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Neue Wege, neue Menschen, neuer Ort

Die Kraniche nehmen andere Wege in diesem Herbst. Sie fliegen nicht über Barth, nicht über den Deichweg auf der linken Seite des Barther Boddens. Wenn ich mit Cash, unserem Hund, dort entlang gehe, ist der Weg leer. Unerfüllte Erwartungen. Die großen Vögel kommen aus Südwesten. Überqueren die Meiningenbrücke zwischen Bresewitz und dem Zingst, als würden sie eine Brücke für ihren Weg brauchen. Als würden sie schaufliegen extra für die Touristen, die bereits Stunden vor dem großen Anflug ihre Autos dort abstellen, die besten Plätze zustellen, mit sich und einem Stativ, und große Objektive auf ihre Kameras schrauben. Wenn das Wetter mitspielt und diese wunderbaren Wolken vorbei schickt, die in Apricot, Rosa, Mint, Hellblau, Goldgelb und Purpur auf dem weiten Himmel über Wasser und Schilf leuchten, dann braucht es nur einen Fingertip und sogar auf Handykameras sehen die Bilder aus wie gemalt. Was nicht zu sehen ist, sind die langen Schreie, eine Mischung zwischen Huhn und Krähe und dem langen Geigenton unserer Tochter. Eine Armada großer Vögel in keilförmigen Zügen taucht nach und nach aus den Farben auf, zieht heran, quert die Brücke, das rote Haus auf der Inselseite daneben, die abgestellten Autos und Fahrräder, und die schauenden Menschen. Ich muß nun auch zur Brücke fahren, oder gleich auf den Zingst hinten, wo der Ort Zingst nicht mehr ist, nur noch Nationalpark, um die Vögel zu sehen. Wie sie den tagessatten Bauch zurück auf die feuchten Boddeninseln tragen, um zu schlafen, um morgen erneut aufs Festland zu fliegen.

Barth ist seltsam ruhig in diesem Herbst. Kein Schrei, der mich morgens weckt oder vor Sonnenuntergang das Tagesende ankündigt.

Als ich vor über einem Jahr hierher kam, glaubte ich, ob mit vielen oder wenigen Kranichen, Barth sei eine kleine verträumte ruhige Stadt, in welcher mit einbrechender Dunkelheit die Bürgersteige hochgeklappt und alle Töne ausgeschaltet werden. Und der Darss, so hieß die pistolenförmige Insel damals im Erdkundeunterricht, sei eine verträumte Urlauberinsel mit reetgedeckten Häusern und weißen Stränden, vor deren Kulisse es sich gut schreiben lässt. Musik machen lässt. Wohnen lässt.

Im letzten Herbst flogen die Kraniche über Barth.

Hier ist jedes Jahr alles anders.