Goethes Fee

Immerhin, die Sonne war kurz da. Trotz vorausgesagter null Sonnenstunden hier am Ende des breiten grauen Streifens, der sich auf der Wetterkarte quer über Deutschland zog. Die Sonne ist immer da, auch mit einer graublauen Decke zwischen ihr und mir. Cash möchte gassi gehen, er legt mir sein Spielzeug vor die Füße und schaut aus seinen klugen freigeschnittenen Augen direkt in meine. Nachher, sage ich und nicke ihm zu. Du wirst warten müssen.

Das fällt ihm schwer, er ist so springlebendig. Und er reitet damit den steilen Zahn der Zeit: Wunscherfüllung sofort, umgehend, flexible Reaktionen sind gefragt, und Einsparungen in der Herzgegend. Die sich dann wieder eine Stimme verschaffen, als Voice of Germany, of Japan, of… Meine Tochter sagt, Cash sei ein Muttersöhnchen. Er steht morgens mit mir auf, egal, wer vorher an ihm vorbei geht, er folgt mir wie ein Schatten am Tag und legt sich erst auf seinen Schlafplatz oben, wenn ich im Bett bin. Fahre ich mehrere Tage weg, verbringt er viel Zeit auf der unteren Treppe, mit Blick auf die Eingangstür.

Ich werde die Fee fragen, ob sie mitkommt auf einen Spaziergang am Bodden entlang. Wo das Schilf wie Papyrus raschelt und sich die vielen jungen Schwäne in Gruppen zusammenfinden und manchmal ein Schaufliegen veranstalten, wenn zwei oder drei von ihnen gleichzeitig aus dem Wasser starten, eine kurze oder längere Runde fliegen und irgendwo anders sehr beeindruckend landen. Die Fee ist eine zarte caramelblonde Frau aus der Goethestraße, die schwebt und tänzelt, wenn sie geht. Sie hat derzeit blaue Fingernägel, einen mintfarbenen Ohrhänger aus Keramik, den sie auf dem Töpfermarkt in Prerow gekauft hat, kleidet sich locker elegant und wohnt in einem unendlichen Reich aus Zeit. Wer sich mit ihr verabredet, findet ihren Schatz erst, wenn er Zeit mitbringt und zuhört, wie sie zuhören kann. Ganz offen, neugierig auf Neues, auf kleine oder größere Abenteuer, auf Zauberhaftes. Sie ist nach mir hierher gekommen, in die kleine Stadt, die sich nun langsam in sich zurückzieht, dem Winter entgegendämmert. Die letzten Bau- und Malerarbeiten finden noch statt, sie werden bis zum Frost dauern.

Die Fee weiß es noch nicht, und ich weiß es wohl auch noch nicht, aber wir haben die richtige Wahl getroffen, hierher zu kommen. Barth ist eine Perle. Kein Diamant, kein Goldstück, kein großer Schein. Es ist eine besonders hübsch schimmernde Perle, die gerade dabei ist, eine entsprechende Fassung zu bekommen. Nicht alles Neue ist nur schön, aber hier wohnen bereits eine Menge guter Kräfte, die um ihren Wert wissen, denen an ihrer Schönheit liegt, die ihr Herz mögen und es wachküssen.

Wer zieht denn heutzutage nach Barth? fragte mich der Bankangestellte bei meiner Kontoeröffnung. Ich zum Beispiel, sagte ich.

Neue Wege, neue Menschen, neuer Ort

Die Kraniche nehmen andere Wege in diesem Herbst. Sie fliegen nicht über Barth, nicht über den Deichweg auf der linken Seite des Barther Boddens. Wenn ich mit Cash, unserem Hund, dort entlang gehe, ist der Weg leer. Unerfüllte Erwartungen. Die großen Vögel kommen aus Südwesten. Überqueren die Meiningenbrücke zwischen Bresewitz und dem Zingst, als würden sie eine Brücke für ihren Weg brauchen. Als würden sie schaufliegen extra für die Touristen, die bereits Stunden vor dem großen Anflug ihre Autos dort abstellen, die besten Plätze zustellen, mit sich und einem Stativ, und große Objektive auf ihre Kameras schrauben. Wenn das Wetter mitspielt und diese wunderbaren Wolken vorbei schickt, die in Apricot, Rosa, Mint, Hellblau, Goldgelb und Purpur auf dem weiten Himmel über Wasser und Schilf leuchten, dann braucht es nur einen Fingertip und sogar auf Handykameras sehen die Bilder aus wie gemalt. Was nicht zu sehen ist, sind die langen Schreie, eine Mischung zwischen Huhn und Krähe und dem langen Geigenton unserer Tochter. Eine Armada großer Vögel in keilförmigen Zügen taucht nach und nach aus den Farben auf, zieht heran, quert die Brücke, das rote Haus auf der Inselseite daneben, die abgestellten Autos und Fahrräder, und die schauenden Menschen. Ich muß nun auch zur Brücke fahren, oder gleich auf den Zingst hinten, wo der Ort Zingst nicht mehr ist, nur noch Nationalpark, um die Vögel zu sehen. Wie sie den tagessatten Bauch zurück auf die feuchten Boddeninseln tragen, um zu schlafen, um morgen erneut aufs Festland zu fliegen.

Barth ist seltsam ruhig in diesem Herbst. Kein Schrei, der mich morgens weckt oder vor Sonnenuntergang das Tagesende ankündigt.

Als ich vor über einem Jahr hierher kam, glaubte ich, ob mit vielen oder wenigen Kranichen, Barth sei eine kleine verträumte ruhige Stadt, in welcher mit einbrechender Dunkelheit die Bürgersteige hochgeklappt und alle Töne ausgeschaltet werden. Und der Darss, so hieß die pistolenförmige Insel damals im Erdkundeunterricht, sei eine verträumte Urlauberinsel mit reetgedeckten Häusern und weißen Stränden, vor deren Kulisse es sich gut schreiben lässt. Musik machen lässt. Wohnen lässt.

Im letzten Herbst flogen die Kraniche über Barth.

Hier ist jedes Jahr alles anders.