Verwandlung

Sonne und Meer. Nur wenig Wind. Viel Licht. Farben: Blau, Türkis, Waldgrün, Sandgrau. Auf der Wiese vor dem Abzweig nach Zingst stehen Schwäne, Graureiher, Gänse, in der klaren Luft die Möwen. Am Strand das Geräusch sanfter Meereswellen, die am Ufer enden. Temperaturen über null Grad, ein idealer Sonntag. Ein Traum von Wintersonntag. Mein Hund zeigt sein Glück in Tänzen, wie aufgedreht, und jagt dem geworfenen Ball nach. Schöne Gespräche mit einem lieben Menschen, Goethes Fee zum Beispiel, vor diesem Bild. Gespräche über Träume und ob sie geeignet sind, Realität zu werden.

Ein Tag, der ein Grund war, ans Meer zu ziehen. Eine Summe, die im Ganzen Glück ergibt. Ein Glück.

Dabei blieb die Frage offen, ob es dennoch ein Fehler war, hierher zu kommen. Wir hatten es gut, wo wir waren. Eine Summe vieler kleiner Glücksteile: Eine sonnige Küche, einen guten Tee, eine Vanillekerze, ein weinrotes Sofa, Freunde und Familie in der Nähe, einen guten Job, italienische Fliesen, eine Kerze vor einem Holzengel, die Kulturhauptstadt vor der Tür. Warum nicht zufrieden sein? Den Erbauerturbo umschalten auf Erhalten? Warum immer noch was reißen und Träume erfüllen wollen?  Hat sich der Einsatz gelohnt? Die Tiere haben gewechselt von Wildschwein, Elster und Krähe zu Schwan, Reiher und Möwe. Und Kranich zweimal im Jahr. Rehe und Füchse gibt es hier wie dort.

War der Preis zu hoch, den diese Traumerfüllung kostete? Habe ich heute am Meer an den Preis gedacht? Nein, dort nicht. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich wieder entscheiden, hierher zu kommen?

Ich bin versucht, nein zu sagen. Würde ich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sehr sehr ehrlich, muss ich Ja sagen. Zu dieser Zeit, damals, ja. Ich wußte nicht, dass die Erfüllung dieses Traumes nur wenig den Vorstellungen entsprechen würde, die ich mir vom Ergebnis gemacht hatte. Aber ich wusste um das Risiko.

Ganz große Träume bergen immer ein ganz großes Risiko, so ähnlich sagt es der Dalai Lama. Und: Du kannst den Wert deines Traumes am Preis erkennen, den du bereit bist, dafür zu zahlen.

Er war es mir wert, dieser Traum. Hier zu wohnen, zu arbeiten, zu schreiben, manchmal einen sonnigen Tag am Strand haben, mit wenig Wind. Leben und Leute hier kennenlernen, ja. Denn ich habe den Preis ja gezahlt: die kleinen Schönheiten und Sicherheiten habe ich dafür gegeben, eine komplette Haut habe ich abgestreift, das gesamte alte Zuhause dortgelassen.

Auch wenn die Erfüllung anders aussieht als erwartet, geplant, gehofft, sie kann kein Fehler sein. Solch ein Traum muss eine besondere Kraft haben. Eine, die jenseits von äußeren Erfolgen wirkt.

Eine Kraft, die imstande ist zu verwandeln.

 

Andrea Jennert