Haben sie noch alle…?

Endlich Sonne. Vereinzelte Tage eines frühen Frühlings. Kraniche ziehen seit Tagen schon in kleinen Grüppchen Richtung Norden über die Ostsee. Auch Schwäne fliegen immer mal wieder über Barth. In den Bäumen die Amseln, vorm Fenster tanzen Zitronenfalter, Käuzchen gurren in unsichtbaren Nischen. Vor wenigen Häusern die ersten Stiefmütterchen. Und wenn die Luft mittags warm ist, riecht es entfernt nach Frühsommer. Mit Sonnenlicht im Zimmer geht es auch der Seele gut.

Mit den Medien kommen richtige Wechselduschen dazu. Beängstigendes in Osteuropa oder in Syrien oder Afrika, Niveauvolles wie die Preisverleihung an eine Journalistin der Ostseezeitung für eine Reportage im Hospiz,Merkwürdiges wie ausschlafende Schüler mitten in der Woche, weil die Lehrer streiken, Verwirrendes wie die Nichtannahme eines Sieges im Showbuiz.

Während so viele Musiker nie die Chance erhalten, überhaupt im Fernsehen aufzutreten, gibt Publikumsliebling Andreas Kümmert sein Siegerticket zum Eurovision Contest in Wien an die Zweitplazierte ab. Da waren nicht nur Moderatorin Barbara Schöneberger oder die nachgerückte Siegerin Ann Sophie schockiert. Das große unfassbare Wesen Publikum, das diesem Sänger mit fast achtzig Prozent seine Stimme und sein Herz geschenkt hatte, reagierte böse. Brüskiert. Nun gibt es schon eine fast einhellige Meinung, nun hat schon jemand am Wesentlichen gerührt, die Musiknation ist stolz, einen so guten Sänger für eine internationale Bühne zu haben, rechnet sich Siegerchancen in Wien aus, da sagt der Sänger: Ach – nee¶.

Vielleicht eine Denkaufgabe, die sich zu lösen lohnt. Für jeden anders. Für mich kamen mehrere Fragen dabei hoch:

Warum boykottiert jemand derart seinen eigenen Erfolg? Obwohl er Talent und Chancen hat?

Und tu ich es ihm manchmal gleich? Ist das ein tiefer Wesenszug bei Künstlern, dem eigenen Können nicht wirklich zu trauen, an sich zu zweifeln, derart, dass Rückzug die einzige Alternative zu sein scheint?

Oder ist die Medienlandschaft wie ein ewig hungriger Drache, der gierig nach Futter ist, das aus Informationen und Objekten besteht, deren Zusammenhänge nicht immer aus Fäden der Wahrheit gesponnen sind, und nicht jeder hält es als Objekt in den Fängen dieses Reißwolfes aus?

Was auch immer die Gründe sein mögen, es gibt Meldungen, die einen auf den Topf der Wahrheit setzen, einfach wenn jemand sein Gesicht zeigt. Und da hat so ein kleiner Sänger so manchem Staatspräsidenten etwas voraus: wer sein Gesicht noch hat, kann es zeigen. Wer sein Gesicht nicht mehr hat, kann es auch nicht wahren, wenn er mit propagandistischem und militärischem Säbel rasselt. Ein Sänger, der seine Schwäche zeigt, indem er seine Grenzen öffentlich darlegt, hat auch Stärke. Ein Präsident, der angebliche Stärke zeigt, indem er seine Grenzen nicht wahrhaben will und sie übertritt, ist tatsächlich schwach. Voller Angst.

Und gefährlich.

Weil es nicht nur seine eigenen Grenzen sind, die er übertritt.

Wir müssen alle lernen zu erkennen, wo unsere Grenzen sind, wo Wachstum endet und Auswüchse beginnen, die definitiv ungesund sind. Völker, hört die Signale..-  und seht euren Präsidenten ins Gesicht.

Haben sie noch alle……—-  eins?

A. Jennert

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