Licht im Advent

Es gibt dieses bekannte Schwarzweißbild mit den beiden zueinander schauenden Gesichtern. Sieht man lange genug darauf, verändert sich automatisch die Wahrnehmung. Plötzlich ist das, was man sieht, eine Vase. Die Linien von Stirnen, Nasen, Mündern und Hälsen ergeben eine Vase. Plötzlich ist sie zu sehen, plötzlich ist sie da. Nein, sie war immer da. Wir können aber nicht mehrere Bilder gleichzeitig wahrnehmen, nur nacheinander. Vorhanden sind sie gleichzeitig. Der Wechsel zu den beiden Gesichtern und wieder zur Vase gelingt dann immer schneller. Das Gehirn hat seine Landkarte der Wahrnehmung erweitert.

Das Gleiche passiert mit einem perspektivisch gezeichneten durchsichtigen Würfel. Zuerst ist meistens das untere Quadrat als „vorn“ zu erkennen, plötzlich wechselt die Wahrnehmung und das obere Quadrat rückt abrupt nach „vorn“.

Das Gleiche passiert in dem Bild mit dem Reiter auf seinem Pferd. Die Richtung, das Kommen oder Wegreiten, wechselt beim längeren Anschauen plötzlich.

Weshalb ist mir das Bild mit den Bildern jetzt so wichtig?

In diesen Tagen verändert sich die Wahrnehmung vieler Menschen. Etwas, das im Grunde schon lange da war, mitten unter, über, neben, vor, hinter oder in uns, tritt aus dem Verborgenen ins Sichtbare hervor.

Bei Schwarzweißbildern ist dieser Effekt besonders stark, das Erstaunen beim Erkennen des anderen vorhandenen Bildes besonders groß.

Solange wir mitten drin sind, mitten in diesem Bild, sind wir als Teil, als Pixel, auch gezwungen, entweder das Eine oder das Andere darzustellen. Sobald es aber gelingt, die Fläche zu verlassen, etwas in die Höhe zu gehen, eine andere Perspektive einzu nehmen, ist plötzlich das Ganze viel besser zu erkennen. Die vielen Schichten der Gleichzeitigkeiten und was das alles miteinander zu tun hat. Zum Beispiel Gesundheit und Politik und Logik und Menschlichkeit und Gott.

Wer von Gottes Schöpfung als „gut gemacht“ ausgeht, der weiß, dass der Mensch und seine Umgebung ganz natürlich so konstruiert sind, dass sie bis ins kleinste Atömchen zueinander und ineinander passen. Und dass der Mensch am allerwenigsten versuchen sollte, sich über Gott zu stellen oder sich an seine Stelle zu setzen oder ihn spalten (und gendern) zu wollen. Das muss einfach scheitern.

In dem Moment, wo sich zum ersten Mal die Wahrnehmung der Bilder ändert, erweitert sich die innere Landkarte auf mehreren Ebenen. Und wenn das in diesen und den kommenden Tagen passiert, weil das Licht in diesen dunklen Tagen besonders gut zu erkennen ist, dann geschieht das auch auf der emotionalen Ebene.

Plötzlich zu erkennen, dass alte Orientierungsschilder (links, rechts, klein, groß, wichtig, unwichtig, grün, rot, blau, gelb) ihre Bedeutung völlig verändern, kann verwirrend sein. Orientierungslos machen. Dann kann es gut tun, mal anzuhalten, zu warten, zu schauen. Das neue Bild erscheint mit Sicherheit.

Auch wenn es jetzt etwas verstaubt oder altmodisch klingt: Gottvertrauen ist mitunter die einzige Brücke, die sicher durch den Nebel führt. Hin zum Erkennen neuer Punkte und deren Verbindungen.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit geht es ums Licht. Um ein göttliches Licht, das der Wahrheit eigen ist, nicht der Lüge, das der Erkenntnis eigen ist, nicht dem verordneten Wissen, das aus der Menschlichkeit strahlt, nicht aus falscher Fürsorge. Und wer den eigenen Schlüssel zur Unterscheidung noch nicht gefunden hat, möge sich bei all dem, was um ihn herum geschieht, einfach fragen: Stärkt es mich? Oder schwächt es mich?

Gott stärkt immer.

Und ich vertraue darauf, dass ganz besonders in diesem Jahr, das für so viele so schwer war, das Licht des Lebens ganz neu geboren wird.

A.Jennert

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