Sehnsucht und Meer

Der Frühling ist hier lange kalt in diesem Jahr. Die Bäume haben sich Zeit gelassen mit blühen und grünen. Stiefmütterchen und Hornveilchen stehen auf dem Markt in den Kübeln oder auf Fensterbänken. Am Strand vorne pfeift kalter Wind.

Ich frage mich, was es auf sich hat mit dem Ans-Meer-Ziehen-Wollen. Was steckt dahinter? Auch Gregor Gysi sagte im Barther Theater: Wenn ich mal aus Berlin wegziehe, dann ans Meer.

Ja, und dann? Spazierengehen am Strand wird mit der Zeit seltener. Und im Sommer verliert man vollständig die Lust daran, wenn Urlauber den Strand bis an den letzten Quadratmeter füllen. Die gute Luft? Für die Bronchien ja, für die Knochen auf Dauer nein. Jedenfalls nicht für Ungeübte. Das geträumte Segelboot?

Letztlich ist es eine tiefe Sehnsucht. Und die sieht bei jedem anders aus. Bei meinem Mann war es, glaube ich, die Freiheit. Die eigenen Kräfte zu spüren, ob beim Segeln oder im Job, und damit etwas zu bewirken. Vielleicht auch: frei zu werden von sehr alten Konditionierungen.

Wir alle tragen unsere Prägungen in uns. Was unsere Eltern uns mitgegeben haben, war immer beides, förderlich UND hinderlich. Auf die Verhältnisse kommt es an. Und darauf, was wir daraus machen.

Was war die Sehnsucht für mich? Warum wollte ich ans Meer, an den Bodden, nach Barth? Die Liebe? Mit Mann, mit der jüngsten Tochter, mit weniger Arbeit, dafür mehr Zeit für die Berufung? Ja, so in etwa. Die Liebe in größerem Umfang, in vielen Facetten.

Und jetzt? Es gibt irgendwie kein Ankommen hier. Die tiefen Sehnsüchte haben sich nicht erfüllt, sie sind noch immer da. Es war eine Illusion zu glauben, sie würden sich allein durch die Nähe zum Meer erfüllen.

Statt dessen: Kalter Frühling, ständig wechselnde Winde, die nicht nur das Wetter betreffen. Klar, es ist sehr schön hier. Vögel, die einen in den Tag zwitschern, Meeresrauschen oder stillere Boddengewässer mit Schwänen, Gänsen, Kranichen, die einzelne Amsel, die oft am Ende des Dachfirstes auf dem unbewohnten Haus nebenan sitzt und die ganze Altstadt beflötet. Fotomotive wohin man schaut, Licht, Farben, der Geruch des Wassers.

Und irgendetwas schwingt in der Luft dieser Gegend, das so kühl daherkommt, aber einen letztlich irgendwie unbemerkt einsaugt und nicht mehr gehenlassen will. Zusammen mit den Menschen, die nach anfänglicher Reserviertheit und längerer Kennenlernzeit einfach nur herzlich sind.

Vielleicht ist der Grund dieses Schrittes ans Meer zu ziehen, der, den wahren Namen der Sehnsucht herauszufinden. Vielleicht nach dem Ausschlußverfahren: Das Meer selber ist es schon mal nicht. Das Segelboot auch nicht. Der Job nicht und der Job meines Mannes erst recht nicht. Bleibt die Liebe mit ihren vielen Gesichtern, Partner, Kinder, Freunde, Berufung, und: ihr Gegenstück. Die Angst. Das ist gar nicht der Hass, wie ich lange glaubte, es ist die Angst. Je größer sie wird, desto kleiner wird die Liebe.

Gut, dass es genauso auch umgekehrt funktioniert.

Und ich bin Menschen begegnet, die ich sonst nie getroffen hätte. Der Goethefee zum Beispiel, dem Fotokünstler, dem alten Schäfer samt DDR-Fahrrad und jungem Schäferhund, den Pfarrersleuten, der Psychologin, dem Autorenclub, der Caféinhaberin, der syrischen Familie, dem Theaterintendanten, der Schulsekretärin und ihrem Mann, dem Museumsdirektor, dem jungen Bürgermeister, meinen Klavierschülern und ihren freundlichen Eltern. Oder dem ewigen Wanderer, der seit dreizehn Jahren seinen Miniplanwagen an einer riesigen Bauchkette hinter sich durch die Lande zieht. Am Karren sind Kinderhandabdrücke zu sehen. Und die Forderung nach härteren Strafen für sexuellen Mißbrauch von Kindern. Er findet keine Ruhe mehr, läßt Bürgermeister und bekannte Persönlichkeiten unterschreiben, sammelt solche Amtsbriefe in Plastikmappen. Nachts schläft er im Karren. Die schönen hellblauen Augen im schmutzigen behaarten Gesicht irren am Tage umher.-  Wo will er hin? Welche Sehnsucht ist seine?

Oder ist es gar nicht vorgesehen, dass wir den Namen unserer Sehnsucht überhaupt erfahren?-  Die Aufgabe des Künstlers ist es, nach Hermann Hesse, nicht Erwartungen zu erfüllen, sondern die Sehnsucht zu wecken. Sie macht uns lebendig, empfänglich.

Und so würde ich immer wieder zu Konzerten wie dem gestrigen hier in Barth im neuen „42 und …“ in der Langen Straße gehen, wo Irina, die Heilerin, mit zärtlicher, heller Stimme mir in die Seele sang. Wenn ich die Augen mal offen hielt, trotz der Tränen, sah ich eine Schönheit in den Gesichtern der Zuhörer, die nur durch die Art Lauschen entsteht, welche die tiefste Sehnsucht in uns trifft und

offen legt.

A.Jennert

Arm – nicht nur an Geld

Frühling im Norden. Wir haben zu Ostern Farben vor die Fenster gesetzt. Primeln, Hornveilchen, Efeu, in Orange, Gelb, Zartlila, Weiß, Nachtblau, Grün. Der Blick saugt sich fest am bunten Leben. Autokennzeichen aus ganz Deutschland, aus Schweden, der Schweiz, Familien, die über den Markt schlendern, Rucksäcke auf dem Rücken. Unsere graue Fassade mit geputzten Fenstern und Farbtupfern. Weiß, Grün, Orange. Urlauber, die mit Kind und Hund im Sonnenschein am Meer spazieren gehen.

Die Idylle ist keine. Was die Besucher erholsam finden, die Meeresluft, feuchte Kälte, kaum Industrie, karge Landschaft, dünn besiedelte Gegend, macht Einheimische am Bodden anscheinend verrückt. Was vor einem Jahr mehrfach zerstochene Reifen waren, belief sich dieses Ostern auf einen kaputten Außenspiegel an unserem Auto. Am Barther Mini-Broadway ist ein Drittel der frisch gepflanzten Stadtprimeln geklaut. Blumentopfförmige Erdmulden stattdessen. Ach ja, dachte ich, auch meine Heiligabend-Laterne wurde samt brennender Kerze aus dem Hauseingang mal eben mitgenommen. Die Gegend hier muss wirklich arm sein! Nicht nur an Geld.

Am meisten geschockt hat mich heute der Vorfall im Barther Edeka: Ein Mann mit dunklerer Hautfarbe hat an der Poststelle Geld eingezahlt, mehr Geld, als man vielleicht alltäglich so in der Hand hat, darüber regte sich ein recht voluminöser hellhäutiger Mitmensch auf. Kann er ja tun. Nur der Ausruf, den er beim Verlassen der Verkaufsstelle noch im Raum ließ, nicht:

„Aufhängen sollte man den! Aufhängen!“

Außer einem „Arschloch!“, das mein erschrockener Mann ihm nachrief, keine Reaktion. Keiner weiß, ob der Dunkelhäutige vielleicht lange gespart hat und seine Familie auf dem anderen Kontinent damit am Leben erhält, oder woher und wohin sein Geld geht. Der Hass auf einen Fremden, der mehr Geld in der Hand hat, als man selber gerade im Portemonnaie, ist ziemlich brachial. Gleich killen. Wie im Wilden Westen. Und Westen ist das ja nun hier, und wild auch.

Frühling ist die aggressivste Jahreszeit, sagt meine Mutter. Ja, sage ich, die Bäume schlagen aus, Halme brechen die Erde auf, Flieger krachen gegen Berge, Dachstähle werden angezündet.. Morddrohungen werden losgelassen, gegen Landräte und ehrenamtliche Bürgermeister, und noch immer ist die Scham auf der falschen Seite.

Als ich neulich das syrische Mädchen nach Hause fuhr und der Motor nach dem Abstellen noch weiter brummte, saß sie mit schreckgeweiteten Augen neben mir. „Es ist nichts,“ sagte ich, „der Motor wird noch gekühlt.“ „Ach so,“ sagte sie verschämt, „ich dachte, da ist eine Bombe.“

 

Andrea Jennert

Glück geht überall…

Der Frühling kämpft sich durch. Sonne, Sturm, Regen, alles unstet. Schnee sogar. Kalte zwei Grad zu Ostern. Die Uhren sagen Sommerzeit seit einigen Tagen. Die Körper glauben es noch nicht, das Wetter erst recht nicht. Kalt draußen, ob am Bodden oder am Bodensee. Zwei entgegengesetzte Enden Deutschlands. Hier wie dort ist es kalt jetzt. Hier wie dort bestimmen Möwen das Luftbild oder die Geräusche am Wasser. Am Bodden wie am Bodensee sieht man ein Ufer in der Ferne, abends mit Lichtern. Schaut man längs über den See, ist es wie am Meer. Wasser, Himmel, Horizont.

Im Sommer nachher ist es dort wärmer, bei Fön sind die Alpen zu sehen, das hügelige Land hat dem Auge was zu bieten, überall Spalierobst-Plantagen mit ordentlichen, noch gerafften, Netzen darüber, oder Weinstöcke an den Hängen. Viel mehr Menschen wohnen dort, im südlichsten Süden, an der Grenze zur Schweiz, zu Österreich, alle zwanzig Kilometer eine Stadt so groß wie Stralsund: Friedrichshafen, Meersburg, Ravensburg, Lindau, Konstanz. Selbst die Dörfer dazwischen sind so groß, dass ein jedes seine florierende Firma besitzt. Man hat ihn, aber man ist nicht angewiesen auf den Tourismus. Und alles sieht so etabliert und sauber aus, dass sogar an den Feldrändern, an den Wegen zwischen den Obstfeldern, Hundetoiletten mit Tüten und Müllbehältern stehen. Das Leben gleitet, fließt, betriebsam aber nicht hektisch.

Die dort seit Jahren leben, sagen, man geht umher mit einem inneren Lächeln. Und tatsächlich, wir wurden lächelnd von Fremden gegrüßt, als wir durch Wohngebiete gingen.

Ein Kulturschock, der Nordosten gegen den Südwesten. Hier karg, flach, Armut im Hinterland, ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, die meisten anderen leben vom Tourismus und am Strand ist die Welt zu Ende. Dort das Satte, Überfließnde, Zufriedene, fast keine Arbeitslosen, so vielschichtig die Industrie wie die Natur, und hinterm Horizont gehts weiter. Mit den Alpen, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Liechtenstein, Italien, dem Mittelmeer…

Und doch, einer Heimat ist es egal, ob sie karg oder reichhaltig, bescheiden oder voller Ausblicke ist. Heimat ist Herz und Wurzel, Leben geht nur mit Wurzeln, durch welche die Kraft zu uns kommt. Da hat jede Gegend ihre Eigenheiten, ihre Schönheiten. Üppig ist nur anders schön als karg. So schön es woanders ist, man kann nicht überall zuhause sein. Man kann nicht überall gleich stark sein, gleich Gutes leisten, gleich glücklich sein. Man kann nicht über jeden Boden gleich hoch fliegen.

Ich kann es nicht.

Viele Andere können es nicht. Man kann Heimat nicht aufgeben, ohne an Kraft und Gefühl einzubüßen.

Wie erst all die Flüchtlinge weltweit, deren Zahl seit dem Ende des zweiten Weltkrieges noch nie so hoch war wie jetzt. Inzwischen kommt fast jeder mit ihnen in Berührung. Ob in den eigenen Familien vor siebzig Jahren oder in der Nachbarschaft jetzt. Die syrische Mutter aus Barth Süd sagt „The Life had stopped here“, das Dasein im eigenen Haus, im eigenen Land, in der eigenen Sprache, inmitten der eigenen Familie, der Freunde, des Status – vorbei. Had stopped. Die Wurzeln gekappt. Ohne Sprache keine Arbeit und kein Geld.

Und Geld wäre auch kein Ausgleich für einen Verlust, den das Herz erleidet.

Die üppige Landschaft läßt genießen, die Karge schärft den Blick fürs Wesentliche. Auch fürs Wunderbare, das mitunter stattfindet auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wenn das Jugendtheater die Barther Boddenbühne mit „Alice“ aus dem Wunderland, mit umgeschriebenen Texten, selbstgeschriebenen Liedern von Regisseur Piet rockt, wenn die Frage „Wer oder wo bin ich?“ mit solcher Leidenschaft und Kunst aus dem Kargen heraussticht.

Wenn man Glück hat, wachsen über die Jahre neue Wurzeln, verbinden sich mit den Wurzeln der Einheimischen, derjenigen mit dem Heimvorteil.

Dafür muss es ein Will-kommen geben, von beiden Seiten.

Denn es gibt in uns noch einen Ort, der sich wie Heimat anfühlt, wenn wir glücklich sind, der sich verbinden kann mit dem Neuen. Es gibt keinen Weg zum Glück, sagt Buddha, glücklich kann man nur SEIN. Und der Trick ist, sagt die Heilerin, die selbst zwei Heimaten hat, in Deutschland und Russland, dein Denken umzukehren. Frage dich nicht, wohin du willst, was du verdienen oder arbeiten willst, frage dich, wie du dich fühlen willst. Ãœbe jeden Tag, dich zu freuen, an etwas, an jemandem, und stell dir Wurzeln unter deinen Füßen vor, jeden Tag, egal wo du bist. Jeden Tag ein paar Minuten üben, wie ein Klavierstück. Dann gliedern sich Orte, Menschen, Geschehnisse an, dann ist es egal, wo und mit wem du bist, Glück geht überall.

Wie gehts, fragt sie am Telefon?

Ich übe noch, sage ich.

Andrea Jennert

Haben sie noch alle…?

Endlich Sonne. Vereinzelte Tage eines frühen Frühlings. Kraniche ziehen seit Tagen schon in kleinen Grüppchen Richtung Norden über die Ostsee. Auch Schwäne fliegen immer mal wieder über Barth. In den Bäumen die Amseln, vorm Fenster tanzen Zitronenfalter, Käuzchen gurren in unsichtbaren Nischen. Vor wenigen Häusern die ersten Stiefmütterchen. Und wenn die Luft mittags warm ist, riecht es entfernt nach Frühsommer. Mit Sonnenlicht im Zimmer geht es auch der Seele gut.

Mit den Medien kommen richtige Wechselduschen dazu. Beängstigendes in Osteuropa oder in Syrien oder Afrika, Niveauvolles wie die Preisverleihung an eine Journalistin der Ostseezeitung für eine Reportage im Hospiz,Merkwürdiges wie ausschlafende Schüler mitten in der Woche, weil die Lehrer streiken, Verwirrendes wie die Nichtannahme eines Sieges im Showbuiz.

Während so viele Musiker nie die Chance erhalten, überhaupt im Fernsehen aufzutreten, gibt Publikumsliebling Andreas Kümmert sein Siegerticket zum Eurovision Contest in Wien an die Zweitplazierte ab. Da waren nicht nur Moderatorin Barbara Schöneberger oder die nachgerückte Siegerin Ann Sophie schockiert. Das große unfassbare Wesen Publikum, das diesem Sänger mit fast achtzig Prozent seine Stimme und sein Herz geschenkt hatte, reagierte böse. Brüskiert. Nun gibt es schon eine fast einhellige Meinung, nun hat schon jemand am Wesentlichen gerührt, die Musiknation ist stolz, einen so guten Sänger für eine internationale Bühne zu haben, rechnet sich Siegerchancen in Wien aus, da sagt der Sänger: Ach – nee¶.

Vielleicht eine Denkaufgabe, die sich zu lösen lohnt. Für jeden anders. Für mich kamen mehrere Fragen dabei hoch:

Warum boykottiert jemand derart seinen eigenen Erfolg? Obwohl er Talent und Chancen hat?

Und tu ich es ihm manchmal gleich? Ist das ein tiefer Wesenszug bei Künstlern, dem eigenen Können nicht wirklich zu trauen, an sich zu zweifeln, derart, dass Rückzug die einzige Alternative zu sein scheint?

Oder ist die Medienlandschaft wie ein ewig hungriger Drache, der gierig nach Futter ist, das aus Informationen und Objekten besteht, deren Zusammenhänge nicht immer aus Fäden der Wahrheit gesponnen sind, und nicht jeder hält es als Objekt in den Fängen dieses Reißwolfes aus?

Was auch immer die Gründe sein mögen, es gibt Meldungen, die einen auf den Topf der Wahrheit setzen, einfach wenn jemand sein Gesicht zeigt. Und da hat so ein kleiner Sänger so manchem Staatspräsidenten etwas voraus: wer sein Gesicht noch hat, kann es zeigen. Wer sein Gesicht nicht mehr hat, kann es auch nicht wahren, wenn er mit propagandistischem und militärischem Säbel rasselt. Ein Sänger, der seine Schwäche zeigt, indem er seine Grenzen öffentlich darlegt, hat auch Stärke. Ein Präsident, der angebliche Stärke zeigt, indem er seine Grenzen nicht wahrhaben will und sie übertritt, ist tatsächlich schwach. Voller Angst.

Und gefährlich.

Weil es nicht nur seine eigenen Grenzen sind, die er übertritt.

Wir müssen alle lernen zu erkennen, wo unsere Grenzen sind, wo Wachstum endet und Auswüchse beginnen, die definitiv ungesund sind. Völker, hört die Signale..-  und seht euren Präsidenten ins Gesicht.

Haben sie noch alle……—-  eins?

A. Jennert

Weitblick

Sonne und Grau wechseln sich ab. Nachts Minusgrade, tagsüber plus. Eine mühsame Jahreszeit, diese fünfte. Fasching oder krank, das ist hier die Frage. Immerhin schafft es die Sonne schon wieder bis ins Wohnzimmer, was im Dezember und Januar nicht dran war. Die Schwäne fliegen nach wie vor in kleinen Gruppen über die kleine Stadt. Vielleicht, weil Flugzeuge jetzt selten sind. Der kleine Flughafen hat erst in den helleren Monaten wieder Betrieb.

Was für die Lungen gut ist, muß für die Knochen nicht von Vorteil sein. Rheumaklima, sagt die Goethefee, und spaziert langsam durch die Straßen und Wege von Barth und fotografiert alles, was sie nicht mag. Die abgeschnittenen alten Bäume am Borgwall, dem westlichen Weg zum Bodden, die verfallenden Gebäude und Zäune des ehemaligen Zeltplatzes, den riesigen Scherbenhaufen der ehemaligen Großgärtnerei. Aber oft, so sagt die ehemalige Inhaberin des Bioladens, sind gerade diese Brüche, das Scheitern, das Ungeliebte, die Grundlagen für etwas besonders Wertvolles und Schönes. Und, sage ich, würde all die Industrie noch funktionstüchtig sein, ob Zuckerfabrik, Großgärtnerei, Betonwerk, Werften, wäre die Stadt jetzt ein Anerkannter Erholungsort? Wer weiß, was hier in zehn oder zwanzig Jahren ist?

Ich bin wohl eine Idealistin, schaue gern die besonderen Seiten hier an. Trotz Merkwürdigkeiten wie dieser ausführliche Artikel, der die halbe Seite Eins der Ostseezeitung vor einigen Tagen einnahm, in welchem eine demnächst stattfindende Demonstration älterer Menschen in Mecklenburg-Vorpommern angekündigt wurde: Für bessere Musik bei Radio MV, für mehr Schlager! Da gehen also viele Mittsechziger mutig auf die Straße und wissen, was die bessere Musik ist. Als ich das meinen Freunden in Berlin und Potsdam erzählte, sagten sie, ach, es ist also kein Klischee… Da brennt die Lunte an allen möglichen Enden der Welt, und in MV wird für mehr Schlager im Radio demonstriert…

Oder die neueste Sorge der syrischen Mutter: Nach fast vier Monaten Wohnen in der gemieteten Plattenbauwohnung erfährt sie per Zufall, dass sie der Wohnungsbaugesellschaft Wobau über zweitausend Euro schuldet. Es hat sich niemand von der Wobau bei ihr gemeldet, sie ist wegen einer Heizungssache hingegangen. Was ist passiert? Sie hat geglaubt, das Jobcenter bezahle die Miete direkt an die Wobau. Der deutschen Sprache noch nicht mächtig kämpft sie sich durch den deutschen Behördendschungel in Barth und Ribnitz. Oft allein, denn die Wobau untersagt ihr, einen Übersetzer mit ins Beratungszimmer zu nehmen. Sie selber kann gut englisch sprechen, die Wobau nicht. Die Wobau sagt, mußte eben deutsch lernen. Was die Familie seit fast vier Monaten täglich im Kurs tut, dafür um fünf Uhr morgens aufsteht. Und ich denke, wie würden sich die Mitarbeiterinnen der Wobau anstellen, wenn sie innerhalb weniger Wochen arabisch lernen müßten, um ihre große Familie im neuen Land am Leben zu erhalten?

Aber immer gibt es auch die andere Seite. Der Bearbeiterin im Ribnitzer Jobcenter standen die Tränen darüber in den Augen, erzählte die syrische Mutter. Sie hat alles geregelt und den Betrag auf viele kommende Monate verteilt. Es gibt auch die engagierte Nachbarschaftshilfe, die sich regelmäßig mit den Flüchtlingen zu Frühstücken und zu Veranstaltungen trifft. Den Barther Bildhauer, der eine „Engel“ Ausstellung eines elfjährigen Flüchtlingskindes in der Kunstklappe unterstützt. Freiwillige, die am Valentinstag Kleiderspenden sortieren. Einen Pfarrer, der die Syrer mal eben für ein Wochenende in eine Zingster Ferienwohnung bringt, sie brauchen nur Bettwäsche mitzunehmen.

Und – Barth ist eine Stadt, in der kleine Katzen am Markt auf dem Baum wachsen und sich laut schreiend pflückfertig melden. Mehrere Menschen blieben stehen und lockten, eine june Frau holte eine Leiter, ich kletterte hinauf. Inzwischen sind die Eigentumsverhältnisse geklärt und diese entzückende Niedlichkeit von rotem Katerchen, wie die Goethefee ihn nannte, wird morgen in ein neues Zuhause abgeholt.

Und – was ich an dieser kargen Gegend wirklich mag, ist der Umstand, dass es hier anscheinend mehr glückliche Zufälle gibt als anderswo. Es gibt eben nicht so viele Orte, wo er sich verstecken kann, der Zufall. Man sieht ihn schon auf hundert Kilometer weit kommen…

Andrea Jennert

Farben

„Die Jahre verlaufen in Bildern wie Farben auf der Leinwand. Der Pinsel tanzt und streicht, kratzt und hält inne. Die alten Farben trocknen. Neue kommen hinzu, übermalen das Alte, übermalen wieder und wieder, das Neue wird weggewischt, alte Strukturen kommen zum Vorschein, das Bild immer wieder ein anderes, neues vollkommeneres. Selbst nach dem letzten Pinselstrich ist es nicht fertig, wandelt sich nach dem Punkt Gestorben noch immer……

…………  Ich will dir etwas zum Grün sagen.

Grün ist das Herz. Es ist auch rosa, wirst du denken, und du hast recht, genau wie ich, denn es ist auch grün. Ich bin dir grün, mein Herz ist offen für dich. Ich male grün und mische andere Farben dazu, geschwätziges Gelb, das auch die Seele ausleuchtet, erdiges Ocker, das beinahe orange ist, Nachtblau an einigen Stellen, damit du zur Ruhe kommst.

Du kannst nicht immer unterwegs sein.

Ich will dir etwas zum Blau sagen. Blau ist der lange Atem des Meeres, ein- und ausatmen über zehntausende von Jahren. Sein Spiel mit dem Licht, silberweiß, türkis, apfelgrün, steingrau, azurblau, lindgrün. Blau ist die Ruhe, der Abend, die Brücke zum Ich.

Und ich male dir ein Rot dazu, ein dunkles wie Wein. Die schwere Blume Rot. Ein Rot wie mein Sofa im Zimmer, auf dem wir uns ausbreiten manchmal, auf dem ich dir vom Malen und vom Lieben erzähle. Vom Binden und vom Freilassen, vom Weggehen und vom Wiederkommen. Vom Verletzen und vom Trösten.

Das Rot, das ich meine, hat nichts mit Krieg zu tun. Das Rot, das ich meine, ist die Glut, leuchtend, wärmend. Wie der Kamin in meinem Körper………..

…………. Ich möchte dir etwas zum Gelb sagen.

Gelb in einem Bild ist immer Sonne, Licht. Weiß allein genügt nicht. Es gibt Bilder, die leuchten, und es gibt Bilder, die sind stumpf. Manchmal möchte ich stumpf malen, da leuchte ich nicht. Da leuchten meine Bilder nicht. Da leuchtet meine Musik nicht. Da bist du nicht da.

Wenn ich ein Bild mit Gelb drin male, bist du da.

Aber Gelb allein und Weiß genügen nicht. Es muß Orange dabei sein. und ein Hauch Ocker. Vielleicht ein klein wenig Grün. Ganz leicht. Lichtes Herz. Mit einem rosa Schimmer irgendwo.

Dann bist du da……..

………… Ich tanze zu lauter Musik, wenn ich male. Und ich male mit meinem Körper, wenn ich tanze. Ich male die Farben der Musik in den Äther. Ich rufe dich, locke dich, komm zu mir, komm und bleibe etwas, lass uns zusammen essen und malen und lieben……….“

(A. Jennert aus „Malen und Lieben“)

(Vernissage am Freitag, 6. Februar 2015, um 19 Uhr, Stadtwall-Café in Barth, Wallstr. 25, Geöffnet tägl. 14-18 Uhr, außer Freitags)

Wenn das Schweigen endet

Zum ersten Mal wohne ich in einem Ort, an dem es ein KZ gab, das Außenlager Barth des Konzentrationslagers Ravensbrück. Am Mahnmal, am Eingang der Stadt, wurde gestern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Auschwitz-KZ eine Gedenkstunde gehalten. Der Bürgermeister sprach, die Pfarrerin sprach, wunderschöne Musik wurde eingespielt. So Schönes und so traurig Unfassbares dicht nebeneinander. So beeindruckend die Schülerinnen aus dem Barther Gymnasium, die Gedichte von Überlebenden und Nichtüberlebenden rezitierten. Zum Weinen. Blumen wurden niedergelegt, von Heimatverein, Bürgermeister und Stadtpräsidentin, der Linken-Fraktion und Anderen.

Zehn Autominuten entfernt wohnen manche Menschen seit über vierzig Jahren nahe am Strand, die oft die Straße von und nach Barth gefahren sind, auch den großen Stein sahen, und die dennoch heute sagen: Nein, ein KZ hat es in Barth nicht gegeben, der Gedenkstein gilt dem Gefangenenlager der Flieger, dem „Stalag Luft“.

Die Alliierten hatten Filme gedreht, damals. Vom Holocaust, von den Befreiungen, von SS-Leuten, die die Leichenberge begraben mussten dann. Von Einwohnern der Städte, Weimar zum Beispiel, die nach Buchenwald geführt wurden, um mit eigenen Augen zu sehen, was einen Steinwurf entfernt geschehen war. Die Alliierten wussten um die Natur des Menschen: Hinterher will es keiner mehr wahrhaben.

Zwei Bilder sind mir aus den vielen TV-Dokumentationen ins Gedächtnis gebrannt. Die schlenkernden Köpfe der skelettartigen Leichen, während sie zum Massengrab geschleift oder getragen wurden, manche Knochenarme um den Hals der Träger gelegt, die dürren Gestelle auf Huckepack. Diese Köpfe an so dünnem Hals, dass ich fürchtete, sie reißen gleich ab.

Und: Ein kleines Häftlingsorchester sitzt am Wegrand im Lager und spielt Mozart, während andere müde Häftlinge vorbei gehen, geschlagen werden. Oder erschossen, mal eben so.

Und doch sind es nicht die Täter, auf deren Seite Schuld und Scham wohnen. Sie flohen damals in die Wälder, zogen ihre Uniformen aus und standen für den Neuanfang zur Verfügung. Unerkannt so viele. Es sind die Opfer, die Überlebenden der Hölle, an denen das Stigma, die Scham kleben blieben wie Pech. Die Letzten wurden gerettet, aber niemand wollte sie haben. Die Länder der Alliierten schlossen ihre Tore vor ihnen. Und die Opfer selber sprachen nicht mehr. Sie blieben hier, verbargen diesen „Makel“ im Herzen und schwiegen.

Ein so schweres Schweigen. Auch die Kinder und Enkel trugen daran. Und tragen noch immer. Sie sind es, sagte die Pfarrerin, die heute Psychologen aufsuchen und mit Depressionen, Aggressionen und vielem Anderen kämpfen.

Genau wie die Kinder und Enkel der Täter. Sage ich.

Gibt es eine Lösung?

Alles ist Energie, sagen die Physiker, es gibt keine feste Materie. Alles ist ständig um Ausgleich bemüht. Eine heiße Tasse Tee bleibt auf einem winterlichen Balkon nicht lange heiß. Energie verändert sich ständig, weil sie fliesst. Die einzige Lösung ist, wenn Schuld und Scham dorthin fließen, wohin sie gehören,

und wenn das Schweigen endet.

 

Andrea Jennert

Verwandlung

Sonne und Meer. Nur wenig Wind. Viel Licht. Farben: Blau, Türkis, Waldgrün, Sandgrau. Auf der Wiese vor dem Abzweig nach Zingst stehen Schwäne, Graureiher, Gänse, in der klaren Luft die Möwen. Am Strand das Geräusch sanfter Meereswellen, die am Ufer enden. Temperaturen über null Grad, ein idealer Sonntag. Ein Traum von Wintersonntag. Mein Hund zeigt sein Glück in Tänzen, wie aufgedreht, und jagt dem geworfenen Ball nach. Schöne Gespräche mit einem lieben Menschen, Goethes Fee zum Beispiel, vor diesem Bild. Gespräche über Träume und ob sie geeignet sind, Realität zu werden.

Ein Tag, der ein Grund war, ans Meer zu ziehen. Eine Summe, die im Ganzen Glück ergibt. Ein Glück.

Dabei blieb die Frage offen, ob es dennoch ein Fehler war, hierher zu kommen. Wir hatten es gut, wo wir waren. Eine Summe vieler kleiner Glücksteile: Eine sonnige Küche, einen guten Tee, eine Vanillekerze, ein weinrotes Sofa, Freunde und Familie in der Nähe, einen guten Job, italienische Fliesen, eine Kerze vor einem Holzengel, die Kulturhauptstadt vor der Tür. Warum nicht zufrieden sein? Den Erbauerturbo umschalten auf Erhalten? Warum immer noch was reißen und Träume erfüllen wollen?  Hat sich der Einsatz gelohnt? Die Tiere haben gewechselt von Wildschwein, Elster und Krähe zu Schwan, Reiher und Möwe. Und Kranich zweimal im Jahr. Rehe und Füchse gibt es hier wie dort.

War der Preis zu hoch, den diese Traumerfüllung kostete? Habe ich heute am Meer an den Preis gedacht? Nein, dort nicht. Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich wieder entscheiden, hierher zu kommen?

Ich bin versucht, nein zu sagen. Würde ich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, sehr sehr ehrlich, muss ich Ja sagen. Zu dieser Zeit, damals, ja. Ich wußte nicht, dass die Erfüllung dieses Traumes nur wenig den Vorstellungen entsprechen würde, die ich mir vom Ergebnis gemacht hatte. Aber ich wusste um das Risiko.

Ganz große Träume bergen immer ein ganz großes Risiko, so ähnlich sagt es der Dalai Lama. Und: Du kannst den Wert deines Traumes am Preis erkennen, den du bereit bist, dafür zu zahlen.

Er war es mir wert, dieser Traum. Hier zu wohnen, zu arbeiten, zu schreiben, manchmal einen sonnigen Tag am Strand haben, mit wenig Wind. Leben und Leute hier kennenlernen, ja. Denn ich habe den Preis ja gezahlt: die kleinen Schönheiten und Sicherheiten habe ich dafür gegeben, eine komplette Haut habe ich abgestreift, das gesamte alte Zuhause dortgelassen.

Auch wenn die Erfüllung anders aussieht als erwartet, geplant, gehofft, sie kann kein Fehler sein. Solch ein Traum muss eine besondere Kraft haben. Eine, die jenseits von äußeren Erfolgen wirkt.

Eine Kraft, die imstande ist zu verwandeln.

 

Andrea Jennert

Auf Empfang

Hin und wieder, manchmal, immer öfter jetzt, geschehen Dinge, die fassungslos machen. Sprachlos, wortlos. Mich jedenfalls. Es geschieht und ich kann es nicht glauben. Verdrängen ist der erste menschliche Zug. Aber dann kommt der Punkt, an dem Verdrängen nicht mehr geht, das Unglaubliche kommt so nahe, trifft, betrifft.

Es gibt Tote, siebzehn Tote. Da gehen Millionen auf die Straße. Zeigen ihre Fassungslosigkeit, ihr Mitgefühl, ihre Nähe. Und es gibt Tote, Tausende, Millionen, die langsam sterben, in Folter, Vergewaltigung, im Flüchtlingscamp bei Schnee und Kälte, Hunger, oder weil sie kurdisch sprechen, wo man nur arabisch sprechen darf, weil sie Lieder singen, deren Texte nicht genehm sind, als Mädchen zur Schule gehen, wo Mädchen nur fügsam und verheiratet werden sollen, wo Kunst auf Despoten zeigt, und sie haben noch nicht einmal Mohammed satirisch verspottet.

Und niemand schaut hin. Keiner geht auf die Straße für all diese. Die Überlebenden gehen selber auf die Straße um zu fliehen. Und kommen oft nirgends an. Sie kommen um. Auf dem Weg, in Camps, in zu vollen führerlosen Schrottbooten auf dem Mittelmeer, in Lastern ohne Luft oder nur in Zwangsehen.

Die Welt ist nahe geworden. Sichtbar: Was wir aussenden, kommt irgendwann zurück.

Wir fühlen uns oft hilflos den Vielen gegenüber, die in Todesnöten sind. Die Zahl Siebzehn dagegen ist fassbar. Und sie steht nahe vor uns, eine Flugstunde südwestlich. Mitten in der Stadt der Liebe.

Unser Herz ist getroffen. Und geöffnet für Nähe, Solidarität, dieses alte verstaubte mißbrauchte Wort. Der Schock der Siebzehn hat die Menschheit getroffen.

Fünf Minuten, sagt der Fotokünstler, sind die Bäume rot. Wenn du am Weststrand in den Sonnenuntergang schaust und dich dann umdrehst, siehst du den Wald flammendrot.

Bedeutsame Ereignisse finden in kürzester Zeit statt, ob Unglück oder Glück. Die Zeichen ihrer Ankündigung verteilen sich über Jahre, Monate, Tage. Wir sollten sie lesen lernen.

Es ist Zeit, neu auf Sendung zu gehen.

Und auf Empfang.

 

 

Andrea Jennert
15.01.2015

 

 

Alles auf Anfang

Das Jahr hat fröhlich begonnen, mit Sekt, Tanz, Lichtern, Suppe, Torten, Töchtern, Freunden und Goethes Fee im „Jambolaya“, der afrikanischen Cocktailbar am Barther Hafen. Die Inhaberin hat Dreadlocks wie ihre drei Pulis, Lockenhunde wie unserer. Am Markt war es nicht nur um Mitternacht zu laut, die Kanonenschüsse dröhnten vielfach zwischen den Häuserschluchten. Am Hafen hinten war es gut, ein Panorama voller Lichter über der Stadt.

Nun geht ein neuer Alltag durch Straßen und Häuser. Das Licht nimmt wieder zu, die Tage werden länger. Die Jüngste geht zur Schule, die Einzige, die früh aus dem Haus muss.

Links von mir wohnt eine traurige Frau, die nicht weiß, wie mutig und stark sie ist. Nach über vierzig Jahren einer glücklosen Ehe, nach einem Autounfall, den sie knapp überlebt hatte, nach so vielen Jahren ununterbrochener Arbeit, hat sie den Sprung geschafft, hat sie sich und ihr Leben gerettet. Ist sie stolz auf ihre Kinder. Nun hat sie es wieder, ihr eigenes Leben, wenn auch mit Verletzungen und Blessuren, und weiß noch nicht recht, was anfangen damit. Die Freude muss erst wieder gelernt und geübt werden. Wie ein Klavierstück. Jeden Tag etwas. Hübsch ist sie. Und so mutig.

Rechts von mir ein altes größeres Haus mit niemandem drin. Denkmalgeschützt, mitten im Verfall. Aus den schrägen Eingangsstufen und den Dachrinnen wächst es grün. Im vorletzten Jahr hat es einen neuen Eigentümer bekommen. Noch atmet es Ruhe, manchmal stehen die Fenster offen, aber in seiner stillen Art ruft es leise nach Aufmerksamkeit, nach Hilfe. Es war eine Schönheit früher, es hatte Bedeutung, als Brauerei, als Elternhaus, als Heimat von Jemandem, der nun woanders wohnt und Getöpfertes auf den Märkten anbietet. Was wird nun?

Und mein eigenes Haus in deren Mitte, unser Haus – grau. Ein ungeschminktes Hausgesicht zwischen Verfall und farbig Neuem. Der hübsche runde Torbogen, die halbrunden Fenster oben. Schöne Proportionen im dreißig Jahre alten DDR-Putz. Vorn der Markt, hinten Garten. Ich hab es gern, dieses Haus, auch wenn ich mich noch nicht an seine Andersartigkeit gewöhnt habe. Woanders war Zuhause, das Schwedenhaus in Borkwalde, das kleine grüne Schloss. Aber dies hier ist ein guter Ort auch. Wofür genau, das werde ich später wissen.

Im Café am Stadtwall erzählte die Frau mit den langen dunklen Haaren, dass es in Barth vor der Wende viel Industrie gegeben habe. Zuckerfabrik, Betonwerk, Fischverarbeitung, die große Gärtnerei mit über neunhundert Beschäftigten, Schiffswerften. Die Gärtnerei hat noch dreißig Mitarbeiter, eine kleine Werft gibt es am Hafen. Alles andere ist dicht. Nach der Wende wurde alles von Westfirmen aufgekauft, erzählte sie, und kurz danach geschlossen. Die meisten Barther auf einen Schlag arbeitslos. Von Vierzehntausend wohnen noch knapp Neuntausend hier. Wer nicht wegging, dem Geld nachzog, ist mitunter seit fünfundzwanzig Jahren arbeitslos.

Das erklärt einiges, dachte ich. Vor allem diese seltsame Stimmung. Eine Stadt im Schock. Unverstanden von den Zugezogenen. Sprachlos. Wenn es dunkel wird, sagte die Frau, gehen die Barther nach Hause. Trotzdem bietet sie Kultur in ihrem Café: kleine Ausstellungen, Lesungen, Abende mit Rommé und Canasta. Kleine Schnittchen werden dazu geboten. Und gemütlich ist es, jeder sitzt in einem Sessel oder Sofa. Jeder.

Mein Mann ist nun auch jeden Tag da. Wie viele Barther.

Im meinem Garten stehen seit Monaten die Rosenknospen. Sie halten was aus. Halten die Hoffnung aus. Es ist Januar.

Alles auf Anfang.