Aber das Herz…..

Gleich mehrfach fließen Ströme an die Küste. Urlauber, Feriengäste einerseits, die auch direkt in die Küstenorte mit ihren Autos fahren, und Flüchtlinge, Asylbewerber andererseits, die aus den Erstlagern mit Bussen im ganzen Land verteilt werden. Auch nach Barth, Tribsees, Stralsund, Ribnitz-Damgarten. Das zunehmende Drama mit den Flüchtlingen greift immer mehr ins tägliche Leben ein.

Was ich gesehen habe: Chaos. Hilflosigkeit. Auf Seiten der Ämter genauso wie auf Seiten der Fremden. Mir ist dabei die Sprache der Ämter oft fremder als die Blicke und Gesten der Ankommenden…

Bevor ich das wußte, hatte ich die Idee, ein paar Stunden in der Woche zu helfen, wo es nötig ist. Mit den Flüchtlingen ein paar Behördengänge machen, bei Anmeldungen in Kita, Schule, Krankenkasse, Jobcenter behilflich sein, man ist doch gern ein Gutmensch. Und jemand, der wie ich, Probleme mit dem Ankommen hat, kann sich auch emotional gut hineinversetzen. Warum nicht über die syrische Mutter und ihre Familie hinaus, warum nicht für mehrere? Da scheint es schon Trägerorganisationen und Strukturen zu geben, Honorar ist mir angenehm, also ran…

Ich sage es gleich, es gibt sie nicht wirklich, die Strukturen. Sonst hätte ich nicht plötzlich in einer Situation gestanden, in der ich „nur acht syrische Flüchtlinge, noch ohne Aufenthaltsstatus, vom Bus in Empfang nehmen und in eine Wohnung bringen“ sollte. Dieser kleine Satz und mein Ja dazu kostete mich dreieinhalb Tage Arbeit, ohne dass mir jemand sagen konnte, wer zuständig ist, wer die Verantwortung trägt, an wen sich die Leute in Krankheits- und anderen Notfällen wenden könnten.

Die Organisation arbeitet mit dem Jobcenter zusammen, kommt also erst mit einem Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge zum Einsatz. Sie hat es nur vermittelt. Die Sozialarbeiter im hiesigen Flüchtlingswohnheim meinten, sie seien nicht zuständig, die Leute seien ja separat untergebracht. Das Sozialamt war erstens weit weg, hatte zweitens Öffnungs- und Schließzeiten und war drittens nur für die Geldschecks und Krankenscheinausgabe zuständig.

Da saß ich also, hatte eine Menge Telefonate am Hals mit Jugendamt, Sozialamt, Ausländeramt, zwei Dolmetschern, Wohnungsbaugenossenschaft, Jugendnothilfe, Polizei, eine Wohnungsübergabe samt Klopapier u.Ä. kaufen, fünf Stunden in der Wohnung auf den Bus mit den Menschen warten, alle einweisen in die technischen Geräte wie Herd, Kühlschrank, Waschmaschine, den einen Minderjährigen der Polizei übergeben, weil er zur Jugendnothilfe nach Stralsund gebracht werden sollte, den Weg zum Supermarkt zeigen, am nächsten Werktag mit allen nach Stralsund zum Ausländeramt, Sozialamt, zur Sparkasse fahren, wobei ich das Fahrgeld auszulegen hätte, so die Mitarbeiterin des Sozialamtes.

Am Ende des Tages hatte ich die Krankenscheine der sieben Leute in meiner Tasche – die sollte ich ihnen auch nicht aushändigen, da sonst sofort alle zu den Ärzten laufen würden – und Anmeldungen für die Rundfunkgebühr der Wohnungen. Es wollten auch sofort welche von ihnen zum Zahnarzt, was nicht einfach war, weil dafür ein Extraschein benötigt wird.

Drei von ihnen sind sechs Wochen lang von Syrien über vier hohe Berge zu Fuß nach Deutschland gelaufen, wobei die teuerste Strecke die durch Serbien gewesen sei, wo sie sich alle Nase lang den Weg freikaufen mußten. Sie erzählten, dass sie eine hohe vierstellige Eurosumme in diesem Land gelassen hätten, um nicht im Gefängnis zu landen.

Da die meisten nur hatten, was sie am Leibe trugen, organisierte ich für den nächste Morgen die Öffnung der Kleiderkammer und deren Besuch. Ach ja, die Briefkastenbeschriftung. Gottseidank hab ich dran gedacht; nach zwei Tagen lag ein Brief aus dem Bundesamt für Migration, Außenstelle Nostorf / Horst darin, den sprachlich natürlich keiner verstand… Eine Vorladung des einen, am übernächsten Tag um 9.30 Uhr. Er wolle schon am nächsten Tag fahren, sagte er, die 60€‚¬ Zuggeld mußte er vorstrecken, und im Wald schlafen, damit er pünktlich sein kann.

Als die Fahrkarte gekauft war, mein Mann einen Schlafsack samt Zelt herausgesucht hatte, hieß es kurz vor Abfahrt dann doch AprilApril, der Termin wurde verschoben…

Ich mußte an das alte Flüchtlingsdrama-  „Angst essen Seele auf“ denken. Ist mindestens dreißig Jahre her… Oder an manche Rentner, die vor siebzig Jahren selbst fliehen mußten, und die nun mit Betreuung, Anziehsachen oder Deutschunterricht helfen.

Der Job für ein paar Wochenstunden war plötzlich ein Ehrenamt rund um die Uhr. Das dramatische Chaos um die Asylbewerber auf der einen, die überforderte Bürokratie auf der anderen Seite, an der Schnittstelle ich.

Mein Knoten löste sich bei der netten Leiterin des Asylbewerberheimes hier in Barth. Obwohl auch sie nicht zuständig war, nahm sie mir die Krankenscheine ab, besorgte die Zahnarztscheine, kümmerte sich um die Zugverbindungen des Vorgeladenen und sagte, auch die Anderen können zu ihr kommen, wenn es Probleme gibt… Und das, obwohl sie mit ein paar Mitarbeitern und Helfern gerade ein Chaos beseitigt hatte: Eine serbische Familie, die zwecks Abschiebung auf dem Weg zum Flughafen war, hatte einen Dreckstall hinterlassen. Sechs kleine Kinder, die generell und wochenlang unten ohne in der Wohnung herumliefen, alles fallenließen, was kam, Dreck in der Küche, im Bad… Alle Möbel hätte sie auf den Sperrmüll schmeißen und alle Zimmer desinfizieren und neu bestücken müssen, sagte sie. Woraufhin nun der Anruf der Ausländerbehörde gekommen sei: Suprise, liebe Frau! Die Familie kommt zurück, da hat was mit den Papieren nicht gestimmt, sie werden erst in ein paar Wochen wieder abgeholt! Ach ja, sagte sie, Schulden im Wert von mehreren tausend Euro hätten sie auch gemacht. Die vielen Pakete der Online-Versandhäuser hätten sich bei ihr im Büro gestapelt…

Seitdem sehe ich, dass täglich mehr Sendungen über das Thema Flüchtlinge im Fernsehen laufen, Dokumentarfilme, Nachrichtensendungen, Interviews, Fragen zur Gleichbehandlung von Serben und Syrern beispielsweise. An den oberen grünen Tischen beginnt man jetzt über neue Wege und Lösungen nachzudenken. Ach, denke ich, jetzt schon? Was war das bisher? Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die dafür neu gegründeten Vereine, die rüstigen Rentner innerhalb und außerhalb der Kirchen usw. würde doch schon alles zusammengebrochen sein. Aber die Freiwilligen schaffen es nicht mehr, Helfenwollen allein reicht nicht, es braucht dringend Strukturen, neue Stellen, Verantwortlichkeiten, Verantwortung …

Als ich den Syrern sagte, dass die meisten deutschen Helfer ohne Geld arbeiten, wollten sie es mir lange nicht glauben. Germany ist reiches Land! sagen sie. Warum hier arbeiten ohne Geld?

Und sie schütteln verwundert den Kopf, verstehen das Land nicht, das ihnen doch sofort, wenn sie ins Auffanglager kommen, einen Ausweis und Taschengeld gibt, später Sozialhilfe usw. Sie haben ihre Vorstellungen von diesem Land, das so groß und so reich ist. Und da passen so einige Dinge eben nicht rein: Menschen, die über ihnen im Plattenbau wohnen, laut grölen, Flaschen und Kippen vom Balkon schmeißen, oder Leute, die keinen Job und genau solch kleine Wohnungen und wenig Geld wie sie selber haben, oder eben Leute, die in Kleiderkammern arbeiten oder Flüchtlinge in ihrem privaten Auto nach Stralsund oder Ribnitz zu den Ämtern fahren, und das aus reiner Nächstenliebe, ohne zu wissen, dass es dafür mal eine Honorarmöglichkeit geben könnte.

Während vor meinem Fenster die Menschen quer über den Markt in Richtung Hafenfest laufen, das jedes Jahr im Sommer stattfindet, mit Essen Trinken Rummel Tanz und Riesenfeuerwerk, ein paar Meter weiter im Theatergarten mehrmals in der Woche „Die vier Musketiere“ auftreten, mit kleinen Kämpfen und ebenfalls Gesang und Tanz, während die nächste Hitzewelle schon auf der Isobarenkarte sichtbar ist und die Straßen und Strände füllen wird, sehe ich gleichzeitig Menschen nach Deutschland strömen, zu Fuß, auf Schlauchbooten, in geschlossenen Lastern, in Zügen, Autos. So viele, die nicht ankommen. So viele, die ankommen.

Der Kopf sagt angesichts dieser Gegensätze vielleicht, mein Gott, ganz schön krass,…

…aber das Herz …..

„Liebe ist die Essenz des Himmels“, sagt der amerikanische Arzt und Nahtodforscher Dr. Eben Alexander.

Wie aber gelingt es mir, das Ganze mit Liebe anzuschauen?

Andrea Jennert

Starke Kurzsichtigkeit

Sommer also! Wäre der Kalender nicht, ich wäre nicht drauf gekommen. Einstellige Temperaturen am Morgen, tagsüber vielleicht 14 Grad. In Südindien starben tausende an der Hitze, hier wird es nicht einmal mehr warm. Großer Gewinner ist die Natur, die Pflanzen explodieren förmlich, der Rasen ist quietschgrün.

In den Werbeflyern der Kirche war am Samstag Abend eigentlich das Eröffnungskonzert des Barther Orgelsommers angezeigt. Nach der fertigen Planung, nach dem Drucken, nach Monaten also, kam der NDR und setzte die Eröffnung seiner Sommertour am Barther Hafen darauf.  Mit Tomatenwette und Zugpferd Jan Josef Liefers, allen als kruder Kommissar des sonntäglichen „Tatort“ aus dem Fernsehen bekannt, samt seiner Band „Radio Dorea“. Also umschichten, neue Plakate, neuer Termin einen Tag später. Das große Spektakel mit mehreren Tausend Besuchern und seinem Star Liefers, der am Samstag tatsächlich auch eine Stunde seinen Auftritt hatte, von 23 bis 24 Uhr, hat der kleinen kulturvollen Veranstaltung so ziemlich das Wasser abgegraben. In der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorhanden. Die Ostseezeitung hat nach einer frühen Erwähnung weder kurz vorher noch am Tag selber noch im Nachhinein dieses schöne Ereignis für würdig befunden, Eingang in den schwarzweißen Druck zu finden. Was mehr als schade ist, denn es war großartig, was die Kantorin Bettina Wißner da auf die Beine gestellt hat: Mendelssohns unvollendetes Oratorium „Christus“ und Mozarts „Missa in C“ wurden vom Barther Singkreis, dem Orchester „Sinfonietta“ aus Lübeck und einem japanischen Solo-Tenor mit Gänsehaut-Effekt geboten. Das hätte weit mehr Zuhörer verdient.

Aber die Nordtour kam und „Christus“ mußte weichen.

Auch die Kantorin wird gehen, es war ihr letztes Konzert mit dem Singkreis. Nach der Musical-Aufführung mit dem Kinderchor am kommenden Samstag  wird sie zu packen beginnen. Zweieinhalb Jahre Barth sind für die Neununddreißigjährige genug, nun zieht sie weiter nach Süden.

Schade für Barth. Gute Leute haben es hier schwer mit dem Bleiben. So sie nicht gebürtige Nordlichter sind, hierher geheiratet haben, Urlauber oder/ und im Rentenalter sind und ihre letzten Jahre in guter Luft verbringen wollen. Mit Geld herkommen und es hierlassen – geht immer. Hier Geld verdienen wollen ist ein schwierig Ding. Neuerungen haben es in dieser windig-stürmischen Gegend schwer. Alles dauert zwanzig Jahre länger als woanders, bis es hier ankommt, wurde mir gesagt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, es sind fünfzig.

Immerhin wurde die Hochstapler-Lehrerin, die in Schleswig-Holstein ziemlich bald vor die Tür gesetzt wurde, hier in McPomm doch schon nach zwanzig Jahren entlarvt. Aber was soll man erwarten von einem Land, in welchem Mopeds der Marke „Simson“ geklaut werden, indem gleich der Baum abgesägt wird, an dem das Teil angeschlossen war?

Selbst Einheimische, die Strukturen mit aufgebaut, sich engagiert haben, werden weggebissen, wenn sie weiter über den Tellerrand gucken.

Schade, wie gesagt. Aber es paßt zu meinem widersprüchlichen Gefühl, das ich so oft hier habe. Gerade noch freue ich mich an der Idylle, am Licht, am Sonnenstrand, an den rosa-violett-hellblau-goldenen Wolkengebilden, wenn die Sonne gen Westen sinkt, an den singenden Amseln und kreischenden Möwen, an neuen Freunden, netten Menschen, schon beutelt mich wieder die Fassungslosigkeit bei Zeitungsmeldungen wie „Prerow schlittert gerade am Ruin vorbei“. Als presseinteressierte Urlauberin würde ich mich glatt fragen: Was, verdammt, machen die eigentlich hier mit meinem Geld?-  Und ich würde es denkwürdig finden, wenn ich lese, dass weder Prerow noch Ahrenshoop usw verstehen, warum sie auch für Marlow mit seinem Vogelpark beispielsweise mitwerben sollen. Die Perlen im Hinterland sind doch nicht weniger wertvoll und gehörten in meiner Wahrnehmung mit zur Kette.

Aber ich bin keine Urlauberin, und wollte ich hier länger bleiben, müßte ich mir das ständige Kopfschütteln womöglich abgewöhnen. Und dann bräuchte ich wahrscheinlich eine neue Brille für eine plötzlich auftretende starke Kurzsichtigkeit.

 

A.Jennert

Sehnsucht und Meer

Der Frühling ist hier lange kalt in diesem Jahr. Die Bäume haben sich Zeit gelassen mit blühen und grünen. Stiefmütterchen und Hornveilchen stehen auf dem Markt in den Kübeln oder auf Fensterbänken. Am Strand vorne pfeift kalter Wind.

Ich frage mich, was es auf sich hat mit dem Ans-Meer-Ziehen-Wollen. Was steckt dahinter? Auch Gregor Gysi sagte im Barther Theater: Wenn ich mal aus Berlin wegziehe, dann ans Meer.

Ja, und dann? Spazierengehen am Strand wird mit der Zeit seltener. Und im Sommer verliert man vollständig die Lust daran, wenn Urlauber den Strand bis an den letzten Quadratmeter füllen. Die gute Luft? Für die Bronchien ja, für die Knochen auf Dauer nein. Jedenfalls nicht für Ungeübte. Das geträumte Segelboot?

Letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht. Und die sieht bei jedem anders aus. Bei meinem Mann war es, glaube ich, die Freiheit. Die eigenen Kräfte zu spüren, ob beim Segeln oder im Job, und damit etwas zu bewirken. Vielleicht auch: frei zu werden von sehr alten Konditionierungen.

Wir alle tragen unsere Prägungen in uns. Was unsere Eltern uns mitgegeben haben, war immer beides, förderlich UND hinderlich. Auf die Verhältnisse kommt es an. Und darauf, was wir daraus machen.

Was war die Sehnsucht für mich? Warum wollte ich ans Meer, an den Bodden, nach Barth? Die Liebe? Mit Mann, mit der jüngsten Tochter, mit weniger Arbeit, dafür mehr Zeit für die Berufung? Ja, so in etwa. Die Liebe in größerem Umfang, in vielen Facetten.

Und jetzt? Es gibt irgendwie kein Ankommen hier. Die tiefen Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt, sie sind noch immer da. Es war eine Illusion zu glauben, sie würden sich allein durch die Nähe zum Meer erfüllen.

Statt dessen: Kalter Frühling, ständig wechselnde Winde, die nicht nur das Wetter betreffen. Klar, es ist sehr schön hier. Vögel, die einen in den Tag zwitschern, Meeresrauschen oder stillere Boddengewässer mit Schwänen, Gänsen, Kranichen, die einzelne Amsel, die oft am Ende des Dachfirstes auf dem unbewohnten Haus nebenan sitzt und die ganze Altstadt beflötet. Fotomotive wohin man schaut, Licht, Farben, der Geruch des Wassers.

Und irgendetwas schwingt in der Luft dieser Gegend, das so kühl daherkommt, aber einen letztlich irgendwie unbemerkt einsaugt und nicht mehr gehenlassen will. Zusammen mit den Menschen, die nach anfänglicher Reserviertheit und längerer Kennenlernzeit einfach nur herzlich sind.

Vielleicht ist der Grund dieses Schrittes ans Meer zu ziehen, der, den wahren Namen der Sehnsucht herauszufinden. Vielleicht nach dem Ausschlußverfahren: Das Meer selber ist es schon mal nicht. Das Segelboot auch nicht. Der Job nicht und der Job meines Mannes erst recht nicht. Bleibt die Liebe mit ihren vielen Gesichtern, Partner, Kinder, Freunde, Berufung, und: ihr Gegenstück. Die Angst. Das ist gar nicht der Hass, wie ich lange glaubte, es ist die Angst. Je größer sie wird, desto kleiner wird die Liebe.

Gut, dass es genauso auch umgekehrt funktioniert.

Und ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte. Der Goethefee zum Beispiel, dem Fotokünstler, dem alten Schäfer samt DDR-Fahrrad und jungem Schäferhund, den Pfarrersleuten, der Psychologin, dem Autorenclub, der Caféinhaberin, der syrischen Familie, dem Theaterintendanten, der Schulsekretärin und ihrem Mann, dem Museumsdirektor, dem jungen Bürgermeister, meinen Klavierschülern und ihren freundlichen Eltern. Oder dem ewigen Wanderer, der seit dreizehn Jahren seinen Miniplanwagen an einer riesigen Bauchkette hinter sich durch die Lande zieht. Am Karren sind Kinderhandabdrücke zu sehen. Und die Forderung nach härteren Strafen für sexuellen Mißbrauch von Kindern. Er findet keine Ruhe mehr, läßt Bürgermeister und bekannte Persönlichkeiten unterschreiben, sammelt solche Amtsbriefe in Plastikmappen. Nachts schläft er im Karren. Die schönen hellblauen Augen im schmutzigen behaarten Gesicht irren am Tage umher.-  Wo will er hin? Welche Sehnsucht ist seine?

Oder ist es gar nicht vorgesehen, dass wir den Namen unserer Sehnsucht überhaupt erfahren?-  Die Aufgabe des Künstlers ist es, nach Hermann Hesse, nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern die Sehnsucht zu wecken. Sie macht uns lebendig, empfänglich.

Und so würde ich immer wieder zu Konzerten wie dem gestrigen hier in Barth im neuen „42 und …“ in der Langen Straße gehen, wo Irina, die Heilerin, mit zärtlicher, heller Stimme mir in die Seele sang. Wenn ich die Augen mal offen hielt, trotz der Tränen, sah ich eine Schönheit in den Gesichtern der Zuhörer, die nur durch die Art Lauschen entsteht, welche die tiefste Sehnsucht in uns trifft und

offen legt.

A.Jennert

Arm – nicht nur an Geld

Frühling im Norden. Wir haben zu Ostern Farben vor die Fenster gesetzt. Primeln, Hornveilchen, Efeu, in Orange, Gelb, Zartlila, Weiß, Nachtblau, Grün. Der Blick saugt sich fest am bunten Leben. Autokennzeichen aus ganz Deutschland, aus Schweden, der Schweiz, Familien, die über den Markt schlendern, Rucksäcke auf dem Rücken. Unsere graue Fassade mit geputzten Fenstern und Farbtupfern. Weiß, Grün, Orange. Urlauber, die mit Kind und Hund im Sonnenschein am Meer spazieren gehen.

Die Idylle ist keine. Was die Besucher erholsam finden, die Meeresluft, feuchte Kälte, kaum Industrie, karge Landschaft, dünn besiedelte Gegend, macht Einheimische am Bodden anscheinend verrückt. Was vor einem Jahr mehrfach zerstochene Reifen waren, belief sich dieses Ostern auf einen kaputten Außenspiegel an unserem Auto. Am Barther Mini-Broadway ist ein Drittel der frisch gepflanzten Stadtprimeln geklaut. Blumentopfförmige Erdmulden stattdessen. Ach ja, dachte ich, auch meine Heiligabend-Laterne wurde samt brennender Kerze aus dem Hauseingang mal eben mitgenommen. Die Gegend hier muss wirklich arm sein! Nicht nur an Geld.

Am meisten geschockt hat mich heute der Vorfall im Barther Edeka: Ein Mann mit dunklerer Hautfarbe hat an der Poststelle Geld eingezahlt, mehr Geld, als man vielleicht alltäglich so in der Hand hat, darüber regte sich ein recht voluminöser hellhäutiger Mitmensch auf. Kann er ja tun. Nur der Ausruf, den er beim Verlassen der Verkaufsstelle noch im Raum ließ, nicht:

„Aufhängen sollte man den! Aufhängen!“

Außer einem „Arschloch!“, das mein erschrockener Mann ihm nachrief, keine Reaktion. Keiner weiß, ob der Dunkelhäutige vielleicht lange gespart hat und seine Familie auf dem anderen Kontinent damit am Leben erhält, oder woher und wohin sein Geld geht. Der Hass auf einen Fremden, der mehr Geld in der Hand hat, als man selber gerade im Portemonnaie, ist ziemlich brachial. Gleich killen. Wie im Wilden Westen. Und Westen ist das ja nun hier, und wild auch.

Frühling ist die aggressivste Jahreszeit, sagt meine Mutter. Ja, sage ich, die Bäume schlagen aus, Halme brechen die Erde auf, Flieger krachen gegen Berge, Dachstähle werden angezündet.. Morddrohungen werden losgelassen, gegen Landräte und ehrenamtliche Bürgermeister, und noch immer ist die Scham auf der falschen Seite.

Als ich neulich das syrische Mädchen nach Hause fuhr und der Motor nach dem Abstellen noch weiter brummte, saß sie mit schreckgeweiteten Augen neben mir. „Es ist nichts,“ sagte ich, „der Motor wird noch gekühlt.“ „Ach so,“ sagte sie verschämt, „ich dachte, da ist eine Bombe.“

 

Andrea Jennert

Glück geht überall…

Der Frühling kämpft sich durch. Sonne, Sturm, Regen, alles unstet. Schnee sogar. Kalte zwei Grad zu Ostern. Die Uhren sagen Sommerzeit seit einigen Tagen. Die Körper glauben es noch nicht, das Wetter erst recht nicht. Kalt draußen, ob am Bodden oder am Bodensee. Zwei entgegengesetzte Enden Deutschlands. Hier wie dort ist es kalt jetzt. Hier wie dort bestimmen Möwen das Luftbild oder die Geräusche am Wasser. Am Bodden wie am Bodensee sieht man ein Ufer in der Ferne, abends mit Lichtern. Schaut man längs über den See, ist es wie am Meer. Wasser, Himmel, Horizont.

Im Sommer nachher ist es dort wärmer, bei Fön sind die Alpen zu sehen, das hügelige Land hat dem Auge was zu bieten, überall Spalierobst-Plantagen mit ordentlichen, noch gerafften, Netzen darüber, oder Weinstöcke an den Hängen. Viel mehr Menschen wohnen dort, im südlichsten Süden, an der Grenze zur Schweiz, zu Österreich, alle zwanzig Kilometer eine Stadt so groß wie Stralsund: Friedrichshafen, Meersburg, Ravensburg, Lindau, Konstanz. Selbst die Dörfer dazwischen sind so groß, dass ein jedes seine florierende Firma besitzt. Man hat ihn, aber man ist nicht angewiesen auf den Tourismus. Und alles sieht so etabliert und sauber aus, dass sogar an den Feldrändern, an den Wegen zwischen den Obstfeldern, Hundetoiletten mit Tüten und Müllbehältern stehen. Das Leben gleitet, fließt, betriebsam aber nicht hektisch.

Die dort seit Jahren leben, sagen, man geht umher mit einem inneren Lächeln. Und tatsächlich, wir wurden lächelnd von Fremden gegrüßt, als wir durch Wohngebiete gingen.

Ein Kulturschock, der Nordosten gegen den Südwesten. Hier karg, flach, Armut im Hinterland, ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, die meisten anderen leben vom Tourismus und am Strand ist die Welt zu Ende. Dort das Satte, Überfließnde, Zufriedene, fast keine Arbeitslosen, so vielschichtig die Industrie wie die Natur, und hinterm Horizont gehts weiter. Mit den Alpen, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Liechtenstein, Italien, dem Mittelmeer…

Und doch, einer Heimat ist es egal, ob sie karg oder reichhaltig, bescheiden oder voller Ausblicke ist. Heimat ist Herz und Wurzel, Leben geht nur mit Wurzeln, durch welche die Kraft zu uns kommt. Da hat jede Gegend ihre Eigenheiten, ihre Schönheiten. Üppig ist nur anders schön als karg. So schön es woanders ist, man kann nicht überall zuhause sein. Man kann nicht überall gleich stark sein, gleich Gutes leisten, gleich glücklich sein. Man kann nicht über jeden Boden gleich hoch fliegen.

Ich kann es nicht.

Viele Andere können es nicht. Man kann Heimat nicht aufgeben, ohne an Kraft und Gefühl einzubüßen.

Wie erst all die Flüchtlinge weltweit, deren Zahl seit dem Ende des zweiten Weltkrieges noch nie so hoch war wie jetzt. Inzwischen kommt fast jeder mit ihnen in Berührung. Ob in den eigenen Familien vor siebzig Jahren oder in der Nachbarschaft jetzt. Die syrische Mutter aus Barth Süd sagt „The Life had stopped here“, das Dasein im eigenen Haus, im eigenen Land, in der eigenen Sprache, inmitten der eigenen Familie, der Freunde, des Status – vorbei. Had stopped. Die Wurzeln gekappt. Ohne Sprache keine Arbeit und kein Geld.

Und Geld wäre auch kein Ausgleich für einen Verlust, den das Herz erleidet.

Die üppige Landschaft läßt genießen, die Karge schärft den Blick fürs Wesentliche. Auch fürs Wunderbare, das mitunter stattfindet auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wenn das Jugendtheater die Barther Boddenbühne mit „Alice“ aus dem Wunderland, mit umgeschriebenen Texten, selbstgeschriebenen Liedern von Regisseur Piet rockt, wenn die Frage „Wer oder wo bin ich?“ mit solcher Leidenschaft und Kunst aus dem Kargen heraussticht.

Wenn man Glück hat, wachsen über die Jahre neue Wurzeln, verbinden sich mit den Wurzeln der Einheimischen, derjenigen mit dem Heimvorteil.

Dafür muss es ein Will-kommen geben, von beiden Seiten.

Denn es gibt in uns noch einen Ort, der sich wie Heimat anfühlt, wenn wir glücklich sind, der sich verbinden kann mit dem Neuen. Es gibt keinen Weg zum Glück, sagt Buddha, glücklich kann man nur SEIN. Und der Trick ist, sagt die Heilerin, die selbst zwei Heimaten hat, in Deutschland und Russland, dein Denken umzukehren. Frage dich nicht, wohin du willst, was du verdienen oder arbeiten willst, frage dich, wie du dich fühlen willst. Ãœbe jeden Tag, dich zu freuen, an etwas, an jemandem, und stell dir Wurzeln unter deinen Füßen vor, jeden Tag, egal wo du bist. Jeden Tag ein paar Minuten üben, wie ein Klavierstück. Dann gliedern sich Orte, Menschen, Geschehnisse an, dann ist es egal, wo und mit wem du bist, Glück geht überall.

Wie gehts, fragt sie am Telefon?

Ich übe noch, sage ich.

Andrea Jennert

Haben sie noch alle…?

Endlich Sonne. Vereinzelte Tage eines frühen Frühlings. Kraniche ziehen seit Tagen schon in kleinen Grüppchen Richtung Norden über die Ostsee. Auch Schwäne fliegen immer mal wieder über Barth. In den Bäumen die Amseln, vorm Fenster tanzen Zitronenfalter, Käuzchen gurren in unsichtbaren Nischen. Vor wenigen Häusern die ersten Stiefmütterchen. Und wenn die Luft mittags warm ist, riecht es entfernt nach Frühsommer. Mit Sonnenlicht im Zimmer geht es auch der Seele gut.

Mit den Medien kommen richtige Wechselduschen dazu. Beängstigendes in Osteuropa oder in Syrien oder Afrika, Niveauvolles wie die Preisverleihung an eine Journalistin der Ostseezeitung für eine Reportage im Hospiz,Merkwürdiges wie ausschlafende Schüler mitten in der Woche, weil die Lehrer streiken, Verwirrendes wie die Nichtannahme eines Sieges im Showbuiz.

Während so viele Musiker nie die Chance erhalten, überhaupt im Fernsehen aufzutreten, gibt Publikumsliebling Andreas Kümmert sein Siegerticket zum Eurovision Contest in Wien an die Zweitplazierte ab. Da waren nicht nur Moderatorin Barbara Schöneberger oder die nachgerückte Siegerin Ann Sophie schockiert. Das große unfassbare Wesen Publikum, das diesem Sänger mit fast achtzig Prozent seine Stimme und sein Herz geschenkt hatte, reagierte böse. Brüskiert. Nun gibt es schon eine fast einhellige Meinung, nun hat schon jemand am Wesentlichen gerührt, die Musiknation ist stolz, einen so guten Sänger für eine internationale Bühne zu haben, rechnet sich Siegerchancen in Wien aus, da sagt der Sänger: Ach – nee¶.

Vielleicht eine Denkaufgabe, die sich zu lösen lohnt. Für jeden anders. Für mich kamen mehrere Fragen dabei hoch:

Warum boykottiert jemand derart seinen eigenen Erfolg? Obwohl er Talent und Chancen hat?

Und tu ich es ihm manchmal gleich? Ist das ein tiefer Wesenszug bei Künstlern, dem eigenen Können nicht wirklich zu trauen, an sich zu zweifeln, derart, dass Rückzug die einzige Alternative zu sein scheint?

Oder ist die Medienlandschaft wie ein ewig hungriger Drache, der gierig nach Futter ist, das aus Informationen und Objekten besteht, deren Zusammenhänge nicht immer aus Fäden der Wahrheit gesponnen sind, und nicht jeder hält es als Objekt in den Fängen dieses Reißwolfes aus?

Was auch immer die Gründe sein mögen, es gibt Meldungen, die einen auf den Topf der Wahrheit setzen, einfach wenn jemand sein Gesicht zeigt. Und da hat so ein kleiner Sänger so manchem Staatspräsidenten etwas voraus: wer sein Gesicht noch hat, kann es zeigen. Wer sein Gesicht nicht mehr hat, kann es auch nicht wahren, wenn er mit propagandistischem und militärischem Säbel rasselt. Ein Sänger, der seine Schwäche zeigt, indem er seine Grenzen öffentlich darlegt, hat auch Stärke. Ein Präsident, der angebliche Stärke zeigt, indem er seine Grenzen nicht wahrhaben will und sie übertritt, ist tatsächlich schwach. Voller Angst.

Und gefährlich.

Weil es nicht nur seine eigenen Grenzen sind, die er übertritt.

Wir müssen alle lernen zu erkennen, wo unsere Grenzen sind, wo Wachstum endet und Auswüchse beginnen, die definitiv ungesund sind. Völker, hört die Signale..-  und seht euren Präsidenten ins Gesicht.

Haben sie noch alle……—-  eins?

A. Jennert

Weitblick

Sonne und Grau wechseln sich ab. Nachts Minusgrade, tagsüber plus. Eine mühsame Jahreszeit, diese fünfte. Fasching oder krank, das ist hier die Frage. Immerhin schafft es die Sonne schon wieder bis ins Wohnzimmer, was im Dezember und Januar nicht dran war. Die Schwäne fliegen nach wie vor in kleinen Gruppen über die kleine Stadt. Vielleicht, weil Flugzeuge jetzt selten sind. Der kleine Flughafen hat erst in den helleren Monaten wieder Betrieb.

Was für die Lungen gut ist, muß für die Knochen nicht von Vorteil sein. Rheumaklima, sagt die Goethefee, und spaziert langsam durch die Straßen und Wege von Barth und fotografiert alles, was sie nicht mag. Die abgeschnittenen alten Bäume am Borgwall, dem westlichen Weg zum Bodden, die verfallenden Gebäude und Zäune des ehemaligen Zeltplatzes, den riesigen Scherbenhaufen der ehemaligen Großgärtnerei. Aber oft, so sagt die ehemalige Inhaberin des Bioladens, sind gerade diese Brüche, das Scheitern, das Ungeliebte, die Grundlagen für etwas besonders Wertvolles und Schönes. Und, sage ich, würde all die Industrie noch funktionstüchtig sein, ob Zuckerfabrik, Großgärtnerei, Betonwerk, Werften, wäre die Stadt jetzt ein Anerkannter Erholungsort? Wer weiß, was hier in zehn oder zwanzig Jahren ist?

Ich bin wohl eine Idealistin, schaue gern die besonderen Seiten hier an. Trotz Merkwürdigkeiten wie dieser ausführliche Artikel, der die halbe Seite Eins der Ostseezeitung vor einigen Tagen einnahm, in welchem eine demnächst stattfindende Demonstration älterer Menschen in Mecklenburg-Vorpommern angekündigt wurde: Für bessere Musik bei Radio MV, für mehr Schlager! Da gehen also viele Mittsechziger mutig auf die Straße und wissen, was die bessere Musik ist. Als ich das meinen Freunden in Berlin und Potsdam erzählte, sagten sie, ach, es ist also kein Klischee… Da brennt die Lunte an allen möglichen Enden der Welt, und in MV wird für mehr Schlager im Radio demonstriert…

Oder die neueste Sorge der syrischen Mutter: Nach fast vier Monaten Wohnen in der gemieteten Plattenbauwohnung erfährt sie per Zufall, dass sie der Wohnungsbaugesellschaft Wobau über zweitausend Euro schuldet. Es hat sich niemand von der Wobau bei ihr gemeldet, sie ist wegen einer Heizungssache hingegangen. Was ist passiert? Sie hat geglaubt, das Jobcenter bezahle die Miete direkt an die Wobau. Der deutschen Sprache noch nicht mächtig kämpft sie sich durch den deutschen Behördendschungel in Barth und Ribnitz. Oft allein, denn die Wobau untersagt ihr, einen Übersetzer mit ins Beratungszimmer zu nehmen. Sie selber kann gut englisch sprechen, die Wobau nicht. Die Wobau sagt, mußte eben deutsch lernen. Was die Familie seit fast vier Monaten täglich im Kurs tut, dafür um fünf Uhr morgens aufsteht. Und ich denke, wie würden sich die Mitarbeiterinnen der Wobau anstellen, wenn sie innerhalb weniger Wochen arabisch lernen müßten, um ihre große Familie im neuen Land am Leben zu erhalten?

Aber immer gibt es auch die andere Seite. Der Bearbeiterin im Ribnitzer Jobcenter standen die Tränen darüber in den Augen, erzählte die syrische Mutter. Sie hat alles geregelt und den Betrag auf viele kommende Monate verteilt. Es gibt auch die engagierte Nachbarschaftshilfe, die sich regelmäßig mit den Flüchtlingen zu Frühstücken und zu Veranstaltungen trifft. Den Barther Bildhauer, der eine „Engel“ Ausstellung eines elfjährigen Flüchtlingskindes in der Kunstklappe unterstützt. Freiwillige, die am Valentinstag Kleiderspenden sortieren. Einen Pfarrer, der die Syrer mal eben für ein Wochenende in eine Zingster Ferienwohnung bringt, sie brauchen nur Bettwäsche mitzunehmen.

Und – Barth ist eine Stadt, in der kleine Katzen am Markt auf dem Baum wachsen und sich laut schreiend pflückfertig melden. Mehrere Menschen blieben stehen und lockten, eine june Frau holte eine Leiter, ich kletterte hinauf. Inzwischen sind die Eigentumsverhältnisse geklärt und diese entzückende Niedlichkeit von rotem Katerchen, wie die Goethefee ihn nannte, wird morgen in ein neues Zuhause abgeholt.

Und – was ich an dieser kargen Gegend wirklich mag, ist der Umstand, dass es hier anscheinend mehr glückliche Zufälle gibt als anderswo. Es gibt eben nicht so viele Orte, wo er sich verstecken kann, der Zufall. Man sieht ihn schon auf hundert Kilometer weit kommen…

Andrea Jennert

Farben

„Die Jahre verlaufen in Bildern wie Farben auf der Leinwand. Der Pinsel tanzt und streicht, kratzt und hält inne. Die alten Farben trocknen. Neue kommen hinzu, übermalen das Alte, übermalen wieder und wieder, das Neue wird weggewischt, alte Strukturen kommen zum Vorschein, das Bild immer wieder ein anderes, neues vollkommeneres. Selbst nach dem letzten Pinselstrich ist es nicht fertig, wandelt sich nach dem Punkt Gestorben noch immer……

…………  Ich will dir etwas zum Grün sagen.

Grün ist das Herz. Es ist auch rosa, wirst du denken, und du hast recht, genau wie ich, denn es ist auch grün. Ich bin dir grün, mein Herz ist offen für dich. Ich male grün und mische andere Farben dazu, geschwätziges Gelb, das auch die Seele ausleuchtet, erdiges Ocker, das beinahe orange ist, Nachtblau an einigen Stellen, damit du zur Ruhe kommst.

Du kannst nicht immer unterwegs sein.

Ich will dir etwas zum Blau sagen. Blau ist der lange Atem des Meeres, ein- und ausatmen über zehntausende von Jahren. Sein Spiel mit dem Licht, silberweiß, türkis, apfelgrün, steingrau, azurblau, lindgrün. Blau ist die Ruhe, der Abend, die Brücke zum Ich.

Und ich male dir ein Rot dazu, ein dunkles wie Wein. Die schwere Blume Rot. Ein Rot wie mein Sofa im Zimmer, auf dem wir uns ausbreiten manchmal, auf dem ich dir vom Malen und vom Lieben erzähle. Vom Binden und vom Freilassen, vom Weggehen und vom Wiederkommen. Vom Verletzen und vom Trösten.

Das Rot, das ich meine, hat nichts mit Krieg zu tun. Das Rot, das ich meine, ist die Glut, leuchtend, wärmend. Wie der Kamin in meinem Körper………..

…………. Ich möchte dir etwas zum Gelb sagen.

Gelb in einem Bild ist immer Sonne, Licht. Weiß allein genügt nicht. Es gibt Bilder, die leuchten, und es gibt Bilder, die sind stumpf. Manchmal möchte ich stumpf malen, da leuchte ich nicht. Da leuchten meine Bilder nicht. Da leuchtet meine Musik nicht. Da bist du nicht da.

Wenn ich ein Bild mit Gelb drin male, bist du da.

Aber Gelb allein und Weiß genügen nicht. Es muß Orange dabei sein. und ein Hauch Ocker. Vielleicht ein klein wenig Grün. Ganz leicht. Lichtes Herz. Mit einem rosa Schimmer irgendwo.

Dann bist du da……..

………… Ich tanze zu lauter Musik, wenn ich male. Und ich male mit meinem Körper, wenn ich tanze. Ich male die Farben der Musik in den Äther. Ich rufe dich, locke dich, komm zu mir, komm und bleibe etwas, lass uns zusammen essen und malen und lieben……….“

(A. Jennert aus „Malen und Lieben“)

(Vernissage am Freitag, 6. Februar 2015, um 19 Uhr, Stadtwall-Café in Barth, Wallstr. 25, Geöffnet tägl. 14-18 Uhr, außer Freitags)

Wenn das Schweigen endet

Zum ersten Mal wohne ich in einem Ort, an dem es ein KZ gab, das Außenlager Barth des Konzentrationslagers Ravensbrück. Am Mahnmal, am Eingang der Stadt, wurde gestern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Auschwitz-KZ eine Gedenkstunde gehalten. Der Bürgermeister sprach, die Pfarrerin sprach, wunderschöne Musik wurde eingespielt. So Schönes und so traurig Unfassbares dicht nebeneinander. So beeindruckend die Schülerinnen aus dem Barther Gymnasium, die Gedichte von Überlebenden und Nichtüberlebenden rezitierten. Zum Weinen. Blumen wurden niedergelegt, von Heimatverein, Bürgermeister und Stadtpräsidentin, der Linken-Fraktion und Anderen.

Zehn Autominuten entfernt wohnen manche Menschen seit über vierzig Jahren nahe am Strand, die oft die Straße von und nach Barth gefahren sind, auch den großen Stein sahen, und die dennoch heute sagen: Nein, ein KZ hat es in Barth nicht gegeben, der Gedenkstein gilt dem Gefangenenlager der Flieger, dem „Stalag Luft“.

Die Alliierten hatten Filme gedreht, damals. Vom Holocaust, von den Befreiungen, von SS-Leuten, die die Leichenberge begraben mussten dann. Von Einwohnern der Städte, Weimar zum Beispiel, die nach Buchenwald geführt wurden, um mit eigenen Augen zu sehen, was einen Steinwurf entfernt geschehen war. Die Alliierten wussten um die Natur des Menschen: Hinterher will es keiner mehr wahrhaben.

Zwei Bilder sind mir aus den vielen TV-Dokumentationen ins Gedächtnis gebrannt. Die schlenkernden Köpfe der skelettartigen Leichen, während sie zum Massengrab geschleift oder getragen wurden, manche Knochenarme um den Hals der Träger gelegt, die dürren Gestelle auf Huckepack. Diese Köpfe an so dünnem Hals, dass ich fürchtete, sie reißen gleich ab.

Und: Ein kleines Häftlingsorchester sitzt am Wegrand im Lager und spielt Mozart, während andere müde Häftlinge vorbei gehen, geschlagen werden. Oder erschossen, mal eben so.

Und doch sind es nicht die Täter, auf deren Seite Schuld und Scham wohnen. Sie flohen damals in die Wälder, zogen ihre Uniformen aus und standen für den Neuanfang zur Verfügung. Unerkannt so viele. Es sind die Opfer, die Überlebenden der Hölle, an denen das Stigma, die Scham kleben blieben wie Pech. Die Letzten wurden gerettet, aber niemand wollte sie haben. Die Länder der Alliierten schlossen ihre Tore vor ihnen. Und die Opfer selber sprachen nicht mehr. Sie blieben hier, verbargen diesen „Makel“ im Herzen und schwiegen.

Ein so schweres Schweigen. Auch die Kinder und Enkel trugen daran. Und tragen noch immer. Sie sind es, sagte die Pfarrerin, die heute Psychologen aufsuchen und mit Depressionen, Aggressionen und vielem Anderen kämpfen.

Genau wie die Kinder und Enkel der Täter. Sage ich.

Gibt es eine Lösung?

Alles ist Energie, sagen die Physiker, es gibt keine feste Materie. Alles ist ständig um Ausgleich bemüht. Eine heiße Tasse Tee bleibt auf einem winterlichen Balkon nicht lange heiß. Energie verändert sich ständig, weil sie fliesst. Die einzige Lösung ist, wenn Schuld und Scham dorthin fließen, wohin sie gehören,

und wenn das Schweigen endet.

 

Andrea Jennert

Verwandlung

Sonne und Meer. Nur wenig Wind. Viel Licht. Farben: Blau, Türkis, Waldgrün, Sandgrau. Auf der Wiese vor dem Abzweig nach Zingst stehen Schwäne, Graureiher, Gänse, in der klaren Luft die Möwen. Am Strand das Geräusch sanfter Meereswellen, die am Ufer enden. Temperaturen über null Grad, ein idealer Sonntag. Ein Traum von Wintersonntag. Mein Hund zeigt sein Glück in Tänzen, wie aufgedreht, und jagt dem geworfenen Ball nach. Schöne Gespräche mit einem lieben Menschen, Goethes Fee zum Beispiel, vor diesem Bild. Gespräche über Träume und ob sie geeignet sind, Realität zu werden.

Ein Tag, der ein Grund war, ans Meer zu ziehen. Eine Summe, die im Ganzen Glück ergibt. Ein Glück.

Dabei blieb die Frage offen, ob es dennoch ein Fehler war, hierher zu kommen. Wir hatten es gut, wo wir waren. Eine Summe vieler kleiner Glücksteile: Eine sonnige Küche, einen guten Tee, eine Vanillekerze, ein weinrotes Sofa, Freunde und Familie in der Nähe, einen guten Job, italienische Fliesen, eine Kerze vor einem Holzengel, die Kulturhauptstadt vor der Tür. Warum nicht zufrieden sein? Den Erbauerturbo umschalten auf Erhalten? Warum immer noch was reißen und Träume erfüllen wollen?  Hat sich der Einsatz gelohnt? Die Tiere haben gewechselt von Wildschwein, Elster und Krähe zu Schwan, Reiher und Möwe. Und Kranich zweimal im Jahr. Rehe und Füchse gibt es hier wie dort.

War der Preis zu hoch, den diese Traumerfüllung kostete? Habe ich heute am Meer an den Preis gedacht? Nein, dort nicht. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich wieder entscheiden, hierher zu kommen?

Ich bin versucht, nein zu sagen. Würde ich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sehr sehr ehrlich, muss ich Ja sagen. Zu dieser Zeit, damals, ja. Ich wußte nicht, dass die Erfüllung dieses Traumes nur wenig den Vorstellungen entsprechen würde, die ich mir vom Ergebnis gemacht hatte. Aber ich wusste um das Risiko.

Ganz große Träume bergen immer ein ganz großes Risiko, so ähnlich sagt es der Dalai Lama. Und: Du kannst den Wert deines Traumes am Preis erkennen, den du bereit bist, dafür zu zahlen.

Er war es mir wert, dieser Traum. Hier zu wohnen, zu arbeiten, zu schreiben, manchmal einen sonnigen Tag am Strand haben, mit wenig Wind. Leben und Leute hier kennenlernen, ja. Denn ich habe den Preis ja gezahlt: die kleinen Schönheiten und Sicherheiten habe ich dafür gegeben, eine komplette Haut habe ich abgestreift, das gesamte alte Zuhause dortgelassen.

Auch wenn die Erfüllung anders aussieht als erwartet, geplant, gehofft, sie kann kein Fehler sein. Solch ein Traum muss eine besondere Kraft haben. Eine, die jenseits von äußeren Erfolgen wirkt.

Eine Kraft, die imstande ist zu verwandeln.

 

Andrea Jennert