Weil der Mensch ein Mensch ist …
Fassungslos… Sprachlos… Wieder da!
Ja, ich weiß, ich war lange ruhig. Weil ich irgendwann dachte, es sei vergeblich, etwas zu sagen. So schnell wird sich empört, wird missverstanden, einsortiert in Schwarz oder Weiß, diffamiert usw. Bevor etwas beigetragen wird, muss der Ausweis einer bestimmten „Haltung“ vorgezeigt werden. Kein Abwägen, kein gemeinsames Nachdenken, kein dialektisches Gespräch. Erstmal „Haltung“. Die der guten Seite natürlich. Da verbietet sich auch jeglicher Vergleich mit der Vergangenheit.
Dennoch vergleiche ich. Was ich 1990 glaubte hinter mir zu haben, den Begriff „Standpunkt“ zum Beispiel, steht in voller Freude wieder auf und stellt sich neben die „Haltung“. Auch beim „Standpunkt“ war völlig klar, welcher als der gute und richtige galt. Der sozialistische natürlich. Wer den nicht inne hatte, ihn nicht in der Schule, in Gesprächen oder Bewerbungen vorweisen konnte, in Form einer bestimmten Parteimitgliedschaft zum Beispiel, der konnte hochintelligent und integer sein, einen liebevoll verantwortungsbewussten Charakter haben, sich für bestimmte Studien, Tätigkeiten, Leitungsfunktionen hervorragend eignen, dem waren bestimmte Wege einfach versperrt. Die SED war die staatstragende Partei, und Kritiker waren schnell weg vom Fenster.
Allerdings ging es nicht so weit, dass alle ihren Atem einschränken mussten, dass öffentliche Kritiker ihrer Bankkonten verlustig gingen oder dass Ärzte, die den Menschen im Fokus hatten anstatt eines unsichtbaren Feindes namens Virus, ins Gefängnis kamen.
Kritiker in der DDR kamen mitunter auch ins Gefängnis, und man sprang mehr als übel mit ihnen um. Unmenschlich. Ich weiß. Das war in einer Diktatur möglich. Es war Willkür möglich, die mitunter das Leben kostete. Das war bekannt. Und ich war heilfroh, dass diese Zustände endeten. Dass frei denken, frei wählen, das Ausleben des eigenen Könnens möglich wurden. Dass der Geist sich entfalten und der Mund aussprechen konnte, was der Kopf dachte und das Herz fühlte.
Um so tiefer und wuchtiger traf mich der Schock, als ich erkannte, auch hier und jetzt steht nicht das Individuum mit seinen Besonderheiten und seiner Einzigartigkeit, seinen Eigenheiten und Begabungen im Mittelpunkt des Geschehens, sondern knallharte Interessen. Da geht es um Megagewinne und vor allem um Macht. Da zählt bei ausgerufenen Regeln kein Alter, keine Behinderung, keine Krankheit, körperlich oder psychisch, kein Grundbedürfnis und kein Respekt vor einem anderen Menschen. Da gibt es plötzlich Gesetze und Maßnahmen und Regeln, die „nicht hinterfragt werden dürfen“. Wer sich dem anschloss oder irgendwie unterwarf, der war auf der „guten“ Seite. Ist es noch immer.
Wer aber bei so einem totalitären Vokabular dennoch hinterfragte, wurde auf die ungute Seite verordnet. Und die Vokabeln wurden immer krasser: Parasiten und Blinddärme der Gesellschaft, rechts oder rechtsextrem bis hin zur Bezeichnung von Anhängern des sogenannten tausendjährigen Reiches. Gespräche gab es nicht. Austausch von Argumenten? Abgelehnt ohne zuzuhören. Menschen wurden und werden noch immer einfach zum Abschuss freigegeben. Es wurde und wird gepöbelt bis unter die Gürtellinie. Es wurde und wird über Seelen hinweg getrampelt, als wären sie der letzte Dreck.
Entmenschlicht.
Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es so etwas geben würde in der heutigen aufgeklärten Gesellschaft. Niemals hätte ich gedacht, dass es möglich ist, in so großem Umfang in dieser Art und Weise miteinander umzugehen.
Und alle spielten und spielen mit. Parteien, Kirchen, Medien im größeren Stil, Bekannte, Freunde, Verwandte im kleineren.
Ich war mal kurz Mitglied bei den Grünen. Und ich war lange in der Kirche. Die Enttäuschung, insbesondere bei Kirchens, ist unbeschreiblich. Was hatte Jesus gesagt? Dass alle zu ihm kommen können? ALLE? steht das nicht immernoch in der Bibel? Ist nicht die Liebe das Größte? Seit wann sortiert die Kirche aus, wer zum Gottesdienst erwünscht ist und wer nicht? Ist die Kirche größer als Jesus?
Und ist ein Mensch, der befiehlt, hier darf nichts hinterfragt werden, größer als Gott?
Kann man sich als „guter Mensch“ fühlen, wenn man andersdenkende Mitmenschen beleidigt, beschämt, vollpöbelt, an den öffentlichen Pranger stellt, ja sogar mit dem Tode bedroht? Oder ihnen die Lebensgrundlage entzieht? Ruf und Reputation, Arbeitsmöglichkeiten und Bankkonto zerschlägt?
Es hat mich fassungslos und sprachlos gemacht, dass erstens so etwas passiert und dass es zweitens anscheinend keinen interessiert, der nicht selbst auf die eine oder andere Weise betroffen ist. Es wird hingenommen, sogar noch verteidigt: „Da steckt sicher noch was anderes dahinter“ oder „Das sind alles Einzelfälle“ bis hin zu „Interessiert mich nicht, ich habe auch so mehr als genug zu tun.“
Bis man selber betroffen ist.
Inzwischen sind wir alle irgendwie betroffen. Von zu hohen Lebenshaltungskosten, zu kleinen Renten, zu vielen Steuern, zu hohen Mieten.
Und wir sind betroffen von bestimmten medizinischen Behandlungen, deren Folgen sich bis heute noch zeigen. Und deren Aufarbeitung blockiert oder zumindest stark erschwert wird. Weshalb in den medizinischen Zentren so weitergemacht wird wie bisher.
Wir sind betroffen von den altehrwürdigen Medien, die sich qualitätvoll nennen, deren Wahrheitsbegriff aber überdehnbar ist, und die ihre Nutzer, zum großen Teil die „Boomer“, ins Gesicht beleidigen.
Wir sind betroffen von einer Bildung, die bestenfalls noch zur Ausbildung taugt und die statt dialektisches Denken lieber „Haltung“ lehrt.
Rechts ist kein neutrales Wort mehr, es ist zum Kampfbegriff mutiert, der nicht mal genau definiert ist. Darin wabert alles Mögliche herum, von konservativ über Genderkritiker, Impfgegner, Familienmütter, die mit ihren Kindern zu Hause sein wollen, bis hin zu Homophoben und Neonazis. Die Genauigkeit in der Sprache ist genauso über Bord gegangen wie die Genauigkeit und Achtsamkeit im Denken sowie die Diskussionskultur. Meinung und Haltung sind wichtiger als Argumente, wirkliche Informationen und Bildung.
„Bleiben Sie menschlich!“ sagte Frau Friedländer am Ende ihres bewegten Lebens in einer öffentlichen Rede.
Ich sage, werden Sie wieder menschlich mit Achtung und Respekt ihrem Mitmenschen gegenüber. Jeder hat seine Geschichte. Und es steht uns nicht zu, jemanden zu verurteilen, auf billige Weise zu bepöbeln, zu diffamieren, nur weil uns seine Haltung nicht passt.
Seien wir wieder neugierig aufeinander! Fragen wir den anderen Menschen wieder: „Warum denkst du das? Was sind deine Gründe? Was hat dich so verletzt?“
Hören wir wieder zu!
Und hören wir auf mit der schnellen Verurteilung, mit der Einsortierung in genau zwei Schubladen! Fangen wir an, wieder leiser zu werden, genauer hinzuschauen und wirklich zuzuhören.
Vor allem, hören wir bitte auf, irgendeinem Menschen sein Menschsein abzusprechen! Das ist nicht unser Job, wir sind selber nur Menschen, machen Fehler, lassen uns blenden, können täglich irren…
Hören wir endlich auf, um jeden Preis „gut“ sein zu wollen oder uns an die Lauten anzupassen!
Fangen wir neu an,
einfach menschlich zu sein.
Ein Gedanke zu „Weil der Mensch ein Mensch ist …“
Wunderbar in Worte gefasst, was in keine Fassung mehr passt. Die Fassung zu bewahren, fällt schwer in diesen Tagen. Es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen. Einfach wieder miteinander reden und zuhören, uns als Menschen begegnen… ist es endlich so weit?
Danke Andrea!
Sylvia