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Blendender Einfall

Abend. Die Nebelstille auf dem Balkon ist absolut. Straßen, Häuserfassaden und Dächer, Bäume, alles trieft. Die Luft ist so feucht, aber ich traue mich nicht zu husten. Leise Geräusche werden vom Nebel geschluckt, lautes Husten könnte die schlafende Stadt wecken.

In der Plattenbauwohnung der syrischen Familie leuchten alle Gesichter. Der Ehemann und Vater ist endlich auf dem Weg. Gestern bekam er im Libanon sein Visum, heute ist er in Berlin aus dem Flieger gestiegen, morgen kommt er mit dem Zug hierher. Sie sei all die Monate so müde gewesen, sagt die syrische Mutter, jetzt sei wieder Hoffnung da. Und Freude, so viel Freude! Sie wird ihm seinen Lieblingskuchen backen.  Sein Lieblingsgericht kochen. Vier Monate lang haben sie sich nicht gesehen. Morgen aber!

Die Hymnenspielerin kam mit steifem Nacken zum Klavierspielen. In den Schuhen ihrer Schwester, mit einem Rucksack auf dem Rücken, in welchem sie außer den Noten noch Kerzen und Selbstgebackenes der Mutter als Geschenke für uns durch den Nieselregen trug. Eine halbe Stunde Fußweg, vom einen Ende des Ortes zum anderen.

Neben ihrem Lieblingsstück, dem Lied der Deutschen, spielt sie nun Klassik. Sie weiß nichts von der Sorge des Star-Dirigenten Kent Nagano, der sich laut Ostseezeitung um die Zukunft der klassischen Musik sorgt, weil es nach seiner Erfahrung bereits zwei Generationen von Menschen gibt, die nie mit Klassik in Berührung gekommen sind.

Auf derselben Seite eine Konzertkritik, die mit  „…ergreifend schöner, aber unbeunruhigter Lebensentrücktheit.“ endet. Würde mich das als Jugendliche in einen Konzertsaal locken? Da schwanke ich noch.

Eine Seite davor – die Lösung: Profimusik für Säuglinge. Schubert, Debussy, Ravel. Babykonzerte in München ausverkauft.

Im Moment würde ich in keinen Konzertsaal gehen. Schnupfen, Husten – Geschenke der Deutschen Bahn, die ihre Intercitys mit kühlender Klimaanlage  fahren läßt, auch wenn der Abend mit einstelligen Temperaturen auf Winter zeigt. Die voll besetzten Großraumwagen hören sich an wie Riesenwartezimmer beim Allgemeinmediziner.  Ob die Wärme erst nach der Preiserhöhung im Dezember in die Züge geleitet wird?

Nach Sonnenuntergang wird die kleine Stadt am Bodden in Watte gepackt. Dunkle Nebelwatte. Wenn es Richtung Winter geht, kommt die dörfliche Seite von Barth zum Vorschein. Nach sieben Uhr ist Ruhe in den Straßen. Hin und wieder dringen Rufe von Wildenten und – noch vereinzelter – von Kranichen durch den Nebel.  Die Laternen um die Freifläche vorm Hafen sind zu kurz geraten. Ihre Lichter scheinen von unten in die Augen.

Ein blendender Einfall.