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Die unperfekte Seite

Das Wetter ist beides. Nich mehr warm, noch nicht kalt. Wolkig und glücklich. Es könnte jeden Moment regnen, es könnte jeden Moment die Sonne durchbrechen.

C.G. Jung sagt: Werte, Einstellungen und Lebensweisen, die uns am Morgen des Lebens wichtig waren, verändern sich und sind am Nachmittag des Lebens für uns sogar falsch. In seinem Artikel „Die Lebenswende“ von 1930 schreibt er, dass der Morgen des Lebens von Dynamik und Ehrgeiz geprägt ist, vom Dinge erschaffen, Karriere machen, uns an Erfolgen von Anderen messen. Am Nachmittag des Lebens gehe es darum, dass Manifestation durch den Prozess des Erlaubens erfolgt. Dinge, die wir uns wünschen, dürfen zu uns kommen. Manifestation bedeutet Ermöglichen, nicht mehr erschaffen. Aus diesem Zustand heraus geschehen plötzlich Dinge, die so viele Jahre vielleicht nicht funktioniert haben.

Ich sehe den Kranichen zu, wie sie auf den nahen Feldern am Bodden in Gruppen zusammen stehen und fressen, hin und wieder auffliegen, wieder landen, vor Sonnenuntergang abheben und zu ihren Schlafplätzen fliegen. Nichts von alldem ist geplant, sie tun das Richtige, wenn der richtige Moment gekommen ist. Und in den nächsten Tagen irgendwann, eines sehr frühen Morgens, werden sich tausende von ihnen mit lauten Schreien erheben und Richtung Süden fliegen, nonstop, werden Tage und Nächte fliegen, werden sich vor den Pyrenäen in vielfachen Kreisen in die Höhe schrauben, um das Gebirge zu überwinden, werden sich weiter südlich für den Winter niederlassen. Sie vertrauen auf den Impuls, sie wissen, der kommt zur richtigen Zeit.

Ich lerne von den Kranichen. Überrascht stelle ich fest, dass es immer wieder um Vertrauen geht, um das Erkennen von solchen Impulsen, und dass ich mein Leben daran ausrichten kann. Wie die Zeiger einer Uhr werden sie irgendwann und immer wieder an einer Stelle ankommen, die nur für mich da ist. Es kommt nicht darauf an, mein Leben perfekt zu planen, nach anderen Menschen oder deren Lebensstil auszurichten, sondern die eigenen Impulse zu erkennen und danach zu handeln.

Nichts anderes ist Freiheit.

Für Andere sieht es vielleicht unperfekt aus, was ich dadurch tue, zulasse, bin. Vielleicht sieht es nicht richtig aus, ist unverständlich. Genau das lässt Ideen erscheinen, es krisselt und funkelt vor lauter Kreativität in mir. Farben, Worte, ein neuer Eingang, Kapitel im neuen Buch. Der neue Geist der zweiten Daseinshälfte. Mit Türkis und Pink, mit Weiß und Gold, mit Samt, Brokat, Silber, mit Vanille- und Rosenduft kommt er daher, stellt sich in seinen Farben hin, lacht, und findet das Leben einfach schön.

Es ist die unperfekte Seite, die mich vollständig macht. Und glücklich.