Die Hymne

Das Beste ist, sagt die syrische Mutter von vier Kindern, dass die Nächte hier in Barth ruhig sind. Ihr vierjähriger Sohn lerne langsam wieder schlafen. Er gehe schon in den Kindergarten und er schreie auch nicht mehr. Ihre älteste Tochter hätte zu Hause ihren Traum gelebt – ein Medizinstudium in Aleppo. Die Zweitälteste hätte bereits ein Medizinstudium in der Tasche gehabt. Vorbei.

Die dritte Tochter kommt Dienstags zu mir zum Klavierunterricht. Freundliche Christen haben das organisiert. Die syrische Familie sind Kurden und Moslems, sie haben in ihrer Stadt nahe der türkischen Grenze mit vielen Glaubensrichtungen friedlich zusammengewohnt, Kopftücher tragen sie nicht. Hier in Barth haben sie außer Betten und einem Fernseher nichts in der Plattenbauwohnung zu stehen. Gewünscht haben sie sich ein Instrument, irgendeins mit Tasten, damit das Mädchen üben kann. Das haben sie jetzt von der Kantorin bekommen. Das Mädchen Yara übt täglich. Am liebsten die Nationalhymne. Die deutsche. Unsere. Sie spielt und sie singt dazu. In deutsch. Mit leuchtenden Augen. Und erzählt ganz erstaunt  – auch bereits in deutsch – dass die deutschen Mitschüler ihre eigene Hymne gar nicht singen können. Die syrische Hymne wurde in ihrer Heimatschule jeden Montagmorgen um sieben Uhr dreißig von allen Lehrern und Schülern gesungen.

Als ich meiner jüngsten Tochter von der Familie erzähle, wie sie ihr Haus, ihren neu gekauften Hyundai, fast alle Kleidung, Schulsachen, Instrumente, Spiele, Möbel, Teppiche, Computer, Fernseher, Geschirr, Fotoalben, Grünpflanzen, Garten zurück gelassen haben, beide Eltern, die Lehrer sind, nun keinen Job mehr haben, der Vater seit Monaten im Libanon auf sein Visum wartet, und dass sie hier in einer noch leeren Wohnung wohnen, die von anderen Wohnungen mit Flüchtlingen und von ständiger Lautstärke umgeben ist, dass sie aber froh sind, als Familie vollständig und am Leben zu sein – ihre Nachbarn in Syrien haben bei einem Bombenangriff alle drei Kinder verloren – wurden ihre Augen groß. Und feucht.

Bis Ribnitz und Barth kommen die Geflohenen. Bis Ahrenshoop und Zingst nicht.

Den Kranichen ist es egal, welche Gäste am Feldrand stehen und sie am sonnigen Tag beim Fressen beobachten. Hauptsache, sie kommen nicht zu nah.

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