Spiel mit der Scham

Wie lange geht das nun schon, dieses Spiel mit der Scham? Das mit Unwissenden gespielt wird, die nicht sehen, die dem Spiel wehrlos ausgesetzt sind, die in ein Spielsystem gesteckt wurden wie in einen zu engen Sonntagsanzug, das in seiner Auswirkung schwer zu durchschauen ist. Weil die Spielregeln verheimlicht werden…

Ich spüre das nur als: Oh, ich muss noch dies und das lernen, tun, besser können, sagen, kaufen… und DANN genüge ich endlich. DANN bin ich akzeptiert, DANN bin ich es wert…

Und wehe wenn nicht.

Oh, ich muss wieder abnehmen, mein Bauch und mein Hintern passen nicht in die Norm! Oh, ich muss diese teure Creme kaufen, meine Gesichtsfalten zeigen sonst, ich bin schon zu alt für die Norm! Oh, das Makeup muss ich gleich dazu kaufen, meine Blässe passt sonst nicht in die Norm! Oh, ich darf in der Öffentlichkeit nicht mehr hüsteln oder gar niesen! Man könnte ja denken, ich hätte den Aussatz!

Im Spiel heißt es manchmal: Aussetzen! Du hast keine Sechs? Dann Aussetzen. Du musst ins Gefängnis. Aussetzen. Es gibt viele Wörter für Gefängnis. Und es gibt viele Gefängnisse, äußere, innere. Gefängnisse haben Zellen. Die isolieren dann.

Oh, ich habe etwas gesagt, das nicht ins Bild passt? Man könnte denken… oder gar unterstellen…

Also sage ich lieber nichts mehr.

Oder ich sage Unverfängliches.

Schönes. Liebevolles.

Das tut immer gut. Dem, der es sagt genauso wie derjenigen, die es hört.

Und doch. Das holt mich nicht aus dem Gefängnis. Da muss ich erst eine Sechs würfeln…. Oder…

Ich stehe auf und sage – ich spiele nicht mehr mit.

Denn die Spielregeln gefallen mir nicht. Sie tun mir nicht gut. Jetzt, wo ich sie kenne, kann ich das sagen. Das Ziel des Spiels ist immer dasselbe. Erst wenn ich dies und das und jenes gesagt und getan habe, DANN genüge ich, dann darf ich weiter…

mitspielen – nur

gewinnen ist dabei nicht vorgesehen. Jedenfalls nicht für mich. Am Ende gewinnt nur einer. Je mehr mitspielen, je mehr verlieren. Bei diesem Spiel mit der Scham.

Gewinnen kann nur, wer die Cremes herstellt, die Abnehmpillen, die Makeup- und Masken- Hersteller und -Verkäufer. Vor allem die Verkäufer. Nicht die kleinen Boutiquen und Schuhläden und Restaurants und Cafés, nein, die verlieren selbstverständlich auch. Nur die größten gewinnen.

Es sei denn, ich stehe vom Spieltisch auf, werde ernst, nehme mich selber ernst und sage: Es ist genug. Ich bin genug. Ich genüge. Vor allem mir selber. So wie ich bin.

DANN

habe ich gewonnen.

Mit weniger oder mehr Kilos auf den Hüften, mit wenig oder vielen Falten im Gesicht, mit Kleidern die aus der Mode fallen, mit Medizin, die ich mir selber aussuche, mit Farben, die mir guttun.

Ich spiele mein eigenes Spiel, und da fliegt alles raus, das mich beschämt. Und täglich weiter beschämen will. Hey, sage ich, dich hab ich erkannt! Du kommst nur noch über meine Schwelle, wenn du mir ab jetzt gut tust. Wenn die Region der Scham in Ruhe und nur mir selber überlassen bleibt. Akzeptiert. Geachtet.

Wenn du sagst – ok, so und so bist du, so und so denkst du, auch wenn du anders bist als ich, nein, gerade weil du anders bist, achte ich dich.

Dann tust du mir gut. Dann tritt ein.

Und schon sehe ich mich in meinem Spiegel an und denke, oh, ich mag meine Pfunde, so wie sie heute sind. Und meine Falten. Und alle neuen grauen Haare. Und auch die Stellen, an denen sie nun ausgegangen sind. Und ich mag meine Augen und die Lachzeichen drum herum. Und ich mag meinen geraden Rücken und die langsameren Schritte, mit denen ich nun durchs Leben gehe, genauer hinschauend, wohin ich sie setze. Und ich mag es, mein Gesicht zu zeigen.

Es ist ein interessanter Satz, den ich für mich gefunden habe: Jemanden zu beschämen (und zu beschuldigen) ist eine unsichtbare Waffe, die dem anderen die Kräfte raubt. Eine Energiewaffe.

Was hilft? Gibt es eine Gegenwehr?

Die Dinge umkehren.

Wer mich beschämen möchte, sollte sich selber schämen. Meine Oma sagte mal, andere zu beschämen, zeugt nicht von seelischer Größe.

Ich denke, da hatte sie recht.

A.J.