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Alles auf Anfang

Das Jahr hat fröhlich begonnen, mit Sekt, Tanz, Lichtern, Suppe, Torten, Töchtern, Freunden und Goethes Fee im „Jambolaya“, der afrikanischen Cocktailbar am Barther Hafen. Die Inhaberin hat Dreadlocks wie ihre drei Pulis, Lockenhunde wie unserer. Am Markt war es nicht nur um Mitternacht zu laut, die Kanonenschüsse dröhnten vielfach zwischen den Häuserschluchten. Am Hafen hinten war es gut, ein Panorama voller Lichter über der Stadt.

Nun geht ein neuer Alltag durch Straßen und Häuser. Das Licht nimmt wieder zu, die Tage werden länger. Die Jüngste geht zur Schule, die Einzige, die früh aus dem Haus muss.

Links von mir wohnt eine traurige Frau, die nicht weiß, wie mutig und stark sie ist. Nach über vierzig Jahren einer glücklosen Ehe, nach einem Autounfall, den sie knapp überlebt hatte, nach so vielen Jahren ununterbrochener Arbeit, hat sie den Sprung geschafft, hat sie sich und ihr Leben gerettet. Ist sie stolz auf ihre Kinder. Nun hat sie es wieder, ihr eigenes Leben, wenn auch mit Verletzungen und Blessuren, und weiß noch nicht recht, was anfangen damit. Die Freude muss erst wieder gelernt und geübt werden. Wie ein Klavierstück. Jeden Tag etwas. Hübsch ist sie. Und so mutig.

Rechts von mir ein altes größeres Haus mit niemandem drin. Denkmalgeschützt, mitten im Verfall. Aus den schrägen Eingangsstufen und den Dachrinnen wächst es grün. Im vorletzten Jahr hat es einen neuen Eigentümer bekommen. Noch atmet es Ruhe, manchmal stehen die Fenster offen, aber in seiner stillen Art ruft es leise nach Aufmerksamkeit, nach Hilfe. Es war eine Schönheit früher, es hatte Bedeutung, als Brauerei, als Elternhaus, als Heimat von Jemandem, der nun woanders wohnt und Getöpfertes auf den Märkten anbietet. Was wird nun?

Und mein eigenes Haus in deren Mitte, unser Haus – grau. Ein ungeschminktes Hausgesicht zwischen Verfall und farbig Neuem. Der hübsche runde Torbogen, die halbrunden Fenster oben. Schöne Proportionen im dreißig Jahre alten DDR-Putz. Vorn der Markt, hinten Garten. Ich hab es gern, dieses Haus, auch wenn ich mich noch nicht an seine Andersartigkeit gewöhnt habe. Woanders war Zuhause, das Schwedenhaus in Borkwalde, das kleine grüne Schloss. Aber dies hier ist ein guter Ort auch. Wofür genau, das werde ich später wissen.

Im Café am Stadtwall erzählte die Frau mit den langen dunklen Haaren, dass es in Barth vor der Wende viel Industrie gegeben habe. Zuckerfabrik, Betonwerk, Fischverarbeitung, die große Gärtnerei mit über neunhundert Beschäftigten, Schiffswerften. Die Gärtnerei hat noch dreißig Mitarbeiter, eine kleine Werft gibt es am Hafen. Alles andere ist dicht. Nach der Wende wurde alles von Westfirmen aufgekauft, erzählte sie, und kurz danach geschlossen. Die meisten Barther auf einen Schlag arbeitslos. Von Vierzehntausend wohnen noch knapp Neuntausend hier. Wer nicht wegging, dem Geld nachzog, ist mitunter seit fünfundzwanzig Jahren arbeitslos.

Das erklärt einiges, dachte ich. Vor allem diese seltsame Stimmung. Eine Stadt im Schock. Unverstanden von den Zugezogenen. Sprachlos. Wenn es dunkel wird, sagte die Frau, gehen die Barther nach Hause. Trotzdem bietet sie Kultur in ihrem Café: kleine Ausstellungen, Lesungen, Abende mit Rommé und Canasta. Kleine Schnittchen werden dazu geboten. Und gemütlich ist es, jeder sitzt in einem Sessel oder Sofa. Jeder.

Mein Mann ist nun auch jeden Tag da. Wie viele Barther.

Im meinem Garten stehen seit Monaten die Rosenknospen. Sie halten was aus. Halten die Hoffnung aus. Es ist Januar.

Alles auf Anfang.

An meine Leserinnen…

…und Leser natürlich!

Ich danke Euch allen für Euer Interesse, Eure Leselust, Eure Treue, Eure Kommentare, Likes, Teilungen und andere Reaktionen! Ihr macht mir damit jedesmal eine große Freude, sehe ich doch daran, dass gelesen wird, was ich so schreibe. Ich hoffe, Ihr hattet alle ein gutes Jahr, und ich wünsche Euch hiermit einen fröhlichen, harmonischen Jahreswechsel und viel Glück, Lebenslust, Hoffnung, Zuversicht, Kreativität, Liebe, tolle Partner, Familien und Freunde an Eurer Seite, gelungene Neuanfänge, stilvolles Erhalten von bereits Bestehendem, tiefe Gespräche und Gefühle, und immer gute Lösungen für Eure Probleme!

Vielleicht ist es ja ganz gesund, das eigene Problem manchmal wie das Reh „Im Park“ von Ringelnatz zu sehen:

„Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum / Still und verklärt wie im Traum. / Das war des Nachts elf Uhr zwei. / Und dann kam ich um vier / Morgens wieder vorbei, / Und da träumte noch immer das Tier. / Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum – / Gegen den Wind an den Baum, / Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips. / Und da war es aus Gips.“

In diesem Sinne, sehr viele herzliche Grüße und allerbeste Wünsche für Euch und unser Jahr 2015!

Eure Andrea

Der Weihnachtskühlschrank

Es regnet, regnet, regnet. Die Wolken ziehen schnell, und es kommen genauso viele nach. Eine Möwe zieht immer dieselben Kreise. Zwischen neun und fünfzehn Uhr ist es einigermaßen hell. Der kleine Barther Weihnachtsmarkt vom 4. Advent mit seinem Glitzerriesenrad vor der Haustür ist wieder verschwunden. Am Hafen Wind, Regen, Pfützen, die sogar der Hund umgeht.

Im Haus Lachen, sonnige Gemüter, wegen dieser unglaublichen Geschichte: Seit Sonntag Abend piept es. Laut, schrill, regelmäßig, alle dreißig Sekunden. Aha, Erdgeschoß, Vorratsküche. Der Kühlschrank, sagt mein Mann. Das ist logisch, ein anderes technisches Gerät ist nicht im Raum. Kühlschrank auf, piep, Ja, vielleicht etwas zu warm da drin, können wir gar nicht gebrauchen über Weihnachten, sagt er. Piep. Stecker raus, warten. Piep. Muß wohl die Batterie noch sein, sagt mein Mann. Hand hinter die Heizspirale, piep. Hm. Aber draußen ist es ja kühl, wir könnten das Fenster angekippt, die Kühlschranktür offen stehen lassen, kühlt auch. Piep. Ja, aber die Gefrierfächer? Verbrauchen oder wegschmeißen. Okay. Piep. Nein, wir brauchen einen neuen, das geht so nicht, sagt mein Mann. Ein gebrauchter reicht, so auf die Schnelle. Also, ebay – Kleinanzeigen. In Ribnitz was, in Rostock was. Dienstag, piep, hats in Rostock geklappt. Noch etwas runtergehandelt, rein ins große Auto, nach Barth geholt. Den kaputten Kühlschrank mit Sackkarre nach draußen befördert. Ich wische die Bodenfliesen sauber.

Piep!

Und da steht mein Mann, der sonst alles über Technik weiß, was das Haus begehrt, der alle PCs einrichtet und wartet, immer Lösungen für Probleme dabei findet, Lichter und Lampen installiert, Handys und Smartphones einrichtet, ein Fan jeglicher technischer Neuerungen ist, da steht er, piep, guckt an die Decke und fasst sich an den Kopf: Oh nein! Ich will nicht mehr! Gebt mir einen Schnaps! Denn er sieht den Rauchmelder, der pünktlich alle dreißig Sekunden einen leeren Batteriestatus meldet: Piep.

Er nimmt das kleine runde Ding von der Decke – Ruhe.

Und er steht im kleinen Raum, das runde weiße Teil in der Hand, und schüttelt den Kopf immer wieder, und auf dem Gehsteig steht der Kühlschrank, mannshoch, weiß, mitten im Nieselregen.

Wieder rein mit dem Ding, alles abwischen, Stecker rein, Lebensmittel rein. Ich sage zu meinem Mann, ich weiß jemanden, der einen Kühlschrank braucht. Er ist immer noch am Kopfschütteln über seinen technischen Sachverstand. Ich umarme ihn, erzähle von den Syrern, die einen sehr kleinen Kühlschrank mit nur zwei Fächern haben, die Lebensmittel für die fünfköpfige Familie werden größtenteils auf dem Balkon gelagert, kein Problem, sagt die Mutter, wichtig ist, dass die Familie da und gesund ist.

Wir fahren nach Barth Süd. Noch bevor sie vom Kühlschrank wissen, freuen sich die Syrer so offenherzig, dass wir nun zum Kartoffelessen kommen! Während des Essens in der spartanischen Küche, während der Wärme aus Lachen und Kochtopf und Herz, erzählen wir vom Piep und vom Kühlschrank, und sie freuen sich, dass der Mann, der ihnen gerade zwei ältere PCs installiert hat, anscheinend einem himmlischen Piep gefolgt ist und ihnen nun ein tolles Weihnachtsgeschenk macht. Und weil er selber so schön darüber lachen kann, können sie es auch gut annehmen.

Am meisten freue ich mich über dieses Geschenk. Sollte ich mich in den nächsten zwanzig bis fünfzig Jahren in irgendeiner technischen Sache mal wieder blöd anstellen und mein Mann beginnt sich über mein Technikwissen aufzuregen, brauche ich nur das eine Zauberwort:

Piep!

(Dieser Blog ist mit Genehmigung meines Mannes veröffentlicht!)

Was mich bewegt

Zweiter Advent, zweites Hoffnungslicht. Zwölf rote Rosenknospen stehen noch immer im Garten. Statt hängendem Weihrauch nun eingesteckte grüne Zweige in den Blumenkästen vor den Fenstern. In der frühen Dämmerung flogen hunderte Schwäne über die Stadt. Jetzt lassen die hellen Wolken hin und wieder Lücken für sichtbar blauen Himmel. Er ist samt Sonne immer da über all den Wolken. Aus dem Fenster kann ich den Neubau eines Doppelhauses mitten in der Stadt beobachten. Gerade ist die Dachetage dran. Hämmern sägen schleifen. Nachmittags wird es ab drei Uhr dunkel, die Adventslichter in den Fenstern leuchten. Goethes Fee sagt, in Göteborg ist alles hell um diese Zeit, überall so viele Weihnachtslichter, dagegen ist Barth eine dunkle Stadt. Nun wohnt sie hier, und ihr kindlicher, einundvierzigjähriger Sohn ist für Wochen zu Besuch. Er ist allein mit der Fähre gekommen, mit ihr ständig über das Handy verbunden. Sie hat ihn durch Zeiten und Orte dirigiert, ihn an Dinge erinnert wie Licht löschen, Brote für unterwegs einpacken, selbst fürs Aufstehen und Losgehen hat sie so gesorgt. Er wird nie wie Andere sein. Und sie wird nie frei sein.

Aber Barth ist nicht so dunkel, die Stadt hat andere Glanzlichter. Ihr kleines Theater ist eine Bühne für Laien wie Profis. Marlene Dietrich konnte darin auferstehen, samt live gesungener Lieder; Gregor Gysi wird am Freitag da sein; letzten Samstag gab es eine illustre Runde Paradiesvögel im Klönpott, von der Tanzenden Rabenfrau über den Filmemacher von „Flüstern und Schreien“, einen Weltenbummler, einen Landrat, eine Metal-Geigerin, mehrere Musiker bis hin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, die auf bunten Möbeln interviewt wurden. Die Live-Kochshow versorgte Gesprächspartner wie Publikum mit Kostproben. Den größten Eindruck machte das dreizehnjährige syrische Mädchen Yara, meine Klavierschülerin, die auf der Bühne das Gesagte ihrer Eltern übersetzte und agierte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie erzählte von den Millionen Syrern, die auf der Flucht sind, sagte eindringlich, dass ganz Syrien brenne, dass allein zwanzigtausend Kinder ermordet wurden, mehr als doppelt so viel, wie Barth Einwohner hätte. Sie setzt Zahlen in Beziehung, stellt Verbindungen her. Ihre Mutter sagte in Englisch, es sei derzeit das gefährlichste Land der Welt, der Brand würde auf alle Nachbarn bereits übergreifen, und wir im Westen würden es nicht wahrnehmen. Niemand berichtet über Assad und seine Polizei, die willkürlich jeden tötet.

Den Barthern standen Tränen in den Augen. Und die Edeka-Inhaberin möchte dem Mädchen ein größeres Geschenk machen. Sie wurden aufgenommen, die Fremden. Sie waren in Syrien eine bekannte Familie, und auch hier steht ihr Name schon mehrfach in den Zeitungen. Sie sind Botschafter ihres Landes. Und sie zeigen mit ihrer Dankbarkeit, auf welch hohem Niveau unsere eigenen Alltagssorgen sich befinden.

Ich vergesse meine eigene Angst vor der Zukunft, wenn ich ihnen zuhöre. Und ich halte mich an das Geschenk eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke:

WAS MICH BEWEGT

……………………

Man muß Geduld haben – gegen das Ungelöste im Herzen – und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, – wie verschlossene Stuben – und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben – sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben. – Wenn man die Fragen lebt, – lebt man vielleicht allmählich, – ohne es zu merken, – eines fremden Tages – in die Antworten hinein.

Leben zwischen Extremen.

Es ist kalt heute, ein eisiger Wind unter der Sonne. Den Hund stört es nicht, er hüpft wie ein Flummy vor dem Schilf am Deich entlang und jagd seinen Schatten. Wer jetzt dort spazieren geht, ist kein Urlauber mehr. Auch die Dörfer auf der Insel sind leer jetzt. Es wird renoviert oder mal ausgeschlafen. Der Strand ist sonnig und kalt und leer. Ausatmen. Ort der Grenzen. Grenze zwischen Land und Wasser, zwischen Festland und Insel, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen reichlich Arbeit und arbeitslos, zwischen Urlaubsidyll und Rechtsextremismus.

Gestern sah ich Barth im ZDF-Frühstücksfernsehen, der Blick auf Hafen und Markt, auch direkt auf unser Haus. Die beschauliche Kleinstadt ist Heimat und Wirkungsstätte des Betreibers einer vor zwei Jahren abgeschalteten rechtsextremen Internetplattform mit 30 000 Nutzern und Millionen von Beiträgen. Vom Gruß des drittten Reiches bis hin zu Mordfantasien die jetzige Regierung betreffend. Der nette, allseits geschätzte und sehr beliebte Erzieher aus Kita und Hort stand gestern in Rostock vor Gericht, die Anklageschrift umfasst 68 000 Seiten. Alle seien entsetzt, sagt der junge Barther  SPD-Bürgermeister, die Kollegen, die Eltern, die Bürger.

Das Leben kümmert sich nicht um Verluste, kleinere oder größere Katastrophen oder Schocks oder Momente des Glücks. Es geht und geht und geht einfach weiter, sagt die syrische Mutter. „We drive to Deutschkurs“ schreibt sie mir aus dem morgendlichen Zug . Die Kinder lernen die Sprache in Schule und Kindergarten. Und ihre Dreizehnjährige, meine Klavierschülerin, geht zu Behörden, Arzt und Zahnarzt jedes Mal mit und übersetzt. Sie übt täglich auf ihrem von der Kantorin geliehenen Instrument, hält sich am Lernen des Neuen fest, ja stürzt sich mit Eifer hinein, und ihre gebeugte Haltung richtet sich langsam wieder auf.

Es ist nicht nur die Meeresluft, die mich abends schnell müde macht. Das Leben inmitten von Extremen kostet Kraft. Es fordert aber auch heraus und bringt Kräfte, die woanders nicht nötig gewesen wären. Das Sehen und Erkennen von eigenen und fremden Grenzen, eine neue Demut dem Wesentlichen gegenüber: der eigenen Seele. Goethes Fee hat mich umarmt, als sie hörte, ich bleibe noch. Vielleicht geht es jetzt für mich erst los. Hier.

Jeder Schritt, den meine Seele tat, bis hierher tat, war letztlich richtig. Auch wenn manches zunächst traurig oder unverständlich war. Die Seele will wachsen, sich entfalten. Sie sammelt Erlebnisse in den großen Korb des Daseins, wobei die schmerzlichen oft mehr zum Wachsen anregen. Aber auch Sanftes und Leichtes, das daherkommt wie ein verträumt verspieltes Kind, kann Erschütterungen auslösen. Ein zartes Streichen über Gänsehaut.

Am 1. Advent beginnt für die Kirche das neue Jahr, so ist heute der letzte Tag des alten.

Andrea Jennert

Zuhause

Der ganze Tag war in Nebel getaucht. Die Pflastersteine im kleinen Garten oder die Straße und die Bürgersteige werden nicht mehr trocken. Immernoch wächst der Weihrauch. Anderthalb Etagen hängt er bereits herunter. Und er blüht überall weiß. Jetzt im November. Das braune Geländer am Balkon wogt in Grün und Weiß. Sobald Frost kommt, wird er eingehen. Einjährig. Wie mein Aufenthalt hier. Der Nebel passt zur Stimmung. Ich kann nur einige Meter weit sehen.  Dann wird der Blick unscharf. Es fällt schwer abzuwarten, wann sich ein Weg zeigt. Ich schaue in Richtung Süden.

Meine Fassungslosigkeit weicht langsam einer Trauer. Wer dem Geldfluß nützlich ist, wird hofiert. Was wir vor über 25 Jahren über den parasitären Kapitalismus lernten, wird hier genau so praktiziert. Und niemand ist schuld. Sicherheit gibt es nunmal nicht mehr. So ohne Fünfjahresplan. Das haben wir nun davon, dass wir damals was verändern wollten.

Es macht mich sprachlos, was hier passiert, ich kann nicht mal weinen. Das Zuhause aufgegeben.

Hier fühle ich mich fremd. Im eigenen Land. Im Osten. Ich möchte nach Hause, aber das ist verkauft. In jeder Hinsicht.

Die Saison ist zu Ende. Die jetzt nichts mehr nützen, können wieder gehen. Es ist nicht erstrebenswert, so nahe am Meer zu wohnen. Hier kann man nur Urlaub machen. Mit Geld.

A.J.

Zehnter November

„Robert saß auf Merles Schoß und kaute an seinem Frühstücksbrot. Beide waren schon angezogen und hatten doch nichts vor. Merles Unterricht begann erst um 11 Uhr. Sie stellte das kleine Radio an und hörte keine Musik, nur Stimmen:

Wohin gehen Sie jetzt? – Arbeiten natürlich! – Obwohl Sie die Nacht durchgemacht haben? – Ick bin zwar müde, aba det wird wohl jeda vastehn, oda? – Und Sie? Wo kommen Sie her, was haben Sie jetzt vor? – Ick war uffm Kudamm, een Bierchen trinken, oda och zwee, jetz muß ick zurück, aba heute Abend komm ick wieda! – Und Sie? Wo wollen Sie hin? – Na den Osten ankieken! Hab die janze Nacht Bier ausjeschenkt! Jeschenkt im wahrsten Sinne, wa!

Merle biß vorsichtig von ihrem Brot ab und wartete auf Musik. Robert war satt, er kletterte von ihrem Schoß, lief durch die Küche, öffnete die Kühlschranktür, Nein! rief Merle, Nein! Robert! und schlug die Tür wieder zu. Robert rannte ins Kinderzimmer, Merle sah nach, ob die anderen Türen geschlossen waren, ob keine Schere zu nahe für ihn lag, setzte sich wieder auf den Küchenstuhl.

Hier ist RIAS 2 mit Nachrichten. In der vergangenen Nacht hat die DDR auf eine Presseerklärung von Günther Schabowski hin die Mauer geöffnet, Hunderttausende Berliner nutzten die ersten Stunden der Freiheit, um einen Blick in den anderen Teil der Stadt zu werfen. Dabei ist die Fluchtwelle kleiner als erwartet.

Merle legte ihre Hände um die Tasse mit Tee. Der war noch heiß. Hast du das gehört. Mauer offen. Das geht doch gar nicht. Das geht doch nicht! Sie suchte einen anderen Sender. Berliner Rundfunk: das Gleiche. Sender Potsdam: das Gleiche. Sender Frankfurt/Oder: das Gleiche. SFB 1: das Gleiche.

Sie ging ins Wohnzimmer, sah aus dem Fenster auf die Straße. Nur drei Autos standen dort. Gegenüber zwei Frauen mit Mantel und Handtasche. Sie gingen schnell. Zehn nach würde die Bahn fahren. Dahinter ein Junge mit Schulmappe. Vor dem Fleischgeschäft stand das Lastauto, zwei Männer mit Wattejacken und Gummischürzen nahmen Knochenteile mit Fleischresten aus der Metallkiste und warfen sie auf den Hänger. Sie hörte es jedes Mal krachen, obwohl die Fenster geschlossen waren…

Niemand tanzte auf der Straße, keine leeren Sektflaschen lagen irgendwo, niemand warf die Arme hoch und rannte das Kopfsteinpflaster ab. Das mußte ein Hörspiel gewesen sein!…

Die Straßenbahn fuhr, die Kinderkrippe hatte auf, es gab Milch zu kaufen und Brot, die Geschäfte waren offen, die Schuhläden, die Blumenläden, und Merle ging in ihre Schule. Sie bewegte sich vorsichtig, als könnte sie mit dem nächsten Schritt eine Seifenblase zertreten. Die Schulklingel ging, eine Klasse schlenderte hinüber in die Turnhalle, einige Schüler gingen ohne Taschen vom Gelände, sie würden im Café Heider gegenüber Kuchen kaufen, ohne Erlaubnis eines Lehrers.

Es war nichts anders.

Ihr seid ja alle da, sagte sie zu den Musikern im kleinen Lehrerzimmer. Du bist ja auch da, sagte Ruprecht. Fehlen Schüler von uns? Bis jetzt nicht, sagte Regina, die wollen alle nach dem Unterricht nach Berlin fahren. Heute ist Freitag, sie wollen mit dem Begrüßungsgeld in eine Disco.

Hast du schon Unterricht gehabt, fragte Merle Ruprecht? Natürlich, sagte er, und ich habe nicht über die Grenzöffnung diskutiert. Dafür werde ich nicht bezahlt. Das Beste in dieser Lage ist Unterricht. Meine Schüler sind dankbar dafür.

In der ersten großen Pause, sagte Regina, kam ein Schüler in die Schule, direkt aus Berlin, hat die Nacht durchgemacht, eine Dose Bier mitgebracht, ordentlich geschüttelt und das gesamte Vestibül samt Schüler vollgespritzt! Der hat seinen Verweis schon weg!

Merle wußte nicht, wer das war, aber sie beneidete ihn. Da hatte einer reagiert…“

Andrea Jennert. Aus dem Buch „Inselkinder“

 

 

Abflug

Die Kraniche sind nicht mehr lange hier. Wir auch nicht. Das Land ist wunderschön, die Kraniche sind es, die Schwäne, die Gänse. Ein wunderbarer weißer Strand, idyllische strohgedeckte Häuser auf der Insel. Eine Zwischenstation. Für die Urlauber wie für die Kraniche wie für uns.

Dieser Winter wird keine Ruhe bringen. Eine dunkle Zeit jetzt. Nach Weihnachten wird es wieder heller.

In der Bank traf ich die syrische Familie. Vater Mutter Sohn, vereint. Sonnenstrahlen im Gesicht. Sie hatten mich nicht gleich erkannt. Waren erschrocken über das Grau in meinen Augen. Sie hatten es fertig gebracht, mich zutiefst zu trösten. Es sei nicht so wichtig, sagten sie, auch das Geld sei nicht so wichtig. Sie hätten alles verloren, Haus, Heimat, Freunde, Beruf, sogar die Sprache hätten sie verloren und müssten nun eine neue lernen. Wichtig sei, dass die Familie da und gesund sei. Dass sie leben dürften, wo doch ihre Nachbarn gestorben seien. Dass sie essen und ein Dach über dem Kopf haben dürften, wo ihre nichtgeflohenen Freunde in Ruinen lebten und hungerten. Und, so sagten sie, wir würden unser Leben planen, aber es sei Gott, der uns führt. Der uns neue Aufgaben gibt. Es ist o.k., sagten sie immer wieder. Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf, so sage man in ihrer Heimat.

Da muss was dran sein, dachte ich, der Satz ist wohl international. Grenzenlos. Und ich bin noch jetzt erstaunt, dass Menschen, die außer ihrem Leben alles verloren haben, keine Existenzängste mehr haben, dass aber die, die nicht nur satt und warm leben, sondern genug übrig haben für Überfluß und Statussymbole, solche Ängste haben, dass sie aus Gründen der Vorsorge mehr kaputt machen als sie wissen oder glauben.

Ich stelle mir vor, wie ich ohne meine Sprache im fremden Land leben müßte, in dem selbst die Musik völlig anders wäre. Was ist das Verbindende? Es ist in den Augen, im Händedruck, im Lauschen auf den Ton hinter der Sprache. Sobald die Angst hochfährt, ist die Verbindung unterbrochen.

Ich möchte nach Hause, sagte ich vor Tagen, als feststand, dass auch wir nicht bleiben werden. Es geht also zurück. Von der Insel der Fürsten in die Stadt der Könige.

Die unperfekte Seite

Das Wetter ist beides. Nich mehr warm, noch nicht kalt. Wolkig und glücklich. Es könnte jeden Moment regnen, es könnte jeden Moment die Sonne durchbrechen.

C.G. Jung sagt: Werte, Einstellungen und Lebensweisen, die uns am Morgen des Lebens wichtig waren, verändern sich und sind am Nachmittag des Lebens für uns sogar falsch. In seinem Artikel „Die Lebenswende“ von 1930 schreibt er, dass der Morgen des Lebens von Dynamik und Ehrgeiz geprägt ist, vom Dinge erschaffen, Karriere machen, uns an Erfolgen von Anderen messen. Am Nachmittag des Lebens gehe es darum, dass Manifestation durch den Prozess des Erlaubens erfolgt. Dinge, die wir uns wünschen, dürfen zu uns kommen. Manifestation bedeutet Ermöglichen, nicht mehr erschaffen. Aus diesem Zustand heraus geschehen plötzlich Dinge, die so viele Jahre vielleicht nicht funktioniert haben.

Ich sehe den Kranichen zu, wie sie auf den nahen Feldern am Bodden in Gruppen zusammen stehen und fressen, hin und wieder auffliegen, wieder landen, vor Sonnenuntergang abheben und zu ihren Schlafplätzen fliegen. Nichts von alldem ist geplant, sie tun das Richtige, wenn der richtige Moment gekommen ist. Und in den nächsten Tagen irgendwann, eines sehr frühen Morgens, werden sich tausende von ihnen mit lauten Schreien erheben und Richtung Süden fliegen, nonstop, werden Tage und Nächte fliegen, werden sich vor den Pyrenäen in vielfachen Kreisen in die Höhe schrauben, um das Gebirge zu überwinden, werden sich weiter südlich für den Winter niederlassen. Sie vertrauen auf den Impuls, sie wissen, der kommt zur richtigen Zeit.

Ich lerne von den Kranichen. Überrascht stelle ich fest, dass es immer wieder um Vertrauen geht, um das Erkennen von solchen Impulsen, und dass ich mein Leben daran ausrichten kann. Wie die Zeiger einer Uhr werden sie irgendwann und immer wieder an einer Stelle ankommen, die nur für mich da ist. Es kommt nicht darauf an, mein Leben perfekt zu planen, nach anderen Menschen oder deren Lebensstil auszurichten, sondern die eigenen Impulse zu erkennen und danach zu handeln.

Nichts anderes ist Freiheit.

Für Andere sieht es vielleicht unperfekt aus, was ich dadurch tue, zulasse, bin. Vielleicht sieht es nicht richtig aus, ist unverständlich. Genau das lässt Ideen erscheinen, es krisselt und funkelt vor lauter Kreativität in mir. Farben, Worte, ein neuer Eingang, Kapitel im neuen Buch. Der neue Geist der zweiten Daseinshälfte. Mit Türkis und Pink, mit Weiß und Gold, mit Samt, Brokat, Silber, mit Vanille- und Rosenduft kommt er daher, stellt sich in seinen Farben hin, lacht, und findet das Leben einfach schön.

Es ist die unperfekte Seite, die mich vollständig macht. Und glücklich.

Streik der Lebensfreude

Sonntag am Strand, die Luft wie Seide, sehr leichter Wind nur, mit Kaffee und Kuchen und der syrischen Familie, mit Blick aufs Meer, auf weiße Wolken, auf blaue Stellen am Himmel. Menschenleer die Küste am letzten Sommertag.

Die Lokführer streikten fünfzig Stunden lang. Gestern fuhren sie wieder, gestern begannen die Piloten ihren Streik. Unser Ferienkind kam mit dem Langstreckenbus. Die Busunternehmen danken den Streikenden über das Internet.

Jeder hier in Deutschland hat das demokratisch fundamentale Recht zu streiken. Die Einen können das Recht benutzen, die Anderen nicht. Ein Flugkapitän der Lufthansa mit einem Jahresgehalt von über 250 000 Euro kann zig Tausend Passagiere sitzen lassen, alle Medien berichten davon. Eine Musikschullehrerin mit einem Honorar von 18 Euro brutto für die Klavierstunde, mit null Euro in den Ferien, kann zwar der Gewerkschaft Verdi beitreten, aber was wären die Auswirkungen bei einem Streik?

Für diesen Beruf braucht man Abitur, ein lebenslanges Üben auf mindestens einem Instrument und ein abgeschlossenes Musikstudium. Ein Luxusjob für Frauen, die einen Zahnarzt oder Anwalt heiraten, sagt meine Freundin Verena aus Osnabrück, die Klavier am Konservatorium unterrichtet, deren Mann Gitarrenprofessor an der Uni ist. Beide haben ihrem 3. Sohn vom Cellostudium abgeraten, obwohl er toll spielt. Er lernt Krankenpfleger jetzt. Davon kann man leben, sagen sie.

Auch die Altenpfleger können nicht streiken. Sie müßten dafür die Alten hungern, dursten und im Dreck liegen lassen. Würde das auf Verständnis treffen? Obwohl – sie verdienen mehr als die Musikschullehrer. Und wenn es ihnen zu wenig ist, fahren sie wochenweise gebündelt in Kleinbussen in die Schweiz, pflegen dort und verdienen das Doppelte.

An unseren Musikhochschulen studieren fünfzig Prozent Asiaten. Für sie ist ein Instrumentalstudium made in Germany Gold wert.

Der deutsche Nachwuchs stellt sich auf den demografischen Wandel ein. Oder macht „irgendwas mit Medien“.

Die einzige Maßnahme, die in Sachen Musik vielleicht ein ´Zeichen setzen könnte, wäre, wenn es an nur einem einzigen Tag kein Konzert, kein Rockkonzert, keine Theateraufführung, keine kulturelle Veranstaltung, auch keine in den Kunst- und Musikhochschulen gäbe. Wenn sämtliche aktiven Künstler, ob in der Oper, der Philharmonie, im Musical oder im Stadion, im O2 , im Tränenpalast, in den Kirchen und im Radio, alle Vivas, MTVs und Voices of Germanys im Fernsehen, sogar Filme, die nur musikunterlegt sind, einen Tag pausierten. Es müsste einen Tag mit nur Talkshows, Filmen ohne Musik, Radiosendungen mit Stille zwischen den Beiträgen und null Lifemusiken geben. Dann gäbe es vielleicht hier und da den Gedanken, dass Musik unser Leben durchdringt, dass jeder Musiker, jeder Tonmeister einmal ein Instrument gelernt hat und dass die Lebensfreude ohne Musik

flöten geht.