Abflug

Die Kraniche sind nicht mehr lange hier. Wir auch nicht. Das Land ist wunderschön, die Kraniche sind es, die Schwäne, die Gänse. Ein wunderbarer weißer Strand, idyllische strohgedeckte Häuser auf der Insel. Eine Zwischenstation. Für die Urlauber wie für die Kraniche wie für uns.

Dieser Winter wird keine Ruhe bringen. Eine dunkle Zeit jetzt. Nach Weihnachten wird es wieder heller.

In der Bank traf ich die syrische Familie. Vater Mutter Sohn, vereint. Sonnenstrahlen im Gesicht. Sie hatten mich nicht gleich erkannt. Waren erschrocken über das Grau in meinen Augen. Sie hatten es fertig gebracht, mich zutiefst zu trösten. Es sei nicht so wichtig, sagten sie, auch das Geld sei nicht so wichtig. Sie hätten alles verloren, Haus, Heimat, Freunde, Beruf, sogar die Sprache hätten sie verloren und müssten nun eine neue lernen. Wichtig sei, dass die Familie da und gesund sei. Dass sie leben dürften, wo doch ihre Nachbarn gestorben seien. Dass sie essen und ein Dach über dem Kopf haben dürften, wo ihre nichtgeflohenen Freunde in Ruinen lebten und hungerten. Und, so sagten sie, wir würden unser Leben planen, aber es sei Gott, der uns führt. Der uns neue Aufgaben gibt. Es ist o.k., sagten sie immer wieder. Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf, so sage man in ihrer Heimat.

Da muss was dran sein, dachte ich, der Satz ist wohl international. Grenzenlos. Und ich bin noch jetzt erstaunt, dass Menschen, die außer ihrem Leben alles verloren haben, keine Existenzängste mehr haben, dass aber die, die nicht nur satt und warm leben, sondern genug übrig haben für Überfluß und Statussymbole, solche Ängste haben, dass sie aus Gründen der Vorsorge mehr kaputt machen als sie wissen oder glauben.

Ich stelle mir vor, wie ich ohne meine Sprache im fremden Land leben müßte, in dem selbst die Musik völlig anders wäre. Was ist das Verbindende? Es ist in den Augen, im Händedruck, im Lauschen auf den Ton hinter der Sprache. Sobald die Angst hochfährt, ist die Verbindung unterbrochen.

Ich möchte nach Hause, sagte ich vor Tagen, als feststand, dass auch wir nicht bleiben werden. Es geht also zurück. Von der Insel der Fürsten in die Stadt der Könige.

10 Gedanken zu „Abflug“

  1. Ich glaube, es ist in der Tat so, dass alles zu verlieren, wirklich frei machen kann. Letztlich ist doch das Gefühl von Sicherheit, dass uns Beruf, Haus und festes Einkommen gibt, wenig mehr als eine angenehme Illusion. Sicherheit im Leben gibt es nicht wirklich – morgen könnten wir tot sein. Verzweifelt versuchen wir diese rauhe Realität zu vermeiden. Doch sie zuzulassen bietet auch immer eine Chance: die Chance das Wesentliche wirklich zu sehen.

  2. Ich glaube, es ist in der Tat so, dass alles zu verlieren, wirklich frei machen kann. Letztlich ist doch das Gefühl von Sicherheit, dass uns Beruf, Haus und festes Einkommen gibt, wenig mehr als eine angenehme Illusion. Sicherheit im Leben gibt es nicht wirklich – morgen könnten wir tot sein. Verzweifelt versuchen wir diese rauhe Realität zu vermeiden. Doch sie zuzulassen bietet auch immer eine Chance: die Chance das Wesentliche wirklich zu sehen.

  3. Ich habe oft Abschied nehmen müssen – mehrfach war er von der heftigsten Art, hat alles verlangt, fast alles genommen, hat mich zurück zu eigentlich (endlich) verlassen geglaubten Anfangspunkten gezwungen. Aber im Nachhinein muss ich feststellen, dass er mich jedes Mal ein Stück näher zu mir selbst gebracht und schliesslich reich und groß gemacht hat. Und frei von Angst, der Angst, durch die wir alle so herrlich erpressbar werden – solange wir sie nicht überwunden haben.

  4. Ich habe oft Abschied nehmen müssen – mehrfach war er von der heftigsten Art, hat alles verlangt, fast alles genommen, hat mich zurück zu eigentlich (endlich) verlassen geglaubten Anfangspunkten gezwungen. Aber im Nachhinein muss ich feststellen, dass er mich jedes Mal ein Stück näher zu mir selbst gebracht und schliesslich reich und groß gemacht hat. Und frei von Angst, der Angst, durch die wir alle so herrlich erpressbar werden – solange wir sie nicht überwunden haben.

  5. Alles hat auch sein Gutes, worüber wir später sagen…Gott sei Dank. Ich habe gelesen, Leben ist Veränderung und Veränderung ist Wachstum. Ihr seid sogar wieder um eine Erfahrung reicher. Mir geht es auch oft so, nur eben anders….
    und trotzdem geht es weiter. Ich bin auch noch lange nicht am Ziel angekommen….aber der Weg ist das Ziel. Also freuen wir uns auf die nächste Etappe! Hauptsache gesund und mit Humor….ganz liebe Grüße
    Roland

  6. Alles hat auch sein Gutes, worüber wir später sagen…Gott sei Dank. Ich habe gelesen, Leben ist Veränderung und Veränderung ist Wachstum. Ihr seid sogar wieder um eine Erfahrung reicher. Mir geht es auch oft so, nur eben anders….
    und trotzdem geht es weiter. Ich bin auch noch lange nicht am Ziel angekommen….aber der Weg ist das Ziel. Also freuen wir uns auf die nächste Etappe! Hauptsache gesund und mit Humor….ganz liebe Grüße
    Roland

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