Wenn das Schweigen endet

Zum ersten Mal wohne ich in einem Ort, an dem es ein KZ gab, das Außenlager Barth des Konzentrationslagers Ravensbrück. Am Mahnmal, am Eingang der Stadt, wurde gestern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Auschwitz-KZ eine Gedenkstunde gehalten. Der Bürgermeister sprach, die Pfarrerin sprach, wunderschöne Musik wurde eingespielt. So Schönes und so traurig Unfassbares dicht nebeneinander. So beeindruckend die Schülerinnen aus dem Barther Gymnasium, die Gedichte von Überlebenden und Nichtüberlebenden rezitierten. Zum Weinen. Blumen wurden niedergelegt, von Heimatverein, Bürgermeister und Stadtpräsidentin, der Linken-Fraktion und Anderen.

Zehn Autominuten entfernt wohnen manche Menschen seit über vierzig Jahren nahe am Strand, die oft die Straße von und nach Barth gefahren sind, auch den großen Stein sahen, und die dennoch heute sagen: Nein, ein KZ hat es in Barth nicht gegeben, der Gedenkstein gilt dem Gefangenenlager der Flieger, dem „Stalag Luft“.

Die Alliierten hatten Filme gedreht, damals. Vom Holocaust, von den Befreiungen, von SS-Leuten, die die Leichenberge begraben mussten dann. Von Einwohnern der Städte, Weimar zum Beispiel, die nach Buchenwald geführt wurden, um mit eigenen Augen zu sehen, was einen Steinwurf entfernt geschehen war. Die Alliierten wussten um die Natur des Menschen: Hinterher will es keiner mehr wahrhaben.

Zwei Bilder sind mir aus den vielen TV-Dokumentationen ins Gedächtnis gebrannt. Die schlenkernden Köpfe der skelettartigen Leichen, während sie zum Massengrab geschleift oder getragen wurden, manche Knochenarme um den Hals der Träger gelegt, die dürren Gestelle auf Huckepack. Diese Köpfe an so dünnem Hals, dass ich fürchtete, sie reißen gleich ab.

Und: Ein kleines Häftlingsorchester sitzt am Wegrand im Lager und spielt Mozart, während andere müde Häftlinge vorbei gehen, geschlagen werden. Oder erschossen, mal eben so.

Und doch sind es nicht die Täter, auf deren Seite Schuld und Scham wohnen. Sie flohen damals in die Wälder, zogen ihre Uniformen aus und standen für den Neuanfang zur Verfügung. Unerkannt so viele. Es sind die Opfer, die Überlebenden der Hölle, an denen das Stigma, die Scham kleben blieben wie Pech. Die Letzten wurden gerettet, aber niemand wollte sie haben. Die Länder der Alliierten schlossen ihre Tore vor ihnen. Und die Opfer selber sprachen nicht mehr. Sie blieben hier, verbargen diesen „Makel“ im Herzen und schwiegen.

Ein so schweres Schweigen. Auch die Kinder und Enkel trugen daran. Und tragen noch immer. Sie sind es, sagte die Pfarrerin, die heute Psychologen aufsuchen und mit Depressionen, Aggressionen und vielem Anderen kämpfen.

Genau wie die Kinder und Enkel der Täter. Sage ich.

Gibt es eine Lösung?

Alles ist Energie, sagen die Physiker, es gibt keine feste Materie. Alles ist ständig um Ausgleich bemüht. Eine heiße Tasse Tee bleibt auf einem winterlichen Balkon nicht lange heiß. Energie verändert sich ständig, weil sie fliesst. Die einzige Lösung ist, wenn Schuld und Scham dorthin fließen, wohin sie gehören,

und wenn das Schweigen endet.

 

Andrea Jennert