Weitblick

Sonne und Grau wechseln sich ab. Nachts Minusgrade, tagsüber plus. Eine mühsame Jahreszeit, diese fünfte. Fasching oder krank, das ist hier die Frage. Immerhin schafft es die Sonne schon wieder bis ins Wohnzimmer, was im Dezember und Januar nicht dran war. Die Schwäne fliegen nach wie vor in kleinen Gruppen über die kleine Stadt. Vielleicht, weil Flugzeuge jetzt selten sind. Der kleine Flughafen hat erst in den helleren Monaten wieder Betrieb.

Was für die Lungen gut ist, muß für die Knochen nicht von Vorteil sein. Rheumaklima, sagt die Goethefee, und spaziert langsam durch die Straßen und Wege von Barth und fotografiert alles, was sie nicht mag. Die abgeschnittenen alten Bäume am Borgwall, dem westlichen Weg zum Bodden, die verfallenden Gebäude und Zäune des ehemaligen Zeltplatzes, den riesigen Scherbenhaufen der ehemaligen Großgärtnerei. Aber oft, so sagt die ehemalige Inhaberin des Bioladens, sind gerade diese Brüche, das Scheitern, das Ungeliebte, die Grundlagen für etwas besonders Wertvolles und Schönes. Und, sage ich, würde all die Industrie noch funktionstüchtig sein, ob Zuckerfabrik, Großgärtnerei, Betonwerk, Werften, wäre die Stadt jetzt ein Anerkannter Erholungsort? Wer weiß, was hier in zehn oder zwanzig Jahren ist?

Ich bin wohl eine Idealistin, schaue gern die besonderen Seiten hier an. Trotz Merkwürdigkeiten wie dieser ausführliche Artikel, der die halbe Seite Eins der Ostseezeitung vor einigen Tagen einnahm, in welchem eine demnächst stattfindende Demonstration älterer Menschen in Mecklenburg-Vorpommern angekündigt wurde: Für bessere Musik bei Radio MV, für mehr Schlager! Da gehen also viele Mittsechziger mutig auf die Straße und wissen, was die bessere Musik ist. Als ich das meinen Freunden in Berlin und Potsdam erzählte, sagten sie, ach, es ist also kein Klischee… Da brennt die Lunte an allen möglichen Enden der Welt, und in MV wird für mehr Schlager im Radio demonstriert…

Oder die neueste Sorge der syrischen Mutter: Nach fast vier Monaten Wohnen in der gemieteten Plattenbauwohnung erfährt sie per Zufall, dass sie der Wohnungsbaugesellschaft Wobau über zweitausend Euro schuldet. Es hat sich niemand von der Wobau bei ihr gemeldet, sie ist wegen einer Heizungssache hingegangen. Was ist passiert? Sie hat geglaubt, das Jobcenter bezahle die Miete direkt an die Wobau. Der deutschen Sprache noch nicht mächtig kämpft sie sich durch den deutschen Behördendschungel in Barth und Ribnitz. Oft allein, denn die Wobau untersagt ihr, einen Übersetzer mit ins Beratungszimmer zu nehmen. Sie selber kann gut englisch sprechen, die Wobau nicht. Die Wobau sagt, mußte eben deutsch lernen. Was die Familie seit fast vier Monaten täglich im Kurs tut, dafür um fünf Uhr morgens aufsteht. Und ich denke, wie würden sich die Mitarbeiterinnen der Wobau anstellen, wenn sie innerhalb weniger Wochen arabisch lernen müßten, um ihre große Familie im neuen Land am Leben zu erhalten?

Aber immer gibt es auch die andere Seite. Der Bearbeiterin im Ribnitzer Jobcenter standen die Tränen darüber in den Augen, erzählte die syrische Mutter. Sie hat alles geregelt und den Betrag auf viele kommende Monate verteilt. Es gibt auch die engagierte Nachbarschaftshilfe, die sich regelmäßig mit den Flüchtlingen zu Frühstücken und zu Veranstaltungen trifft. Den Barther Bildhauer, der eine „Engel“ Ausstellung eines elfjährigen Flüchtlingskindes in der Kunstklappe unterstützt. Freiwillige, die am Valentinstag Kleiderspenden sortieren. Einen Pfarrer, der die Syrer mal eben für ein Wochenende in eine Zingster Ferienwohnung bringt, sie brauchen nur Bettwäsche mitzunehmen.

Und – Barth ist eine Stadt, in der kleine Katzen am Markt auf dem Baum wachsen und sich laut schreiend pflückfertig melden. Mehrere Menschen blieben stehen und lockten, eine june Frau holte eine Leiter, ich kletterte hinauf. Inzwischen sind die Eigentumsverhältnisse geklärt und diese entzückende Niedlichkeit von rotem Katerchen, wie die Goethefee ihn nannte, wird morgen in ein neues Zuhause abgeholt.

Und – was ich an dieser kargen Gegend wirklich mag, ist der Umstand, dass es hier anscheinend mehr glückliche Zufälle gibt als anderswo. Es gibt eben nicht so viele Orte, wo er sich verstecken kann, der Zufall. Man sieht ihn schon auf hundert Kilometer weit kommen…

Andrea Jennert

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