Starke Kurzsichtigkeit

Sommer also! Wäre der Kalender nicht, ich wäre nicht drauf gekommen. Einstellige Temperaturen am Morgen, tagsüber vielleicht 14 Grad. In Südindien starben tausende an der Hitze, hier wird es nicht einmal mehr warm. Großer Gewinner ist die Natur, die Pflanzen explodieren förmlich, der Rasen ist quietschgrün.

In den Werbeflyern der Kirche war am Samstag Abend eigentlich das Eröffnungskonzert des Barther Orgelsommers angezeigt. Nach der fertigen Planung, nach dem Drucken, nach Monaten also, kam der NDR und setzte die Eröffnung seiner Sommertour am Barther Hafen darauf.  Mit Tomatenwette und Zugpferd Jan Josef Liefers, allen als kruder Kommissar des sonntäglichen „Tatort“ aus dem Fernsehen bekannt, samt seiner Band „Radio Dorea“. Also umschichten, neue Plakate, neuer Termin einen Tag später. Das große Spektakel mit mehreren Tausend Besuchern und seinem Star Liefers, der am Samstag tatsächlich auch eine Stunde seinen Auftritt hatte, von 23 bis 24 Uhr, hat der kleinen kulturvollen Veranstaltung so ziemlich das Wasser abgegraben. In der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorhanden. Die Ostseezeitung hat nach einer frühen Erwähnung weder kurz vorher noch am Tag selber noch im Nachhinein dieses schöne Ereignis für würdig befunden, Eingang in den schwarzweißen Druck zu finden. Was mehr als schade ist, denn es war großartig, was die Kantorin Bettina Wißner da auf die Beine gestellt hat: Mendelssohns unvollendetes Oratorium „Christus“ und Mozarts „Missa in C“ wurden vom Barther Singkreis, dem Orchester „Sinfonietta“ aus Lübeck und einem japanischen Solo-Tenor mit Gänsehaut-Effekt geboten. Das hätte weit mehr Zuhörer verdient.

Aber die Nordtour kam und „Christus“ mußte weichen.

Auch die Kantorin wird gehen, es war ihr letztes Konzert mit dem Singkreis. Nach der Musical-Aufführung mit dem Kinderchor am kommenden Samstag  wird sie zu packen beginnen. Zweieinhalb Jahre Barth sind für die Neununddreißigjährige genug, nun zieht sie weiter nach Süden.

Schade für Barth. Gute Leute haben es hier schwer mit dem Bleiben. So sie nicht gebürtige Nordlichter sind, hierher geheiratet haben, Urlauber oder/ und im Rentenalter sind und ihre letzten Jahre in guter Luft verbringen wollen. Mit Geld herkommen und es hierlassen – geht immer. Hier Geld verdienen wollen ist ein schwierig Ding. Neuerungen haben es in dieser windig-stürmischen Gegend schwer. Alles dauert zwanzig Jahre länger als woanders, bis es hier ankommt, wurde mir gesagt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es sind fünfzig.

Immerhin wurde die Hochstapler-Lehrerin, die in Schleswig-Holstein ziemlich bald vor die Tür gesetzt wurde, hier in McPomm doch schon nach zwanzig Jahren entlarvt. Aber was soll man erwarten von einem Land, in welchem Mopeds der Marke „Simson“ geklaut werden, indem gleich der Baum abgesägt wird, an dem das Teil angeschlossen war?

Selbst Einheimische, die Strukturen mit aufgebaut, sich engagiert haben, werden weggebissen, wenn sie weiter über den Tellerrand gucken.

Schade, wie gesagt. Aber es paßt zu meinem widersprüchlichen Gefühl, das ich so oft hier habe. Gerade noch freue ich mich an der Idylle, am Licht, am Sonnenstrand, an den rosa-violett-hellblau-goldenen Wolkengebilden, wenn die Sonne gen Westen sinkt, an den singenden Amseln und kreischenden Möwen, an neuen Freunden, netten Menschen, schon beutelt mich wieder die Fassungslosigkeit bei Zeitungsmeldungen wie „Prerow schlittert gerade am Ruin vorbei“. Als presseinteressierte Urlauberin würde ich mich glatt fragen: Was, verdammt, machen die eigentlich hier mit meinem Geld?-  Und ich würde es denkwürdig finden, wenn ich lese, dass weder Prerow noch Ahrenshoop usw verstehen, warum sie auch für Marlow mit seinem Vogelpark beispielsweise mitwerben sollen. Die Perlen im Hinterland sind doch nicht weniger wertvoll und gehörten in meiner Wahrnehmung mit zur Kette.

Aber ich bin keine Urlauberin, und wollte ich hier länger bleiben, müßte ich mir das ständige Kopfschütteln womöglich abgewöhnen. Und dann bräuchte ich wahrscheinlich eine neue Brille für eine plötzlich auftretende starke Kurzsichtigkeit.

 

A.Jennert

Ein Gedanke zu „Starke Kurzsichtigkeit“

  1. Hallo Andrea,

    das ist und liest sich unglaublich, aber doch wahr…
    ist schon schlimm! Hut ab für deine Hilfe…
    Es wird höchste Zeit für Politiker und Verantwortliche, endlich was eingreifendes zu tun, auch Strukturen neu schaffen, um der Sache herr zu werden. Andernfalls droht eine soziale Katastrophe.

    Du hast es versucht, alle Achtung….

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