Der Weihnachtskühlschrank

Es regnet, regnet, regnet. Die Wolken ziehen schnell, und es kommen genauso viele nach. Eine Möwe zieht immer dieselben Kreise. Zwischen neun und fünfzehn Uhr ist es einigermaßen hell. Der kleine Barther Weihnachtsmarkt vom 4. Advent mit seinem Glitzerriesenrad vor der Haustür ist wieder verschwunden. Am Hafen Wind, Regen, Pfützen, die sogar der Hund umgeht.

Im Haus Lachen, sonnige Gemüter, wegen dieser unglaublichen Geschichte: Seit Sonntag Abend piept es. Laut, schrill, regelmäßig, alle dreißig Sekunden. Aha, Erdgeschoß, Vorratsküche. Der Kühlschrank, sagt mein Mann. Das ist logisch, ein anderes technisches Gerät ist nicht im Raum. Kühlschrank auf, piep, Ja, vielleicht etwas zu warm da drin, können wir gar nicht gebrauchen über Weihnachten, sagt er. Piep. Stecker raus, warten. Piep. Muß wohl die Batterie noch sein, sagt mein Mann. Hand hinter die Heizspirale, piep. Hm. Aber draußen ist es ja kühl, wir könnten das Fenster angekippt, die Kühlschranktür offen stehen lassen, kühlt auch. Piep. Ja, aber die Gefrierfächer? Verbrauchen oder wegschmeißen. Okay. Piep. Nein, wir brauchen einen neuen, das geht so nicht, sagt mein Mann. Ein gebrauchter reicht, so auf die Schnelle. Also, ebay – Kleinanzeigen. In Ribnitz was, in Rostock was. Dienstag, piep, hats in Rostock geklappt. Noch etwas runtergehandelt, rein ins große Auto, nach Barth geholt. Den kaputten Kühlschrank mit Sackkarre nach draußen befördert. Ich wische die Bodenfliesen sauber.

Piep!

Und da steht mein Mann, der sonst alles über Technik weiß, was das Haus begehrt, der alle PCs einrichtet und wartet, immer Lösungen für Probleme dabei findet, Lichter und Lampen installiert, Handys und Smartphones einrichtet, ein Fan jeglicher technischer Neuerungen ist, da steht er, piep, guckt an die Decke und fasst sich an den Kopf: Oh nein! Ich will nicht mehr! Gebt mir einen Schnaps! Denn er sieht den Rauchmelder, der pünktlich alle dreißig Sekunden einen leeren Batteriestatus meldet: Piep.

Er nimmt das kleine runde Ding von der Decke – Ruhe.

Und er steht im kleinen Raum, das runde weiße Teil in der Hand, und schüttelt den Kopf immer wieder, und auf dem Gehsteig steht der Kühlschrank, mannshoch, weiß, mitten im Nieselregen.

Wieder rein mit dem Ding, alles abwischen, Stecker rein, Lebensmittel rein. Ich sage zu meinem Mann, ich weiß jemanden, der einen Kühlschrank braucht. Er ist immer noch am Kopfschütteln über seinen technischen Sachverstand. Ich umarme ihn, erzähle von den Syrern, die einen sehr kleinen Kühlschrank mit nur zwei Fächern haben, die Lebensmittel für die fünfköpfige Familie werden größtenteils auf dem Balkon gelagert, kein Problem, sagt die Mutter, wichtig ist, dass die Familie da und gesund ist.

Wir fahren nach Barth Süd. Noch bevor sie vom Kühlschrank wissen, freuen sich die Syrer so offenherzig, dass wir nun zum Kartoffelessen kommen! Während des Essens in der spartanischen Küche, während der Wärme aus Lachen und Kochtopf und Herz, erzählen wir vom Piep und vom Kühlschrank, und sie freuen sich, dass der Mann, der ihnen gerade zwei ältere PCs installiert hat, anscheinend einem himmlischen Piep gefolgt ist und ihnen nun ein tolles Weihnachtsgeschenk macht. Und weil er selber so schön darüber lachen kann, können sie es auch gut annehmen.

Am meisten freue ich mich über dieses Geschenk. Sollte ich mich in den nächsten zwanzig bis fünfzig Jahren in irgendeiner technischen Sache mal wieder blöd anstellen und mein Mann beginnt sich über mein Technikwissen aufzuregen, brauche ich nur das eine Zauberwort:

Piep!

(Dieser Blog ist mit Genehmigung meines Mannes veröffentlicht!)

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