Was mich bewegt

Zweiter Advent, zweites Hoffnungslicht. Zwölf rote Rosenknospen stehen noch immer im Garten. Statt hängendem Weihrauch nun eingesteckte grüne Zweige in den Blumenkästen vor den Fenstern. In der frühen Dämmerung flogen hunderte Schwäne über die Stadt. Jetzt lassen die hellen Wolken hin und wieder Lücken für sichtbar blauen Himmel. Er ist samt Sonne immer da über all den Wolken. Aus dem Fenster kann ich den Neubau eines Doppelhauses mitten in der Stadt beobachten. Gerade ist die Dachetage dran. Hämmern sägen schleifen. Nachmittags wird es ab drei Uhr dunkel, die Adventslichter in den Fenstern leuchten. Goethes Fee sagt, in Göteborg ist alles hell um diese Zeit, überall so viele Weihnachtslichter, dagegen ist Barth eine dunkle Stadt. Nun wohnt sie hier, und ihr kindlicher, einundvierzigjähriger Sohn ist für Wochen zu Besuch. Er ist allein mit der Fähre gekommen, mit ihr ständig über das Handy verbunden. Sie hat ihn durch Zeiten und Orte dirigiert, ihn an Dinge erinnert wie Licht löschen, Brote für unterwegs einpacken, selbst fürs Aufstehen und Losgehen hat sie so gesorgt. Er wird nie wie Andere sein. Und sie wird nie frei sein.

Aber Barth ist nicht so dunkel, die Stadt hat andere Glanzlichter. Ihr kleines Theater ist eine Bühne für Laien wie Profis. Marlene Dietrich konnte darin auferstehen, samt live gesungener Lieder; Gregor Gysi wird am Freitag da sein; letzten Samstag gab es eine illustre Runde Paradiesvögel im Klönpott, von der Tanzenden Rabenfrau über den Filmemacher von „Flüstern und Schreien“, einen Weltenbummler, einen Landrat, eine Metal-Geigerin, mehrere Musiker bis hin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf bunten Möbeln interviewt wurden. Die Live-Kochshow versorgte Gesprächspartner wie Publikum mit Kostproben. Den größten Eindruck machte das dreizehnjährige syrische Mädchen Yara, meine Klavierschülerin, die auf der Bühne das Gesagte ihrer Eltern übersetzte und agierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie erzählte von den Millionen Syrern, die auf der Flucht sind, sagte eindringlich, dass ganz Syrien brenne, dass allein zwanzigtausend Kinder ermordet wurden, mehr als doppelt so viel, wie Barth Einwohner hätte. Sie setzt Zahlen in Beziehung, stellt Verbindungen her. Ihre Mutter sagte in Englisch, es sei derzeit das gefährlichste Land der Welt, der Brand würde auf alle Nachbarn bereits übergreifen, und wir im Westen würden es nicht wahrnehmen. Niemand berichtet über Assad und seine Polizei, die willkürlich jeden tötet.

Den Barthern standen Tränen in den Augen. Und die Edeka-Inhaberin möchte dem Mädchen ein größeres Geschenk machen. Sie wurden aufgenommen, die Fremden. Sie waren in Syrien eine bekannte Familie, und auch hier steht ihr Name schon mehrfach in den Zeitungen. Sie sind Botschafter ihres Landes. Und sie zeigen mit ihrer Dankbarkeit, auf welch hohem Niveau unsere eigenen Alltagssorgen sich befinden.

Ich vergesse meine eigene Angst vor der Zukunft, wenn ich ihnen zuhöre. Und ich halte mich an das Geschenk eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke:

WAS MICH BEWEGT

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Man muß Geduld haben – gegen das Ungelöste im Herzen – und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, – wie verschlossene Stuben – und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben – sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. – Wenn man die Fragen lebt, – lebt man vielleicht allmählich, – ohne es zu merken, – eines fremden Tages – in die Antworten hinein.