Wenn das Schweigen endet

Zum ersten Mal wohne ich in einem Ort, an dem es ein KZ gab, das Außenlager Barth des Konzentrationslagers Ravensbrück. Am Mahnmal, am Eingang der Stadt, wurde gestern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Auschwitz-KZ eine Gedenkstunde gehalten. Der Bürgermeister sprach, die Pfarrerin sprach, wunderschöne Musik wurde eingespielt. So Schönes und so traurig Unfassbares dicht nebeneinander. So beeindruckend die Schülerinnen aus dem Barther Gymnasium, die Gedichte von Überlebenden und Nichtüberlebenden rezitierten. Zum Weinen. Blumen wurden niedergelegt, von Heimatverein, Bürgermeister und Stadtpräsidentin, der Linken-Fraktion und Anderen.

Zehn Autominuten entfernt wohnen manche Menschen seit über vierzig Jahren nahe am Strand, die oft die Straße von und nach Barth gefahren sind, auch den großen Stein sahen, und die dennoch heute sagen: Nein, ein KZ hat es in Barth nicht gegeben, der Gedenkstein gilt dem Gefangenenlager der Flieger, dem „Stalag Luft“.

Die Alliierten hatten Filme gedreht, damals. Vom Holocaust, von den Befreiungen, von SS-Leuten, die die Leichenberge begraben mussten dann. Von Einwohnern der Städte, Weimar zum Beispiel, die nach Buchenwald geführt wurden, um mit eigenen Augen zu sehen, was einen Steinwurf entfernt geschehen war. Die Alliierten wussten um die Natur des Menschen: Hinterher will es keiner mehr wahrhaben.

Zwei Bilder sind mir aus den vielen TV-Dokumentationen ins Gedächtnis gebrannt. Die schlenkernden Köpfe der skelettartigen Leichen, während sie zum Massengrab geschleift oder getragen wurden, manche Knochenarme um den Hals der Träger gelegt, die dürren Gestelle auf Huckepack. Diese Köpfe an so dünnem Hals, dass ich fürchtete, sie reißen gleich ab.

Und: Ein kleines Häftlingsorchester sitzt am Wegrand im Lager und spielt Mozart, während andere müde Häftlinge vorbei gehen, geschlagen werden. Oder erschossen, mal eben so.

Und doch sind es nicht die Täter, auf deren Seite Schuld und Scham wohnen. Sie flohen damals in die Wälder, zogen ihre Uniformen aus und standen für den Neuanfang zur Verfügung. Unerkannt so viele. Es sind die Opfer, die Überlebenden der Hölle, an denen das Stigma, die Scham kleben blieben wie Pech. Die Letzten wurden gerettet, aber niemand wollte sie haben. Die Länder der Alliierten schlossen ihre Tore vor ihnen. Und die Opfer selber sprachen nicht mehr. Sie blieben hier, verbargen diesen „Makel“ im Herzen und schwiegen.

Ein so schweres Schweigen. Auch die Kinder und Enkel trugen daran. Und tragen noch immer. Sie sind es, sagte die Pfarrerin, die heute Psychologen aufsuchen und mit Depressionen, Aggressionen und vielem Anderen kämpfen.

Genau wie die Kinder und Enkel der Täter. Sage ich.

Gibt es eine Lösung?

Alles ist Energie, sagen die Physiker, es gibt keine feste Materie. Alles ist ständig um Ausgleich bemüht. Eine heiße Tasse Tee bleibt auf einem winterlichen Balkon nicht lange heiß. Energie verändert sich ständig, weil sie fliesst. Die einzige Lösung ist, wenn Schuld und Scham dorthin fließen, wohin sie gehören,

und wenn das Schweigen endet.

 

Andrea Jennert

Alles auf Anfang

Das Jahr hat fröhlich begonnen, mit Sekt, Tanz, Lichtern, Suppe, Torten, Töchtern, Freunden und Goethes Fee im „Jambolaya“, der afrikanischen Cocktailbar am Barther Hafen. Die Inhaberin hat Dreadlocks wie ihre drei Pulis, Lockenhunde wie unserer. Am Markt war es nicht nur um Mitternacht zu laut, die Kanonenschüsse dröhnten vielfach zwischen den Häuserschluchten. Am Hafen hinten war es gut, ein Panorama voller Lichter über der Stadt.

Nun geht ein neuer Alltag durch Straßen und Häuser. Das Licht nimmt wieder zu, die Tage werden länger. Die Jüngste geht zur Schule, die Einzige, die früh aus dem Haus muss.

Links von mir wohnt eine traurige Frau, die nicht weiß, wie mutig und stark sie ist. Nach über vierzig Jahren einer glücklosen Ehe, nach einem Autounfall, den sie knapp überlebt hatte, nach so vielen Jahren ununterbrochener Arbeit, hat sie den Sprung geschafft, hat sie sich und ihr Leben gerettet. Ist sie stolz auf ihre Kinder. Nun hat sie es wieder, ihr eigenes Leben, wenn auch mit Verletzungen und Blessuren, und weiß noch nicht recht, was anfangen damit. Die Freude muss erst wieder gelernt und geübt werden. Wie ein Klavierstück. Jeden Tag etwas. Hübsch ist sie. Und so mutig.

Rechts von mir ein altes größeres Haus mit niemandem drin. Denkmalgeschützt, mitten im Verfall. Aus den schrägen Eingangsstufen und den Dachrinnen wächst es grün. Im vorletzten Jahr hat es einen neuen Eigentümer bekommen. Noch atmet es Ruhe, manchmal stehen die Fenster offen, aber in seiner stillen Art ruft es leise nach Aufmerksamkeit, nach Hilfe. Es war eine Schönheit früher, es hatte Bedeutung, als Brauerei, als Elternhaus, als Heimat von Jemandem, der nun woanders wohnt und Getöpfertes auf den Märkten anbietet. Was wird nun?

Und mein eigenes Haus in deren Mitte, unser Haus – grau. Ein ungeschminktes Hausgesicht zwischen Verfall und farbig Neuem. Der hübsche runde Torbogen, die halbrunden Fenster oben. Schöne Proportionen im dreißig Jahre alten DDR-Putz. Vorn der Markt, hinten Garten. Ich hab es gern, dieses Haus, auch wenn ich mich noch nicht an seine Andersartigkeit gewöhnt habe. Woanders war Zuhause, das Schwedenhaus in Borkwalde, das kleine grüne Schloss. Aber dies hier ist ein guter Ort auch. Wofür genau, das werde ich später wissen.

Im Café am Stadtwall erzählte die Frau mit den langen dunklen Haaren, dass es in Barth vor der Wende viel Industrie gegeben habe. Zuckerfabrik, Betonwerk, Fischverarbeitung, die große Gärtnerei mit über neunhundert Beschäftigten, Schiffswerften. Die Gärtnerei hat noch dreißig Mitarbeiter, eine kleine Werft gibt es am Hafen. Alles andere ist dicht. Nach der Wende wurde alles von Westfirmen aufgekauft, erzählte sie, und kurz danach geschlossen. Die meisten Barther auf einen Schlag arbeitslos. Von Vierzehntausend wohnen noch knapp Neuntausend hier. Wer nicht wegging, dem Geld nachzog, ist mitunter seit fünfundzwanzig Jahren arbeitslos.

Das erklärt einiges, dachte ich. Vor allem diese seltsame Stimmung. Eine Stadt im Schock. Unverstanden von den Zugezogenen. Sprachlos. Wenn es dunkel wird, sagte die Frau, gehen die Barther nach Hause. Trotzdem bietet sie Kultur in ihrem Café: kleine Ausstellungen, Lesungen, Abende mit Rommé und Canasta. Kleine Schnittchen werden dazu geboten. Und gemütlich ist es, jeder sitzt in einem Sessel oder Sofa. Jeder.

Mein Mann ist nun auch jeden Tag da. Wie viele Barther.

Im meinem Garten stehen seit Monaten die Rosenknospen. Sie halten was aus. Halten die Hoffnung aus. Es ist Januar.

Alles auf Anfang.

Der Weihnachtskühlschrank

Es regnet, regnet, regnet. Die Wolken ziehen schnell, und es kommen genauso viele nach. Eine Möwe zieht immer dieselben Kreise. Zwischen neun und fünfzehn Uhr ist es einigermaßen hell. Der kleine Barther Weihnachtsmarkt vom 4. Advent mit seinem Glitzerriesenrad vor der Haustür ist wieder verschwunden. Am Hafen Wind, Regen, Pfützen, die sogar der Hund umgeht.

Im Haus Lachen, sonnige Gemüter, wegen dieser unglaublichen Geschichte: Seit Sonntag Abend piept es. Laut, schrill, regelmäßig, alle dreißig Sekunden. Aha, Erdgeschoß, Vorratsküche. Der Kühlschrank, sagt mein Mann. Das ist logisch, ein anderes technisches Gerät ist nicht im Raum. Kühlschrank auf, piep, Ja, vielleicht etwas zu warm da drin, können wir gar nicht gebrauchen über Weihnachten, sagt er. Piep. Stecker raus, warten. Piep. Muß wohl die Batterie noch sein, sagt mein Mann. Hand hinter die Heizspirale, piep. Hm. Aber draußen ist es ja kühl, wir könnten das Fenster angekippt, die Kühlschranktür offen stehen lassen, kühlt auch. Piep. Ja, aber die Gefrierfächer? Verbrauchen oder wegschmeißen. Okay. Piep. Nein, wir brauchen einen neuen, das geht so nicht, sagt mein Mann. Ein gebrauchter reicht, so auf die Schnelle. Also, ebay – Kleinanzeigen. In Ribnitz was, in Rostock was. Dienstag, piep, hats in Rostock geklappt. Noch etwas runtergehandelt, rein ins große Auto, nach Barth geholt. Den kaputten Kühlschrank mit Sackkarre nach draußen befördert. Ich wische die Bodenfliesen sauber.

Piep!

Und da steht mein Mann, der sonst alles über Technik weiß, was das Haus begehrt, der alle PCs einrichtet und wartet, immer Lösungen für Probleme dabei findet, Lichter und Lampen installiert, Handys und Smartphones einrichtet, ein Fan jeglicher technischer Neuerungen ist, da steht er, piep, guckt an die Decke und fasst sich an den Kopf: Oh nein! Ich will nicht mehr! Gebt mir einen Schnaps! Denn er sieht den Rauchmelder, der pünktlich alle dreißig Sekunden einen leeren Batteriestatus meldet: Piep.

Er nimmt das kleine runde Ding von der Decke – Ruhe.

Und er steht im kleinen Raum, das runde weiße Teil in der Hand, und schüttelt den Kopf immer wieder, und auf dem Gehsteig steht der Kühlschrank, mannshoch, weiß, mitten im Nieselregen.

Wieder rein mit dem Ding, alles abwischen, Stecker rein, Lebensmittel rein. Ich sage zu meinem Mann, ich weiß jemanden, der einen Kühlschrank braucht. Er ist immer noch am Kopfschütteln über seinen technischen Sachverstand. Ich umarme ihn, erzähle von den Syrern, die einen sehr kleinen Kühlschrank mit nur zwei Fächern haben, die Lebensmittel für die fünfköpfige Familie werden größtenteils auf dem Balkon gelagert, kein Problem, sagt die Mutter, wichtig ist, dass die Familie da und gesund ist.

Wir fahren nach Barth Süd. Noch bevor sie vom Kühlschrank wissen, freuen sich die Syrer so offenherzig, dass wir nun zum Kartoffelessen kommen! Während des Essens in der spartanischen Küche, während der Wärme aus Lachen und Kochtopf und Herz, erzählen wir vom Piep und vom Kühlschrank, und sie freuen sich, dass der Mann, der ihnen gerade zwei ältere PCs installiert hat, anscheinend einem himmlischen Piep gefolgt ist und ihnen nun ein tolles Weihnachtsgeschenk macht. Und weil er selber so schön darüber lachen kann, können sie es auch gut annehmen.

Am meisten freue ich mich über dieses Geschenk. Sollte ich mich in den nächsten zwanzig bis fünfzig Jahren in irgendeiner technischen Sache mal wieder blöd anstellen und mein Mann beginnt sich über mein Technikwissen aufzuregen, brauche ich nur das eine Zauberwort:

Piep!

(Dieser Blog ist mit Genehmigung meines Mannes veröffentlicht!)

Was mich bewegt

Zweiter Advent, zweites Hoffnungslicht. Zwölf rote Rosenknospen stehen noch immer im Garten. Statt hängendem Weihrauch nun eingesteckte grüne Zweige in den Blumenkästen vor den Fenstern. In der frühen Dämmerung flogen hunderte Schwäne über die Stadt. Jetzt lassen die hellen Wolken hin und wieder Lücken für sichtbar blauen Himmel. Er ist samt Sonne immer da über all den Wolken. Aus dem Fenster kann ich den Neubau eines Doppelhauses mitten in der Stadt beobachten. Gerade ist die Dachetage dran. Hämmern sägen schleifen. Nachmittags wird es ab drei Uhr dunkel, die Adventslichter in den Fenstern leuchten. Goethes Fee sagt, in Göteborg ist alles hell um diese Zeit, überall so viele Weihnachtslichter, dagegen ist Barth eine dunkle Stadt. Nun wohnt sie hier, und ihr kindlicher, einundvierzigjähriger Sohn ist für Wochen zu Besuch. Er ist allein mit der Fähre gekommen, mit ihr ständig über das Handy verbunden. Sie hat ihn durch Zeiten und Orte dirigiert, ihn an Dinge erinnert wie Licht löschen, Brote für unterwegs einpacken, selbst fürs Aufstehen und Losgehen hat sie so gesorgt. Er wird nie wie Andere sein. Und sie wird nie frei sein.

Aber Barth ist nicht so dunkel, die Stadt hat andere Glanzlichter. Ihr kleines Theater ist eine Bühne für Laien wie Profis. Marlene Dietrich konnte darin auferstehen, samt live gesungener Lieder; Gregor Gysi wird am Freitag da sein; letzten Samstag gab es eine illustre Runde Paradiesvögel im Klönpott, von der Tanzenden Rabenfrau über den Filmemacher von „Flüstern und Schreien“, einen Weltenbummler, einen Landrat, eine Metal-Geigerin, mehrere Musiker bis hin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf bunten Möbeln interviewt wurden. Die Live-Kochshow versorgte Gesprächspartner wie Publikum mit Kostproben. Den größten Eindruck machte das dreizehnjährige syrische Mädchen Yara, meine Klavierschülerin, die auf der Bühne das Gesagte ihrer Eltern übersetzte und agierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie erzählte von den Millionen Syrern, die auf der Flucht sind, sagte eindringlich, dass ganz Syrien brenne, dass allein zwanzigtausend Kinder ermordet wurden, mehr als doppelt so viel, wie Barth Einwohner hätte. Sie setzt Zahlen in Beziehung, stellt Verbindungen her. Ihre Mutter sagte in Englisch, es sei derzeit das gefährlichste Land der Welt, der Brand würde auf alle Nachbarn bereits übergreifen, und wir im Westen würden es nicht wahrnehmen. Niemand berichtet über Assad und seine Polizei, die willkürlich jeden tötet.

Den Barthern standen Tränen in den Augen. Und die Edeka-Inhaberin möchte dem Mädchen ein größeres Geschenk machen. Sie wurden aufgenommen, die Fremden. Sie waren in Syrien eine bekannte Familie, und auch hier steht ihr Name schon mehrfach in den Zeitungen. Sie sind Botschafter ihres Landes. Und sie zeigen mit ihrer Dankbarkeit, auf welch hohem Niveau unsere eigenen Alltagssorgen sich befinden.

Ich vergesse meine eigene Angst vor der Zukunft, wenn ich ihnen zuhöre. Und ich halte mich an das Geschenk eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke:

WAS MICH BEWEGT

……………………

Man muß Geduld haben – gegen das Ungelöste im Herzen – und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, – wie verschlossene Stuben – und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben – sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. – Wenn man die Fragen lebt, – lebt man vielleicht allmählich, – ohne es zu merken, – eines fremden Tages – in die Antworten hinein.

Leben zwischen Extremen.

Es ist kalt heute, ein eisiger Wind unter der Sonne. Den Hund stört es nicht, er hüpft wie ein Flummy vor dem Schilf am Deich entlang und jagd seinen Schatten. Wer jetzt dort spazieren geht, ist kein Urlauber mehr. Auch die Dörfer auf der Insel sind leer jetzt. Es wird renoviert oder mal ausgeschlafen. Der Strand ist sonnig und kalt und leer. Ausatmen. Ort der Grenzen. Grenze zwischen Land und Wasser, zwischen Festland und Insel, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen reichlich Arbeit und arbeitslos, zwischen Urlaubsidyll und Rechtsextremismus.

Gestern sah ich Barth im ZDF-Frühstücksfernsehen, der Blick auf Hafen und Markt, auch direkt auf unser Haus. Die beschauliche Kleinstadt ist Heimat und Wirkungsstätte des Betreibers einer vor zwei Jahren abgeschalteten rechtsextremen Internetplattform mit 30 000 Nutzern und Millionen von Beiträgen. Vom Gruß des drittten Reiches bis hin zu Mordfantasien die jetzige Regierung betreffend. Der nette, allseits geschätzte und sehr beliebte Erzieher aus Kita und Hort stand gestern in Rostock vor Gericht, die Anklageschrift umfasst 68 000 Seiten. Alle seien entsetzt, sagt der junge Barther  SPD-Bürgermeister, die Kollegen, die Eltern, die Bürger.

Das Leben kümmert sich nicht um Verluste, kleinere oder größere Katastrophen oder Schocks oder Momente des Glücks. Es geht und geht und geht einfach weiter, sagt die syrische Mutter. „We drive to Deutschkurs“ schreibt sie mir aus dem morgendlichen Zug . Die Kinder lernen die Sprache in Schule und Kindergarten. Und ihre Dreizehnjährige, meine Klavierschülerin, geht zu Behörden, Arzt und Zahnarzt jedes Mal mit und übersetzt. Sie übt täglich auf ihrem von der Kantorin geliehenen Instrument, hält sich am Lernen des Neuen fest, ja stürzt sich mit Eifer hinein, und ihre gebeugte Haltung richtet sich langsam wieder auf.

Es ist nicht nur die Meeresluft, die mich abends schnell müde macht. Das Leben inmitten von Extremen kostet Kraft. Es fordert aber auch heraus und bringt Kräfte, die woanders nicht nötig gewesen wären. Das Sehen und Erkennen von eigenen und fremden Grenzen, eine neue Demut dem Wesentlichen gegenüber: der eigenen Seele. Goethes Fee hat mich umarmt, als sie hörte, ich bleibe noch. Vielleicht geht es jetzt für mich erst los. Hier.

Jeder Schritt, den meine Seele tat, bis hierher tat, war letztlich richtig. Auch wenn manches zunächst traurig oder unverständlich war. Die Seele will wachsen, sich entfalten. Sie sammelt Erlebnisse in den großen Korb des Daseins, wobei die schmerzlichen oft mehr zum Wachsen anregen. Aber auch Sanftes und Leichtes, das daherkommt wie ein verträumt verspieltes Kind, kann Erschütterungen auslösen. Ein zartes Streichen über Gänsehaut.

Am 1. Advent beginnt für die Kirche das neue Jahr, so ist heute der letzte Tag des alten.

Andrea Jennert

Schau mal!

Gestern am frühen Abend flogen wieder die Kraniche über den Deichweg. Kurz nach siebzehn Uhr ging es bereits los. Es war dunkler als sonst, Nebel und Regenwolken hingen tief. Sonst kommen sie kurz vor Sonnenuntergang. Gestern war schon vorher Dämmerung. Auf meinen Brillengläsern immer neue Regentropfen, am Himmel immer neue Kranichzüge. Zwischen krächzenden Schreien vieler Gruppen flog eine Formation stumm über mich hinweg.

Die Züge tauchten aus dem verwischten Grau des Horizonts auf, wurden größer, klarer; manche teilten sich vor mir, als wollten sie dem Fremdkörper da unten auf dem Weg ausweichen, und schlossen sich erst über dem Wasser wieder zusammen. Andere waren mutiger, flogen tiefer, zogen genau über meinem Kopf dahin.
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Ein wunderbarer Ort, ein weiter Himmel ein großes graues Wasser, das unsichtbar ins Meer mündet, Schilfflächen auf der einen Seite des Weges, Felder und Gras auf der anderen. Mitunter begegnet mir ein alter Schäfer, der mit altem Fahrrad und jungem Schäferhund an breiter Lederleine eine große Runde fährt. Seine hellen Augen blitzen, wenn er erzählt, dass die Kraniche früher genau hier auf den Feldern saßen, auch Gänse und Reiher. Jetzt sei alles überdüngt und giftig, da suchten sich die Vögel andere Freßplätze. Überhaupt seien die Tiere viel weniger geworden, ob Rehe, Hirsche oder Hasen, man sehe sie nur hin und wieder. Wildschweine seien die einzigen, die sich durch jeden Müll und jede schöne Wiese durchwühlen würden. Nicht nur der Deichweg ist aufgewühlt.

Der Mann, der mich aus dem Regen holte, sagte, es gäbe Freßgruppen von ungefähr 30 Vögeln, die zusammen fliegen, zusammen gehören. Fehlt einer von ihnen, kehrt die gesamte Gruppe zum letzten Schlafplatz zurück und wartet auf den Fehlenden. Und – die Paare bleiben, wie bei den Schwänen, ein Leben lang zusammen. Sein Blick geht mir unter die nasse Haut dabei.

Dass die Idylle Gift in sich hat, sagte auch der Arbeiter  an den Spülfeldern auf der anderen Seite von Barth. Wer am Wasser Richtung Osten entlang geht, kommt an der ehemaligen Badestelle vorbei, eine seit Jahrzehnten vergammelnde Anlage, ein Gebäude, das aus Dach und beschmierten Wänden und Müll in allen Ecken besteht, Beton- und Eisenteile ragen aus dem Wasserzugang. Am Wegesende der Zaun mit Schild „Achtung Lebensgefahr!“ Dahinter die inzwischen bewachsenen Erdwälle, Umfriedungen, welche die gifthaltigen Schlammassen umgeben, die derzeit mit einer Pumpanlage aus dem Hafenbecken abgesaugt und ins Spülfeld gepumpt werden.

Der Deichweg führt an der Westseite, der schönen Seite, entlang. Hier geht die Sonne unter, hier stehen Bänke und Tische am Weg, einer ist sogar überdacht. Und hinten im Wald gibt es Aussichtstürme, da kann man den Kranichen beim Landen zuschauen. Oder einen Lichtstreifen auf dem grauen Wasser sehen, mitten unter grauem Himmel. Hier schwimmen Hunterte von Schwänen. Manchmal fliegen alle Schwäne auf einmal hoch, kreisen in einer Parade über dem Wasser, dass die Luft davon singt. Und manchmal sitzen zwei Wanderer auf einer Bank davor, ein Fahrrad, ein Hund dabei, und schauen dem Bild zu, als sei das Ganze kein Zufall, als säßen sie täglich so.

Schau mal! sagt sie.

Er nickt. Und schaut sie an.

 

Blendender Einfall

Abend. Die Nebelstille auf dem Balkon ist absolut. Straßen, Häuserfassaden und Dächer, Bäume, alles trieft. Die Luft ist so feucht, aber ich traue mich nicht zu husten. Leise Geräusche werden vom Nebel geschluckt, lautes Husten könnte die schlafende Stadt wecken.

In der Plattenbauwohnung der syrischen Familie leuchten alle Gesichter. Der Ehemann und Vater ist endlich auf dem Weg. Gestern bekam er im Libanon sein Visum, heute ist er in Berlin aus dem Flieger gestiegen, morgen kommt er mit dem Zug hierher. Sie sei all die Monate so müde gewesen, sagt die syrische Mutter, jetzt sei wieder Hoffnung da. Und Freude, so viel Freude! Sie wird ihm seinen Lieblingskuchen backen.  Sein Lieblingsgericht kochen. Vier Monate lang haben sie sich nicht gesehen. Morgen aber!

Die Hymnenspielerin kam mit steifem Nacken zum Klavierspielen. In den Schuhen ihrer Schwester, mit einem Rucksack auf dem Rücken, in welchem sie außer den Noten noch Kerzen und Selbstgebackenes der Mutter als Geschenke für uns durch den Nieselregen trug. Eine halbe Stunde Fußweg, vom einen Ende des Ortes zum anderen.

Neben ihrem Lieblingsstück, dem Lied der Deutschen, spielt sie nun Klassik. Sie weiß nichts von der Sorge des Star-Dirigenten Kent Nagano, der sich laut Ostseezeitung um die Zukunft der klassischen Musik sorgt, weil es nach seiner Erfahrung bereits zwei Generationen von Menschen gibt, die nie mit Klassik in Berührung gekommen sind.

Auf derselben Seite eine Konzertkritik, die mit  „…ergreifend schöner, aber unbeunruhigter Lebensentrücktheit.“ endet. Würde mich das als Jugendliche in einen Konzertsaal locken? Da schwanke ich noch.

Eine Seite davor – die Lösung: Profimusik für Säuglinge. Schubert, Debussy, Ravel. Babykonzerte in München ausverkauft.

Im Moment würde ich in keinen Konzertsaal gehen. Schnupfen, Husten – Geschenke der Deutschen Bahn, die ihre Intercitys mit kühlender Klimaanlage  fahren läßt, auch wenn der Abend mit einstelligen Temperaturen auf Winter zeigt. Die voll besetzten Großraumwagen hören sich an wie Riesenwartezimmer beim Allgemeinmediziner.  Ob die Wärme erst nach der Preiserhöhung im Dezember in die Züge geleitet wird?

Nach Sonnenuntergang wird die kleine Stadt am Bodden in Watte gepackt. Dunkle Nebelwatte. Wenn es Richtung Winter geht, kommt die dörfliche Seite von Barth zum Vorschein. Nach sieben Uhr ist Ruhe in den Straßen. Hin und wieder dringen Rufe von Wildenten und – noch vereinzelter – von Kranichen durch den Nebel.  Die Laternen um die Freifläche vorm Hafen sind zu kurz geraten. Ihre Lichter scheinen von unten in die Augen.

Ein blendender Einfall.

 

Die Hymne

Das Beste ist, sagt die syrische Mutter von vier Kindern, dass die Nächte hier in Barth ruhig sind. Ihr vierjähriger Sohn lerne langsam wieder schlafen. Er gehe schon in den Kindergarten und er schreie auch nicht mehr. Ihre älteste Tochter hätte zu Hause ihren Traum gelebt – ein Medizinstudium in Aleppo. Die Zweitälteste hätte bereits ein Medizinstudium in der Tasche gehabt. Vorbei.

Die dritte Tochter kommt Dienstags zu mir zum Klavierunterricht. Freundliche Christen haben das organisiert. Die syrische Familie sind Kurden und Moslems, sie haben in ihrer Stadt nahe der türkischen Grenze mit vielen Glaubensrichtungen friedlich zusammengewohnt, Kopftücher tragen sie nicht. Hier in Barth haben sie außer Betten und einem Fernseher nichts in der Plattenbauwohnung zu stehen. Gewünscht haben sie sich ein Instrument, irgendeins mit Tasten, damit das Mädchen üben kann. Das haben sie jetzt von der Kantorin bekommen. Das Mädchen Yara übt täglich. Am liebsten die Nationalhymne. Die deutsche. Unsere. Sie spielt und sie singt dazu. In deutsch. Mit leuchtenden Augen. Und erzählt ganz erstaunt  – auch bereits in deutsch – dass die deutschen Mitschüler ihre eigene Hymne gar nicht singen können. Die syrische Hymne wurde in ihrer Heimatschule jeden Montagmorgen um sieben Uhr dreißig von allen Lehrern und Schülern gesungen.

Als ich meiner jüngsten Tochter von der Familie erzähle, wie sie ihr Haus, ihren neu gekauften Hyundai, fast alle Kleidung, Schulsachen, Instrumente, Spiele, Möbel, Teppiche, Computer, Fernseher, Geschirr, Fotoalben, Grünpflanzen, Garten zurück gelassen haben, beide Eltern, die Lehrer sind, nun keinen Job mehr haben, der Vater seit Monaten im Libanon auf sein Visum wartet, und dass sie hier in einer noch leeren Wohnung wohnen, die von anderen Wohnungen mit Flüchtlingen und von ständiger Lautstärke umgeben ist, dass sie aber froh sind, als Familie vollständig und am Leben zu sein – ihre Nachbarn in Syrien haben bei einem Bombenangriff alle drei Kinder verloren – wurden ihre Augen groß. Und feucht.

Bis Ribnitz und Barth kommen die Geflohenen. Bis Ahrenshoop und Zingst nicht.

Den Kranichen ist es egal, welche Gäste am Feldrand stehen und sie am sonnigen Tag beim Fressen beobachten. Hauptsache, sie kommen nicht zu nah.

Goethes Fee

Immerhin, die Sonne war kurz da. Trotz vorausgesagter null Sonnenstunden hier am Ende des breiten grauen Streifens, der sich auf der Wetterkarte quer über Deutschland zog. Die Sonne ist immer da, auch mit einer graublauen Decke zwischen ihr und mir. Cash möchte gassi gehen, er legt mir sein Spielzeug vor die Füße und schaut aus seinen klugen freigeschnittenen Augen direkt in meine. Nachher, sage ich und nicke ihm zu. Du wirst warten müssen.

Das fällt ihm schwer, er ist so springlebendig. Und er reitet damit den steilen Zahn der Zeit: Wunscherfüllung sofort, umgehend, flexible Reaktionen sind gefragt, und Einsparungen in der Herzgegend. Die sich dann wieder eine Stimme verschaffen, als Voice of Germany, of Japan, of… Meine Tochter sagt, Cash sei ein Muttersöhnchen. Er steht morgens mit mir auf, egal, wer vorher an ihm vorbei geht, er folgt mir wie ein Schatten am Tag und legt sich erst auf seinen Schlafplatz oben, wenn ich im Bett bin. Fahre ich mehrere Tage weg, verbringt er viel Zeit auf der unteren Treppe, mit Blick auf die Eingangstür.

Ich werde die Fee fragen, ob sie mitkommt auf einen Spaziergang am Bodden entlang. Wo das Schilf wie Papyrus raschelt und sich die vielen jungen Schwäne in Gruppen zusammenfinden und manchmal ein Schaufliegen veranstalten, wenn zwei oder drei von ihnen gleichzeitig aus dem Wasser starten, eine kurze oder längere Runde fliegen und irgendwo anders sehr beeindruckend landen. Die Fee ist eine zarte caramelblonde Frau aus der Goethestraße, die schwebt und tänzelt, wenn sie geht. Sie hat derzeit blaue Fingernägel, einen mintfarbenen Ohrhänger aus Keramik, den sie auf dem Töpfermarkt in Prerow gekauft hat, kleidet sich locker elegant und wohnt in einem unendlichen Reich aus Zeit. Wer sich mit ihr verabredet, findet ihren Schatz erst, wenn er Zeit mitbringt und zuhört, wie sie zuhören kann. Ganz offen, neugierig auf Neues, auf kleine oder größere Abenteuer, auf Zauberhaftes. Sie ist nach mir hierher gekommen, in die kleine Stadt, die sich nun langsam in sich zurückzieht, dem Winter entgegendämmert. Die letzten Bau- und Malerarbeiten finden noch statt, sie werden bis zum Frost dauern.

Die Fee weiß es noch nicht, und ich weiß es wohl auch noch nicht, aber wir haben die richtige Wahl getroffen, hierher zu kommen. Barth ist eine Perle. Kein Diamant, kein Goldstück, kein großer Schein. Es ist eine besonders hübsch schimmernde Perle, die gerade dabei ist, eine entsprechende Fassung zu bekommen. Nicht alles Neue ist nur schön, aber hier wohnen bereits eine Menge guter Kräfte, die um ihren Wert wissen, denen an ihrer Schönheit liegt, die ihr Herz mögen und es wachküssen.

Wer zieht denn heutzutage nach Barth? fragte mich der Bankangestellte bei meiner Kontoeröffnung. Ich zum Beispiel, sagte ich.