Geh aus mein Herz

Vom Tageshimmel hängen lauter Möglichkeiten,

ich schau vom Boden auf in ihre Blütenköpfe.

Von winzig klein bis tellergroß, Gelegenheiten!

Die blüh´n nur heute, fallen nachts dann in die Töpfe,

auf denen steht „Verpasst“ und „Nicht genutzt“ und „Schade“…

Wie Abfalleimer steh´n sie unter Straßenbäumen,

verströmen eine faulige Geruchs-Parade,

durchsetzen damit meine prallen Lebensträume.

Um Mitternacht geh´n Schatten auf den Bürgersteigen,

die schlucken leise all die ungebrauchten Gaben.

Es ist ein dunkler stiller Müllentsorgungsreigen.

Bei Sonnenaufgang hocken auf den Rändern Raben.

Ich habe sie mit einem lauten Schrei vertrieben!

Der sprang mir aus der Kehle heute beim Erwachen.

„Der Tag gehört jetzt mir!“, so hat mein Herz geschrieben

Geh aus, mein Herz, und lass es herrlich krachen!

Glienicker Brücke

Glienicker Brücke

So viel Pink kann kein Traumhimmel schaffen.

Und jedwede Sehnsucht ist auch noch

Ein Blick ins Verderben.

Nein. Jetzt verdirbt nichts mehr.

Die Brücke ist Brücke nun wieder geworden.

Genau eine Straße, die unsere Städte verbindet.

Genau eine Brücke, auf der nichts mehr steht,

weder Schlagbaum noch Häuschen noch Selbstschussanlage.

Die Straße ist glatt und der Blick ist einmalig,

ins Grüne, ins Blaue, auf Schlösser,

die hat Potsdam reichlich,

auf Ufer, auf Wolken, auf Dampfer und Segler, auf Sonne.

Und manch einer sieht noch das Alte

Die Bilder sie schwimmen so dicht beieinander.

Der Himmel ist rosa, er hängt nicht voll Geigen.

Es gibt überhaupt auch genug schwarze Strähnen.

Das ist die Erinnerung,

Flötet der uralte Vogel der Zeit, des Jahrhunderts,

der singt nur ein bisschen zu fröhlich

die Freiheit von all diesen Dächern auf Osten und Westen…

Nach Westberlin geht’s Richtung Osten,

So sagt diese Frau,

Auf der anderen Seite da wohnt ihre Mutter,

das ist nicht romantisch, es schärft ihr die Sinne,

die Glienicker Brücke geht über die Havel,

die niemals zu teilen sein wird.

Und die Schauende sieht beide Ufer

Verliert gleichermaßen den Blick in den

Spiegeln aus Wasser und Glück

und Pink.

Holländisches Viertel – Wille und Würde

Holländische Häuserreihen frisch rot-weiß

Ein wenig Grün dabei war´n einst

Vom Alten Fritz erbaut der offen jeder

Religion und jedem Geist und jedem

Handwerk gegenüber war

Kommt her nach Potsdam Hugenotten

Niederländer Russen Alle Nachbarn

Die zu Hause ihren Glauben ihr Gewerke

Ihre Meinung ihre Sprache so

Nicht leben konnten

Und er baute Häuser ließ sie wohnen

ließ sie wirken

Viele kamen

wenig blieben

Und die Häuser steh´n noch immer

innen außen runderneuert

kleine teure edle Läden

für Touristen Sonderpreise

Eine Frau die viele Jahre

Täglich ihren Weg dort nahm

Als Kind als Schülerin als Frau als

Lehrerin als Mutter Großmutter

Und dann

Kam dieser Winter

Einundzwanzig Zweiundzwanzig

Und sie ging nur einmal durch die Stadt

Und durch die Straßen mit den roten

Holländischen Häusern

Und sie durfte nicht in die Boutiquen

Keine Schuhe kaufen

Keine Kleider Röcke Hosen Jacken auch

In kein Café noch Restaurant

In jedem Fenster hing ein Blatt

Papier ein Schild ein Zettel

Darauf stand „Zwei G“

Und da sie keins von beiden hatte

Blieb sie draußen

Frisch gesund

Mit Geld in ihrer Tasche

Kalt war´s draußen und die

Menschen hatten keine Münder

Keine Nasen

Nur noch Augen

Fast erschraken sie vor einem

Vollständigen Antlitz

Und vor´m Lächeln

Eines Andern

Und sie gingen einen Bogen um den

Ehemals geschätzten Mitmensch

So schnell konnte sie nicht weinen

Erst nach einer Woche

Löste sich die Starre

Sie verließ die schönste aller Städte

Ging nach innen

Schloss die Tür

Nach draußen

Und es war ihr einz´ger Wille

den zu leben sie als Mensch in

aller Würde angetreten

Nicht zu stehlen

Nicht zu töten

Nicht falsch Zeugnis je zu reden

Wider ihren Nachbarn noch sich selber

Redlich leben von der eig´nen

Hände Arbeit auch dem Staat

Den Zehnten geben

Kinder hüten

Putzen

Waschen

Tiere retten

Kranken helfen

Alte Pflegen

Singen

Tanzen

Mensch sein eben

Nichts davon hat einen Ausweis

Nichts genügte für den Eintritt

In ein simples Schuhgeschäft

Das Schwerste aber war

Das Herz

Und dessen Tür nicht zu verschließen

Offen bleiben

Notfalls weinen

Mit der Angst dass das nie aufhört

Meine Stadt denkt sie ist seitdem

Anders

Und an jedem roten Haus hängt

Unsichtbar

Ein schwarzer Wimpel

Nein es war nicht nur der kalte

Winter die sie frieren ließ

Es war

Unfassbar

Jeder Mensch der

Seine deine meine

Würde für Zwei G verkaufte

Und der teilnahm an dem

Teilespiel des Hasses und der Ängste

Unantastbar

War die Würde

Der Geimpften

Doch nun steh´n die Häuser

Wieder von der Sonne warmem Licht

Beschienen

Alle Läden offen so als wäre nichts

Gewesen noch vor Wochen

Wieder atmen

Wieder ganz das Antlitz

Wieder darf sie lächeln

Diese Frau ganz sichtbar

Unter´m grünen Strohhut

Mit dem bunten langen Kleid

Wie immer gehen die Touristen

In die teuer hübschen Läden

Guten Tag und guten Weg und

Bitte – Danke – es wird

Immer wieder Frühling

Und die Frau ist

Frei

Von Krankheit und  von Ängsten

Und ihr Herz schwebt manchmal auswärts

Es ist offen und

Gesund geblieben

Und im Sommer geht die Frau

Wie neu in viele dieser Läden

Ein und aus und mit und ohne

Etwas kaufen

Vieles passt nicht

Ihre Größe ist verändert

Denn ihr Wille und die Würde

Die sind nicht

Verhandelbar

Spiel mit der Scham

Wie lange geht das nun schon, dieses Spiel mit der Scham? Das mit Unwissenden gespielt wird, die nicht sehen, die dem Spiel wehrlos ausgesetzt sind, die in ein Spielsystem gesteckt wurden wie in einen zu engen Sonntagsanzug, das in seiner Auswirkung schwer zu durchschauen ist. Weil die Spielregeln verheimlicht werden…

Ich spüre das nur als: Oh, ich muss noch dies und das lernen, tun, besser können, sagen, kaufen… und DANN genüge ich endlich. DANN bin ich akzeptiert, DANN bin ich es wert…

Und wehe wenn nicht.

Oh, ich muss wieder abnehmen, mein Bauch und mein Hintern passen nicht in die Norm! Oh, ich muss diese teure Creme kaufen, meine Gesichtsfalten zeigen sonst, ich bin schon zu alt für die Norm! Oh, das Makeup muss ich gleich dazu kaufen, meine Blässe passt sonst nicht in die Norm! Oh, ich darf in der Öffentlichkeit nicht mehr hüsteln oder gar niesen! Man könnte ja denken, ich hätte den Aussatz!

Im Spiel heißt es manchmal: Aussetzen! Du hast keine Sechs? Dann Aussetzen. Du musst ins Gefängnis. Aussetzen. Es gibt viele Wörter für Gefängnis. Und es gibt viele Gefängnisse, äußere, innere. Gefängnisse haben Zellen. Die isolieren dann.

Oh, ich habe etwas gesagt, das nicht ins Bild passt? Man könnte denken… oder gar unterstellen…

Also sage ich lieber nichts mehr.

Oder ich sage Unverfängliches.

Schönes. Liebevolles.

Das tut immer gut. Dem, der es sagt genauso wie derjenigen, die es hört.

Und doch. Das holt mich nicht aus dem Gefängnis. Da muss ich erst eine Sechs würfeln…. Oder…

Ich stehe auf und sage – ich spiele nicht mehr mit.

Denn die Spielregeln gefallen mir nicht. Sie tun mir nicht gut. Jetzt, wo ich sie kenne, kann ich das sagen. Das Ziel des Spiels ist immer dasselbe. Erst wenn ich dies und das und jenes gesagt und getan habe, DANN genüge ich, dann darf ich weiter…

mitspielen – nur

gewinnen ist dabei nicht vorgesehen. Jedenfalls nicht für mich. Am Ende gewinnt nur einer. Je mehr mitspielen, je mehr verlieren. Bei diesem Spiel mit der Scham.

Gewinnen kann nur, wer die Cremes herstellt, die Abnehmpillen, die Makeup- und Masken- Hersteller und -Verkäufer. Vor allem die Verkäufer. Nicht die kleinen Boutiquen und Schuhläden und Restaurants und Cafés, nein, die verlieren selbstverständlich auch. Nur die größten gewinnen.

Es sei denn, ich stehe vom Spieltisch auf, werde ernst, nehme mich selber ernst und sage: Es ist genug. Ich bin genug. Ich genüge. Vor allem mir selber. So wie ich bin.

DANN

habe ich gewonnen.

Mit weniger oder mehr Kilos auf den Hüften, mit wenig oder vielen Falten im Gesicht, mit Kleidern die aus der Mode fallen, mit Medizin, die ich mir selber aussuche, mit Farben, die mir guttun.

Ich spiele mein eigenes Spiel, und da fliegt alles raus, das mich beschämt. Und täglich weiter beschämen will. Hey, sage ich, dich hab ich erkannt! Du kommst nur noch über meine Schwelle, wenn du mir ab jetzt gut tust. Wenn die Region der Scham in Ruhe und nur mir selber überlassen bleibt. Akzeptiert. Geachtet.

Wenn du sagst – ok, so und so bist du, so und so denkst du, auch wenn du anders bist als ich, nein, gerade weil du anders bist, achte ich dich.

Dann tust du mir gut. Dann tritt ein.

Und schon sehe ich mich in meinem Spiegel an und denke, oh, ich mag meine Pfunde, so wie sie heute sind. Und meine Falten. Und alle neuen grauen Haare. Und auch die Stellen, an denen sie nun ausgegangen sind. Und ich mag meine Augen und die Lachzeichen drum herum. Und ich mag meinen geraden Rücken und die langsameren Schritte, mit denen ich nun durchs Leben gehe, genauer hinschauend, wohin ich sie setze. Und ich mag es, mein Gesicht zu zeigen.

Es ist ein interessanter Satz, den ich für mich gefunden habe: Jemanden zu beschämen (und zu beschuldigen) ist eine unsichtbare Waffe, die dem anderen die Kräfte raubt. Eine Energiewaffe.

Was hilft? Gibt es eine Gegenwehr?

Die Dinge umkehren.

Wer mich beschämen möchte, sollte sich selber schämen. Meine Oma sagte mal, andere zu beschämen, zeugt nicht von seelischer Größe.

Ich denke, da hatte sie recht.

A.J.

Licht im Advent

Es gibt dieses bekannte Schwarzweißbild mit den beiden zueinander schauenden Gesichtern. Sieht man lange genug darauf, verändert sich automatisch die Wahrnehmung. Plötzlich ist das, was man sieht, eine Vase. Die Linien von Stirnen, Nasen, Mündern und Hälsen ergeben eine Vase. Plötzlich ist sie zu sehen, plötzlich ist sie da. Nein, sie war immer da. Wir können aber nicht mehrere Bilder gleichzeitig wahrnehmen, nur nacheinander. Vorhanden sind sie gleichzeitig. Der Wechsel zu den beiden Gesichtern und wieder zur Vase gelingt dann immer schneller. Das Gehirn hat seine Landkarte der Wahrnehmung erweitert.

Das Gleiche passiert mit einem perspektivisch gezeichneten durchsichtigen Würfel. Zuerst ist meistens das untere Quadrat als „vorn“ zu erkennen, plötzlich wechselt die Wahrnehmung und das obere Quadrat rückt abrupt nach „vorn“.

Das Gleiche passiert in dem Bild mit dem Reiter auf seinem Pferd. Die Richtung, das Kommen oder Wegreiten, wechselt beim längeren Anschauen plötzlich.

Weshalb ist mir das Bild mit den Bildern jetzt so wichtig?

In diesen Tagen verändert sich die Wahrnehmung vieler Menschen. Etwas, das im Grunde schon lange da war, mitten unter, über, neben, vor, hinter oder in uns, tritt aus dem Verborgenen ins Sichtbare hervor.

Bei Schwarzweißbildern ist dieser Effekt besonders stark, das Erstaunen beim Erkennen des anderen vorhandenen Bildes besonders groß.

Solange wir mitten drin sind, mitten in diesem Bild, sind wir als Teil, als Pixel, auch gezwungen, entweder das Eine oder das Andere darzustellen. Sobald es aber gelingt, die Fläche zu verlassen, etwas in die Höhe zu gehen, eine andere Perspektive einzu nehmen, ist plötzlich das Ganze viel besser zu erkennen. Die vielen Schichten der Gleichzeitigkeiten und was das alles miteinander zu tun hat. Zum Beispiel Gesundheit und Politik und Logik und Menschlichkeit und Gott.

Wer von Gottes Schöpfung als „gut gemacht“ ausgeht, der weiß, dass der Mensch und seine Umgebung ganz natürlich so konstruiert sind, dass sie bis ins kleinste Atömchen zueinander und ineinander passen. Und dass der Mensch am allerwenigsten versuchen sollte, sich über Gott zu stellen oder sich an seine Stelle zu setzen oder ihn spalten (und gendern) zu wollen. Das muss einfach scheitern.

In dem Moment, wo sich zum ersten Mal die Wahrnehmung der Bilder ändert, erweitert sich die innere Landkarte auf mehreren Ebenen. Und wenn das in diesen und den kommenden Tagen passiert, weil das Licht in diesen dunklen Tagen besonders gut zu erkennen ist, dann geschieht das auch auf der emotionalen Ebene.

Plötzlich zu erkennen, dass alte Orientierungsschilder (links, rechts, klein, groß, wichtig, unwichtig, grün, rot, blau, gelb) ihre Bedeutung völlig verändern, kann verwirrend sein. Orientierungslos machen. Dann kann es gut tun, mal anzuhalten, zu warten, zu schauen. Das neue Bild erscheint mit Sicherheit.

Auch wenn es jetzt etwas verstaubt oder altmodisch klingt: Gottvertrauen ist mitunter die einzige Brücke, die sicher durch den Nebel führt. Hin zum Erkennen neuer Punkte und deren Verbindungen.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit geht es ums Licht. Um ein göttliches Licht, das der Wahrheit eigen ist, nicht der Lüge, das der Erkenntnis eigen ist, nicht dem verordneten Wissen, das aus der Menschlichkeit strahlt, nicht aus falscher Fürsorge. Und wer den eigenen Schlüssel zur Unterscheidung noch nicht gefunden hat, möge sich bei all dem, was um ihn herum geschieht, einfach fragen: Stärkt es mich? Oder schwächt es mich?

Gott stärkt immer.

Und ich vertraue darauf, dass ganz besonders in diesem Jahr, das für so viele so schwer war, das Licht des Lebens ganz neu geboren wird.

A.Jennert

Im Herzen. Alle eins.

Liebe Mitmenschen, lange hab ich überlegt, hier wieder zu schreiben. Jetzt, in dieser irre verrückten Zeit. Und ja. Genau jetzt. Gedanken teilen, Fragen stellen, Gefühle… die schießen als Wogen bei jedem Antippen derart hoch, und ich frage mich, ist das gut fürs Herz? Schauen wir noch aufs Herz?

Es ist so einfach geworden, sich zu entrüsten, zu verachten oder verächtlich zu machen. Es ist so einfach, mit den Ängsten der Anderen zu spielen, womöglich noch Witze darüber zu machen. Unsere eigenen Ängste und Traurigkeiten über das, was gerade so abläuft, mit dem Zeigen des Fingers auf andere abzuwälzen..

Was, der hat Angst vor Zwangsimpfungen? Hahaha, die wird es doch hier nie geben! Was, die geht zu einer „Hygienedemo“ (Wer hat sich nur dieses Wort ausgedacht!)? Wie unsolidarisch mit denen, die den Schnutenpulli als Schutz empfinden! Was, der glaubt inzwischen an „Verschwörungsthesen“? Wie dumm ist der denn? Und was, da findet einer noch Trump gut?? Den sollte man gleich mit einweisen!

Liebe Mitmenschen, bei allem Verständnis für Reaktionen in dieser seltsamen und aufgeheizten Zeit – hat einer von denen, die derart reagieren, seinen Mitmenschen einmal gefragt, warum denkst du so? Oder – was genau steckt denn hinter deiner Theorie? Oder – Wie geht es deinem Herz?

Wir sind es inzwischen so gewohnt, dies und das so und so zu denken, uns zu entrüsten, uns als die moralisch Überlegenen zu wähnen, dass wir die Not, die aus dem Herzen heraus scheint, oder Gedanken, die andere Denkwege gegangen sind, oder Gefühle von Demütigung… mit unserer „Haltung“, unserem moralischen Gutsein glatt erschlagen.

Ich glaube, die Moralität ist immer dann sehr stark, wenn das Herz keine Stimme mehr hat. Und ich wünsche mir, dass wir alle, anstatt schon wieder Partei zu ergreifen, uns zu entrüsten, andere verhöhnen, verurteilen, beschämen und verletzen, lieber dem anderen Menschen in die Augen schauen, ihm zuhören und still fragen:

Wie geht es deinem Herz…

Und dann… vielleicht… spüren, dass wir genau da, im Herzen, alle gleich sind.

Alle eins.

Monet in Potsdam

Farben die in mein

Gemüt scheinen nähren

Und leuchten mich aus

 

Ihre Bilder, verehrter Monsieur Monet,

sind in aller Munde heute. Die Museen der Welt zeigen sie nicht nur, sie reißen sich um sie. In meiner Stadt Potsdam, in der wiedererbauten Villa Barberini, mitten im Zentrum der Stadt, direkt am Ufer der Havel, wird nun, im Februar 2020, eine große Ausstellung mit Ihren Bildern eröffnet. Für Besucher aus aller Welt. Ein Sprachencocktail wird dann auf der Brücke bereits zu hören sein. Die lange Brücke zwischen Bahnhof und Museum. Im Barberini setzt es sich fort, leiser, murmelnd, mit Inhalten aus Ihren Werken.

Auf Ihre Bilder freue ich mich sehr, Monsieur! Welch einen Farbenrausch Sie da verschenken. Ein Rausch in Stille, nur durch leise Schritte, die von Bild zu Bild gehen, unterbrochen. Diese stören aber nicht. Sie sind wie das leise Trommeln von Fingerspitzen auf einem Schreibtisch, neben einem aufgeschlagenen Buch mit Lyrik.

Was hätte Ihnen da gefallen? Kurzgedichte? Dreizeilig, die japanische Form, genannt Haiku, Senryu? Drei Zeilen, in denen ein poetischer Moment perfekt eingerahmt ist…

Wie das Wunderwerk einer Fliege in einem Bernstein.

Sie liebten die japanische Kunst, die asiatische überhaupt, wie so einige Ihrer Zeitgenossen. Der zarte Moment, der im Grunde ein alltäglicher ist, aber neu verwoben in seiner Umgebung, vor allem: neu gesehen. Neu in jedem Moment, neu in jedem sich ändernden Licht.

Sie haben von Potsdam gehört? Wie ein hübscher Auswuchs hängt es inzwischen am südwestlichen Zipfel Berlins. Die große und die kleine Stadt, sie gehen ineinander über. Der trennende Fluss Havel schafft mit seinen Brücken nun die Verbindungen. Die Gäste der Villa kommen in Zügen aus Berlin zum Beispiel, sie treten aus dem Bahnhof, gehen über diese lange Brücke, schon ist da das Museum, in dem vor einiger Zeit bereits Bilder von Ihnen zu sehen waren. In wunderbar hohen Räumen mit Licht von der Decke, mit Wänden, die für jede Ausstellung und für jeden Künstler unterschiedlich neu gestrichen werden. Besprüht muss man sagen. Mit Pinsel würde hier niemand weit kommen. Helle und dunkle Grauvarianten, gemischt mit Oliv, Blau, Grün oder nur Grau oder Weiß.

Die Räume sind dann so kunstvoll auf Bilder und Skulpturen abgestimmt, wie der Rahmen des Bildes selbst. Sie lassen ältere und neuere Kunst von den Wänden leuchten, geben Einblicke in Intimes oder gemalte Ausblicke aus Zimmern und fallen dabei selbst als Teil eines Gesamtkunstwerkes gar nicht wirklich auf.

Und als es hieß, im Jahr 2020 „kommt Monet“,  waren nicht nur Ihre Bilder gemeint, Ihre Farben, Ihre Lichtkunst. Es ist eben auch Ihr Geist, Ihr Charme, die friedlich stärkende Wirkung Ihres Lichtes, welche vieltausende Besucher ins Stadtzentrum ziehen, ins Potsdamer Museum Barberini, in meine Stadt. Und die Besucher schauen sich dann nicht nur Ihre Werke an, sie gehen auch essen, fahren vielleicht ein wenig mit dem Schiff, das hier Dampfer heisst, obwohl nur noch ein Schiff namens Gustav mit Dampf angetrieben wird, das startet genau gegenüber im Hafen. Oder sie setzen sich in Busse und erkunden die Stadt. Sie gehen in den Park Sanssouci, sehen das gleichnamige kleine Schloss von 1745 mit den Weinterrassen im Original, entdecken das große, hundert Jahre jüngere Neue Palais, und wie nebenbei auch noch die „Römischen Bäder“ oder das „Chinesische Teehaus“.  Und dann kommen sie ins Holländische Viertel, in dem es aussieht wie im alten Amsterdam, oder die Böhmischen Weberhäuser und die Schlösser in Babelsberg.

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt, in der auf solch engem Raum so viel Internationales zusammen steht. Allein der Bassinplatz wird umringt von der Französischen Kirche, dem russischen Soldatenfriedhof, der einen Seite des Holländerviertels und der deutschen katholischen Kirche Sankt Peter und Paul.

Vieles stammt aus preußischen Zeiten, in denen der Preußenkönig Friedrich am Hofe nur Französisch sprach. Er liebte Voltaire, dessen Name noch heute auf Straßenschildern steht.

Erst hundert Jahre nachdem der preußische König französisch sprach, wurden Sie, Monsieur, geboren. Wussten Sie das? Ihre Grand Nation hatte grand Einfluss.

Heute sind Sie es, der mit seiner Kunst so viel beeinflusst. Und ich werde achtgeben: Wie wird sich mein Ort anfühlen, wenn Ihre Bilder, Monsieur, aus dem Zentrum der Stadt ihre Energie heraus strahlen?

Impression. Eindruck. Nach innen gehen. Leise.  Licht.

(Andrea Jennert)

Von Mitgliederinnen und Sprachwächtern

Vor einigen Tagen hörte ich im Autoradio eine unbekannte Vokabel: Mitgliederinnen. Jetzt schlägt´s Dreizehn, hätte meine Oma gesagt, was ist denn das?

Wie hätte ich ihr das erklärt?

Nun, woher „Mitglied“ kommt, beantwortet sich von selbst. Und in den alten patriarchalen Gesellschaften durftest du in die Clubs und Vereine nur als Gogogirl oder als Mitglied. Heutzutage gibt’s eben genauso auch Frauen als Mitglied.

Da hätte meine Oma schelmisch geschmunzelt und „Soso“ gesagt. Oder: „Natürlich. Neue Zeiten, neue Umstände, neue Dinge, neue Wörter.“ Und klar, hätte ich gesagt, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ich finde es auch sehr charmant, wenn Gerburg Jahnke in „Lady´s Night“ ihre „Gästinnen“ begrüßt.

Aber Mitgliederinnen?

Sprache ist etwas über Jahrtausende Gewachsenes, ein lebendiges Gebilde, mit Artikel „die“, also weiblich. Neue Worte und Bezeichnungen werden da aufgenommen, wie so viele Anglismen derzeit, vor allem aus der IT-Sprache, einige Worte verbreiten sich in anderen Sprachen, wie Kindergarten (englisch: Kindergarden) und Fahrgefühl (In der amerikanischen Werbung für Autos gebräuchlich: „With Fahrgefühl!“)

Im gleichen Sender zur gleichen Stunde von der gleichen Moderatorin wurde dafür der Genitiv falsch gebraucht. Statt „des Bären“ sagte sie „des Bäres“.

Mich stört sowas!

Dass der Genitiv nicht unbedingt ständig im Alltag gebräuchlich ist, sei dahingestellt. Aber als Moderator eines öffentlichen Senders (auch in den TV-Sendern zur besten Nachrichtensendezeit ist mir das schön öfter aufgefallen) sollte man seine Grundausrüstung Sprache schon beherrschen.

Wenn es nur darum ginge, ob sich jemand freiwillig der neuen deutschen Gendersprache bediene oder nicht, dann würde ich sagen, ach ja, mal schauen, was sich davon durchsetzt und was bleibt. Da es aber jetzt darum geht, die neuen Formen per Verordnung offiziell durchzusetzen, sich in Universitäten eine 10%ig schlechtere Benotung einzuhandeln, wenn man sich nicht daran hält, neue Genderministerien zu finanzieren, Straßenschilder und Ordnungsblätter neu zu drucken, da ist es nun verständlich, dass sich die Sprechenden und Schreibenden zu Wort melden und zumindest eine Diskussion verlangen.

Konkret: Ich las heute einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, geschrieben von Till Raether: „Der Schwachpunkt der selbsternannten Sprachwächter“, in welchem er über einen „Aufruf gegen sprachlichen Gender-Unfug“, verfasst von vielen verschiedenen Prominenten schrieb. Oder besser polemisierte. Die Unterzeichnenden, u.a. Monika Maron, Reiner Kunze, Dieter Nuhr, Dieter Hallervorden, Günter Kunert, Judith Hermann, Katja Lange-Müller, Angelika Klüssendorf werden als „herrlich bunt gemischte Unterschriftenliste“, als „Verein für Leute, die sich als Fans der deutschen Sprache begreifen“, als „pegidanah“ und „rechts“ bezeichnet, wobei sich der Autor gar nicht bewußt ist, dass er sowohl im Titel als auch im Text sein so verteidigtes Gendersternchen, wahrscheinlich aus Gründen des gewohnten Sprachflusses, selbst weggelassen und die einfache Pluralform gewählt hat: Sprachwächter, Prominente..

Denn wer Wächter sagt, müsste auch Wächterinnen sagen.

Oder gehört die einfache Pluralform für Herrn Raether bereits zum verächtlichen Ton, mit dem er die Unterzeichner regelrecht diffamiert und aburteilt? Gerade wenn Frauen, noch dazu Schriftstellerinnen, sich gegen diese Sternchen, Innen und Schrägstrich-Aufzählungen aussprechen, sollte das doch zu denken geben. Oder ist diese Sprachverordnung gar nicht FÜR Frauen gemacht?

Und sind die Bücher, Gedichte, Lieder, Texte, Filme der Unterzeichner nun nichts mehr wert, weil ein aussortierter Hans Georg Maaßen auch unterschrieben hat? Und was ist mit Dorothee Bär aus der CDU?

Das Lesen dieses Artikels macht mich fassungslos, der Ton wütend. Ich soll also lernen, dass verordnetes Gendern im beruflichen Schriftwechsel nichts Diktatorisches hat, „ein Stern doch ein schönes allumschließendes Zeichen ist und Kritiker mit den angesprochenen „Verrenkungen“ der Sprache „womöglich die Tastatur-Randlage meinen, die etwas schwerer zu erreichen ist…“ Und schließlich „müsse man sich auch auf anderen Ebenen Arbeitsplatz-Richtlinien anpassen.“

Arbeitsplatz-Richtlinien für einen Arbeitsplatz mit einer verordneten Sprachveränderung im ganzen Land zu vergleichen ist, denke ich, wohl nicht ganz statthaft. Sprache ist ein Allgemeingut, ein Kulturgut, sie gehört genauso gut Judith Hermann  oder Monika Maron wie sie auch mir gehört. Ich habe sie mir als Kind angeeignet, habe Rechtschreibung und Grammatik und Sprachgefühl gelernt und später Germanistik studiert. Und ich werde sie so sprechen, wie es mir gefällt, wie sie für mich stimmig ist.

Und wenn es stimmt, dass die Sprache ein lebendiges Gebilde ist, dann glaube ich, dass sie selber es sein wird, die sich zu viel der unsinnigen Veränderungen nicht gefallen lassen wird.

In den nordischen Ländern Finnland, Schweden, Norwegen sind die Förderungen für Genderinstitute inzwischen versiegt, die Einrichtungen geschlossen worden.

Es scheint nicht der richtige Weg für das Anliegen, das dahinter steht und höchst berechtigterweise Aufmerksamkeit und Gleichstellung verlangt. Die alten Weisheitslehren kennen die gegensätzlichen Prinzipien u.a. als Ying und Yang. Ying als das weibliche, Yang als das männliche Prinzip. Den beiden ein gleich geachtetes, gleich berechtigtes Dasein zu ermöglichen, hieße, in jedem Menschen die männlichen und weiblichen Anteile zu achten, sie gleichrangig wertzuschätzen. Das Weiche wie das Harte, das Leise wie das Laute, das Langsame wie das Schnelle, und das nicht nur im Menschen. Das Eine geht nicht ohne das Andere, beide bedingen einander. Ohne Ausatmen kein Einatmen.

Wir aber hier in der abendländischen Region der Welt messen den meisten Wert der Yang-Seite zu, gut ist, was Leistung bringt, Tempo hat, den Anderen übertönt, hart ist, schneller, besser, weiter, nur einatmen..

Was wir aber brauchen ist der Ausgleich. Das Wertschätzen der Langsamen, derjenigen, die Babies beruhigen, die alte Menschen waschen und windeln und mit ihnen sprechen, ihnen die Hand halten, in Verbindung bleiben, die abgemagerte scheue Hunde wieder aufpäppeln, mit Kindern Mensch-ärgere-dich-nicht spielen oder den Job aufgeben, weil sie einen Ehepartner oder die Eltern oder ein Kind bis zum Schluss einer Krankheit pflegen. All dieses Tun verdient so viel Achtung, ja Ehre, und doch fällt es in dieser Gesellschaft, wo Krankenhäuser und Pflegedienste nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und Vorgaben arbeiten müssen, hinten runter.

Mein Gott (auch immer noch männlich in diesem Abendland), es wird doch nichts bringen, Frauen zu Mitgliederinnen zu machen. Und was wird aus Wörtern wie Fußgängertunnel oder Mitgliederversammlung?

Hey, denke ich, in der DDR hab ich mal „Lehrer“ studiert, meine Freundin war Abteilungsleiter, und Gleichberechtigung war kein Thema, wir waren gleichberechtigt, dafür alles mögliche Andere nicht. Und wir hatten zu Weihnachten anstatt Putten und Engel „Jahresendfiguren mit Flügeln“.

Aber wir haben Rechtschreibung und eine eigene Handschrift gelernt, die als Schreibschrift an vielen Schulen jetzt nicht mehr zum Lehrplan gehört.

Meine Sprache gehört mir, sie ist ein intimer Teil von mir, mit dem ich auch in Zukunft so leben möchte, wie es mir gefällt.

Und ja, ich möchte „Mitgliederin“ im Verein der Sprachwächter werden!

Andrea Jennert

Ich möchte glauben…

Wenn überhaupt noch jemand redet, dann über die Hitze. Kaum noch Schmetterlinge zu sehen. Die Zeit scheint irgendwie ausgehebelt zu sein oder wird in Celsius gemessen, sagt die Goethefee. Im Fernsehen stundenlange Beiträge über Klimawandel. Über die Veränderung des Jetstream. Über Dieselfahrverbote und die neue Generation von Elektroautos. Mal abgesehen davon, dass ich im Moment noch auf Römö sitze, einen angenehmen Sommer mit 24 Grad genieße, zum ersten Mal in der 22 Grad warmen Nordsee bade wie im Potsdamer Binnensee, den großen Waldbrand von Fichtenwalde nur über die Medien verfolgt habe, frage ich mich doch, ob alle relevanten Punkte in dieser Diskussion klargelegt und berücksichtigt wurden? Hier am Himmel kaum Flugzeuge. Global gehen aber die Zahlen des zivilen Luftverkehrs seit Jahren in die Höhe. Tut das gar nichts zur Sache? Was ist mit den Schiffen? Den Militärs? Soll dem Ganzen mit Dieselfahrverbot in drei Straßen pro Stadt begegnet werden?

Was ist die Klimabilanz eines einzigen Klimagipfels im Vergleich zu dessen Ergebnis?

Ach ja, Geo-Engineering. Hab mal im Netz nachgelesen. Was sagt die Bundesregierung dazu? Worüber wird denn hier ernsthaft diskutiert? Dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden kann?

Vom Umweltbundesamt gibt es eine Publikation: „Geo-Engeneering – wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn?“ Seit einiger Zeit werden in den Medien Vorschläge diskutiert, wie dem Klimawandel durch großtechnische Eingriffe in die globalen ökologischen Abläufe entgegen zu wirken sei. Es geht ums Einbringen von Partikeln in die Atmosphäre und um Spiegel im All, um Düngung der Ozeane mit Eisenpartikeln (was ein US-Unternehmen auf eigene Faust auch ohne Genehmigungen und gegen Proteste der Umweltschützer vor der kanadischen Küste tat), das Herausziehen von Klimagasen aus der Luft und vieles mehr.

„Noch völlig am Anfang steht die Debatte darüber,  wie Geo-Engineering reguliert werden müsste.“ schreibt der Tagesspiegel am 2.7.2018.

Das bedeutet aber, es wird bereits getan. Jetzt in Plänen, als Tests, als Projekte, und es wird etwas später generell reguliert. Und da hilft es auch nicht, dass das Ozeandüngen bereits mißglückt ist, weil sich fresslustige Krebstiere am neuen reichlichen Futter erfreuen, oder dass die Grünen eine Anfrage an die Bundesregierung starten und wissen wollen, wie genau die Bundesregierung zum Geo-Engineering steht.

Wer spielt denn da Gott? Sind diese Großtechniken die einzige Antwort auf all unsere laufenden Umwelt- (und Sozial-) Sünden? Allein dass dieses gedacht, erforscht, geplant, diskutiert und getestet wird…  Was genau soll dabei herauskommen? Dass wir alle so weitermachen können wie bisher? Noch mehr Flieger, Autos, Staus, Plastik, Müll, Mikro- und andere Wellen (oh, ich schweife ab…) und dann kommt irgend so eine globale Spritze, in den Himmel, in die Meere, in die Landschaften, und alles ist gut, weil kompensiert?

Der Mensch denkt kurzfristig, weil ihm das näher liegt. Er wird vielleicht achtzig Jahre alt und überblickt schon diesen Zeitraum kaum.  Er denkt nicht darüber nach, dass der eigene Körper mitunter zwanzig Jahre braucht, bis er auf alte Sünden reagiert, weil kompensieren nicht mehr klappt. Er denkt und reagiert in Projekten und Geschäftsmodellen.

In welchen Zeiträumen reagiert die Erde? Und wie überhaupt? Wer kann von sich sagen, dass er in der Lage ist, die Risiken zu kalkulieren?

Es gibt den Spruch, dass sich das Wetter in Indien ändert, wenn hier ein Schmetterling mit den Flügeln schlägt. Die waren letztes Jahr samt ihrer Mitinsekten auch schon zu 75 Prozent nicht mehr da…

Immerhin, ich seh noch manchmal Schmetterlinge. Zu Hause haben wir Schmetterlingssträucher gepflanzt, die unsere Tochter jetzt gießt. Hier auf Römö laufen die Rehe am Haus vorbei, sonnen sich auf der Grasterrasse vorm Wald. Der Salat schmeckt hier besonders frisch, am Strand lesen die Leute Bücher oder baden in der warmen Nordsee. Und ich möchte glauben, dass alles in Ordnung ist…

A.Je.

Kreuz und quer zur Quelle

Kreuz und quer stehen mir die Worte, Fragmente aus Buchstaben, die nur zögernd ihren Sinn freigeben. Ich finde den einen oder anderen Buchstaben dazu oft erst aus anderen Worten, die sich senkrecht darüber legen. Einsortieren des Vorhandenen. Irgendwann am Ende ergibt alles einen Sinn. Manche Worte bleiben unverstanden. Ich weiß nicht, ob es sie wirklich gibt. Aber sie stehen da, behaupten es von sich. Der häufigste Buchstabe ist das „E“. Selten gibt es „Y“ oder „Q“.

Es ist Urlaub. Nach Jahren wieder Dänemark. Zum ersten Mal ganz ohne Kinder, ohne Hund. Reif für die Insel, die kaum zehn Kilometer lang und fünf Kilometer breit ist. Viele Sandhügel mit Gras, Erika, kleinen Kiefern, Birken und Eichen, die nur ein paar Meter hoch sind. Ein Südstrand gegenüber der Nordküste von Sylt, viele Fußballfelder breit. Bei Ebbe noch breiter. Mitten in der Hochsaison ist Alleinsitzen an riesigen Stränden möglich. Stapfen durch Rieselsand mit tausenden Muscheln, die Latschen ausschütteln nach drei Schritten. Nur wenige gehen dorthin, es gibt den schöneren Strand an der Westseite. Breit und lang und fester Sand, der das Laufen leichter macht. Das Wasser unerwartet warm für Nordsee. Ein stetiger Wind zieht Drachen gleichmäßig übers Land. An langen Schnüren fahren Kytebuggies hinterher, die aussehen wie große Tretautos mit behelmten Fahrern. Und der Himmel ist tatsächlich blau, einfach nur blau. Hellblau, tiefblau, azurblau, zartblau, mit leichten Haufenwölkchen, die schnell darunter her ziehen.

Ich sitze windgeschützt in der alten Strandmuschel, die noch mit dünnen Stäben aufrecht und mit Sandhaufen am Ort gehalten wird. Es ist so viel Zeit da, die Muschel kann in Ruhe auf- oder abgebaut werden.

Zeit haben, der größte Luxus, der nach dreiunddreißig Jahren mit Kindern, Hunden, Häusern, Umzügen… wie ein Loch sich in der Erde auftut, und ich falle so schnell so tief, dass es in den Ohren rauscht. Ebenfalls unerwartet. So lange ersehnt für Projekte wie Bücher und Bilder und jetzt ist es einfach nur leer. Die neue Art zu lernen, jetzt, hat zunächst mit Leere zu tun. Diese aushalten. Nicht gleich wieder zustellen, zuarbeiten, zumauern. Die Angst aushalten, dass da nichts mehr kommt, dass alles Wichtige vorbei ist, dass das Gewollte nicht erreicht ist und vielleicht nie erreicht werden wird. Weil nun auch die Kräfte andere sind. Das Ausruhen länger dauert. Das Gesicht nicht mehr so schön ist. Die Beine sowieso, vom Bauch gar nicht zu reden.

Die Kräfte sortieren wie die Worte. Mit Buchstaben beginnen, kleine Schritte gehen. Raum für Abschiede lassen. Die Alten in der Familie. Raum für Gespräche lassen, für Hilfen. Die schwerkranken Freunde im Kreis. Nicht jeder schafft diese Kurve, die eine Umkehre ist. Herausforderungen lassen, die nicht mehr dran sind, weil der Körper Stop sagt, weil die Richtung eine andere ist. Der Unterricht mit den Flüchtlingen. Die Auftritte. Abschied von Anspruch und Perfektion.

Der Himmel ist perfekt blau. Lange nicht so gesehen. Das Licht so klar. An den Wegen die Blumen sind schlicht. Schachtelhalm, Erika, falsche Kamille, Glockenblumen, Butterblumen. Ein kleiner einfacher Strauß auf einem kleinen einfachen Tisch vor einem kleinen schlichten Haus, das so alt ist, dass das Stroh auf dem Dach längst grau  und die verbeulten Töpfe im Schrank aus Kriegszeiten sind, in denen es unwichtig war, ob die Deckel darauf passen oder überhaupt noch einen Knauf zum Anheben haben. Ein kleiner Fernseher mit Röhren, der noch zu Bildern taugt.

Der rote Nagellack an meinen Füßen wirkt deplaziert, die Schminke bleibt unberührt. Ich schaue mich an, wenn ich am Spiegel vorbei komme. Und wenn alles gut ist, sage ich Ja zu diesem Gesicht, das so ungewohnt ist wie das Zeithaben.

Während ich schreibe, fährt jemand auf breiten Fahrradreifen um die Insel. Was so lange gut geht, bis er zu einer Stelle kommt, wo der Strand geteilt ist. Meerwasser dringt ins Innere der Insel und er muss durch einen Fluss waten. Also zieht er alles Textile aus, trägt nackt sein Fahrrad durch den Fluss auf die andere Seite, geht durchs bauchtiefe Wasser zurück und holt seine Kleidung und den Rucksack, watet wieder in Richtung Fahrrad und hat anschließend kein trockenes Handtuch im Rucksack… Als er nach Stunden zum kleinen Haus zurückkehrt, ist das Essen fertig. Und einen Salat bekommt er auch.

Zur rechten Zeit werden die Worte sortiert sein, werden sie da sein mit ihren Bedeutungen, die zu Geschichten, Farben, Stimmungen werden. Sie werden da sein und fließen, durch meinen Kopf, durch mein Herz, durch meine Arme und Hände, durch meinen silberfarbenen Füller, der zu vielen meiner Haare bereits passt. Und sie werden eine neue Quelle haben, dieses Wort mit dem seltenen „Q“ und den alltäglichen „E“s.

Und ich werde diese neue Quelle mein Zuhause nennen, ein frischer Raum, in dem es sich wohnen lässt. Einfach und schützend wie dies alte Urlaubshaus, nahe am Meer und mit Verbindung zum Festland, in dem der größte Schatz das Zeithaben ist, welches sich mit Leere und dann mit ganz neuen Worten mischt.

A.Je.