicht in jedem Fall auf Gegenliebe. Da hört eine Ehrenamtlerin auf zu unterrichten. Eine andere will sich nicht die gut vorgebildeten Flüchtlinge von privaten Bildungsträgern „wegnehmen lassen“. Als gäbe es derzeit nicht genug für alle.
So viele wollen helfen, unterrichten, die VHS mit ihrer Fortbildung für uns Anfänger war mehr als voll, die Stimmung gut, Austauschen und Unterstützen, in fröhlicher Fahrgemeinschaft hin und wieder zurück, keine Angst, sagte die VHS Chefin, Sie können es nur gut machen.

Manchmal denke ich, diese erdrutschartige Situation der Flüchtlingsmassen legt neben unserer Hilf- und Machtlosigkeit auch etwas Machtvolles, Sinnstiftendes offen. Und sie fördert die tiefsten Schwächen genau wie die größten Stärken eines Jeden zutage. Eine Situation wie ein Spiegel. Auch ich muss schauen, dass ich jeden Tag neu offen bleibe, kreativ, handlungsfähig. Die eigene Unsicherheit trotzdem da sein lasse.

Im Fernsehen wechseln die Bilder immer schneller, wird jede Kameraführung immer wackliger. Ranzoomen, wegzoomen.. Mein Kopf will Klarheit, ich schalte immer öfter ab. Wichtige Informationen kommen auch so zu mir.

Der alte Kater schläft unten. Der junge ist anhänglich derzeit. Entweder liegt er neben dem alten Kater oder neben oder auf mir. Wo er sonst so ein Raufbold ist.
Die Goethefee wollte zum Kaffee vorbei kommen, meinen glutenfreien Zitronenkuchen essen, sie hat unverhofft Besuch bekommen. Ich hab geschrieben dann.
Alles anders dieser Tage.
Wunder kommen unverhofft.
Durch Seelenfenster, die offen sind.

A. Jennert

Weil es möglich ist.

Unsere Jüngste sagte gestern: „Neuerdings steh ich auf Schwarzweiß.“ Die aktuellen Modefarben sind bei der Sechzehnjährigen nun auch angekommen. Cardigans, Shirts, Hosen, Schuhe, Schals… Und der neue Trend für Erwachsene: Mandalas oder Mustermalen in Schwarzweiß. Klar, es gibt sie, die positiven Dinge in diesen Farben, das hübsche Geschenkpapier eines schwedischen Möbelhauses, die Tasten meines Pianos, die Kleidung bei klassischer Musik (Solisten ausgenommen).

Die andere Seite dieses Phänomens ist derzeit Hauptthema, ob privat oder öffentlich. Man spricht auf Partys, in der Schule, im Job, unterwegs darüber, man geht auf Demos, gehört zu den „Schwarzen“ oder den „Weißen“. Jedes Grau hat sich inzwischen auf die eine oder andere Seite geschlagen. Gegensätze, kompromißlos. Und weltweit.
In Lybien gibt es ganz offen zwei Städte mit zwei Regierungen. In Dresden gehen fünfzehntausend Demonstranten für Pegida auf die Straße, genauso viele dagegen. Waren es vor einem Jahr noch „besorgte Bürger“, sind es heute offen Rechte bis Rechtsradikale, die mit Pegida gehen und rufen „Wir sind das Volk“, was mich gruselt. Und es wundert mich schon sehr, dass es eine ganze Woche braucht, bis der Staat auf den Galgen reagiert, der letzte Woche zwischen den Demonstranten aufragte, an welchem zwei Namen auf Pappe baumelten `Reserviert für Siegmar „das Pack“ Gabriel` und `Reserviert für Angela „Mutti“ Merkel`. Gesehen und gesendet über alle Kanäle. Entsetzen und Lähmung und eine Frage, die über dem Land schwebt: Was kommt als Nächstes?
Nach einer Woche erst wird öffentlich, dass die Bundesanwaltschaft nach den Tätern fahndet. Wieso hat die Polizei da nicht sofort eingegriffen? Die Träger verhaftet? Wozu bezahlen wir monatlich unsere Steuern? Unterhalten eine Polizei, die sich unterhalten lässt, von so einem Spektakel zum Beispiel, und die im Ernstfall, und was ist sonst ein Ernstfall, versagt?
Oder ist es inzwischen so, dass das Land samt Polizei u.a. komplett unter Schock steht, unfähig, tatsächlich klug zu re(a)gieren?

Zeit für Rattenfänger wie Ehrenamtler, für Geschäftemacher und Abzocker genauso wie für Feuerwehrleute, medizinische Überstunden Leistende und die (Er)Finder neuer Wege. Ach ja, ich habe nun einen Schein vom Bundesamt in Würzburg bekommen, ich werde Deutsch unterrichten. Und mit der Sprache geistige Nahrung teilen.

Übrigens, Angela Merkel handelt wie jede gute Familienmutter handeln würde. Mut machen, stark und überzeugt nach außen auftreten, konstruktiv bleiben, nach echten Lösungen suchen, Kompromisse, neue Strukturen und neue Wege finden. Die drei größten Werte hochhalten: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Sie hat gar keine andere Option, dieser Weg ist tatsächlich alternativlos. Wie die Eltern der Kinder auf der Flucht. Man weiß nicht wirklich, wo es hingeht, was einen dort erwartet, die Hoffnung auf das Bessere nach dem Jetzt treibt an. Und das sichere Wissen: Es gibt kein Zurück!
Klar, das macht Angst. Wer keine Angst hat, ist abgestumpft oder unehrlich. Aber ist Angst hier wirklich konstruktiv? Sie bewirkt durch Adrenalin eine Mobilmachung des Körpers, die Alternativen heißen Flucht, Kampf oder Unterwerfung. Selber fliehen vor den Flüchtlingen? Kämpfen gegen zigtausende Bedürftige, die nichts mehr zu verlieren haben? Unterwerfung in Form von entsetztem, gelähmten Zusehen?

Soll „Mama Merkel“ ihre Ängste öffentlich machen? Dass sie die genauso hat, steht wohl außer Frage. Was passiert dann? Es würde alles auseinanderbrechen und der Ruf nach dem „starken Mann“ bekäme so viel Energie, dass das Land an der Stelle landen würde, wo es schon mal war. Die alte Generation weiß es noch, aber sie stirbt aus…
Meine Zuversicht ist mein Glaube an den Ausgleich aller Kräfte. Je radikaler die „schwarze“ Seite auftritt, desto stärker wird auch die „weiße“ Seite sichtbar. Das Heer der Helfer und Ehrenamtler (und es ist kein Zufall, dass auch die Worte inzwischen militärisch werden) formiert sich wie von selber. Es kümmert sich um Flüchtlinge wie um Deutsche. Ob bei der Feuerwehr, im Hospiz, beim Deutschunterricht, bei der Ämterbegleitung oder beim Aufnehmen von Fremden in die eigene Familie. Bei unbezahlten Einsätzen in Psychologie und Koordination, innerhalb und außerhalb der Ämter. Und immerhin: die SPD hat der Landesmutter bereits Asyl angeboten…

Mutig ist, wer trotz Angst neue Wege sucht, der Verzweiflung nicht erlaubt überhand zu nehmen, zuversichtlich bleibt, an einen guten Ausgang glaubt. Mutig ist, wer sich auf historisch völlig Neues einlässt.
Die Flüchtlinge verändern unser Land, aber wir verändern auch die Flüchtlinge.
Kinder, die Angst haben, brauchen eine Hand, eine Verbindung zur Sicherheit, das Gefühl, gesehen zu werden. Erwachsene brauchen dieselben Verbindungen, brauchen materielle Sicherheiten, ein Dach über dem Kopf, Ausblick auf Zukunft. Was aber, wenn genau das hier vernachlässigt wurde? Die Ängste sind schon lange da. Was jetzt hochkommt, ist nicht neu, ist neuerdings nur krass sichtbar.
Große Angst schaltet das Denken ab, schwächt das Immunsystem, stoppt Verdauung und Sex. Lange geht das nicht. Ich brauche bei Angst eine Hand, die meine festhält, bin ich dann noch wählerisch…?

In Köln wurde die Oberbürgermeister-Kandidatin mit einer Messerattacke schwer verletzt. Und dann erst recht gewählt.
In Marburg gibt es vierzig syrische StudentInnen, die von ihrem eigenen Geld eintausend rote Rosen gekauft, sich damit in die Fußgängerzone gestellt und die Rosen an die deutschen Passanten verschenkt haben. Als Dankeschön für die freundliche Aufnahme in diesem Land, in dieser Stadt, als Dank für all die Unterstützung, fürs Lernendürfen, für eine friedliche Zukunft.

Schwarzweiß geht als Muster, als Klaviatur, als Chorkleidung, als Kontrast. Zwischen Menschen sind Farben, Klänge, Blumen, gute Berührungen nötig, in allen Facetten.
Weil es möglich ist.

Andrea Jennert

Farben

„Die Jahre verlaufen in Bildern wie Farben auf der Leinwand. Der Pinsel tanzt und streicht, kratzt und hält inne. Die alten Farben trocknen. Neue kommen hinzu, übermalen das Alte, übermalen wieder und wieder, das Neue wird weggewischt, alte Strukturen kommen zum Vorschein, das Bild immer wieder ein anderes, neues vollkommeneres. Selbst nach dem letzten Pinselstrich ist es nicht fertig, wandelt sich nach dem Punkt Gestorben noch immer……

…………  Ich will dir etwas zum Grün sagen.

Grün ist das Herz. Es ist auch rosa, wirst du denken, und du hast recht, genau wie ich, denn es ist auch grün. Ich bin dir grün, mein Herz ist offen für dich. Ich male grün und mische andere Farben dazu, geschwätziges Gelb, das auch die Seele ausleuchtet, erdiges Ocker, das beinahe orange ist, Nachtblau an einigen Stellen, damit du zur Ruhe kommst.

Du kannst nicht immer unterwegs sein.

Ich will dir etwas zum Blau sagen. Blau ist der lange Atem des Meeres, ein- und ausatmen über zehntausende von Jahren. Sein Spiel mit dem Licht, silberweiß, türkis, apfelgrün, steingrau, azurblau, lindgrün. Blau ist die Ruhe, der Abend, die Brücke zum Ich.

Und ich male dir ein Rot dazu, ein dunkles wie Wein. Die schwere Blume Rot. Ein Rot wie mein Sofa im Zimmer, auf dem wir uns ausbreiten manchmal, auf dem ich dir vom Malen und vom Lieben erzähle. Vom Binden und vom Freilassen, vom Weggehen und vom Wiederkommen. Vom Verletzen und vom Trösten.

Das Rot, das ich meine, hat nichts mit Krieg zu tun. Das Rot, das ich meine, ist die Glut, leuchtend, wärmend. Wie der Kamin in meinem Körper………..

…………. Ich möchte dir etwas zum Gelb sagen.

Gelb in einem Bild ist immer Sonne, Licht. Weiß allein genügt nicht. Es gibt Bilder, die leuchten, und es gibt Bilder, die sind stumpf. Manchmal möchte ich stumpf malen, da leuchte ich nicht. Da leuchten meine Bilder nicht. Da leuchtet meine Musik nicht. Da bist du nicht da.

Wenn ich ein Bild mit Gelb drin male, bist du da.

Aber Gelb allein und Weiß genügen nicht. Es muß Orange dabei sein. und ein Hauch Ocker. Vielleicht ein klein wenig Grün. Ganz leicht. Lichtes Herz. Mit einem rosa Schimmer irgendwo.

Dann bist du da……..

………… Ich tanze zu lauter Musik, wenn ich male. Und ich male mit meinem Körper, wenn ich tanze. Ich male die Farben der Musik in den Äther. Ich rufe dich, locke dich, komm zu mir, komm und bleibe etwas, lass uns zusammen essen und malen und lieben……….“

(A. Jennert aus „Malen und Lieben“)

(Vernissage am Freitag, 6. Februar 2015, um 19 Uhr, Stadtwall-Café in Barth, Wallstr. 25, Geöffnet tägl. 14-18 Uhr, außer Freitags)

Wenn das Schweigen endet

Zum ersten Mal wohne ich in einem Ort, an dem es ein KZ gab, das Außenlager Barth des Konzentrationslagers Ravensbrück. Am Mahnmal, am Eingang der Stadt, wurde gestern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Auschwitz-KZ eine Gedenkstunde gehalten. Der Bürgermeister sprach, die Pfarrerin sprach, wunderschöne Musik wurde eingespielt. So Schönes und so traurig Unfassbares dicht nebeneinander. So beeindruckend die Schülerinnen aus dem Barther Gymnasium, die Gedichte von Überlebenden und Nichtüberlebenden rezitierten. Zum Weinen. Blumen wurden niedergelegt, von Heimatverein, Bürgermeister und Stadtpräsidentin, der Linken-Fraktion und Anderen.

Zehn Autominuten entfernt wohnen manche Menschen seit über vierzig Jahren nahe am Strand, die oft die Straße von und nach Barth gefahren sind, auch den großen Stein sahen, und die dennoch heute sagen: Nein, ein KZ hat es in Barth nicht gegeben, der Gedenkstein gilt dem Gefangenenlager der Flieger, dem „Stalag Luft“.

Die Alliierten hatten Filme gedreht, damals. Vom Holocaust, von den Befreiungen, von SS-Leuten, die die Leichenberge begraben mussten dann. Von Einwohnern der Städte, Weimar zum Beispiel, die nach Buchenwald geführt wurden, um mit eigenen Augen zu sehen, was einen Steinwurf entfernt geschehen war. Die Alliierten wussten um die Natur des Menschen: Hinterher will es keiner mehr wahrhaben.

Zwei Bilder sind mir aus den vielen TV-Dokumentationen ins Gedächtnis gebrannt. Die schlenkernden Köpfe der skelettartigen Leichen, während sie zum Massengrab geschleift oder getragen wurden, manche Knochenarme um den Hals der Träger gelegt, die dürren Gestelle auf Huckepack. Diese Köpfe an so dünnem Hals, dass ich fürchtete, sie reißen gleich ab.

Und: Ein kleines Häftlingsorchester sitzt am Wegrand im Lager und spielt Mozart, während andere müde Häftlinge vorbei gehen, geschlagen werden. Oder erschossen, mal eben so.

Und doch sind es nicht die Täter, auf deren Seite Schuld und Scham wohnen. Sie flohen damals in die Wälder, zogen ihre Uniformen aus und standen für den Neuanfang zur Verfügung. Unerkannt so viele. Es sind die Opfer, die Überlebenden der Hölle, an denen das Stigma, die Scham kleben blieben wie Pech. Die Letzten wurden gerettet, aber niemand wollte sie haben. Die Länder der Alliierten schlossen ihre Tore vor ihnen. Und die Opfer selber sprachen nicht mehr. Sie blieben hier, verbargen diesen „Makel“ im Herzen und schwiegen.

Ein so schweres Schweigen. Auch die Kinder und Enkel trugen daran. Und tragen noch immer. Sie sind es, sagte die Pfarrerin, die heute Psychologen aufsuchen und mit Depressionen, Aggressionen und vielem Anderen kämpfen.

Genau wie die Kinder und Enkel der Täter. Sage ich.

Gibt es eine Lösung?

Alles ist Energie, sagen die Physiker, es gibt keine feste Materie. Alles ist ständig um Ausgleich bemüht. Eine heiße Tasse Tee bleibt auf einem winterlichen Balkon nicht lange heiß. Energie verändert sich ständig, weil sie fliesst. Die einzige Lösung ist, wenn Schuld und Scham dorthin fließen, wohin sie gehören,

und wenn das Schweigen endet.

 

Andrea Jennert

Verwandlung

Sonne und Meer. Nur wenig Wind. Viel Licht. Farben: Blau, Türkis, Waldgrün, Sandgrau. Auf der Wiese vor dem Abzweig nach Zingst stehen Schwäne, Graureiher, Gänse, in der klaren Luft die Möwen. Am Strand das Geräusch sanfter Meereswellen, die am Ufer enden. Temperaturen über null Grad, ein idealer Sonntag. Ein Traum von Wintersonntag. Mein Hund zeigt sein Glück in Tänzen, wie aufgedreht, und jagt dem geworfenen Ball nach. Schöne Gespräche mit einem lieben Menschen, Goethes Fee zum Beispiel, vor diesem Bild. Gespräche über Träume und ob sie geeignet sind, Realität zu werden.

Ein Tag, der ein Grund war, ans Meer zu ziehen. Eine Summe, die im Ganzen Glück ergibt. Ein Glück.

Dabei blieb die Frage offen, ob es dennoch ein Fehler war, hierher zu kommen. Wir hatten es gut, wo wir waren. Eine Summe vieler kleiner Glücksteile: Eine sonnige Küche, einen guten Tee, eine Vanillekerze, ein weinrotes Sofa, Freunde und Familie in der Nähe, einen guten Job, italienische Fliesen, eine Kerze vor einem Holzengel, die Kulturhauptstadt vor der Tür. Warum nicht zufrieden sein? Den Erbauerturbo umschalten auf Erhalten? Warum immer noch was reißen und Träume erfüllen wollen?  Hat sich der Einsatz gelohnt? Die Tiere haben gewechselt von Wildschwein, Elster und Krähe zu Schwan, Reiher und Möwe. Und Kranich zweimal im Jahr. Rehe und Füchse gibt es hier wie dort.

War der Preis zu hoch, den diese Traumerfüllung kostete? Habe ich heute am Meer an den Preis gedacht? Nein, dort nicht. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich wieder entscheiden, hierher zu kommen?

Ich bin versucht, nein zu sagen. Würde ich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sehr sehr ehrlich, muss ich Ja sagen. Zu dieser Zeit, damals, ja. Ich wußte nicht, dass die Erfüllung dieses Traumes nur wenig den Vorstellungen entsprechen würde, die ich mir vom Ergebnis gemacht hatte. Aber ich wusste um das Risiko.

Ganz große Träume bergen immer ein ganz großes Risiko, so ähnlich sagt es der Dalai Lama. Und: Du kannst den Wert deines Traumes am Preis erkennen, den du bereit bist, dafür zu zahlen.

Er war es mir wert, dieser Traum. Hier zu wohnen, zu arbeiten, zu schreiben, manchmal einen sonnigen Tag am Strand haben, mit wenig Wind. Leben und Leute hier kennenlernen, ja. Denn ich habe den Preis ja gezahlt: die kleinen Schönheiten und Sicherheiten habe ich dafür gegeben, eine komplette Haut habe ich abgestreift, das gesamte alte Zuhause dortgelassen.

Auch wenn die Erfüllung anders aussieht als erwartet, geplant, gehofft, sie kann kein Fehler sein. Solch ein Traum muss eine besondere Kraft haben. Eine, die jenseits von äußeren Erfolgen wirkt.

Eine Kraft, die imstande ist zu verwandeln.

 

Andrea Jennert

Auf Empfang

Hin und wieder, manchmal, immer öfter jetzt, geschehen Dinge, die fassungslos machen. Sprachlos, wortlos. Mich jedenfalls. Es geschieht und ich kann es nicht glauben. Verdrängen ist der erste menschliche Zug. Aber dann kommt der Punkt, an dem Verdrängen nicht mehr geht, das Unglaubliche kommt so nahe, trifft, betrifft.

Es gibt Tote, siebzehn Tote. Da gehen Millionen auf die Straße. Zeigen ihre Fassungslosigkeit, ihr Mitgefühl, ihre Nähe. Und es gibt Tote, Tausende, Millionen, die langsam sterben, in Folter, Vergewaltigung, im Flüchtlingscamp bei Schnee und Kälte, Hunger, oder weil sie kurdisch sprechen, wo man nur arabisch sprechen darf, weil sie Lieder singen, deren Texte nicht genehm sind, als Mädchen zur Schule gehen, wo Mädchen nur fügsam und verheiratet werden sollen, wo Kunst auf Despoten zeigt, und sie haben noch nicht einmal Mohammed satirisch verspottet.

Und niemand schaut hin. Keiner geht auf die Straße für all diese. Die Überlebenden gehen selber auf die Straße um zu fliehen. Und kommen oft nirgends an. Sie kommen um. Auf dem Weg, in Camps, in zu vollen führerlosen Schrottbooten auf dem Mittelmeer, in Lastern ohne Luft oder nur in Zwangsehen.

Die Welt ist nahe geworden. Sichtbar: Was wir aussenden, kommt irgendwann zurück.

Wir fühlen uns oft hilflos den Vielen gegenüber, die in Todesnöten sind. Die Zahl Siebzehn dagegen ist fassbar. Und sie steht nahe vor uns, eine Flugstunde südwestlich. Mitten in der Stadt der Liebe.

Unser Herz ist getroffen. Und geöffnet für Nähe, Solidarität, dieses alte verstaubte mißbrauchte Wort. Der Schock der Siebzehn hat die Menschheit getroffen.

Fünf Minuten, sagt der Fotokünstler, sind die Bäume rot. Wenn du am Weststrand in den Sonnenuntergang schaust und dich dann umdrehst, siehst du den Wald flammendrot.

Bedeutsame Ereignisse finden in kürzester Zeit statt, ob Unglück oder Glück. Die Zeichen ihrer Ankündigung verteilen sich über Jahre, Monate, Tage. Wir sollten sie lesen lernen.

Es ist Zeit, neu auf Sendung zu gehen.

Und auf Empfang.

 

 

Andrea Jennert
15.01.2015