Nur noch das Herz..

Während hier in Barth der Tag des offenen Denkmals stattfand, wurde in Berlin beschlossen, bestimmte Grenzen zu schließen.

Während im Eingang der Kirche die Gesangbücher zum Gottesdienst von einer jungen syrischen Muslimin ausgegeben wurden – sie kommt jeden Sonntag den weiten Weg her gelaufen – bekommen die Flüchtlingsmassen in den südeuropäischen Lagern Wasserflaschen und Essen ins Gedränge geworfen wie bei einer Meute hungriger Hunde.

Während sich Vertreter der Partnerkirchen aus aller Welt in Mecklenburg Vorpommern treffen und zu verschiedenen Gottesdiensten gehen – heute waren Gäste aus Indien und Estland hier – um näher zusammenarbeiten zu können, werden Polizisten aus ganz Deutschland abgezogen, sogar aus dem derzeitigen Hamburger Krisengebiet, und nach Süddeutschland gebracht, um die Grenze zu Österreich zu sichern.

Während in der Barther Marienkirche der Buchdruck der Jahrhunderte alten Bücher nacherlebbar gemacht wurde, während in den gläsern abgetrennten Bibliotheksraum innerhalb der Kirche nicht mehr als fünf Menschen gleichzeitig Zutritt haben, damit die Bücherschätze in angemessener Feuchtigkeit gelagert bleiben, sind Millionen Menschen ohne Dokumente unterwegs Richtung Nordeuropa, auf engstem Raum, in Lagern, Zügen, Lastern, Bussen, Taxis, zu Fuß, ohne Duschen, mit wenig Kleidung, Essen, Trinken, ohne Sicherheiten, vor allem: ohne Stille.

Ein wunderbarer Tag aus Nähe, Glauben, guter Nachricht – die junge Iranerin, die seit mehr als einem Jahr auf eine Antwort der Behörden wartete, bekam vor zwei Tagen den Bescheid, dass sie bleiben darf – ein Tag mit Musik, dem herrlichen Bläserchor, dem Barther Altorganisten, mit Singen, ein Tag der offenen Häuser, der offenen Vorträge in Kirche, Stadt, Garten, Museum, des offenen Umgangs mit Religionen. Ein Tag, an dem woanders die Tore wegen Überforderung und Überfüllung geschlossen wurden.

Die Regierung ist nicht Jesus, der die Fünftausende mit ein paar Broten und Fischen speisen kann.

Einer der sieben Syrer, die im August nach Barth kamen, hat schon einen vollen Job in Zingst. Verdient sein eigenes Brot.

Ich habe beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Zulassung fürs Erteilen von Deutschkursen in der VHS gestellt. Die Vorschriften hätten sich gelockert, sagte die VHS-Chefin, es braucht keinen Abschluß für Deutsch als Fremdsprache mehr, es genügt, in der Erwachsenenbildung gearbeitet zu haben. Immerhin habe ich mal ein Diplom als Musik- und Deutschlehrerin gemacht. Und einen Abschluss als Klavierlehrerin. Doch weder dies noch meine fünfjährige Arbeit am Gymnasium waren bisher ausreichend für die Volkshochschule. Die Flüchtlinge werden oft von Nicht-Muttersprachlern unterrichtet.

Ehrenamtlich kann ich natürlich sofort…

Nach einer Woche ein Brief, maschinell erstellt, es wird mindestens sechs Wochen dauern, bis ich Nachricht bekomme, ob ich in der VHS bezahlten Unterricht mit Zertifikaten für Flüchtlinge geben kann.

Die syrische Mutter sagte, alle Syrer glauben, Frau Merkel hat einen Plan, in Deutschland ist alles vorbereitet, perfekt organisiert, sonst würde die Regierungschefin doch nicht …..

Nein, sagte ich ihr, es gibt keinen Plan. Es gibt die Not der Flüchtlinge, und ein Plan muss erst entstehen jetzt.

Das ist verrückt, sagte sie erschrocken.

Deutschland hat den Verstand verloren, sagt der Engländer, man reagiert hier nur noch mit dem Herzen! Und das war als Kritik gemeint…

Das ist die schönste Kritik, die Deutschland je bekommen hat: Nur noch das Herz.

 

Andrea Jennert

Willkommen. Lächeln.

Seit längerer Zeit schon frage ich mich, wieviel die Erhitzung der menschlichen Gemüter mit der Klimaerwärmung zu tun hat. Der menschliche Instinkt ist immerhin soweit intakt, dass viele den Sommer über gespürt haben: Da braut sich was zusammen.

Das Klimaphänomen heißt El Nino, gesprochen El Ninjo, mit einer Welle überm n. Es geht um Temperaturunterschiede im Pazifik, die weltweit Folgen für das Wetter haben. In Kalifornien können sie es kaum erwarten, da würde er für mehr Regen sorgen. In Peru dagegen könnte er die Sardinen-Saison zum Erliegen bringen. Bei zu warmem Wasser bleiben die Fischschwärme aus. In Asien gibt es Trockenheit und Hitze. In Indonesien brannten beim El Nino 1997-98 großflächig die Regenwälder. Der Name stammt von peruanischen Fischern, die seit langem beobachtet haben, dass, wenn die Temperaturen des Pazifik in einer bestimmten Region vor Südamerika drei Monate lang mehr als 0,5 Grad über dem Durchschnitt liegen, dies weltweit Folgen für das Wetter hat.

Und nicht nur Psychologen oder Neurologen wissen, dass Druckveränderungen in der Atmosphäre unmittelbare Auswirkungen auf unser Dasein hat. Auf unsere Laune, unsere Kräfte, unsere Nerven, unser Schmerzempfinden. Inzwischen haben Forscher des Earth Institutes von Jeffrey Sachs, Columbia Universität New York, schon mal einen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und El Nino- Jahren ermittelt. Bei einer statistischen Wetterdaten- und Konflikt-Auswertung beim südsudanesischen Unabhängigkeitskrieg zum Beispiel stiegen die Bürgerkriegsrisiken in El Nino-Jahren in Prozent messbar an.

Der aktuelle El Nino kündigt sich bereits seit Juli an, wo die Temperaturen des Pazifik an der Meßstelle bereits bei einem Grad über dem Durchschnittswert lagen. Bis Dezember werden die Temperaturen auf der Südhalbkugel noch steigen.

Reisbauern in Asien rechnen mit einem Ernteeinsturz von über 43 Prozent. Die Nahrungsmittelindustrie ist alarmiert.

Ich versuche meine Hilflosigkeit gar nicht erst zu fühlen und sage mir, ich esse eh lieber Kartoffeln.

Wie genau die Beeinflussung von Wetterphänomenen und menschlicher Spezies vonstatten geht, können weder die Forscher noch die Fischer sagen. Aber ich denke, es ist auch alles eine Sache von Gegenseitigkeit. Dunkle Wolken, eine hitzige Atmosphäre, Spannung in der Luft, es kann draußen sein, sich über Kontinente spannen, es kann auch im Zimmer stattfinden, in öffentlichen Sälen, in Ländern, da schützen auch keine Zäune mit Stacheldraht. Wir sind nur eine Welt.

Die Folgen von Klimaphänomenen sind sofort zu spüren. In Tagen, Wochen, Monaten. Die von Kolonialisierung, Menschenverachtung, Habgier, Machtwahn usw brauchen etwas länger. Wie ich hörte, stand vor hundert Jahren in den deutschen Schulbüchern, der „Neger“ sei „ein sprechender Affe“. Und hundert Jahre sind noch keine so große Distanz für etwaige Folgen.

Nicht nur Länder und Kontinente hängen miteinander zusammen, auch Zeiten. So wirkt der Zustrom von dieser derzeitigen Flüchtlingslawine nach Deutschland wie ein großes Wundenaufreißen für die noch lebende Kriegskinder-Generation, die oft selber vor siebzig Jahren geflohen sind, oder meine Generation, von der vor dreißig Jahren viele geflüchtet, ausgereist, abgehauen, in die Prager Botschaft gegangen sind. Ihnen sitzt der Schock noch immer in den Knochen, in allen Zellen.. Und auch die Nichtgeflohenen, die als Dreijährige bei Bombenalarm in irgendeinem finsteren kalten Keller saßen, die Angst aus der Atmosphäre inhalierten, sind wie erstarrt beim Anblick der Bilder von Massentrecks, die sich Richtung Deutschland schieben. Manche können weinen. Oder helfen. Bahnhöfe voller Gaben für die Ankommenden, die Durchgekommenen. Bei manchen geht nur der Hass..

In Physik haben wir einmal gelernt, keine Energie geht verloren, sie kann nur umgewandelt werden. Darin liegt die Chance. Die zu uns kommen, werden uns verändern, starre Systeme aufbrechen, unser Herz aufrühren, mit nichts als ihrem nackten Leben. Und es liegt an uns in ganz Europa und darüber hinaus, für welchen Wert wir uns entscheiden, für das goldene Kalb oder das lebendige Herz. Unsere Werte stehen auf dem Prüfstein.

Und wir werden die Ankommenden verändern, mit unserer Kultur, unserer noch unvollkommenen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die aber so manchen Kulturen um einiges voraus ist.

Die syrische Mutter sagte mir, ihre Landsleute verehren unsere Kanzlerin, sie sagen Mama Merkel zu ihr, und dass eine einzige deutsche Frau etwas schafft, was so viele arabische Männer nicht zuwege bringen.

Wir sind nicht hilflos. Für ein gutes Klima kann jeder etwas tun. Das Zeitalter der Frauen kann so beginnen: Lächeln. Willkommen!

Andrea Jennert

Starke Kurzsichtigkeit

Sommer also! Wäre der Kalender nicht, ich wäre nicht drauf gekommen. Einstellige Temperaturen am Morgen, tagsüber vielleicht 14 Grad. In Südindien starben tausende an der Hitze, hier wird es nicht einmal mehr warm. Großer Gewinner ist die Natur, die Pflanzen explodieren förmlich, der Rasen ist quietschgrün.

In den Werbeflyern der Kirche war am Samstag Abend eigentlich das Eröffnungskonzert des Barther Orgelsommers angezeigt. Nach der fertigen Planung, nach dem Drucken, nach Monaten also, kam der NDR und setzte die Eröffnung seiner Sommertour am Barther Hafen darauf.  Mit Tomatenwette und Zugpferd Jan Josef Liefers, allen als kruder Kommissar des sonntäglichen „Tatort“ aus dem Fernsehen bekannt, samt seiner Band „Radio Dorea“. Also umschichten, neue Plakate, neuer Termin einen Tag später. Das große Spektakel mit mehreren Tausend Besuchern und seinem Star Liefers, der am Samstag tatsächlich auch eine Stunde seinen Auftritt hatte, von 23 bis 24 Uhr, hat der kleinen kulturvollen Veranstaltung so ziemlich das Wasser abgegraben. In der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorhanden. Die Ostseezeitung hat nach einer frühen Erwähnung weder kurz vorher noch am Tag selber noch im Nachhinein dieses schöne Ereignis für würdig befunden, Eingang in den schwarzweißen Druck zu finden. Was mehr als schade ist, denn es war großartig, was die Kantorin Bettina Wißner da auf die Beine gestellt hat: Mendelssohns unvollendetes Oratorium „Christus“ und Mozarts „Missa in C“ wurden vom Barther Singkreis, dem Orchester „Sinfonietta“ aus Lübeck und einem japanischen Solo-Tenor mit Gänsehaut-Effekt geboten. Das hätte weit mehr Zuhörer verdient.

Aber die Nordtour kam und „Christus“ mußte weichen.

Auch die Kantorin wird gehen, es war ihr letztes Konzert mit dem Singkreis. Nach der Musical-Aufführung mit dem Kinderchor am kommenden Samstag  wird sie zu packen beginnen. Zweieinhalb Jahre Barth sind für die Neununddreißigjährige genug, nun zieht sie weiter nach Süden.

Schade für Barth. Gute Leute haben es hier schwer mit dem Bleiben. So sie nicht gebürtige Nordlichter sind, hierher geheiratet haben, Urlauber oder/ und im Rentenalter sind und ihre letzten Jahre in guter Luft verbringen wollen. Mit Geld herkommen und es hierlassen – geht immer. Hier Geld verdienen wollen ist ein schwierig Ding. Neuerungen haben es in dieser windig-stürmischen Gegend schwer. Alles dauert zwanzig Jahre länger als woanders, bis es hier ankommt, wurde mir gesagt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es sind fünfzig.

Immerhin wurde die Hochstapler-Lehrerin, die in Schleswig-Holstein ziemlich bald vor die Tür gesetzt wurde, hier in McPomm doch schon nach zwanzig Jahren entlarvt. Aber was soll man erwarten von einem Land, in welchem Mopeds der Marke „Simson“ geklaut werden, indem gleich der Baum abgesägt wird, an dem das Teil angeschlossen war?

Selbst Einheimische, die Strukturen mit aufgebaut, sich engagiert haben, werden weggebissen, wenn sie weiter über den Tellerrand gucken.

Schade, wie gesagt. Aber es paßt zu meinem widersprüchlichen Gefühl, das ich so oft hier habe. Gerade noch freue ich mich an der Idylle, am Licht, am Sonnenstrand, an den rosa-violett-hellblau-goldenen Wolkengebilden, wenn die Sonne gen Westen sinkt, an den singenden Amseln und kreischenden Möwen, an neuen Freunden, netten Menschen, schon beutelt mich wieder die Fassungslosigkeit bei Zeitungsmeldungen wie „Prerow schlittert gerade am Ruin vorbei“. Als presseinteressierte Urlauberin würde ich mich glatt fragen: Was, verdammt, machen die eigentlich hier mit meinem Geld?-  Und ich würde es denkwürdig finden, wenn ich lese, dass weder Prerow noch Ahrenshoop usw verstehen, warum sie auch für Marlow mit seinem Vogelpark beispielsweise mitwerben sollen. Die Perlen im Hinterland sind doch nicht weniger wertvoll und gehörten in meiner Wahrnehmung mit zur Kette.

Aber ich bin keine Urlauberin, und wollte ich hier länger bleiben, müßte ich mir das ständige Kopfschütteln womöglich abgewöhnen. Und dann bräuchte ich wahrscheinlich eine neue Brille für eine plötzlich auftretende starke Kurzsichtigkeit.

 

A.Jennert

Sehnsucht und Meer

Der Frühling ist hier lange kalt in diesem Jahr. Die Bäume haben sich Zeit gelassen mit blühen und grünen. Stiefmütterchen und Hornveilchen stehen auf dem Markt in den Kübeln oder auf Fensterbänken. Am Strand vorne pfeift kalter Wind.

Ich frage mich, was es auf sich hat mit dem Ans-Meer-Ziehen-Wollen. Was steckt dahinter? Auch Gregor Gysi sagte im Barther Theater: Wenn ich mal aus Berlin wegziehe, dann ans Meer.

Ja, und dann? Spazierengehen am Strand wird mit der Zeit seltener. Und im Sommer verliert man vollständig die Lust daran, wenn Urlauber den Strand bis an den letzten Quadratmeter füllen. Die gute Luft? Für die Bronchien ja, für die Knochen auf Dauer nein. Jedenfalls nicht für Ungeübte. Das geträumte Segelboot?

Letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht. Und die sieht bei jedem anders aus. Bei meinem Mann war es, glaube ich, die Freiheit. Die eigenen Kräfte zu spüren, ob beim Segeln oder im Job, und damit etwas zu bewirken. Vielleicht auch: frei zu werden von sehr alten Konditionierungen.

Wir alle tragen unsere Prägungen in uns. Was unsere Eltern uns mitgegeben haben, war immer beides, förderlich UND hinderlich. Auf die Verhältnisse kommt es an. Und darauf, was wir daraus machen.

Was war die Sehnsucht für mich? Warum wollte ich ans Meer, an den Bodden, nach Barth? Die Liebe? Mit Mann, mit der jüngsten Tochter, mit weniger Arbeit, dafür mehr Zeit für die Berufung? Ja, so in etwa. Die Liebe in größerem Umfang, in vielen Facetten.

Und jetzt? Es gibt irgendwie kein Ankommen hier. Die tiefen Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt, sie sind noch immer da. Es war eine Illusion zu glauben, sie würden sich allein durch die Nähe zum Meer erfüllen.

Statt dessen: Kalter Frühling, ständig wechselnde Winde, die nicht nur das Wetter betreffen. Klar, es ist sehr schön hier. Vögel, die einen in den Tag zwitschern, Meeresrauschen oder stillere Boddengewässer mit Schwänen, Gänsen, Kranichen, die einzelne Amsel, die oft am Ende des Dachfirstes auf dem unbewohnten Haus nebenan sitzt und die ganze Altstadt beflötet. Fotomotive wohin man schaut, Licht, Farben, der Geruch des Wassers.

Und irgendetwas schwingt in der Luft dieser Gegend, das so kühl daherkommt, aber einen letztlich irgendwie unbemerkt einsaugt und nicht mehr gehenlassen will. Zusammen mit den Menschen, die nach anfänglicher Reserviertheit und längerer Kennenlernzeit einfach nur herzlich sind.

Vielleicht ist der Grund dieses Schrittes ans Meer zu ziehen, der, den wahren Namen der Sehnsucht herauszufinden. Vielleicht nach dem Ausschlußverfahren: Das Meer selber ist es schon mal nicht. Das Segelboot auch nicht. Der Job nicht und der Job meines Mannes erst recht nicht. Bleibt die Liebe mit ihren vielen Gesichtern, Partner, Kinder, Freunde, Berufung, und: ihr Gegenstück. Die Angst. Das ist gar nicht der Hass, wie ich lange glaubte, es ist die Angst. Je größer sie wird, desto kleiner wird die Liebe.

Gut, dass es genauso auch umgekehrt funktioniert.

Und ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte. Der Goethefee zum Beispiel, dem Fotokünstler, dem alten Schäfer samt DDR-Fahrrad und jungem Schäferhund, den Pfarrersleuten, der Psychologin, dem Autorenclub, der Caféinhaberin, der syrischen Familie, dem Theaterintendanten, der Schulsekretärin und ihrem Mann, dem Museumsdirektor, dem jungen Bürgermeister, meinen Klavierschülern und ihren freundlichen Eltern. Oder dem ewigen Wanderer, der seit dreizehn Jahren seinen Miniplanwagen an einer riesigen Bauchkette hinter sich durch die Lande zieht. Am Karren sind Kinderhandabdrücke zu sehen. Und die Forderung nach härteren Strafen für sexuellen Mißbrauch von Kindern. Er findet keine Ruhe mehr, läßt Bürgermeister und bekannte Persönlichkeiten unterschreiben, sammelt solche Amtsbriefe in Plastikmappen. Nachts schläft er im Karren. Die schönen hellblauen Augen im schmutzigen behaarten Gesicht irren am Tage umher.-  Wo will er hin? Welche Sehnsucht ist seine?

Oder ist es gar nicht vorgesehen, dass wir den Namen unserer Sehnsucht überhaupt erfahren?-  Die Aufgabe des Künstlers ist es, nach Hermann Hesse, nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern die Sehnsucht zu wecken. Sie macht uns lebendig, empfänglich.

Und so würde ich immer wieder zu Konzerten wie dem gestrigen hier in Barth im neuen „42 und …“ in der Langen Straße gehen, wo Irina, die Heilerin, mit zärtlicher, heller Stimme mir in die Seele sang. Wenn ich die Augen mal offen hielt, trotz der Tränen, sah ich eine Schönheit in den Gesichtern der Zuhörer, die nur durch die Art Lauschen entsteht, welche die tiefste Sehnsucht in uns trifft und

offen legt.

A.Jennert

Alles auf Anfang

Das Jahr hat fröhlich begonnen, mit Sekt, Tanz, Lichtern, Suppe, Torten, Töchtern, Freunden und Goethes Fee im „Jambolaya“, der afrikanischen Cocktailbar am Barther Hafen. Die Inhaberin hat Dreadlocks wie ihre drei Pulis, Lockenhunde wie unserer. Am Markt war es nicht nur um Mitternacht zu laut, die Kanonenschüsse dröhnten vielfach zwischen den Häuserschluchten. Am Hafen hinten war es gut, ein Panorama voller Lichter über der Stadt.

Nun geht ein neuer Alltag durch Straßen und Häuser. Das Licht nimmt wieder zu, die Tage werden länger. Die Jüngste geht zur Schule, die Einzige, die früh aus dem Haus muss.

Links von mir wohnt eine traurige Frau, die nicht weiß, wie mutig und stark sie ist. Nach über vierzig Jahren einer glücklosen Ehe, nach einem Autounfall, den sie knapp überlebt hatte, nach so vielen Jahren ununterbrochener Arbeit, hat sie den Sprung geschafft, hat sie sich und ihr Leben gerettet. Ist sie stolz auf ihre Kinder. Nun hat sie es wieder, ihr eigenes Leben, wenn auch mit Verletzungen und Blessuren, und weiß noch nicht recht, was anfangen damit. Die Freude muss erst wieder gelernt und geübt werden. Wie ein Klavierstück. Jeden Tag etwas. Hübsch ist sie. Und so mutig.

Rechts von mir ein altes größeres Haus mit niemandem drin. Denkmalgeschützt, mitten im Verfall. Aus den schrägen Eingangsstufen und den Dachrinnen wächst es grün. Im vorletzten Jahr hat es einen neuen Eigentümer bekommen. Noch atmet es Ruhe, manchmal stehen die Fenster offen, aber in seiner stillen Art ruft es leise nach Aufmerksamkeit, nach Hilfe. Es war eine Schönheit früher, es hatte Bedeutung, als Brauerei, als Elternhaus, als Heimat von Jemandem, der nun woanders wohnt und Getöpfertes auf den Märkten anbietet. Was wird nun?

Und mein eigenes Haus in deren Mitte, unser Haus – grau. Ein ungeschminktes Hausgesicht zwischen Verfall und farbig Neuem. Der hübsche runde Torbogen, die halbrunden Fenster oben. Schöne Proportionen im dreißig Jahre alten DDR-Putz. Vorn der Markt, hinten Garten. Ich hab es gern, dieses Haus, auch wenn ich mich noch nicht an seine Andersartigkeit gewöhnt habe. Woanders war Zuhause, das Schwedenhaus in Borkwalde, das kleine grüne Schloss. Aber dies hier ist ein guter Ort auch. Wofür genau, das werde ich später wissen.

Im Café am Stadtwall erzählte die Frau mit den langen dunklen Haaren, dass es in Barth vor der Wende viel Industrie gegeben habe. Zuckerfabrik, Betonwerk, Fischverarbeitung, die große Gärtnerei mit über neunhundert Beschäftigten, Schiffswerften. Die Gärtnerei hat noch dreißig Mitarbeiter, eine kleine Werft gibt es am Hafen. Alles andere ist dicht. Nach der Wende wurde alles von Westfirmen aufgekauft, erzählte sie, und kurz danach geschlossen. Die meisten Barther auf einen Schlag arbeitslos. Von Vierzehntausend wohnen noch knapp Neuntausend hier. Wer nicht wegging, dem Geld nachzog, ist mitunter seit fünfundzwanzig Jahren arbeitslos.

Das erklärt einiges, dachte ich. Vor allem diese seltsame Stimmung. Eine Stadt im Schock. Unverstanden von den Zugezogenen. Sprachlos. Wenn es dunkel wird, sagte die Frau, gehen die Barther nach Hause. Trotzdem bietet sie Kultur in ihrem Café: kleine Ausstellungen, Lesungen, Abende mit Rommé und Canasta. Kleine Schnittchen werden dazu geboten. Und gemütlich ist es, jeder sitzt in einem Sessel oder Sofa. Jeder.

Mein Mann ist nun auch jeden Tag da. Wie viele Barther.

Im meinem Garten stehen seit Monaten die Rosenknospen. Sie halten was aus. Halten die Hoffnung aus. Es ist Januar.

Alles auf Anfang.

Was mich bewegt

Zweiter Advent, zweites Hoffnungslicht. Zwölf rote Rosenknospen stehen noch immer im Garten. Statt hängendem Weihrauch nun eingesteckte grüne Zweige in den Blumenkästen vor den Fenstern. In der frühen Dämmerung flogen hunderte Schwäne über die Stadt. Jetzt lassen die hellen Wolken hin und wieder Lücken für sichtbar blauen Himmel. Er ist samt Sonne immer da über all den Wolken. Aus dem Fenster kann ich den Neubau eines Doppelhauses mitten in der Stadt beobachten. Gerade ist die Dachetage dran. Hämmern sägen schleifen. Nachmittags wird es ab drei Uhr dunkel, die Adventslichter in den Fenstern leuchten. Goethes Fee sagt, in Göteborg ist alles hell um diese Zeit, überall so viele Weihnachtslichter, dagegen ist Barth eine dunkle Stadt. Nun wohnt sie hier, und ihr kindlicher, einundvierzigjähriger Sohn ist für Wochen zu Besuch. Er ist allein mit der Fähre gekommen, mit ihr ständig über das Handy verbunden. Sie hat ihn durch Zeiten und Orte dirigiert, ihn an Dinge erinnert wie Licht löschen, Brote für unterwegs einpacken, selbst fürs Aufstehen und Losgehen hat sie so gesorgt. Er wird nie wie Andere sein. Und sie wird nie frei sein.

Aber Barth ist nicht so dunkel, die Stadt hat andere Glanzlichter. Ihr kleines Theater ist eine Bühne für Laien wie Profis. Marlene Dietrich konnte darin auferstehen, samt live gesungener Lieder; Gregor Gysi wird am Freitag da sein; letzten Samstag gab es eine illustre Runde Paradiesvögel im Klönpott, von der Tanzenden Rabenfrau über den Filmemacher von „Flüstern und Schreien“, einen Weltenbummler, einen Landrat, eine Metal-Geigerin, mehrere Musiker bis hin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf bunten Möbeln interviewt wurden. Die Live-Kochshow versorgte Gesprächspartner wie Publikum mit Kostproben. Den größten Eindruck machte das dreizehnjährige syrische Mädchen Yara, meine Klavierschülerin, die auf der Bühne das Gesagte ihrer Eltern übersetzte und agierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie erzählte von den Millionen Syrern, die auf der Flucht sind, sagte eindringlich, dass ganz Syrien brenne, dass allein zwanzigtausend Kinder ermordet wurden, mehr als doppelt so viel, wie Barth Einwohner hätte. Sie setzt Zahlen in Beziehung, stellt Verbindungen her. Ihre Mutter sagte in Englisch, es sei derzeit das gefährlichste Land der Welt, der Brand würde auf alle Nachbarn bereits übergreifen, und wir im Westen würden es nicht wahrnehmen. Niemand berichtet über Assad und seine Polizei, die willkürlich jeden tötet.

Den Barthern standen Tränen in den Augen. Und die Edeka-Inhaberin möchte dem Mädchen ein größeres Geschenk machen. Sie wurden aufgenommen, die Fremden. Sie waren in Syrien eine bekannte Familie, und auch hier steht ihr Name schon mehrfach in den Zeitungen. Sie sind Botschafter ihres Landes. Und sie zeigen mit ihrer Dankbarkeit, auf welch hohem Niveau unsere eigenen Alltagssorgen sich befinden.

Ich vergesse meine eigene Angst vor der Zukunft, wenn ich ihnen zuhöre. Und ich halte mich an das Geschenk eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke:

WAS MICH BEWEGT

……………………

Man muß Geduld haben – gegen das Ungelöste im Herzen – und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, – wie verschlossene Stuben – und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben – sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. – Wenn man die Fragen lebt, – lebt man vielleicht allmählich, – ohne es zu merken, – eines fremden Tages – in die Antworten hinein.

Zuhause

Der ganze Tag war in Nebel getaucht. Die Pflastersteine im kleinen Garten oder die Straße und die Bürgersteige werden nicht mehr trocken. Immernoch wächst der Weihrauch. Anderthalb Etagen hängt er bereits herunter. Und er blüht überall weiß. Jetzt im November. Das braune Geländer am Balkon wogt in Grün und Weiß. Sobald Frost kommt, wird er eingehen. Einjährig. Wie mein Aufenthalt hier. Der Nebel passt zur Stimmung. Ich kann nur einige Meter weit sehen.  Dann wird der Blick unscharf. Es fällt schwer abzuwarten, wann sich ein Weg zeigt. Ich schaue in Richtung Süden.

Meine Fassungslosigkeit weicht langsam einer Trauer. Wer dem Geldfluß nützlich ist, wird hofiert. Was wir vor über 25 Jahren über den parasitären Kapitalismus lernten, wird hier genau so praktiziert. Und niemand ist schuld. Sicherheit gibt es nunmal nicht mehr. So ohne Fünfjahresplan. Das haben wir nun davon, dass wir damals was verändern wollten.

Es macht mich sprachlos, was hier passiert, ich kann nicht mal weinen. Das Zuhause aufgegeben.

Hier fühle ich mich fremd. Im eigenen Land. Im Osten. Ich möchte nach Hause, aber das ist verkauft. In jeder Hinsicht.

Die Saison ist zu Ende. Die jetzt nichts mehr nützen, können wieder gehen. Es ist nicht erstrebenswert, so nahe am Meer zu wohnen. Hier kann man nur Urlaub machen. Mit Geld.

A.J.