Schau mal!

Gestern am frühen Abend flogen wieder die Kraniche über den Deichweg. Kurz nach siebzehn Uhr ging es bereits los. Es war dunkler als sonst, Nebel und Regenwolken hingen tief. Sonst kommen sie kurz vor Sonnenuntergang. Gestern war schon vorher Dämmerung. Auf meinen Brillengläsern immer neue Regentropfen, am Himmel immer neue Kranichzüge. Zwischen krächzenden Schreien vieler Gruppen flog eine Formation stumm über mich hinweg.

Die Züge tauchten aus dem verwischten Grau des Horizonts auf, wurden größer, klarer; manche teilten sich vor mir, als wollten sie dem Fremdkörper da unten auf dem Weg ausweichen, und schlossen sich erst über dem Wasser wieder zusammen. Andere waren mutiger, flogen tiefer, zogen genau über meinem Kopf dahin.
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Ein wunderbarer Ort, ein weiter Himmel ein großes graues Wasser, das unsichtbar ins Meer mündet, Schilfflächen auf der einen Seite des Weges, Felder und Gras auf der anderen. Mitunter begegnet mir ein alter Schäfer, der mit altem Fahrrad und jungem Schäferhund an breiter Lederleine eine große Runde fährt. Seine hellen Augen blitzen, wenn er erzählt, dass die Kraniche früher genau hier auf den Feldern saßen, auch Gänse und Reiher. Jetzt sei alles überdüngt und giftig, da suchten sich die Vögel andere Freßplätze. Überhaupt seien die Tiere viel weniger geworden, ob Rehe, Hirsche oder Hasen, man sehe sie nur hin und wieder. Wildschweine seien die einzigen, die sich durch jeden Müll und jede schöne Wiese durchwühlen würden. Nicht nur der Deichweg ist aufgewühlt.

Der Mann, der mich aus dem Regen holte, sagte, es gäbe Freßgruppen von ungefähr 30 Vögeln, die zusammen fliegen, zusammen gehören. Fehlt einer von ihnen, kehrt die gesamte Gruppe zum letzten Schlafplatz zurück und wartet auf den Fehlenden. Und – die Paare bleiben, wie bei den Schwänen, ein Leben lang zusammen. Sein Blick geht mir unter die nasse Haut dabei.

Dass die Idylle Gift in sich hat, sagte auch der Arbeiter  an den Spülfeldern auf der anderen Seite von Barth. Wer am Wasser Richtung Osten entlang geht, kommt an der ehemaligen Badestelle vorbei, eine seit Jahrzehnten vergammelnde Anlage, ein Gebäude, das aus Dach und beschmierten Wänden und Müll in allen Ecken besteht, Beton- und Eisenteile ragen aus dem Wasserzugang. Am Wegesende der Zaun mit Schild „Achtung Lebensgefahr!“ Dahinter die inzwischen bewachsenen Erdwälle, Umfriedungen, welche die gifthaltigen Schlammassen umgeben, die derzeit mit einer Pumpanlage aus dem Hafenbecken abgesaugt und ins Spülfeld gepumpt werden.

Der Deichweg führt an der Westseite, der schönen Seite, entlang. Hier geht die Sonne unter, hier stehen Bänke und Tische am Weg, einer ist sogar überdacht. Und hinten im Wald gibt es Aussichtstürme, da kann man den Kranichen beim Landen zuschauen. Oder einen Lichtstreifen auf dem grauen Wasser sehen, mitten unter grauem Himmel. Hier schwimmen Hunterte von Schwänen. Manchmal fliegen alle Schwäne auf einmal hoch, kreisen in einer Parade über dem Wasser, dass die Luft davon singt. Und manchmal sitzen zwei Wanderer auf einer Bank davor, ein Fahrrad, ein Hund dabei, und schauen dem Bild zu, als sei das Ganze kein Zufall, als säßen sie täglich so.

Schau mal! sagt sie.

Er nickt. Und schaut sie an.

 

2 Antworten auf „Schau mal!“

  1. Das ist Andres Stil plastisch, genau und einfühlsam erzählt. Ich bekomme dabei auch Gänsehaut, wenn ich lese was du an Idylle und Schreckniss unserer „modernen“ Zeit in einer kurzen Schilderung unterbringst. Man kann in so deiner kurzen Sentens die Zerissenheit unserer Zeit – denn in der befinde ich mich ja gerade – und des Lebens erkennen. Wenn ich das Foto sehe bekomme ich Lust mit dir und eurem wuscheligen „Bargeld“ 😉 am Bodden zu spazieren.
    Lieben Gruss, auch an Raimund und Almuth, Edda

  2. Das ist Andres Stil plastisch, genau und einfühlsam erzählt. Ich bekomme dabei auch Gänsehaut, wenn ich lese was du an Idylle und Schreckniss unserer „modernen“ Zeit in einer kurzen Schilderung unterbringst. Man kann in so deiner kurzen Sentens die Zerissenheit unserer Zeit – denn in der befinde ich mich ja gerade – und des Lebens erkennen. Wenn ich das Foto sehe bekomme ich Lust mit dir und eurem wuscheligen „Bargeld“ 😉 am Bodden zu spazieren.
    Lieben Gruss, auch an Raimund und Almuth, Edda

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