Leben zwischen Extremen.

Es ist kalt heute, ein eisiger Wind unter der Sonne. Den Hund stört es nicht, er hüpft wie ein Flummy vor dem Schilf am Deich entlang und jagd seinen Schatten. Wer jetzt dort spazieren geht, ist kein Urlauber mehr. Auch die Dörfer auf der Insel sind leer jetzt. Es wird renoviert oder mal ausgeschlafen. Der Strand ist sonnig und kalt und leer. Ausatmen. Ort der Grenzen. Grenze zwischen Land und Wasser, zwischen Festland und Insel, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen reichlich Arbeit und arbeitslos, zwischen Urlaubsidyll und Rechtsextremismus.

Gestern sah ich Barth im ZDF-Frühstücksfernsehen, der Blick auf Hafen und Markt, auch direkt auf unser Haus. Die beschauliche Kleinstadt ist Heimat und Wirkungsstätte des Betreibers einer vor zwei Jahren abgeschalteten rechtsextremen Internetplattform mit 30 000 Nutzern und Millionen von Beiträgen. Vom Gruß des drittten Reiches bis hin zu Mordfantasien die jetzige Regierung betreffend. Der nette, allseits geschätzte und sehr beliebte Erzieher aus Kita und Hort stand gestern in Rostock vor Gericht, die Anklageschrift umfasst 68 000 Seiten. Alle seien entsetzt, sagt der junge Barther  SPD-Bürgermeister, die Kollegen, die Eltern, die Bürger.

Das Leben kümmert sich nicht um Verluste, kleinere oder größere Katastrophen oder Schocks oder Momente des Glücks. Es geht und geht und geht einfach weiter, sagt die syrische Mutter. „We drive to Deutschkurs“ schreibt sie mir aus dem morgendlichen Zug . Die Kinder lernen die Sprache in Schule und Kindergarten. Und ihre Dreizehnjährige, meine Klavierschülerin, geht zu Behörden, Arzt und Zahnarzt jedes Mal mit und übersetzt. Sie übt täglich auf ihrem von der Kantorin geliehenen Instrument, hält sich am Lernen des Neuen fest, ja stürzt sich mit Eifer hinein, und ihre gebeugte Haltung richtet sich langsam wieder auf.

Es ist nicht nur die Meeresluft, die mich abends schnell müde macht. Das Leben inmitten von Extremen kostet Kraft. Es fordert aber auch heraus und bringt Kräfte, die woanders nicht nötig gewesen wären. Das Sehen und Erkennen von eigenen und fremden Grenzen, eine neue Demut dem Wesentlichen gegenüber: der eigenen Seele. Goethes Fee hat mich umarmt, als sie hörte, ich bleibe noch. Vielleicht geht es jetzt für mich erst los. Hier.

Jeder Schritt, den meine Seele tat, bis hierher tat, war letztlich richtig. Auch wenn manches zunächst traurig oder unverständlich war. Die Seele will wachsen, sich entfalten. Sie sammelt Erlebnisse in den großen Korb des Daseins, wobei die schmerzlichen oft mehr zum Wachsen anregen. Aber auch Sanftes und Leichtes, das daherkommt wie ein verträumt verspieltes Kind, kann Erschütterungen auslösen. Ein zartes Streichen über Gänsehaut.

Am 1. Advent beginnt für die Kirche das neue Jahr, so ist heute der letzte Tag des alten.

Andrea Jennert